Sprachlos

Manchmal ist man sprachlos, wenn man die Umstände erfährt, die zum Tode eines Menschen geführt haben.
Der Verstorbene, den wir seit heute Morgen zu betreuen haben, hat sich nur ein Bad einlassen wollen, dabei muß er mit dem Badewannenvorleger weggerutscht sein. Er war daraufhin so unglücklich zwischen Badewanne und WC gestürzt, daß er sich schwere Verletzungen am Kehlkopf und am Becken zugezogen hatte. Offenbar war der 42-jährige daraufhin weder in der Lage, um Hilfe zu rufen, noch war es ihm möglich aufzustehen.

Zehn Tage hat er so da gelegen, verstorben ist er vermutlich erst am zweiten Tag seines Martyriums.
Erst als gestern die hauseigene, zentrale Klimaanlage vorübergehend ausgefallen ist, haben Hausbewohner gehört, daß unentwegt Wasser läuft. Der wegen der Klimaanlage herbeigerufene Hausmeister hat daraufhin die Wohnung geöffnet und die Leiche entdeckt.

Da der Hausmeister auch die von innen vorgelegte Sperrkette zerstören mußte, kann ein Fremdverschulden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden.
Die Geruchsentwicklung hielt sich in Grenzen, weil das fensterlose Bad mit einer aufs Dach führenden automatischen Entlüftungsanlage ausgerüstet ist. Die Fenster, vor allem im Wohnzimmer, waren von innen schwarz vor lauter Fliegen.

Die Überführung des Verstorbenen erfolgte im Auftrag der Polizei, inzwischen hat sich aber eine Schwester des Verstorbenen gemeldet, die heute noch aus Berlin anreisen will, um die Angelegenheit in die Hand zu nehmen.

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  • Veröffentlicht am: 18. August 2008
  • 8 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

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  1. Man macht sich kein Bild davon, wie schnell man in hilflose Situationen kommen kann. Die Tage bin ich mitsamt Sessel eines Freundes aufgrund von Matarialbruchs rückwärtig in dessen Zimmerecke mit Unterhaltungselektronik gekippt. Ich bin aus der Lage alleine – wie eine Schildkröte eingekeilt auf dem Rücken liegend – nicht rausgekommen – weder seitlich, noch nach Vorne oder nach Hinten ging was.

    Und wenn ich mir jetzt vorstelle, da schwer verletzt und ohne Freund, der sich sehr um seine CD-Sammlung sorgte, gelegen zu haben …

  2. Yep, sowas kann schneller kommen, als man denkt.
    Ganz gefährlich ist auch Schokolade. Wenn man sich daran verschluckt, bleibt das Mistzeug im Hals kleben, dann ists Essig mit Atmen…

  3. @Neuling

    Wie bitte kamst du denn da nicht aus? Wenn man sich Kehlkopf und brechen, wie in dem Fall hier, schädigt versteh ich das ja… aber ein gesunder Mensch?

  4. Vielleicht bekommt ihr den Auftrag, verdient hättet ihr es ja, wenn ihr schon den schweren Teil zum städtischen Pauschaltarif geleistet habt.
    Reinigt ihr dann auf Wunsch auch den Fundort, oder habt ihr dann eine Spezialfirma in Eurer Visitenkartensammlung?

  5. @Silvio: Das geht ganz einfach. Man liegt eingerollt auf dem Rücken in einer Ecke, die Beine durch den schweren Sessel niedergedrückt befinden sich oberhalb des Kopfes. Man befindet sich als in einer Position, in dem einen ein Gegner in einem sportlichen Ringkampf gerne sehen will, denn er hat ihn damit vollkommen unter Kontrolle und den Kampf gewonnen. Zur Seite ausweichen geht nicht, da dort die beiden Wände der Ecke sind, dazu noch allerhand elektronisches Gerät, das zusätzlich die Bewegungsfreiheit einschränkt.

    Ob ich mit brachialer Gewalt da heraus gekommen wäre, wäre noch die Frage. In Angesicht des empfindlichen Geräts und dem Erhalt unserer Freundschaft willen, habe ich von solchen Versuchen Abstand genommen.

  6. Bitte? Da liegt ein Mensch 1 Tag tot in der Wohnung und Dracula und seine Krieger übernehmen die Macht? Alles war voller Fliegen, ernsthaft? War das vielleicht nicht eher der zwölfte – und nicht der zweite – Tag, an dem er gefunden wurde?

  7. Du musst schon etwas genauer lesen, Erich.
    Er lag dort zehn Tage. Und gestorben ist er vermutlich am zweiten Tag.

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