Opa Gleisberg -XIII-

Die Beamten kommen um 19.30 Uhr. Die Angestellten sind schon gegangen und ich habe schon die Jogginghose an und sitze vor einer Portion Spaghetti.
Es ist eine junge Beamtin mit kurzgeschnittenem roten Haar und ein bräsig aus der Wäsche schauender Älterer mit kantigem Kinn. Die Rothaarige, da bin ich sicher, hätte sich gut mit Sandy verstanden. Offenbar hat sie in dem Zweierteam die Hosen an, denn sie kommandiert den Bräsigen ein bißchen herum, wie es mir scheint.

Sie wollen den Toten sehen und ich ziehe die Fahrtrage aus dem Kühlraum. Während die junge Frau den Leichnam untersucht und fotografiert, interessiert sich der Ältere für ein Luftgewehr, das in der Werkstatt neben den Kitteln der Männer an der Wand hängt. Er schaut es sich genau an, macht es auf und schaut durch den Lauf. Dann sucht er auf der Waffe nach der Freigabekennzeichnung, findet sie und hängt das Gewehr wieder an seinen Haken. „Haben Sie noch mehr Waffen im Haus?“, will er wissen, aber bevor ich antworten kann, beginnt seine Kollegin in ein Diktiergerät zu sprechen. Sie diktiert einen kurzen Bericht, in dem sie schildert, wie der Verstorbene aussieht, was an äußerlichen Merkmalen und Verletzungen sichtbar ist und so weiter.
Der Kriminalbeamte deutet nochmals auf das Gewehr. Ich sage nur: „Für die Ratten.“

In Wirklichkeit schießen Manni und die anderen Männer in den manchmal langen Leerlaufzeiten auf eine Zielscheibe, vertreiben sich so die Zeit und freuen sich wie Bolle, wenn einer besser ist, als der andere. Ratten haben wir nämlich keine, die Männer haben ja vor geraumer Zeit zwei Katzen angefüttert, die mal bei uns wohnen, mal auf Tour sind.
Der Blick des Beamten bleibt bei der Waffe. Sie scheint ihn mehr zu interessieren, als der Verstorbene.
Kein Wunder, daß manche Leute eine Aversion gegen Polizisten haben, wenn diese -wegen einer ganz anderen Sache gerufen- dann anfangen, ihnen wegen etwas anderem Schwierigkeiten zu machen…
„Sie wissen doch, daß so etwas weggeschlossen werden muß…“, beginnt der Mann, doch seine Kollegin unterbricht ihn. Sie scheint sein Verhalten auch zu stören. „Kannst Du mal noch ein paar Bilder machen?“, fragt sie ihn und drückt ihm die Kamera in die Hand.

„Also“, sagt sie zu mir: „So wie ich das sehe, haben wir ja einen Totenschein, der natürliche Todesursache bescheinigt. Das bestätigen auch die Beamten von der Schutzpolizei, die am Auffindungsort waren. Der Mann war ja auch schon sehr alt, deshalb ist die natürliche Todesursache auch als sehr wahrscheinlich anzunehmen. Von meiner Seite aus gibt es keine Zweifel, daß der Mann auch eines natürlichen Todes gestorben ist. Weshalb haben Sie eigentlich die Polizei gerufen?“

„Ich? Ich habe nicht die Polizei gerufen. Ich rufe nie die Polizei. Die macht einem nur Ärger wegen eines Luftgewehrs oder so.“

Sie runzelt kurz die Stirn, aber bevor sie etwas sagen kann, füge ich hinzu: „Ich habe wirklich nicht die Polizei gerufen. An dem Abend als wir Herrn Gleisberg abgeholt haben, hat der Mann vom Pflegedienst angerufen. Wir haben den alten Mann ja in recht menschenunwürdigen Umständen vorgefunden. Und nachdem die Familie, die ihn gepflegt hat, die Bestattung nicht bezahlen will, haben wir das dem Friedhofsamt, also genauer gesagt der Ortspolizeibehörde übergeben. Und die hat dann die Staatsanwaltschaft verständigt.“

„Ach, so war das! Na ja, was sollen wir machen? Wir können nicht jeden alten Menschen obduzieren.“

„Ja, aber die Umstände waren schon ziemlich schlimm“, sage ich und schildere, wie wir den alten Mann gefunden haben. Das interessiert die Beamtin zwar, aber sie scheint nicht besonders berührt zu sein. Ich will meine Ausführungen mit den Worten beenden: „…und weil Herr Olschewski eben die Bestattung nicht bezahlen wollte…“, da unterbricht sie mich: „Olschewski? Moment mal? DIE Olschewskis?“
Sie blättert in der dünnen Akte, die sie zusammengerollt unterm Arm getragen hatte und schlägt sich dann kurz mit der flachen Hand vor den Kopf.
Zu Ihrem Kollegen sagt sie dann: „Kurt, ruf an, der Mann muss heute noch sichergestellt und zur Obduktion gebracht werden.“

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  • Veröffentlicht am: 25. März 2016
  • 6 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten

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Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

6 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Kein Wunder, daß manche Leute eine Aversion gegen Polizisten haben, wenn diese -wegen einer ganz anderen Sache gerufen- dann anfangen, ihnen wegen etwas anderem Schwierigkeiten zu machen…

    Hihihi… kenn ich aber auch von anderen Sachen.
    Das war im eBay Forum immer schon mal ganz witzig, wenn jemand mit einer Anfrage reinkam und von den Anwesenden buchstäblich gescannt wurde. Die kriegten auch oft genug unerwartete Antworten… manchmal leistete sich der eine oder andere auch ein prächtiges Eigentor.

    Das Luftgewehr solltest du aber wirklich in einem verschließbaren Schrank unterbringen ;-)

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