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Vorwiegend überwiegend

An manchen Tagen keimt in mir ein Groll auf, das kann ich keinem beschreiben.
Eine Kundin weiß kurz vor der Trauerfeier ihres Mannes nichts Besseres zu tun, als das Gesteck auf dem Sargdeckel einer Inspektion zu unterziehen. „Nelken! Ich wollte keine Nelken!“ ruft sie und zupft eine Nelke nach der anderen aus dem Bukett. „Das Grün ist auch nicht schön!“, und schon liegt das Grün ebenfalls am Boden.

Sandy, unsere Mitarbeiterin vor Ort, schaut ins „Drehbuch“ und dort steht klipp und klar: „Sarggesteck: Blumen nach Wahl des Gärtners (vorwiegend Nelken)“
Sie geht zu der Frau und zeigt ihr das. Da bekommt sie zur Antwort: „Ja meinen Sie, ich wüßte nicht daß ich das bestellt habe?“

„Warum reißen Sie dann die Nelken heraus?“

„Ich habe doch gesagt: ‚vorwiegend Nelken‘ und ‚vorwiegend‘ heißt ja wohl, daß ich ausdrücklich keine will.“

„Vorwiegend heißt für uns normalerweise, daß sie ausdrücklich extra viel Nelken wollen.“

„Nein, was Sie meinen das ist ‚überwiegend‘. Wenn man ‚vorwiegend‘ sagt, meint man gar keine bis ganz wenige.“

Naja, man lernt ja nie aus, oder?

Der Friedhofsgärtner von nebenan ist in die Bresche gesprungen und hat das gerupfte Sarggesteck mit Rosen aufgefüllt, dann war die ehemals Aufgebrachte wieder ganz handzahm.

Gegenüber 2

Mal so zur Sachlage, weil einige meinen, das könne gefährlich für uns werden.
Ich schätze die Situation so ein, daß die ganz sicher auch ein Geschäft machen werden, aber nicht mit unsere Kunden. Ein Teil der Kunden, die sowieso zu Pietät Eichenlaub gegangen wären, werden eben jetzt diese neue Filiale aufsuchen. Möglicherweise gräbt uns diese Filiale aber auch, eher durch Zufall, den einen oder anderen Kunden ab, aber nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit werden demnach auch einige Eichenlaub-Kunden bei uns reingehen.

Über den Preis können uns die Eichenlaubs sowieso nicht kriegen, denn wir sind in allen Belangen deutlich günstiger als die und haben dafür auch noch mehr zu bieten.
Ich habe keine Angst, daß die mir Geschäfte wegschnappen, aber ich fürchte, daß das Niveau sinkt. Wenn die jetzt mit schreierischer Reklame und bunter Werbung anfangen sollten, wirft das eher ein schlechtes Licht auf die ganze Branche.
Aber das ist normalerweise nicht die Art der Eichenlaubs. Die scheuen eher die Konfrontation und nehmen den Weg hintenherum.
Daß die mir jetzt so auf die Pelle rücken ist allerdings schon als Angriff zu verstehen.

Wir sind länger am Markt als die.
Wir sind günstiger als Eichenlaub.
Wir bieten mehr als Eichenlaub und
wir sind größer als Eichenlaub.

Hier in der Stadt ist Eichenlaub der Platzhirsch und liegt vor uns, aber mit unseren Außenfilialen decken wir ein so großes Gebiet ab, daß wir unterm Strich, was die Anzahl der Sterbefälle anbetrifft, weit vor denen liegen. Somit haben wir einen langen Atem.

Vor Jahren hatten wir es schon einmal mit so einer Knalltüte zu tun, der quasi um die Ecke ein Bestattungshaus aufgemacht hat. Das war so ein dubioser Heini, dem muss ich gelegentlich mal eine eigene Geschichte widmen.
Der ist aber auch wieder verschwunden.

-Wird fortgesetzt-

Weg damit!

Es ist 11.15 Uhr und wir sind mit einer Trauerfamilie auf dem Friedhof. Die Trauerfeier verläuft ohne Zwischenfälle, der Sarg wird zum Grab geschoben und abgelassen und der Pfarrer sagt seinen Spruch auf. Danach tritt der Witwer ans Grab, nimmt die kleine Schaufel, um etwas Sand ins Grab zu werfen und schmeißt mit einem kräftigen Schwung die Schaufel ins Grab!

Es poltert und am Grab herrscht Totenstille. Die Sargträger sind schon weg, die bleiben nie lange und der Weg zum Haupthaus ist weit. Was tun?

Unser Herr Janzer ist dann zum Grab gegangen, hat einen Fuß hinten auf die Innenverschalung im Grab gestellt, sich vorgehangelt und die Schaufel wieder herausgeholt.

Vielleicht sollten wir die Schaufel anbinden, so wie die Kugelschreiber auf der Post.

Gegenüber

Im Tapetengeschäft gegenüber tut sich was. Ein Lieferwagen von „Pietät Eichenlaub“ ist schon mehrmals da vorgefahren und man lädt Sachen aus. Wie es aussieht, haben die das Ladenlokal gemietet und wollen mir jetzt direkt Konkurrenz machen. Die Lage ist ja auch gut, wir sind nahe beim Friedhof und wer dorthin fahren oder laufen will, muß zwangsläufig an unserem Betrieb vorbei.

Das hätten die Eichenlaubs auch gerne, die ihren Hauptsitz nicht besonders publikumsfreundlich in einem Gewerbegebiet haben.
Meine Aufregung von heute Morgen hat sich gelegt, wenngleich in mir jetzt so ein nervöses Kribbeln ist. Irgendwie habe ich es schon den ganzen Vormittag befürchtet, daß so etwas passiert.

Meine Frau meint aber, wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen, denn unser Haus ist viel schöner und wir hätten eindeutig mehr zu bieten. Dazu muß man wissen, daß unser Haus ein Stück von der Straße zurückliegt, wir eine breite Zufahrt mit eigenen Parkplätzen haben und das gesamte Haus für den Betriebszweck eingerichtet ist. Wir haben Aufbahrungsräume, eine große Hauskapelle und sehr ansprechend eingerichtete Beratungsräume.
Egal was die Eichenlaubs da drüben machen, es kann nicht so toll werden. Ärgerlich ist es allemal.

Arbeitet Ihr gut mit Feuerwehr und Rettungsdiensten zusammen?

Ja, unser Verhältnis zu den Rettungsdiensten ist sehr gut. Letztendlich ziehen wir alle an einem Strang und jeder von uns weiß genau was zu tun ist. Es ist die Zusammenarbeit unter Profis.
Besonders gut ist unser Verhältnis zu den Feuerwehrleuten, die uns oft bei der Bergung von Verstorbenen behilflich sind und die sehr häufig auch die unangenehmsten Arbeiten, wie das Einsammeln von Leichenteilen nicht scheuen.

Kleiner Schock am Morgen

Heute Morgen habe ich ein Gefühl gehabt, das so irgendwo zwischen einem heftigen Würgereiz und spontanen konvulsischen Zuckungen angesiedelt war. Ich komme von der Wohnung runter ins Büro, irgendjemand den ich nur schemenhaft durch den Dunst meiner Morgenmuffeligkeit erkennen kann, drückt mir eine lindernde Tasse Kaffee in die Hand und ich tappe in mein Büro. Noch während hinter mir die Tür zu fällt, wird mir bewußt, daß alle Mitabeiter im vorderen Büro irgendwie so merkwürdig geguckt haben.
Irgendwas ist da im Busch…
Trotzdem, erst mal Kaffee trinken und die Ruhe meines Büros genießen. Vorne läuft der fröhliche Morgenwecker oder sowas, jedenfalls ist das was da aus dem Radio klingt viel zu gutgelaunt und entspricht so gar nicht meiner Morgenstimmung.

Bevor das jemand falsch versteht, ich bin kein wirklicher Morgenmuffel und ich bin auch morgens nicht schlecht gelaunt, man darf mich eben nur die ersten 15-20 Minuten nicht ansprechen, ohne daß ich einem den Kopf abbeiße.
Wenn dann die wohltuenden Kräfte der südamerikanisch-afrikanischen Kaffeebohnen ihre Wirkung entfaltet haben und sich meine Augen geöffnet haben, ja dann geht’s.

So ganz habe ich heute aber die Wirkung dieses zivilen Suchtmittels nicht abgewartet, habe nur in aller Ruhe eine halbe Tasse getrunken und bin, wegen der merkwürdigen Blicke meiner Leute, mit der Kaffeetasse in der Hand wieder nach vorne gegangen. Man schaut mich an, dann deutet Pia, eine meiner Auszubildenden mit dem Kopf zum Fenster und ich schaue hinaus.

KOTZ!

Auf der anderen Straßenseite hat die Firma Pietät Eichenlaub ein Reklameschild aufgestellt!

Da gibt es seit Ewigkeiten ein Tapetengeschäft, das nun seit Monaten leer steht, weil der Inhaber sich zur Ruhe gesetzt hat und ins Mittelgebirge gezogen ist. Vorne an der Straße haben die einen etwa 80 cm breiten Schaukasten aus eloxiertem Aluminium, in dem immer die sonnenverblasste Reklame eines Farben- und Lackherstellers, der mit einem bunten Ara wirbt, zu sehen war.

Heute Morgen ist da eine Schautafel von Pietät Eichenlaub drin.

Bestattungen - 24 Stunden-Notdienst
PIETÄT EICHENLAUB
Tradition ist unser Geschäft
Telefon 123xxx321
(24 Stunden - rund um die Uhr)

Den unvermittelt in mir aufsteigenden Drang, des Ding einfach umzureißen, kann ich nur mit Mühe und Not unterdrücken.
So eine Frechheit!

Gut, man kann werben wo man will. Man! Bestatter haben da einen Ehrenkodex, der besagt, daß man z.B. nicht gegenüber von Altenheimen oder Krankenhäusern wirbt. Und intern hatten wir Kollegen uns mal darauf geeinigt, uns nicht mit Werbung vor konkurrierenden Läden zu behelligen. Aber da haben sich die Eichenlaubs ja noch nie dran gehalten. Jetzt hat es uns erwischt.

Diese Arschlöcher!

Aus Holz

Der hatte sich ganz gewiss verwählt! Kurz nach der Tagesschau ruft mich einer an und nachdem ich mich gemeldet habe, schreit der mir ins Ohr: „Dein Mostfass ist fertig!“

Na gut, er hat mir dann geglaubt das ich nicht „der Heinz“ bin und sich entschuldigt.

Immerhin, aus Holz wäre es ja gewesen und wenn ich so lese, in was die Leute in anderen Ländern so alles bestattet werden…
Wie groß ist eigentlich so ein Mostfass?

Klopfte er noch eine Stunde lang?

Ich schrieb ja über den behinderten alten Mann, der die Treppe heruntergefallen und dann verstorben war. Nach der Überführung zu uns war eine Nachbarin aufgetaucht und hatte recht großmäulig zum Besten gegeben, der Alte habe noch eine Stunde lang geklopft und gerufen.

So habe ich das dann auch den Beamten von der Kripo erzählt, die sowas ja recht unaufgeregt entgegennehmen. Aber immerhin haben die beiden Herren, die ich schon seit Jahren kenne, der Nachbarin mal einen Routinebesuch abgestattet. Na war ja klar, oder? Nein, sie habe immer nur den besten Eindruck von ihren Nachbar gehabt, wie die sich immer um den Opa gekümmert hätten und nein, vom Treppensturz habe sie ja gar nichts mitbekommen, das hätte sie erst viel später erfahren…

Nichts wird geschehen und alles was mir bleibt, ist ein mulmiges Gefühl.