Sind wir doch mal nicht kleinlich

Im Laufe der Jahre sind viele Mitarbeiter durch mein Unternehmen gegangen.
Eigentlich bin ich stolz darauf, daß meine Stammbesatzung beinahe Ewigkeiten bei mir beschäftigt war und nie einer gekündigt hat, weil es ihm nicht mehr gefiel.
Aber beim Fahrpersonal hat man immer eine gewisse Fluktuation, weil man gerade im Bereich der Aushilfsfahrer oft auf diejenigen zurückgreifen muß, die von anderen Unternehmen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung gestellt wurden.
Von ein paar Pflänzchen aus diesem Teil der Beschäftigungsbotanik habe ich ja schon erzählt (Siehe die Henning-Geschichte oder der berühmte Herr Sommerfeld).

Einmal hatten wir einen Herrn Fuchs. Immer ein Grinsen auf den Lippen, das bei ihm zur Physiognomie gehörte und keinerlei Ursachen im Frohsinn hatte, und ansonsten stets freundlich und arbeitsam, ist mir der Mann nie weiter aufgefallen.
Er erledigte seine Fahraufträge, schrieb seine Stunden auf den Zettel, kam am Monatsende zum Kassieren und das war’s dann auch schon.
Eher unauffällig.

Eines Tages, ich poliere gerade mal wieder meine Goldbarren im fußballfeldgroßen Tresor hinter der Geheimtür meines Büros, klopft es an der Tür, ich rufe ‚Herein‘ und Herr Fuchs steht in meinem Büro.

„Sie, Chef, tschulligung dassisch stör‘, aber ich bräuscht heut mein Geld mal bar. Geht das?“

Dabei wedelt er mit seinem Stundenzettel herum und grinst.
Normalerweise rechnet Frau Büser das immer alles aus und überweist es dann. Aber gut, wenn er das Geld dringend braucht, kann ich es ihm auch bar auszahlen.

„Kein Problem“, sage ich und nehme den Zettel in Empfang.

„Ja, Chef, is’nich‘ viel, kommt ja noch was dazu diesen Monat, aber die paar Stunden könnense ma‘ abrechnen.“

Ich rechne, tippe das auch noch in meine Rechenmaschine ein und komme auf 150 Euro.
In meinem Geldbeutel habe ich 240 Euro und frage Herrn Fuchs deshalb, ob er wechseln kann. Nee, kann er nicht.
Also stehe ich vor der Frage, ob ich ihm 140 Euro anbiete oder 200 Euro gebe.
Ich entscheide mich für die 140-Euro-Variante. „Hier, ich hab’s nicht anders, ich kann Ihnen so auf die Schnelle nur 140 Euro geben.“

Herr Fuchs legt den Kopf etwas auf die Seite, grinst jovial und winkt ab: „Aber Chef, das macht doch nix. Auf nen Zehner kommt’s net an. Den lassen wir einfach mal. Sind wir doch mal nicht kleinlich. Ich schreib auch immer ’ne halbe Stunde mehr auf, wenn ich den Stundenzettel schreib‘.“

So, und nun?

Der Mann hat ohne jegliches Unrechtsbewußtsein mal eben so zugegeben, daß er mich seit Jahr und Tag um Geld beschissen hat.
Mal grob überschlagen machen mal hier ne halbe Stunde, mal da ne halbe Stunde über die Jahre leicht mal tausend Euro aus.

Was soll man mit so einem machen?

PDF erzeugen
Peter Wilhelm20. Januar 2015

21 Kommentare von 138938.

  1. Was man da macht bzw. machen kann? Ich vermute mal gar nichts, denn es ja nur Chefchen und er selbst gehört. Lediglich ab diesem Punkt, hätte man kontrollieren können, oder besser noch solch einen „gewinnorientierten“ Mitarbeiter an die Konkurrenz weiter empfehlen sollen. ;-)

  2. Nichts. Wird im Nachhinein schwierig sein. Deswegen bin ich ein Freund des „Stempelns“ :-)

    So etwas sollte man vorher regeln. Entweder im Vertrag oder per (schriftlicher) Anweisung. Über den Hintergrund von Herrn Fuchs kann ich zwar nicht viel sagen, aber es gibt viele Menschen die das Schreiben des Stundenzettels als Arbeitszeit (zumindest geduldet) sehen würden.

    Ich persönlich bin der Meinung, dass man, je nach Aufwand, das Schreiben des Stundenzettels als Arbeitszeit akzeptieren sollte, sofern dies nicht missbraucht wird.

    Ich bin der Überzeugung, dass solches, neben vielen anderen Kleinigkeiten, sehr zur Mitarbeitermotivation und Zufriedenheit beiträgt. (Eine Hand wäscht schließlich die andere.)

    Allerdings kann ich in diesem Fall schwer überblicken ob eine halbe Stunde eher realistisch oder schon äußerst dreist ist.

  3. Auf jeden Fall in ruhigem Ton eine Aufklärung darüber, dass man das gemeinhin Betrug nennen kann und wenn er mit dem Lohn nicht zufrieden ist, warum er nicht mit dir geredet hat. Auch die eigene Enttäuschung über den Vertrauensbruch darf man durchaus zum Ausdruck bringen. Und dann die Frage stellen, wie es laut seiner Meinung weitergehen soll.
    Anhand seiner Reaktion sollte man dann abschätzen, ob noch eine Vertrauensbasis da ist, oder ob man sich von diesem Mitarbeiter lieber trennt.

  4. Nein, nein, darum geht es nicht.
    Das Eintragen der Tagesstunden dauert keine Minute. Es geht also nicht darum, daß Herr Fuchs sich eine Rüstzeit oder Schreibzeit zu seinen Gunsten aufgeschrieben hätte.
    Er hat schlichtweg jeden Tag statt z.B. 7 Stunden einfach 7:30 h eingetragen oder sogar 8 Stunden.

  5. Na ganz einfach: Bei der nächsten Auszahlung ihm lächelnd sagen: „Sind wir doch mal nicht kleinlich. Ich hab einfach mal abgerundet.“
    Und lächelnd etwas weniger Geld geben ;-)

  6. Diese Geschichten spielen ja alle in der Vergangenheit, wenn ich es recht verstehe, bist du inzwischen ja „nurnoch“ Journalist und das Unternehmen führst du gar nicht mehr. Oder irre ich?
    Deswegen ergibt sich die Frage für mich als interessierter Leser, was du damals tatsächlich gemacht HAST. Du stellst uns ja diese Frage, aber wir, die geneigte Leserschaft, können sie ja gar nicht mehr beantworten, denn der Fall liegt weit zurück.

    Oder irre ich? ;)

  7. Bernd – das stimmt zwar, aber man kann doch trotzdem daran interessiert sein, was andere Leute dazu sagen. Und gleich mit der eigenen Lösung ins Haus fallen wäre dann kontraproduktiv.

    Der Maskierte hat schon eine ganz gute Idee, finde ich. Wenn man über den eigenen Schatten springen kann und denjenigen nicht gleich kantet. Was hart wäre, aber verständlich.

  8. Nein, weniger bezahlen bzw. einfach so Lohn vorenthalten ist keine Lösung, die auch nur irgendwie legal ist. Würde ich keinem Arbeitgeber raten. Künftig darf der feine Herr dann seine Stundenzettel von einem vertrauenswürdigen Mitarbeiter gegenzeichnen lassen, das ist das Mindeste. Der gute Mann, der ja offenbar auf das Geld angewiesen ist, dürfte bei mir das künftig hart erarbeiten – sprich, der kriegt die ganzen Jobs, die keiner machen will. Lohnerhöhungen sind auch kein Thema mehr, jedenfalls nicht für den. Das Geld, dass er sich ergaunert hat, muss man wahrscheinlich letztlich abschreiben.

  9. Also da muss ich auch mal meinen Senf dazugeben….

    Erstmal würde ich mich erstaunt geben, und abklären ob er nur einen dummen Scherz machen wollte… sollte sich dies als sein voller Ernst herausstellen, dann würde ich ihm durchaus mitteilen das ich das von Ihm nicht erwartet hätte. Eine Abmahnung zum ordentlichen führen der Stundenzettel, sowie meine erhöhte Aufmerksamkeit sind ihm sicher… sollte es dabei bleiben das Ungereimtheiten auftreten, dann käme ganz sicher die Kündigung.

    Und um mal kurz was aus dem Leben zu greifen… ich schreib wie viele andere meine Stundenzettel auf Vertrauensbasis, wobei mir eine Stechuhr lieber wäre… die ist immer Objektiv.
    Ich für meinen Teil schreib meine Zeiten auf 5Min genau auf… morgens runde ich zu meinen Gunsten, Nachmittags zu Gunsten meines Arbeitgebers… ich finde ja, das sowas immer ein geben und ein nehmen ist.

  10. Du hast bisher in deinen Geschichten gezeigt, das Du ein sehr großzügiger Chef warst!
    Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund, dich zu übervorteilen. Wenn ich mir bei meinem alten Arbeitgeber auch nur den Hauch einer Frechheit erlaubt hätte, wäre ich im hohen Bogen aus der Firma geflogen!! Deine Toleranz gegenüber deinen Mitarbeitern ist schon an der Schmerzgrenze, wie hast Du das bloß ausgehalten?
    LG!

  11. Oh je, ein altes bekanntes Problem.

    Ich denke, es ist OK, wenn das wirklich in beide Richtungen funktioniert.

    Hatte auch schon mal so einen Job, wo man mehr aufgeschrieben hat, als man gearbeitet hat.
    Aber gleichzeitig, hat man auch zur Verfügung gestanden, wenn es eigentlich nicht ging und man die Zeit auch nicht abrechnen konnte.

    So hat sich das über das Jahr hinweg eigentlich ausgeglichen.

    So kann ich das regelmäßige halbe Stunde mehr aufschreiben akzeptieren, wenn z.B.: während der Fahrten von ihm Sachen erledigt wurden, die eigentlich nicht zu seiner Arbeit gehörten.

    Ne Abmahnung wegen Dummheit, so was sagt man nicht, ist leider nicht rechtens.

  12. Das mindeste, was man in solch einem Fall machen sollte, ist in Zukunft alle Stundenzettel penibel zu überprüfen und Gegenzeichnen zu lassen, wenn man nicht gleich die Keule der fristgerechten/fristlosen Entlassung wählt.

  13. Alle, die diesen Blog während der Arbeitszeit lesen, mögen sich an die Nase fassen.
    Sind wir alle während unserer gesamten Arbeitszeit immer konzentriert mit den uns anvertrauten Aufgaben beschäftigt?!

  14. @pastoerle: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg kennen Sie doch?

    Gut, aber das ist nicht real life.

    Ein Mann nimmt jeden Tag ein Bündel Holz mit nach Hause.
    Kurz bevor er in Rente geht. setzt er sich hin und rechnet aus, wie viel Holz er in seinem ganzen Leben mitgenommen hat. Er kommt auf einen ganzen Güterwaggon voll Holz. Erschrocken geht er beichten und sagt dem Pfarrer „Ich habe einen ganzen Güterwaggon voll Holz bei meinem Arbeitgeber gestohlen.“
    Da sagt der Pfarrer: „So viel Holz ? Hätte es nicht gereicht, jeden Tag ein kleines Bündel mitzunehmen ? „

    • „@pastoerle: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg kennen Sie doch?“

      Interessant, dass sie hier auftaucht. Soviel ich weiss wird sie dahingehend interpretiert, dass Vertragsfreiheit herrscht (Arbeiter A erscheint früh morgens, handelt einen Denar Tageslohn aus, Arbeiter B erscheint mittags, handelt einen Denar Tageslohn aus. A und B erhalten Abends einen Denar). Wer freiwillig einen tieferen Stundenlohn akzeptiert hat, soll später nicht darüber maulen.

      Auch soll ein Denar den damaligen Lebenshaltungskosten entsprochen haben.

  15. Ja, ein Denar galt als das Standard-Tagelöhner-Gehalt.
    Insofern haben auch die Frühen ihr Auskommen.
    Der Arbeitgeber handelt sozusagen an Stelle eines damals nicht so vorhandenen Sozialamtes, indem er auch den Späten den Mindestlohn zukommen lässt; denn sie wollen ja auch leben.
    Es entsprach der Politik der römischen Besatzer, durch das Latifundiensystem die freien Kleinbauern zu Verschuldung, Verarmung und Aufgabe ihres Hofes zu zwingen, so dass sie dann nur noch als Tagelöhner gehen konnten, wo, wie man sieht, der Verdienst ungewiss ist.
    Der Weinbergbesitzer im Gleichnis will diese Zustände offenbar zumindest im Kleinen verbessern.

  16. Als Arbeitgeber hätte ich kurz große Augen gemacht und dann nett lächelnd gesagt: Sie sind ja ein richtiger kleiner Fuchs!

    Danach hätte ich in der ortsansässigen Tageszeitung eine Stellenausschreibung aufgegeben und bis zur Findung geeigneten Personals wieder selbst ins Fahrzeug gestiegen.
    Diese Mühe habe ich mir bereits einmal gemacht.

  17. Uff – das erinnert mich an eine ehemalige Filialleiterin, die auch gern mit der Arbeitszeit schlabberte. Hat sie am Ende den Job gekostet. Wir waren alle etwas überrascht, als die Stellenleitung uns eröffnete, das sei Betrug und dafür gäbs keine Abmahnung mehr, sondern die sofortige Kündigung.

    Das war noch vor den Geschichten mit unterschlagenen Pfandbons und alten Brötchen, die medienwirksam vor Gericht landeten, da bestand das Bewusstsein noch nicht so in der Bevölkerung…

Schreibe einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Bitte beachte die Nutzungsbedingungen des Bestatterweblogs!

Du bist ein Troll? Fein! Dir kann geholfen werden. Klicke hier!

Dein Kommentar ist nicht erschienen? Dann klicke bitte hier für weitere Informationen!

Diese Smileys kannst Du nutzen, und das bedeuten die Zeichen oben in der Textbox.