Sonntagsgeld

Ich bin ja noch in einer Zeit groß geworden, in der Kinder ihr Taschengeld nicht einklagen konnten und man mit 50 Pfennig Sonntagsgeld zufrieden war. Taschengeld habe ich erst mit 15 oder so bekommen, zunächst ganz stolze 10 Mark im Monat (für Uneingeweihte: Mark = echtes Geld). Dann kam die großartige Zeit als ich ledig, jung und frei war, da hatte ich manchmal sogar mehr als 10 Mark in der Geldbörse.
Heute als Ehemann und Familienvater bin ich wieder bei den 50 Pfennig angekommen. Na gut, ich will ehrlich sein, es sind 50 Cent.

Aber was wollte ich eigentlich erzählen? Ach ja:

Sonntags gehen die Leute gerne mal auf den Friedhof und das macht auch Frau Stingelmann. Sie muß sich an die Gepflogenheiten erst noch gewöhnen, sie ist noch nicht besonders lange Witwe und muß das alles erst kennenlernen, deshalb war sie auch am Donnerstag und am Freitag auf dem Friedhof und letzten Sonntag gar nicht. Ach stimmt ja, da war ihr Mann auch noch nicht beerdigt.
Weil sie aber auf dem Weg zum Friedhof bei uns vorbei muß, klingelt sie mal eben und will ihre Rechnung bezahlen.

Die haben wir aber noch gar nicht ausgedruckt, so kurz nach der Beerdigung schicken wir die noch nicht raus.

„Macht nichts, dann gehe ich jetzt erst auf den Friedhof und komme anschließend wieder.“

Nun ja, was soll ich machen? Rechner hochfahren, Druckerpapier nachfüllen, Akte ziehen, alles durchkontrollieren, Rechnung ausdrucken, eintüten, Quittung vorbereiten, warten.

Eine gute Stunde später kam sie dann, bedankt sich ausführlich für die gute Betreuung, schaut die Rechnung durch, findet alles in Ordnung und schaut auf den Betrag.

„1.695 Euro, kein Problem.“

Sie hat das Geld in bar in einem Umschlag in ihrer Handtasche und zählt mir 34 Stück 50-Euro-Scheine auf den Tisch.
Ich zähle nach und sie sagt:

„Stimmt so!“

Ach, das freut mich aber. So ein kleines Trinkgeld freut einen doch immer, ganz ehrlich und ohne Sarkasmus. Also bedanke ich mich artig und will gerade die Scheine in meine Schublade schieben, da meldet sich Frau Stingelmann nochmals:

„Aber Moment, wenn ich recht überlege, dann sind sie ja der Chef hier und einem Chef gibt man kein Trinkgeld.“

Ich selbst beherzige diese Regel zwar nicht, aber gut, wenn es so sein soll… So bekommt sie also fünf Euro zurück, die sie auch brav in ihre Handtasche steckt. Ich schreibe ihr noch die Quittung aus und dann öffnet sie den Clips ihres kleinen Geldbeutels und legt mir mit abgespreiztem kleinen Finger 50 Cent hin: „Für sie!“

Na, hat also doch noch geklappt mit dem Sonntagsgeld.

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  • Veröffentlicht am: 31. August 2008
  • 23 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

23 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Dass man dem Chef kein Trinkgeld gibt ist aber wirklich lange Tradition ;)

  2. Kein Kommentar… Ich bin mit „dem CHef gibt man kein Trinkgeld“ einmal in Kontakt gekommen, da hat der Chef es abgelehnt, dass ich Ihm etwas gebe.

    Auf die Idee, kein Trinkgeld zu geben, weil der Chef bei mir kassiert, käme ich nie – wer weiß, wer da alles wirklich hintersteckt.

    Wobei – ich kenne auch Eisdielen, wo ich von Freunden aufgefordert wurde, kein Trinkgeld zu geben, weil das eh der Chef bei der Abrechnung einsteckt und nicht etwa, wie es – rein vom Servicegedanken eh komisch ist – auf alle Beschäftigten aufteilt sondern in sein Auto investiert… oO

  3. Haha, gut dass du in keiner klassischen Dienstleistungsbranche arbeitest in der man als Arbeitnehmer auf Trinkgeld angewiesen ist, wie Gastronomie.
    Ein Erlebnis mit einem Kumpel bei einem Italiener ist mit ähnlicher Großzügigkeit mal recht peinlich geendet. Zu bezahlen hatte er genau 12 EUR. Also drückt er dem Kellner beim Kassieren etwas die 12 EUR in die Hand, wühlt dann in der Geldbörse und drückt ihm dann noch 10 Cent in die Hand. Diese ließ der Kellner dann wortlos auf den Tisch fallen, drehte sich um und ging…

  4. An die Zeiten, als es noch das „echte Geld“ gab erinnere ich mich auch mit Wehmut zurück.

  5. @3
    ok, da würde ich nie wieder essen (und mich beim chef beschweren)

  6. @Christian H.

    dazu gibts nur zu sagen: Ein Kellner, der seine Kunden nicht absolut gleich behandelt, egal ob er 10 Cent oder 10 Euro bekommt, der hat seinen Beruf verfehlt.
    Im Gegenteil, bei 10 Cent wär ich besonders freundlich, wenn nämlich der Kunde kein Vollpfosten war (kommt ja auch vor), dann hat am Service was nicht gestimmt.
    Ein Profi lässt sich jedenfalls nie etwas anmerken.
    Beim Italiener sind nur leider oft keine Profis am Werk. Ist mir jedenfalls schon oft passiert, dass dort z.B. Getränke nicht nach Bestellung, sondern nach dem Zufallsprinzip verteilt werden, das Weissbier fast die gleiche Temperatur hat wie der Capuccino und der Salat grundsätzlich unangemacht serviert wird.

  7. Das mit dem „Dem Chef gibt man kein Trinkgeld“ hast du doch schon mal in einer anderem Eintrag erwähnt. Damals hat doch eine Haushälterin dir was geben wollen, nachdem ihr einen Sarg die Treppe runter getragen habt und sie dabei an jeder Haustür erzählen musste, dass so und so verstorben sei etc..

    Naja..wenigstens hat sie es dann mit dem Trinkgeld doch sein lassen, da man den Chef nun mal nichts gibt.

    Korrigiere mich, falls ich mich irren sollte.

  8. Bei 10 Cent Trinkgeld besonders freundlich sein… na, Jedem das Seine.

  9. Das kommt davon, wenn man sein ganzes Taschengeld in die Chauvi-Kasse tuen muss.
    [QUOTE]
    Gut, 5 Euro in die Chauvi-Kasse und weiter im Text:
    [/quote]

  10. wirklich verstanden hab‘ ich die Sitte auch noch nie, aber mein Vater hat da früher im Restaurant auch immer peinlichst drauf geachtet. Er vertrat sogar die Ansicht, dass man den Chef mit Trinkgeld beleidigen würde. Kann ich mir irgendwie nicht vorstellen, aber nun gut, wenn er meint…

  11. das stammt aus der „guten“ alten zeit:
    als bürger aus besserem hause nutzt man trinkgeld als zeichen der zufriedenheit für dienstmägde, pagen und ähnliches personal, für deren dienste man eigentlich nicht direkt zahlen müsste.
    einem (sozial gleichgestellten) firmeninhaber trinkgeld anzubieten wäre eine beleidigung, da man ihn damit entweder auf eine stufe mit niederem personal stellt oder suggeriert dass er almosen nötig hat.

  12. Naja, Trinkgeld ist so ne Sache… ich bin einerseits nicht toedlich getroffen, wenn’s kein Trinkgeld gibt, andererseits ists in manchen Situationen schon eine persoenliche Beleidigung. Trinkgeld ist eine Aufmerksamkeit, um die Aufmerksamkeit zu quittieren, die der Kellner dem Gast zukommen laesst.

    Dass kein Trinkgeld eine Anspielung auf schlechten Service sein soll, kann ich nicht teilen. Das ist aus meiner Erfahrung oft purer Geiz. Schliesslich behandele ich jeden Gast gleich freundlich und das BEVOR es ans Bezahlen geht. Und oftmals ist es so, dass gerade die, die die meiste Aufmerksamkeit und gewisse Extras bekommen, kaum Trinkgeld geben. Das trifft einen schon mehr oder weniger.

    Waere ich etwas spontaner gewesen, dann haette ich die 10 Cent demjenigen auch ohne mit der Wimper zu zucken zurueck gegeben, der beim Bezahlen arrogant zu seinem Nebenmann sagte: „Ich hab mir wieder abgewoehnt, Trinkgeld zu geben, nachdem ich es mir in den Staaten angewoehnt hatte.“ Das war nur noch dreist (und ich zu perplex, um ‚korrekt‘ zu reagieren).

    Grundsaetzlich hat jeder Gast guten und freundlichen Service verdient, sonst waere ich falsch in meinem Job. Natuerlich kann man als Bedienung mit dem einen Gast mehr, als mit dem anderen. Das ist normal. Und jeder bekommt ein ehrlich gemeintes Dankeschoen und Tschuess, ganz gleich, wieviel Trinkgeld er da gelassen hat.

  13. Trinkgeld ist sone Sache…
    Wenn ich in meiner Stammbar Trinkgeld hinterlassen möchte, meinen meine Kellner meistens „nee lass mal, ist nicht nötig, wir kennen uns doch“. Die wollen von ihren Freunden nix kriegen… Naja ok.
    Hatte aber – glaube zu Beginn der Feriensaison 07 – mal einen Artikel gelesen, dass man sich auch mit einem großzügigeren Trinkgeld in manchen Regionen und Ländern unbeliebt machen kann, da man das dann in manchen Ländern als „überhebliche Westeuropäer“ abstempelt, und man selber vllt. wirklich nur den guten Service honorieren wollte.
    Aber bei 10 ct. und dann am liebsten noch mit dem Spruch „Aber nicht alles auf ein Mal ausgeben“, da würd ich bei aller Freundlichkeit das Geld auch liegen lassen…

  14. Ich hab mir das Trinkgeldgeben angewöhnt, seit ich selbst mal in der Gastronomie gearbeitet habe. Dann weiß amn erst, wie schön Trinkgeld ist :)
    Mein größtes Trinkgeld auf einen Schlag waren 8 Euro bei 2 Euro Rechnung. 30, stimmt so :)

  15. „Dass kein Trinkgeld eine Anspielung auf schlechten Service sein soll, kann ich nicht teilen. Das ist aus meiner Erfahrung oft purer Geiz.“

    Ehrlich? Komisch..Trinkgeld ist für mich eine Anerkennung für guten Service…und wenn eine kellnerin unfreundlich und mürrisch ist und ewig braucht bis ich hab was ich bestellt hab…dann gibts nachher keins. War alles ok dann gibt Trinkgeld…so einfach ist das und die meisten meiner bekannten halten das genauso. Wenn ich mich irgendwo über den Service ärgere, dann gibts nix extra…allerdings auch keine 10ct, das fänd ich dann auch zu blöd.

    Wobei es meiner freundin aber schon aus Versehen passiert ist daß sie aufgerundet hat und sich dabei schlicht vertan hat…hinterher wars ihr sehr peinlich daß es nur 20ct waren*g*.

  16. Meine Tochter arbeitet in den Ferien für 3,50 Euro / Stunde in einer italienischen Eisdiele mit. Sie ist 18.

    Allerdings muss sie sämtliche Trinkgelder beim Chef abliefern…

  17. also ich hab da keine Probleme mit und nehme alles … :)

    allerdings hatte ich das (zugegebenermassen wenige) Geld immer mit in die Kaffeekasse gesteckt mit der unsere Bürofrauen 1x im Jahr essen waren oder das sonstwie auf den Kopp gehauen wurde.

  18. Wie schau es denn bei den Bestattern aus? Angenommen das Event war wirklich gut, welche Höhe würdet ihr „erwarten“ bzw. selbst geben? Bei 1695 EUR 5 EUr ist wirklich ein wenig „dünn“, aber wieviel wäre „ok“?

  19. aus welchem Depot ziehst Du eigentliche die entsprechende Aktie um daraus eine Rechnung zu zelebrieren und verwahrst Du tasächlich effektive Stücke im Büro?

  20. Aktie war auch nicht schlecht. Wäre doch mal ein nettes Zusatzgeschäft. „Investieren Sie jetzt in Bestatteranleihen. Banken können Kollabieren, aber gestorben wird immer!“ ;)

    Zum Trinkgeld: Ich bin Azubi und muss als solcher auf jeden Cent achten. Da bin ich häufig froh, wenn’s überhaupt für einen Cocktailabend mit Freunden oder Kollegen reicht. Auch wenn ich nur 20 oder 30 Cent als Trinkgeld gebe, ist das für mich schon Geld. Daher denke ich, dass allein die Geste schon zählt. Man zeigt einfach, dass man zufrieden ist und fertig.
    Was die Dame aus dem Artikel angeht, so finde ich das irgendwie süß. Hätte meine Oma sein können. :D

  21. OK, 5€ Trinkgeld. Aber erst wenn ich vorher 10% Rabatt bekomme und 2% Skonto.

  22. Wie süss…. werd ich mir auch angewöhnen… Und die 50c Stücke in ner parfümierten Geldbörse aufbewahren, so dass sie richtig nach Mottenkugeln riechen 8-)

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