Schwamm drüber

Frau Tochter war jetzt da. Sie wollte die Ansprüche ihrer Mutter geltend machen, die der Meinung war, ein Fehler in der Todesanzeige müsse im Fernsehen berichtigt werden.

Inzwischen hatte ich mit dem Zeitungsverlag telefoniert, dort bedauert man den Fehler und bietet der Familie einen für solche Fälle recht hohen Preisnachlaß von 80% an, sowie eine kleine Berichtigungsanzeige am nächsten Tag. Wahlweise kann die Familie aber auch die komplette große Anzeige noch einmal kostenlos geschaltet bekommen, dann wird es aber nichts mit dem Preisnachlaß.

Die Tochter ist etwa Mitte bis Ende Vierzig, hat rot gefärbte Haare und ist ziemlich kariert angezogen. „So geht das ja nun wirklich nicht, was die uns da angetan haben.“

Ich biete ihr Kaffee an, den lehnt sie aber ab, sie trinkt nur Tee. Tee haben wir auch, aber den will sie auch nicht, weil der in Beuteln ist. Mineralwasser trinkt sie nur aus einer bestimmten Quelle in Frankreich und wenn überhaupt, dann hätte sie gerne ein stilles Wasser. Ich hole ihr ein Glas Leitungswasser, sie nippt daran und erkennt sofort, daß es ein Qualitätswasser ist. Na also, geht doch!

So im Sitzen, bei einem Glas Qualitätswasser spricht es sich doch wesentlich leichter und ich erkundige mich, wie sie denn auf die Idee kommt, so eine Berichtigung müsse im Fernsehen ausgestrahlt werden.

Ja, das habe sie mal irgendwo im Fernsehen gehört, das könne bei Wiso oder bei Brisant gewesen sein und da hätte man gesagt, daß es da so eine EG-Richtlinie gäbe.

„Eine EG-Richtlinie für verdruckte Traueranzeigen?“ frage ich erstaunt.

„Nein, das nicht gerade aber es ging da so um die Produkthaftung und wenn die ein Gerät nicht reparieren können, oder der Vermieter niemanden schickt, dann kann man das selbst in die Hand nehmen und wenn das dann mehr kostet, muß der Verursacher die Mehrkosten tragen.“

Aua, die scheint ja alles Mögliche falsch verstanden und dann durcheinandergewürfelt zu haben.
Sie fährt fort: „Ja, und was gibt es denn mehr als Zeitung? Mehr als die Zeitung ist ja nur noch das Fernsehen.“

„Und wie stellen Sie sich das im Einzelnen vor?“

„Ja keine Ahnung, Sie sind doch der Fachmann.“

„Okay, haben Sie schon einmal im Fernsehen so etwas gesehen, ich meine eine Berichtigung von einer Todesanzeige?“

„Nein, aber ich habe auch noch nie eine falsche Todesanzeige gesehen. Das ist ja jetzt auch nur bei uns so.“

„Nein, das ist nicht nur bei Ihnen so. So etwas kommt immer mal wieder vor.“

„Ehrlich?“

„Ja, ganz ehrlich. Und dann bekommt man einen Teil der Anzeigenrechnung erlassen oder die Anzeige erscheint am nächsten Tag nochmal.“

„Da kriegt man Geld zurück?“

„Das nicht gerade, aber Sie müssen für die Anzeige weniger bezahlen.“

„Ach, das interessiert mich jetzt aber. Wie viel wäre das denn?“

„80%“

„Ja, gut, dann machen wir das so. Kann ich das Geld gleich mitnehmen?“

„Sie haben mich nicht richtig verstanden. Sie bekommen kein Geld zurück, weil Sie ja noch gar nichts bezahlt haben. Die Rechnung wird dann aber 80% niedriger sein.“

„Die Rechnung läuft doch aber über Sie.“

„Das stimmt, sie ist dann aber niedriger.“

„Gut, dann geben Sie mir einfach die 80% und dann würde ich mal sagen ‚Schwamm drüber‘.“

Innerliches Stöhnen.

„Das wird verrechnet“, sage ich.

„Ach so, sagen Sie das doch gleich.“

Da hat sie auch wieder Recht…

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 16. Januar 2008
  • 31 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

31 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Aua, das schreit nach Fortsetzung. Eine Beschwerde der beiden Damen, wenn sie die Rechnung für die Bestattung erhalten, und diese nicht in Summe um 80% vermindert ist.

  2. Gut das sie nicht gedacht hat, dass die Anzeige nochmal gedruckt wird und 80% Preisnachlaß gibt.

  3. Ich frage mich manchmal, wie solche Leute ihr Leben meistern…
    *auweia*

  4. Es gibt Leute…
    Ich les deinen Blog so gern – immer wenn ich eine Aufmunterung brauch, klick ich bei dir rein … dir is nie fad, was?

  5. Zwei Dinge:
    1) Von den 80% Ersparnis kann die gute Frau sich hoffentlich mehr Qualitätswasser kaufen, man muss ja nicht leben wie bei Hempels unterm Sofa!
    2) Hast Du nicht vergessen zu erwähnen, dass Sie während des Gesprächs einen Schal gehäkelt hat?

  6. Schade das man solche Leute nicht hinterher schubsen kann.
    OK Spaß bei Seite, ich liebe auch Kunden, die mit ihren Profunden Halbwissen und konsequenten Ignorieren von Aushängen (die nur in A3 mit Schwarz auf gelben Grund und 18P Grösse in den Räumen aushängen) und auch auf Engelszungen nicht reagieren.
    Ja man hat es nicht leicht … auch wenn man kein Bestatter ist.

  7. Produkthaftung bei Traueranzeigen: jetzt kommen mir die Tränen.
    Vielleicht war die Dame zwar rot-gefärbt, im Ursprung aber blond (verzeih‘ mir bitte, Edith).
    P.S.: war natürlich ein Scherz, aber .. was soll’s? – ich kriech ja schon zu Kreuze :-D

  8. Wie ich – bisher das einzige Mal in meinem Leben – eine Traueranzeige geschaltet habe, konnte ich die ganze Anzeige online gestalten, vorab einen Korrekturabzug als PDF herunterladen und alles ausführlich prüfen. Das war bei einer großen norddeutschen Tageszeitung…

    Gibt es das bei Euch nicht?

  9. @Jörg Dennis, im ersten Teil der Geschichte schreibt Tom schon was darüber.

    80% von der gesamten Bestatterrechnung für ein vertauschtes Datum – net schlecht *hihi*

    Ich glaub, da kommt noch was…

    Aki

  10. @Aki: Na ja… da lese ich nur eine große Runde Fehlerquellen. Aber wenn man das ganze direkt als PDF sendet (und dieses ggf. auch direkt mit dem Zeitungshaus erstellt) kann es zu keinem Fehler kommt, da die Anzeige nicht abgetippt wird, sondern direkt das PDF als Druckvorlage dient. Wie gesagt: Bei der HAZ vollkommen unproblematisch.

  11. Den Gedanken mit den 80% auf die Gesamtrechnung hatte ich auch sofort. Hoffen wir, dass der Undertaker da nicht noch mehr Qualitätswasser braucht, um auch das gerade zu biegen.
    Ach ja, bin ein ehemaliger Waldorfschüler, in dessen computererstelltem Zeugnis das Geburtsjahr 1883 eingetragen war. Aber – auch wenn da tatsächlich einige Spinner rumlaufen, die vielleicht nur Qualitätswasser aus Frankreich trinken – finde ich Waldorfschule grundsätzlich nicht schlecht. Man muss nur ein bissl schauen an welche Lehrer die Kinder geraten.

  12. @Nina:
    Ich lach mich tot, das wär ’s noch: nächste Woche steht Frau Tochter wieder da und reklamiert die vereinbarten 80% Rabatt auf die gesamten Beerdigungskosten! Und falls Tom nicht zustimmt, geht es zweitinstanzlich an RTL!

  13. Nach der Ihrer „Logik“ müßte es in die höhere Instanz… Was kommt anch dem Bestatter, die Kammer? ^^

  14. @Powermax: Im Leben nicht, das geht gleich an die nächsthöhere Instanz: RTL2…

    Aber das mit den 80% auf die ganze Rechnung wäre natürlich nicht allzuverwunderlich (bei dieser Dame..)

  15. Höhere Instanz als der Bestatter ist wohl Asrael der Todesengel :D

  16. Ich dachte die wär von der Verbraucherzentrale geschickt worden.

    Ein neuer Fall für Frontal21, Fehler in Bestattungsanzeigen, Unzureichende Beratung^^, usw.

  17. Wir wissen nun auch wo Tom arbeitet. In Frankreich bei einer Quelle die er direkt anzapft. Die Geschmacksknospen dieser Frau sind doch schließlich geübt.

  18. @jemand: Glaub ich nicht.

    Der Tom verdient sich mit dilettantischen Traueranzeigen und der ganzen anderen Abzocke so viel Kohle, dass er sich ne Pipeline legen lässt :D Wenn RTL da mal nicht hellhörig wird…

  19. Aber die scheinen ja nur stockdumm, nicht bösartig zu sein. :-)

  20. Höhere Instanzen:
    RTL = Rechts-Treu-Leben

    Bestatter / Geburtshelfer
    Geburtshelfer / Erzeuger

    Idee der Frau: Das machen wir bei unserer Mutter Josefine dann wieder so. Die schreibt sich nämlich Josephine. Und wenn wir Glück haben, bekommt dann der Sarg einen Kratzer, wenn sie ihn durch unser Treppenhaus deichseln. Das lässt sich doch so einrichten?

  21. „Stilles Qualitätswasser“ erkennt man meist daran, dass es wesentlich schlechter und abgestandener schmeckt als Leitungswasser. Man muss sich wirklich vor Augen halten, dass Mineralquellen bei weitem nicht so strenge Qualitätsauflagen haben wie das deutsche Leitungswasser.

    Aber was manchen manche Leute nicht alles, um gesund zu bleiben … 2 Stunden am Tag joggen und sich dann die Aldi-Billigkippen aus geschmeckten 99% Teer reinziehen.

  22. Also, wenn der Bestatter die Traueranzeige nicht reparieren kann, dann kann sie das selbst in die Hand nehmen, und weil das dann mehr ist, und Fernsehen mehr ist als Zeitung, muss das ins Fernsehen… jetzt hat sie mich verwirrt!

    Wo ist eigentlich das Radio?

  23. Die ganze Geschichte erinnert mich an eine Szene in Curb Your Enthusiasm, einer im Übrigen äußerst empfehlenswerten Sitcom: Larry läßt nämlich die Todesanzeige für die Tante seiner Frau schalten. Statt „beloved aunt“ druckt diei Zeitung allerdings „beloved cunt“ – Glück im Unglück: In den Staaten gibt es keine EG-Richtlinie für den Umgang mit Todesanzeigen …

  24. Sorry, undertaker, aber das ist kein Service!!! Ein Berichtigungs-Video auf Youtube oder eine Berichtigungs-SMS auf VIVA ist das Mindeste, was du anbieten solltest.

  25. Wtf? Ich liebe sowieso Menschen, die immer nach der „nächst höheren Instanz“ schreien, weil sie einfach zu dumm sind.

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