Opa Gleisberg -XI-

Sandy kommt eine knappe halbe Stunde später wieder herein und hat Herrn Böttcher im Schlepptau. Seine Augen sind gerötet, er scheint geweint zu haben. An Sandy vorgeschobener Unterlippe erkenne ich, dass sie ihm wohl ihre Meinung gesagt hat.

Während der Mann vom Pflegedienst im Waschraum verschwindet, steckt sich Sandy ungeniert eine Zigarette an. Ich ziehe nur mal die Augenbrauen hoch, sage aber nichts. Normalerweise wird in den Beratungsräumen nicht geraucht, ausser wir sind der Meinung, das würde dem trauernden Kunden vielleicht die Situation erleichtern.
Aber wenn Sandy sich eine Zigarette ansteckt und dann auch noch ihre in Knobelbechern steckenden Füße auf den Tisch legt, dann ist das ein Zeichen des Triumphs.

„Also?“, ermuntere ich sie zum Reden.

„Also! Also, der Mann hat seinen Pflegedienst vor zwölf Jahren aus dem Nichts aufgebaut. Alles ehemalige Pfleger und Schwestern aus dem Klinikum, die mit den Arbeitsbedingungen dort nicht zufrieden waren. Am Anfang lief alles rund, doch dann kamen diese Einschnitte, von denen er immer gesprochen hat. Jedenfalls haben sie immer mehr Patienten angenommen, können das aber nur schaffen, wenn sie arbeiten wie die Blöden. Und so wie’s aussieht, hat er den Überblick verloren. Zumindest bei dem Oppa im Keller macht er sich Riesenvorwürfe.“

„Kann er ja machen, ich kann nicht beurteilen, inwieweit er seine Aufsichtspflicht verletzt hat, aber weiß man was von diese Schwester Dagmar?“

„Das scheint so ein Früchtchen zu sein. Irgendwie hat die wohl ne riesengroße Klappe und kann sich bei ihrem Chef alles erlauben.“

„Meine Güte, daß es sowas gibt!“, sage ich und stupse Sandys Füße vom Tisch. Polternd krachen die dicken Stiefel auf den Boden und Sandy nimmt den Schwung mit, schwingt sich aus dem Sessel hoch und sitzt eine Zehntelsekunde später auf meinem Schoß, drückt mir einen Kuß auf die Lippen, und noch ehe ich irgendwas tun kann, steht sie auch schon wieder.
Lasziv den Rauch durch die Nase blasend sagt sie: „Gell, mein Chef, da muß es eine schon drauf haben, um ihren Chef um den Finger wickeln zu können.“

Ich glaube, sie hat so etwas wie einen Kondensstreifen hinterlassen, als sie aus dem Zimmer flitzt.

Herr Böttcher kommt herein, schnuppert kurz und fragt: „Kann ich auch eine haben?“

„Eine was?“

„Eine Zigarette?“

Wenig später rauchen wir beide schweigend, das können ja Männer besonders gut.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 25. März 2016
  • 1 Kommentar
  • Veröffentlicht in: Geschichten

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

1 Kommentar » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. In dem Satz fehlt wohl der Tisch:
    Aber wenn Sandy sich eine Zigarette ansteckt und dann auch noch ihre in Knobelbechern steckenden Füße auf den legt, dann ist das ein Zeichen des Triumphs.

    Viele Grüße
    cat

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