Skonto und Prozente

Herr Schwäbli und seine Frau sind recht angenehme Kunden. Etwas hilflos, sehr dankbar für unsere Hilfe und sehr gut führbar.
Insgesamt haben wir ihnen eine würdige Trauerfeier für die verstorbene Schwester des Herrn Schwäbli zu einem annehmbaren Preis ausgerichtet.

1.800 Euro muß Herr Schwäbli bezahlen und möchte das gerne in bar erledigen.

Das ist eine gute Idee. Ich habe dann mein Geld und muß der Zahlung nicht hnterherlaufen und er bekommt als kleines Dankeschön 3% Skonto.

Also sitzt das Ehepaar Schwäbli nun vor mir, er hat den Umschlag mit dem Geld von der Bank in der Hand und es beschäftigt ihn eine schwerwiegende Frage, die ihn schon den halben Nachtschlaf gekostet hat.

„Sie geben mir also 3% Skonto, vielen Dank, aber ich habe ein Problem…“

„Georg!“ unterbricht ihn seine Frau, „Geht das schon wieder los?“

„Laß mich, ich mach das schon.“

„Georg, bitte nicht!“

„Ach, sei ruhig, ich mach das.“

Ich bin gespannt, was Herr Schwäbli machen will und lehne mich zurück.

„Ja, es ist so. Man gibt doch immer ein Trinkgeld und ich komme mit dem ganzen Trinkgeld immer durcheinander…“

Frau Schwäbli schneidet ihrem Mann das Wort ab: „…und weil er nie weiß, wie viel er geben soll, gibt er immer zehn Prozent.“

Ich sage: „Das mache ich auch so, zehn Prozent sind eine gute Richtschnur.“

„Aber er gibt immer genau zehn Prozent, ganz genau! Wenn wir im Café 5,70 Euro bezahlen sollen, dann würden Sie wie viel geben?“

Naja, das ist nicht schwer, zwar habe ich die zehn Prozent so als Richtschnur im Hinterkopf, aber bei fünf Euro siebzig würde ich sechs Euro geben, also einfach aufrunden. Das sage ich auch zu Frau Schwäbli: „Sechs Euro.“

„Sehen Sie, ich auch! Aber mein guter Georg gibt genau zehn Prozent und dann sagt er immer: ‚Ich gebe Ihnen zehn Prozent Trinkgeld, aber ausrechnen müssen Sie sich das selbst. Dann kann sich die Bedienung 57 Cent draufschlagen, das gibt dann immer ganz krumme Beträge und eine ewige Hin- und Herwechselei und jede Menge Kleingeld. Peinlich, voll peinlich!“

„Ja, aber wieso?“ meldet sich Herr Schwäbli zu Wort: „Zehn Prozent sind zehn Prozent, basta!“

Ich ahne was er vor hat und will ihn bremsen: „Ja, aber Sie hatten jetzt nicht vor, auch uns zehn Prozent zu geben, nicht wahr?“

„Doch, doch, und das lasse ich mir auch nicht nehmen. Ich bin so was von zufrieden und ihre Männer, die meine Schwester abgeholt haben, die haben das so feierlich und würdig gemacht, allein denen will ich gerne 50 Euro zukommen lassen. Dann noch wenigstens 50 Euro für die Leute, die bei der Trauerfeier dabei waren und überhaupt. Nein, zehn Prozent sind in Ordnung.“

Das wäre also 180 Euro, ich muß zugeben, das ist eine Menge, aber nun auch wiederum nicht so ungewöhnlich. Hundert Euro lassen viele Kunden da, manche geben es direkt den Fahrern und dem Personal, manche mehr, manche weniger, manche auch gar nichts.

„Ja, und worin besteht jetzt ihr Problem, Herr Schwäbli?“

Statt seiner antwortet sie: „Ach, der kann jetzt nicht schlafen, weil er nicht weiß, ob erst die 3 Prozent Skonto abgezogen werden und er dann auf den Rest Trinkgeld gibt oder ob er das erst gibt und dann die drei Prozent von den 1.800 Euro abgezogen werden oder ob er die 180 Euro auf die 1.800 draufrechnen lassen soll und dann davon 3 Prozent Skonto will.“

So sind sie eben manchmal, unsere Senioren…
Ich schlage vor, daß ich ihm zunächst mal die drei Prozent ausrechne und vom Rechnungsbetrag abziehe. Dann zahlt er den Restbetrag und kann dann das mit dem Trinkgeld so halten wie er mag.

Herr Schwäbli ist froh, daß ihm jemand die Entscheidung abnimmt. Der Restbetrag macht 1.746 Euro aus.
Herr Schwäbli nimmt ein Blatt Papier und rechnet schriftlich, nach einer Methode die ich gar nicht kenne, aus, daß er nun 174 Euro und 60 Cent Trinkgeld geben müßte, davon will er aber noch drei Prozent abziehen. Das sind 5,24 Euro, rechnet er aus…

„Georg, Du spinnst!“

Ich mische mich ein, weil ich sehe, daß Herr Schwäbli einen hochroten Kopf bekommt, so wichtig ist ihm das.

„Lassen Sie es gut sein, Sie brauchen wirklich nicht so viel Trinkgeld geben, wenn Sie etwas geben wollen, so freuen sich meine Leute, aber 170 Euro sind zuviel.“

„Es sind ja auch nur 169 Euro und 35 Cent“, triumphiert Herr Schwäbli und blättert mir 170 Euro hin: „Ich bekäme dann noch 65 Cent zurück!“

Was soll ich machen? Ich lasse ihm seinen Willen.

Als die Schwäblis gehen, dreht sie sich nochmal um, so daß er es nicht sieht, macht eine beschwichtigende Handbewegung und tippt sich kurz mit dem Finger an die Stirn.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

Download PDF PDF erzeugen
  • Veröffentlicht am: 8. Mai 2008
  • 15 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

15 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Ich schmeiss mich weg – so darf der Tag weitergehn……

    Kopf —-> Tisch

    Leute gibts…..

    Liebe Grüße aus Bielefeld
    Bine

  2. Moment… ich bin zwar noch im halbschlaf, aber hat er von dem preis wo 3% abgezogen sind nochma 3% abgezogen beim trinkgeld?
    Und 10% per hand ausgerechnet?
    Und es gibt Menschen di dabei so… pedantisch sind?

    …Kaffee

    Könnte fast ein Mitarbeiter in der Nicht-Bank von vorhin gewesen sein^^

  3. @Matze:
    Ja es gibt Menschen die selbst beim Trinkgeld so pedantisch sind.

    Aber 170€ Trinkgeld würde ich auch nehmen :-)

  4. Irgendwie finde ich den alten Herrn und seine Marotte liebenswert. Wären alle „schwierigen Menschen“ nur auf diese Art und Weise schwierig, hätten wir eine Menge Probleme weniger auf dieser Welt.

  5. Ich bin enttäuscht! Die Frage ob zuerst Skonto und dann Trinkgeld oder andersrum wurde nicht hinreichend diskutiert.

    Dafür dass das den gleichen Endbetrag ergibt, hätte man ruhig noch eine Stunde darüber streiten können!

  6. @officeblog: 7 von 10 Leuten können keine Prozentrechnung – das sind über 80 %!

    Salat

  7. @undertaker: Die Rechenmethode würde ich gerne mal wissen.. Mehr als einfacher Dreisatz und Multiplikation mit 1=100% fiele mir nicht ein…

    Immerhin gibt er mehr als angemessenes Trinkgeld und ist zufrieden mit der Leistung. Dass es da Marotten gibt, würde mich in keinster Weise stören.

    Immer noch besser als diese „Ich bin Schüler/Student/meine Katze hat Durchfall und ich kann kein Trinkgeld geben“ – nichmal auf die 6€ wird dann aufgerundet. Klar, wenn man schon wenig Geld hat, dann geht man ja auch so oft aus, dass sich die täglichen 30cent auf 9€ aufsummieren… Klar :-)

  8. Moin.

    Aber die Frage bleibt: Wie wird der Betrag jetzt ünter der Belegschaft verteilt? Ist ja arg krum…

  9. Ich schrieb schon mal darüber. Früher haben wir solche Trinkgelder gleich verteilt. Aber manchmal ist das dann nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Seit Jahren sammelt Frau Büser das und verteilt die Gesamtsumme am Ende des Jahres immer kurz vor Weihnachten.

  10. You made my day.

    Bei Bekannten hat sich folgendes zugetragen:

    Er und Sie beim Einkaufen, große Rabattaktion auf Klamotten, beide schalgen richtig zu und schleppen 10-12 Teile zur Kasse.
    Die Kassiererin tippt fröhlich alles ein und zieht dann die 10 % ab. Da kommt er steil aus der Kurve:

    „Entschuldigung – wäre es nicht günstiger für und, wenn Sie die 10 % von jedem Teil abziehen?“

    Sie ist kurz vor der notwendigen Defibrilation – gelernte Bankkauffrau.

    Ihre Reaktion war ganz ähnlich der von Frau Schwäbli, allerdings hat sie ihm mit einem liebevoll eingeworfenen: „Halt die Klappe bei Sachen von denen Du nichts verstehst“ auch noch seine Grenzen aufgezeigt.

    Gruß

    Sam

    By the way – fleissig, fleissig lieber Tom, ich hab ja richtig was zu lesen. Nicht viel zu tun im Gewerbe zur Zeit?

  11. „So sind sie eben manchmal, unsere Senioren…“
    Unsere Schwaben, muss es heissen, unsere Schwaben. ;-))
    Wollen wir mal wenigstens in dem Punkt genau sein.

  12. ich finde es ziemlich fies, dass der mann den namen „schwäbli“ bekommen hat. das soll doch was suggerieren..

  13. Des war koi rechter Schob. Des ko koiner gwäa sei.
    Zea Prozent, noi – i glaubs net.

Schreibe einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Bitte beachte die Nutzungsbedingungen des Bestatterweblogs!

Du bist ein Troll? Fein! Dir kann geholfen werden. Klicke hier!

Dein Kommentar ist nicht erschienen? Dann klicke bitte hier für weitere Informationen!

Diese Smileys kannst Du nutzen, und das bedeuten die Zeichen oben in der Textbox.