Rache: Wenn Angehörige die Urne nicht beisetzen lassen

Wilfried Hemburger war 21 Jahre lang verheiratet. Aus der Ehe sind zwei Kinder hervorgegangen.
Nach der Trennung hatten die Kinder zunächst einen guten Kontakt zu ihrem Vater. Als dieser aber eine andere Frau kennenlernte und mit ihr zusammenzog, änderte sich das.
Die Kinder wandten sich vom Vater ab und betrachteten seine neue Beziehung als Verrat an der Mutter.

Inzwischen sind zwanzig weitere Jahre vergangen. Diese Kinder sind heute erwachsen, verheiratet und haben selbst kleine Kinder.

Vor einem Jahr ist Wilfried Hemburger gestorben. Ein Lungenkarzinom.

Seine Lebensgefährtin hat die gesamte Bestattung organisiert und auch bezahlt.
So wie es Hemburger zu Lebzeiten immer gewünscht hatte, wurde er eingeäschert.
Die Urne sollte dann auf einem Friedhof im Erzgebirge beigesetzt werden.

Zwar hatte Hemburger keinen direkten örtlichen Bezug zum Erzgebirge, jedoch hatte er viele Bücher über diese Gegend gelesen und es sich immer als sehr schön ausgemalt.
Daher rührte sein Wunsch. Diesen wollte seine Lebensgefährtin ihm auch erfüllen und hatte bereits vor einem Jahr ein Grab auf einem tschechischen Friedhof gekauft.

Als Sie aber vor 10 Monaten bei der deutschsprachigen tschechischen Friedhofsverwaltung nachfragte, teilte man ihr mit, die Urne sei noch nicht eingetroffen.

Und so ist es bis heute geblieben.

Auch dieser Schweizer bleibt unbestattet. Heckmeck zwischen Verwandten und Lebensgefährtin. Bild gefunden von Monika

Auch dieser Schweizer bleibt unbestattet. Heckmeck zwischen Verwandten und Lebensgefährtin. Bild gefunden von Monika

Die Kinder des Verstorbenen sind die Bestattungspflichtigen. Die Ex-Ehefrau ist inzwischen selbst verstorben.

Daraus ergibt sich eine Rechtslage, die es in sich hat.
Als Bestattungspflichtige müssen die Kinder die Bestattungskosten bezahlen, so sieht es das Landesbestattungsgesetz vor.
Sie sind als nächste Angehörige aber auch bestattungsberechtigt. Das heißt, sie allein können verfügen, wie und wo ihr Vater beigesetzt wird.

Nun hat Wilfried Hemberger in einem kurzen fünfzeiligen Testament seiner Lebensgefährtin alles vermacht.
Ein paar tausend Euro Bankguthaben, eine kleine Gartenparzelle und sein Auto.

Damit ist die Lebensgefährtin die Erbin. Und nach BGB muß der Erbe die Bestattungskosten zahlen.
Aus dem schmalen Erbe muß die Lebensgefährtin nun den Pflichtteil für die beiden Kinder realisieren und auch noch die Bestattungskosten.
Das sieht sie ein, das hat sie auch alles pflichtgemäß erledigt.

Nur haben sich die Kinder frühzeitig bei der Krematoriums- und Friedhofsverwaltung hier in Deutschland gemeldet und ihre Ansprüche an der Urne geltend gemacht.
Und genau seit dem Zeitpunkt steht die Urne im Krematorium in einem Regal.

Es ist nicht abzusehen, wann die Urne von Herrn Hemberger endlich beigesetzt werden kann.

Zwischen „Witwe“ und Kindern ist ein Dialog entstanden, der inzwischen über Anwälte geführt wird.
Viel Hoffnung kann man der Frau aber nicht machen.
Wenn die Kinder sich einig geworden sind, werden sie wohl die Urne hierzulande anonym beisetzen lassen.

Eine Urne als Unterpfand und Ausdruck der persönlichen Rache.

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  • Veröffentlicht am: 11. Juli 2016
  • 7 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Fundstücke

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

7 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Dumm gelaufen, aber da das Verhältnis schon über viele Jahre zerrüttet war, hätte man z.B. mit einer Heirat solchen Willkürakten vorbeugen können.

    • @Thomas: Ja, da hast Du Recht. Aber in diesem Fall sah es anders aus. Die Lebensgefährtin bezog von ihrem verstorbenen Mann eine gute Pension, die sie nicht aufgeben wollte. Ein Umstand der oft dafür verantwortlich ist, daß Menschen im Alter nicht mehr heiraten.

      Statt einer aufwendigen Heirat hätte aber eine Bestattungsvorsorge mit Sterbegeldversicherung den ganzen Ärger weitestgehend vermieden. Der Mann hätte zu Lebzeiten alles festlegen können und durch die Versicherung wäre auch die Bezahlung geklärt gewesen. Seine Bestattungsvorsorge hat dann als letztwillige Verfügung Vorrang vor den Wünschen der Kinder.

  2. Das Verhalten der Kinder mit einer Nichtbeisetzung der Urne des Vaters finde ich reichlich pietätslos und traurig.
    Ich kann nur immer dazu raten: Bestattungsvorsorge – Eine große Sorge weniger.

  3. „Diese Kinder sind heute erwachsen…“

    Ach ja? Darüber ließe sich trefflich streiten.
    Nein, eigentlich nicht. Das ist doch albern.

  4. Wie erbärmlich, dabei heisst es doch, dass im Tode jeder ZWist aufhört.
    .. und das Ganze auch noch auf dem Rücken der Lebensgefährtin auszutragen ..
    einfach erbärmlich (obwohl, wer soll sich dieser „Kinder“ noch erbarmen?)

  5. Die Geschichte ist wirklich sehr traurig – menschlich.
    Mich würde es interessieren wie lange eine Urne z. B. im Krematorium stehen darf ohne bestattet zu werden?

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