Prust

Es ist schon fast ein vollautomatisches Ritual, daß unsere Kunden Kaffee oder Wasser serviert bekommen.
Da gibt es kaum einen, der nichts will. Ist mir auch ganz recht so, denn dann kann ich auch Kaffee trinken.

„Wasser? Ist das auch natriumarmes Wasser?“ fragte eine Kundin gestern.

Ich muß gestehen, daß ich das überhaupt nicht weiß. Mineralwasser kauft irgendwer vom Personal und ich nehme nicht an, daß derjenige ich Gedanken über die chemische Zusammensetzung macht, die werden eher das Wasser kaufen, was im Angebot ist. Genau das sage ich auch, etwas hübscher formuliert, der Kundin.

„Macht ja nichts, ich hätte sowieso kein Wasser gewollt.“

Warum fragt die dann nach dem Natrium? Das ist doch dann nur alberne Wichtigtuerei.

Ob sie dann lieber einen Kaffee hätte, will ich wissen und sie sagt mit spitzem Mund und hochgezogenen Augebrauen:

„Ich hoffe mal, daß es sich um fair gehandelten Kaffee handelt!“

Ich weiß um die Besonderheiten des fair gehandelten Kaffees und habe sogar schon mal welchen gekauft, für mich privat. Für die Firma kommt der nicht in Frage, weil Frau Büser einen Anfall bekommt, wenn man andere Kaffeebohnen bringt, als die, von denen sie weiß, daß sie problemlos in unseren Kaffeeautomaten funktionieren. Das sind ja Wunderwerke der Technik, die 2.876 verschiedene Kaffeespezialitäten herstellen und auf Wunsch mit Mozartmusik in die Tasse schäumen können, oder so. Jedenfalls sind die Automaten empfindlich und ein Versuch mit fairem Kaffee führte vor Monaten mal dazu, daß das Mahlwerk blockierte, weil da kleine Steinchen mit eingepackt waren.
Eine andere Kaffeesorte enthielt zwar keine Steinchen, aber das Mahlgut verklebte irgendeine Schüttvorrichtung.

Ergo: Kein fair gehandelter oder sonstiger Kaffee, sondern der der in der Maschine funktioniert.

„Ich trinke nämlich nur fair gehandelte Produkte“, lässt sich die Kundin wieder vernehmen.

„Tee hätte wir noch“, biete ich ihr eine weitere Alternative an.

Sie schüttelt den Kopf, überlegt kurz und fragt dann: „Und wie sieht’s mit Cola aus?“

Na klar haben wir Cola. Aber kann mir mal jemand erklären warum die erst natriumarmes Wasser und fair gehandelten Kaffee will und sich dann für ein Industrieprodukt mit übermäßig Zucker entscheidet?
Ich kann nichts dafür, aber ich habe die Frau recht schnell als „blöde Kuh“ eingestuft, intern für mich ohne externe Gefühlsausschüttung versteht sich.

Sie bekommt ihre Cola und Frau Büser hat sich sogar die Mühe gemacht, eine Scheibe Zitrone anzuschneiden und an den Rand des Glases zu klemmen.
Die Kundin schiebt das Glas weit von sich, rümpft die Nase und meint: „Na hoffentlich ist die Zitrone nicht gespritzt!“

„Machen sie sich keine Gedanken, wir kaufen nur ungespritzte Zitronen“, beruhigt sie Frau Büser.

„Die können viel behaupten! Nachher ist da doch irgendwas dran und das löst sich da unten jetzt von der Scheibe ab. Sehen Sie, da unten taucht die Scheibe in die Cola rein. Können Sie mir bitte eine Cola ohne Zitrone bringen?“

Etwa drei Minunten später bringt Frau Büser eine neue Cola, jedenfalls mal ein Glas ohne Zitrone. Ich hätte ja draußen einfach die Zitrone weggemacht und den Rand abgewischt…

„Geht doch“, sagt die Kundin und ich hätte ihr am liebsten die Cola über das hochgesteckte Haar geschüttet.
Doch ich muß gar nichts machen, die Gute will einen beherzten Schluck nehmen und irgendwas Ökologisches in ihrem Mund regiert mit der Kohlensäure, die in ihrem nasolabialen Trakt emporsteigt und die Cola aus den Nasenlöchern schäumen lässt.

„Huch“, mache ich ganz vornehm und schiebe der prustenden und spuckenden Kundin eine Box mit Kleenex-Tüchern rüber.

Geschieht ihr recht! So!

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  • Veröffentlicht am: 5. Juli 2008
  • 27 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

27 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Ist doch klar, daß die Cola will.

    Nur da kann sie sicher sein, daß alles 100% ohne mißhandelte natürliche Zutaten ist.

    Salat

  2. grins
    die dame war doch ein schaumschläger….hätte sie beim bestellen der cola bedenken solln lach

  3. Naja erst fair gehandelten Kaffee wollen und dann ein rodukt konsumieren das von einer Firma hergestellt wird die in einigen Ländern ihre Mitarbeiter daran hindert Gewerkschaften zu gründen (teils relativ brachial) ist schon o.O

  4. Gib es zu, Tom:
    Das war keine Cola von freilaufenden Colabären und das hast Du gewusst!

    …vielleicht war die Cola aber auch einfach zu fair gehandelt
    Ich glaube, gerade ein Konzern wie Coca-Cola steht da echt im Verdacht, zu viel des Guten zu tun

  5. Tja, normalerweise bin ich ja nicht schadenfroh ….

    *räusper*

    Ähm ok ich BIN schadenfroh und hier besonders. ;)

  6. Na, dieses Karma-Zeug funktioniert ja wirklich :-D
    Natriumarm … noch so eine Ökotante mit diversen psychischen Störungen.

  7. “Blöde Kuh” stimmt. Eine blöde Kuh, die noch nie richtige Sorgen hatte und noch nie richtig arbeiten mußte. Wahrscheinlich der Typ höhere „Tochter von fertigem Geld“. Möge sie an ihrer fair gehandelten Cola ersticken. – Mir sieht man leider/zum Glück meine Gedanken an. (Sagt ein früherer Kollege, der immer genau wußte, mit welchen Gedanken ich morgens zur Arbeit kam.)

  8. Hm, schade, dass solche Leute Fairen Handel und Bio-Produkte so ins Absurde ziehen. Ich habe für einen Bio-Gärtner mit Versand à la grüne Kiste im Kundenbereich gearbeitet und leider auch mit so Leuten zu tun gehabt. Es gibt aber auch genügend normale Kunden, das ist beruhigend.

  9. Blöde Kuh ?

    Das ist also das Verständniß fuer Kuden, welche sich in einem seelischen Ausnahmezustand (Todesfall) befinden.

  10. Der Trick im Umgang mit Kunden ist es, ihnen das Gefühl zu geben, dass man sie und ihre Situation versteht.
    Das heisst nicht, dass man alles verstehen kann oder sogar muss und dass im Umgang mit gewissen Menschen keine überschäumende Freude (ja das musste sein) aufkommt, ist nicht nur verständlich und logisch sondern auch überaus menschlich.

  11. @10: Das ist kein seelischer Ausnahmezustand, diese Leute sind _immer_ so.

    @11: Natriumarm ist in dem beschriebenen Zusammenhang nichts weiter als idiotisches Wichtigtun, denn einmal ein Glas mit mehr oder weniger Natrium ist dem Körper Wurst. Bei Bluthochdruck sollte man aber entweder Leitungswasser trinken, das enthält ganz sicher wenig Na, oder wenn man Mineralwasser bevorzugt, dann sollte das Wasser weniger als 50 mg/l Na enthalten. Die beschriebene Dame ist einfach doof, sie hat die Glocken läuten gehört, weiß aber nicht, wo sie hängen.

  12. Auf den Natriumgehalt im Wasser zu achten hat doch nichts mit „Ökotante“ zu tun oO
    Manche Menschen sollten aus rein gesundheitlichen Gründen auf natriumarmes Wasser zurückgreifen, ausserdem ist Wasser mit möglichst wenigen Inhaltsstoffen immer noch am Gesündesten.
    Trotzdem bringt es einen nicht um ausserhalb der eigenen vier Wände mal Wasser mit wahnsinnig viel Natrium zu trinken..schreckliche Frau.

  13. @15 Soweit ich weiß kann „Wasser mit möglichst wenigen Inhaltsstoffen“, sprich möglichst wenig Mineralien, auf Dauer dem Körper empfindlich schaden…

    Aber echt eine amüsant minderbemittelte Dame. Und wiedermal Respekt für deine Gemütsruhe, Tom. Spätestens als sie nach Cola fragte, hätte ich mir einen Spruch nicht mehr verkneifen können/wollen :-)

  14. Ihr habt ja hoffentlich fair gehandelte Coca Cola….

    http://de.wikipedia.org/wiki/Coca_Cola#Kritik
    http://de.wikipedia.org/wiki/The_Coca-Cola_Company#Kritik

  15. Ich muss dabei doch an eine Mitschülerin denken, die immer mit einer Flasche Evian zu sehen war und andere Sorten auch strikt ablehnte.
    Ihr Begründung: Evian macht nicht so fett die die anderen….

  16. Was Du alles als Kunden ertragen musst… Beneiden kann ich Dich echt nicht.

    Aber ein typischer Kalauer unter Bestattern könnte lauten:

    „Hinterbliebene… Man kann nicht mit ihnen, aber man kann auch nicht ohne sie.“

    Weia, war der flach…

  17. @16
    Ein mir Mineralien vollgestopftes Wasser kann nur wenig Giftstoffe aus dem Körper spülen, da es selbst ja schon viel transportiert.
    Ich beschäftige mich auch nur am Rand meiner Diät damit, aber ich achte seitdem auf das was ich trinke..

  18. Und nun wurde mir und einer Freundin, die (laut Etikett) natriumarmes Wasser dabei hatte, letztens erklärt, dass gerade dieses Wasser eines allseits bekannten Discounters besonders viel Natrium enthalte, nämlich angeblich ein Vielfaches des Tagesbedarfes und man sich nicht auf Etiketten verlassen sollte, sondern die Nährmittelangaben genaustens lesen muss…



    Ja…

    Ich achte prinzipiell auf nix, außer, dass es schmeckt, und lebe damit ganz gut ;)

  19. Nangilimia: Diese Mär von den Jungs mit dem Umkehrosmose-Wasser ist so ziemlich das d…, was Werbetexter verbrechen konnten. (Dicht gefolgt von der größten Innovation, auf die ein Urinstrahl treffen kann.) Selbst Reinst-Wasser, das durch Kaltverbrennung von Wasserstoff und Sauerstoff hergestellt wird, „spült“ nichts aus dem Körper (allerdings bekommt man davon nach 9 Litern innerhalb zwei Stunden Nierenversagen).

  20. Man bekommt auch von 9 Liter normalem Mineralwasser Besuch von den Männern in leuchtend Rot oder Schwarz.

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