Rapunzel 2

Die Geschichte um die langen schwarzen Haare scheint noch ein gutes Ende zu nehmen. Die verstorbene Frau Fischer hat tatsächlich in den letzten Monaten eine Perücke getragen. Wie schon in den Kommentaren gemutmaßt wurde, hat es sich so verhalten, daß ihr im Zuge der Krebstherapie die eigenen, schwarz gefärbten Haare ausgegangen waren.

Da ihr Mann aber wohl diese Haarpracht besonders schön fand, hat sie sich vom Klinikfriseur eine entsprechende Perücke machen/bringen lassen. Ich schreibe absichtlich „machen/bringen“, denn ich tippe auf „bringen“. Damit will ich sagen, daß das was unsere Mitarbeiterin aus der Klinik mitgebracht hat, alles andere als ein Kunstwerk ist. Diese Perücke macht nicht den Eindruck, als sei sie extra angefertigt worden. Wenn ich ganz ehrlich bin, wirkt das auf mich eher wie eine Karnevalsperücke oder wenigstens doch um eine von sehr einfacher Machart. Man kennt das doch: Es gibt künstliche Frisuren, denen man auf den ersten Blick schon fast ansieht, daß sie nicht echt sind.

Morgen früh bekommt sie die Perücke auf und eine unserer Damen wird da helfend zur Seite stehen, damit das Ergebnis dennoch ansprechend aussieht.
Frau Fischer wird ja nicht von Flutlicht angestrahlt und so denke ich, daß ihr Ehemann zufrieden sein wird.

Was aber wäre gewesen, wenn die Perücke nicht mehr auffindbar gewesen oder erst viel später aufgetaucht wäre…

Wir hatten schon einmal so einen ähnlichen Fall, da ging es um eine Armprothese. Eine Beinprothese hätten wir durch eine passende Unterfütterung der Decke kaschieren können. Aber bei den Händen wird das schwierig. Wir haben damals das ganze Krankenhaus rebellisch gemacht, weil bei dem Verstorbenen in der Kühlkammer des Krankenhauses der Kunstarm fehlte. Schließlich haben wir ihn zähneknirschend ohne Arm mitnehmen wollen. Beim Umladen auf die Trage ist der Arm dann aufgetaucht, jemand hatte ihn zwischen die Beine des Mannes gelegt.

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  • Veröffentlicht am: 11. September 2007
  • 5 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

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  1. Da hat wohl jemand die sache mit dem dritten Bein ..ok ok ok lassen wir das.

  2. Kurze Frage: Warum war das Auffinden der Armprothese so wichtig? Hatte der Mann (was ich für nahezu unmöglich halte) seine Umgebung etwa auch getäuscht?

  3. @McDuck: Bei einer offenen Aufbahrung erwarten die Angehörigen, daß die Hände des Verstorbenen über der Decke gefaltet werden. Ohne den Kunstarm mit der Plastikhand wäre das nicht gegangen.

    Es ist den Leute überhaupt sehr wichtig, daß die Toten so intakt wie möglich im Sarg liegen. Die Vorstellung, daß da durch Unfall oder OP wichtige Teile fehlen, ist für viele Menschen unvorstellbar. Das ist mit ein Grund dafür, daß so viele die Frage der Ärzte, ob Organe entnommen werden dürfen, abschlägig beantworten.

    Diese Haltung wird oft auch auf künstliche Körperteile übertragen, umso mehr, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten selbst großen Wert darauf gelegt hat, daß niemand merkt, daß da eine Prothese im Spiel ist.

  4. Apropos Organspende: Macht es euch eigentlich (mehr) Mühe, einen verstorbenen herzurichten, der als Organspender seinen Mitmenschen noch einen Gefallen getan hat? Ich denke da an z.B. entnommene Netzhaut (Frage an vorbeikommende Mediziner: wird dafür eigentlich das ganze Auge entfernt?) – das würde man sehen, oder?? Kostet das die Hinterbliebenen mehr (In dem Fall Glasaugen o.ä.)?

    Ich für meinen Teil möchte ja nicht offen aufgebahrt werden. Ich werde mich irgendwann auf dem Grund der Ostsee wiederfinden, soviel steht fest.

    Und noch eine andere Frage: Was passiert eigentlich mit den Toten, die sich bzw. ihren Körper der Wissenschaft – sprich der Uni oder einem Forschungszentrum – zur Verfügung gestellt haben. Wenn die Forscher mit forschen und die Studierenden mit studieren fertig sind, sorgt doch die Institution für ein Begräbnis, oder? Richtet ihr so etwas auch aus? Werden da mehrere "Spender" zeitgleich bestattet oder jeder einzeln bei Bedarf? Wie läuft das ab?

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