Opa Gleisberg -X-

Er hatte die letzten Worte laut gerufen und dabei die Augen weit aufgerissen. Ich verziehe keine Miene. Er fährt fort: „Wir waren doch immer wieder bei den Olschewskis. Uns hätte doch was auffallen müssen. Wir haben doch ein Berufsethos. So etwas hätte nicht vorkommen dürfen…“

Ich frage ihn: „Wie oft waren Sie denn bei den Olschewskis?“

„Wer? Meinen Sie jetzt mich persönlich oder den Pflegedienst? – Also ich war höchstens dreimal bei denen, ansonsten hat das Schwester Dagmar gemacht – das war ihre Tour. Ach, ich mache mir ja solche Vorwürfe!“

„Und diese Schwester Dagmar. Die kommt jeden Tag zu den Olschewskis und merkt nichts? Ich meine: Die Olschewski-Family hat den Opa in einem Loch hausen lassen und sich nicht um ihn gekümmert. Allein sein hygienischer Zustand hätte diese Schwester Dagmar doch alarmieren müssen.“

Böttcher springt auf, stößt dabei einen Beistelltisch um, was ihn nicht kümmert und rennt aus dem Zimmer.

Durch den Lärm wird Sandy angelockt, die in Windeseile da ist, um mich -ihren Chef- durch was weiß ich für Kampfkünste vor Ungemach zu bewahren. „Was’n los, Chef?“
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Opa Gleisberg -IX-

Eine Stunde später ist Herr Böttcher da. In seiner weiß-grünen Pflegekleidung hatte er anders ausgesehen, ich erkenne ihn in seiner Freizeitkleidung gar nicht sofort.

Er bringt ein kleines Sträußchen Blumen für den toten Opa Gleisberg, es scheinen selbst gepflückte Blumen zu sein.

Antonia nimmt ihm die Blumen ab und verspricht, sie dem Verstorbenen auf die Trage zu legen. Dann drückt sich Böttcher herum, druckst herum, geht nicht, verabschiedet sich umständlich, bleibt…
Ich nicke ihm zu, was bedeutet, er soll sich in den dicken Ledersessel in der Halle setzen. Das tut er auch. Ich selbst nehme auf dem Sofa Platz, lehne mich zurück und schlage die Beine übereinander.

Das tue ich bewußt, weil ich weiß, daß meine Gegenüber mir stets in Sitzhaltung und Bewegung folgen; sie tun das unbewußt, doch sie tun es. Und so gibt auch Böttcher die vornübergebeugte Haltung auf, nimmt die auf den Knien aufgestützten Ellenbogen hoch und lehnt sich ebenfalls im Sessel zurück. Ich kann insgeheim zählen, zehn, neun, acht… bei sieben hat auch er seine Beine übereinander geschlagen.

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Opa Gleisberg -VIII-

Insgeheim sortiere ich die Ereignisse. Also eins ist richtig, Herr Böttcher vom Pflegedienst hat bei uns angerufen. Als wir an der genannten Adresse ankamen, waren nur die anderen Olschewskis anwesend. Das waren Hottes Bruder und dessen Frau, die auch irgendwie, irgendwo da wohnen. Von Hotte weiss ich, daß er abends zwei, drei Stunden auf einer Tankstelle aufräumt und seine Frau, die kleine fetthaarige Lotteliesel trägt um diese Zeit Reklameblätter herum. Die holde, tätowierte und gepiercte Kinderschar war an diesem Abend unterwegs gewesen.

So – keiner von den Olschewskis hatte uns angerufen und bezahlen wollen sie jetzt auch nicht.

Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob die Bande eine ganz abgezuppte Truppe ist, die Alte zu Tode pflegen, um von deren Rente und Pflegegeld zu leben, oder ob die einfach nur doof und unfähig sind.
Herr Böttcher vom Pflegedienst, das ist klar, hält sie für erstes.

Olschewski mit der dicken, verdreckte Brille glotzt mich an, grinst dabei feist und bleckt seine drei Zähne. „Also, datt datt ma klar is‘, wir ham alles getan und zahlen tun wir nix. Kann uns keiner für zwingen tun.“
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Opa Gleisberg -VII-

Die Formalitäten sind soweit erledigt, ich habe die persönlichen Daten von Opa Gleisberg in die entsprechenden Formulare eingetragen. „Also“, sage ich, „dann müssten Sie nur noch einen Sarg heraussuchen…“ Weiter komme ich nicht, denn Lotteliese klatscht vor Freude in die Hände und ruft: „Watt? Datt dürfen wir machen, Mensch, datt is ja ma klasse!

„Wieso?“, frage ich, und ergänze: „Sie sind auch diejenigen, die’s bezahlen müssen.“

Hotte und Lotte und die muntere, gelangweilt aus der Wäsche schauende Kinderschar sperren ihre Mäuler auf, und Hottelotte blicken mich mit großen Augen an.

„Neee, nee, nee!“, ruft Hotte: „Datt kommt ma garnich inne Tüte! Watt sollen wir denn von dem Alten die Beerdigung bezahlen? Der schuldet uns ja theoretisch noch Geld. Sie glauben ja garnich wattat für aufwendig war, dem zu pflegen. Nix da, die Beerdigung zahlen wer nich‘!“

Irgendwie hatte ich genau das vermutet. Fragt sich nur, warum die Olschewskis überhaupt gekommen sind, und genau das frage ich die auch: „Tja, wenn Sie die Beerdigung nicht regeln möchte, weshalb ganz genau sind Sie dann jetzt hier?“
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Opa Gleisberg -VI-

Ja, aber wirklich optimal waren die Pflegebedingungen bei Ihnen ja nun wirklich nicht“, wende ich ein und die versammelte Olschewskischaft protestiert.

Das sei ja wohl ’ne Frechheit. Ob ich denn nicht wüßte, wie die Alten in den Heimen verrecken würden. „Da sind die doch bloß ne Nummer inne Bilanz und sollen möglichst lange wenig Arbeit machen und schön jeden Monat Kohle reinbringen. Jeder bringt da doch an die 4.000 bis 5.000 Flocken inne Kasse, hör ma‘, da kannse auch in datt schönste Hotel für gehen!“ schimpft Olschewski und seine Lotte fügt hinzu:
„Wir ham den Oppa ja immer noch zu uns rüber geholt, mit uns hat der immer Fernseh‘ geguckt. Schlimm ist datt doch erst geworden, als der zum Stinken anfing.“
Alle Olschewskis nicken, einer der Marco-Mircos legt sogar für einen Moment sein Handy weg und eine der Töchter zieht zur Bestätigung hörbar ihre Nase hoch und klappert mit unendlich langen, bemalten und mit Strass-Steinchen beklebten Fingernägeln auf der Tischplatte herum.
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Opa Gleisberg -V-

Es verging ein Tag, dann erschienen die Olschewskis bei uns im Bestattungshaus.

Sieben Personen und schon ihr Erscheinen glich dem Einfall der „Sandalen in Rom“, wie Antonia mit gerümpfter Nase anmerkte.
Nachdem meine Bürodamen die Gäste in einem der größeren Besprechungszimmer untergebracht hatten und die Leute dort bei Kaffee, Wasser und Keksen sehr laut über eine Schicksalssendung aus dem Privatfernsehen zu diskutieren begonnen hatten, kam ich dazu, setzte mich oben vor Kopf des langen Tisches und ließ meine Unterlagen etwas lauter als gewöhnlich auf den Tisch platschen, was mir unverzüglich Ruhe im Raum und die Aufmerksamkeit der Anwesenden einbrachte.

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Opa Gleisberg -IV-

Offenbar hatten die Olschewskis den alten Mann aber zunehmend als Last empfunden, zumal er nun auch keine Arbeit mehr im Haus leisten konnte. Eigentlich war ihnen der alte Mann ja völlig fremd, zumindest gab es keinerlei verwandtschaftliche Beziehung.

„Ja nee, so einfach ist das nicht“, wirft Böttcher ein, „anfangs haben alle gedacht, der sei der Vater von Frau Olschewski. Die haben ja alle Opa zu dem gesagt, auch wenn sie über ihn sprachen und ich glaube nicht, daß das irgend jemand wirklich überprüft hat. Ich persönlich habe das ja alles erst nach Monaten erfahren und selbst da war ich immer noch der Meinung, der sei irgendwie mit denen verwandt. Gesagt haben die das auch nie, weiß ich jetzt gar nicht mehr, keine Ahnung… Aber nee, es ist schon so, wie ich sage, anfangs hat man eben gedacht, der sei deren Opa.“
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Opa Gleisberg -III-

Wir haben an dem Abend nicht wirklich lange warten müssen. Die Polizisten zeigten sich an den Umständen, unter denen der alte Herr Gleisberg gestorben war, eher uninteressiert. Es gäbe doch einen ordentlichen Totenschein und unter welchen Umständen Messies leben…, ach, da hätten sie schon ganz andere Sachen gesehen.

„Nee, den könnt’er mitnehmen“, sagte uns einer der ranghöheren Polizisten und drückte uns die Sterbepapiere in die Hand. Vorsichtshalber machte man etwas ungelenk eine ganze Reihe Fotos, schrieb sich ein paar Notizen und die Personalien aller Anwesenden auf und dann half uns der vollkommen fassungslose Herr Böttcher vom Pflegedienst beim Einladen.

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