Trauerfeier zum Zweiten

Das habe ich in all den vielen Jahren auch noch nicht erlebt. Da kommt tatsächlich gestern am frühen Nachmittag ein Ehepaar zu mir und bestellt eine Trauerfeier. Nur eine Trauerfeier. Ich war etwas irritiert, denn ich erfuhr von Ihnen, daß der Vater bzw. Schwiegervater letzte Woche Freitag verstorben war und natürlich ging ich davon aus, daß wir auch die komplette Beerdigung übernehmen sollen.

„Nein, die ist doch heute Morgen schon gewesen!“

„Ja, wie jetzt?“ entfuhr es mir und die beiden schauten sich an und erklärten mir, daß sie mit der ganzen Abwicklung der Trauerfeierlichkeiten nicht viel zu tun gehabt hätten. Der Vater hatte vor einigen Jahren, nach dem Tod seiner Frau, eine Bestattungsvorsorge bei der Pietät Eichenlaub abgeschlossen. Jetzt sei alles vollautomatisch abgelaufen. „So als gäbe es uns gar nicht. Auf unsere Wünsche ist gar nicht eingegangen worden, wir wurden da komplett rausgehalten und es hieß immer nur: Das hat der Herr Semmelweiß selbst so bestellt. Dabei wollten wir gar nicht von seinen Wünschen abweichen, aber im Laufe der Zeit hat der Papa immer mal wieder von seiner Beerdigung gesprochen und seine Wünsche geäußert. Aber das wußten die vom Institut ja nicht und sind jetzt nach Schema F vorgegangen.“

Das ist eine üble Situation, die ich allerdings schon oft erlebt habe. So sehr ich auch immer für eine Bestattungsvorsorge plädiere, so geschieht das ja vor allem vor dem Hintergrund, daß ich immer wieder mit Hinterbliebenen konfrontiert bin, die nicht den blassesten Schimmer haben, wie der Verstorbene bestattet werden wollte. Erde oder Feuer? Keine Ahnung…
Besonders Männer neigen ja dazu, schnell mal zu sagen, daß sie ab in die Kiste und dann irgendwo auf dem Acker verscharrt werden wollen, bloß kein Theater veranstalten. Die wenigsten wollen das aber wirklich, es scheint auch ein bißchen der Rolle des Mannes zu entsprechen, auch beim Thema Trauer keine Gefühle zulassen zu wollen und sich auch mit dem Thema nicht detailliert beschäftigen zu wollen.

Manche raffen sich zu einer Bestattungsvorsorge auf, bestellen dann im ersten Überschwang eine anonyme Urnenbestattung, eben ohne viel Brimborium und wenn sie dann alt und krank auf dem Sterbebett liegen, kommen die Gefühle und es werden doch andere Wünsche geäußert. Spielt dieses Lied! Legt mir Rosen auf den Sarg! Ich will ein buntes Fest anschließend! usw..

Hier muß der Bestatter Fingerspitzengefühl beweisen, um herauszufinden, was denn nun Änderungswünsche der Angehörigen sind, die dem Willen des Verstorbenen widerstrebt hätten, oder ob es sich wirklich um neuere Wünsche des Vorsorgepartners handelt, die die bereits notierten Wünsche sozusagen ‚überschreiben‘.

„Wir saßen da heute Morgen und das alles lief ab wie ein Film. So hat mein Vater das nicht gewollt“, sagte der Mann zu mir und ich hakte nach: „Wie ist es denn gelaufen und was hätte ihr Vater gewollt?“

„Der hat sich für eine Feuerbestattung entschieden…“

Ich unterbrach ihn: „Also gab es keine Beerdigung, sondern nur eine Trauerfeier?“

„Ja genau, eine Trauerfeier mit dem Sarg. Jetzt ist der Sarg zum Krematorium gebracht worden. Mein Vater hat gesagt, daß er gerne des Männergesangsverein dabei gehabt hätte. 40 Jahre war er da Mitglied und die Sangesbrüder hätten so gerne bei der Trauerfeier und am Grab etwas gesungen. ‚Das geht nicht!‘ hat die Frau vom Institut gesagt: ‚Davon steht nichts in den Unterlagen.‘
Dann hat mein Vater sich gewünscht, daß keiner in Trauerkleidung kommt. ‚Die sollen alle so kommen, wie ich sie gekannt habe.‘
Außerdem hat er immer wieder jetzt zuletzt gesagt, daß es anschließend ein schönes Fest geben soll, auf dem sein Leben gefeiert werden soll. ‚Die Leute sollen sich an die vielen schönen gemeinsamen Stunden erinnern und nicht nur darüber jammern, daß ich dann tot bin‘, das hat er immer gesagt.“

Seine Frau nickte heftig und beteuerte: „Das haben wir auch alles dem Institut gesagt, aber die hatten alles schon bestellt, sogar die Zeitungsanzeige und in der stand, so wie mein Schwiegervater das vor langer Zeit mal gesagt hat, daß die Trauerfeier nur im engsten Kreis stattfindet. Wir saßen da mit fünf Leuten, das ist doch jämmerlich. Der Pfarrer hat überhaupt nicht vom Papa gesprochen, nur von Gott und Asche und Religion. Dabei hat Papa gesagt, daß sein Freund Karl die Trauerrede halten soll, der kenne ihn am Besten. Und das Ave Maria haben sie gespielt, das mochte Papa nicht mehr, weil sie es bei der Beerdigung seiner Frau gespielt haben. Die haben zwar alles so gemacht wie Papa es mal bestellt hatte, aber die haben uns gar nicht angehört, als wir sagten, wie er es jetzt haben will.“

„Jetzt haben wir uns überlegt, daß man doch auch so eine Trauerfeier mit der Urne machen kann. Wir waren neulich auf so einer Feier von Ihrer Firma“, erklärte mir der Sohn des Verstorbenen: „und da könnte man doch einfach noch eine Feier machen. So wie mein Vater es gewollt hätte. Geht das?“

Warum sollte das nicht gehen? Die Pietät Eichenlaub hat jetzt mit dem weiteren Ablauf im Grunde nichts mehr zu tun. Sie hat den Sarg zum Krematorium gebracht, dort wird er eingeäschert und die Friedhofsverwaltung bestellt die Familie zur Urnenbeisetzung auf den Friedhof. Grabaushub, Beisetzung der Urne usw., das erledigt alles die Verwaltung. Kein Problem, sich da jetzt einzuklinken.

Das Ehepaar Semmelweiß war froh und diktierte mir eine Liste mit den Wünschen des Verstorbenen.
So wird also Herr Semmelweiß sen. zwei Trauerfeiern bekommen. Sehr ungewöhnlich.

Was wir in den letzten Jahren allerdings schon mehrfach hatten, sind so genannte Gedenkfeiern.
Etwa ein Jahr nach der Beerdigung kommen dann die Angehörigen nochmals zusammen, besuchen – wenn sie gläubig sind – eine Messe oder kommen zu uns in die Trauerhalle. Dort hören sie Musik, es werden manchmal auch kurze Ansprachen gehalten oder Texte vorgelesen, oft mit einem Foto des Verstorbenen im Mittelpunkt. Dann geht man gemeinsam zum Grab, um endgültig Abschied zu nehmen. Danach, so erkläre ich dann oft den Witwen, vor allem denen, die nicht loslassen können, sei die offizielle Trauerzeit herum.
Diese Gedenkfeiern erfreuen sich steigender Beliebtheit. So bieten sie zum Beispiel auch denjenigen eine Möglichkeit, ihre Verbundenheit und Anteilnahme zu zeigen, die damals bei der Beerdigung nicht dabei sein konnten.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

Download PDF PDF erzeugen
  • Veröffentlicht am: 26. Juli 2008
  • 7 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

7 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Nunja finde eigentlich gut wie das andere Unternehmen gehandelt hatt, schließlich hat er eine Vorsorge abgeschloßen, hätten sie es anderes gemacht würde es wieder heißen das sie sich nicht daran halten etc..

  2. Die Crux liegt in dem kleinen Wort „Fingerspitzengefühl“.
    Darum geht es.

    Eine Trauerfeier wird zwar nach den mutmaßlichen Wünschen des Verstorbenen ausgerichtet, aber ihm selbst bringen sie nichts mehr. Es sind die Angehörigen, im Mittelpunkt stehen. Sie trauern um einen Menschen, der ihnen was bedeutet hat. Und ich habe bei Tom nichts anderes gelesen, als das er da versucht, die Gratwanderung zu schaffen.
    Das geht halt nicht immer, aber so wie es die Eichenlauber gemacht haben, isses völlig daneben, die Trauernden hatten keinen Anteil am Ablauf und konnten entsprechend auch nicht trauern – und das ist notwendig um abschließen zu können.

  3. Zum Thema ,,Gedenkfeier“: Zumindest hier im Münsterland(na gut, FAST im Münsterland ;-) ) ist sowas als ,,Jahresamt“ recht weit verbreitet und wird quasi von allen Familien gefeiert.

  4. Für meinen Großvater gabs hier auch nur eine Trauerfeier, weil die Beerdigung am anderen Ende der Welt stattfand (wo er seit Ewigkeiten wohnte).

  5. Er hatte es in der Hand, seinen Vorsorgevertrag zu ändern. Selber Schuld. Hab ich kein Mitleid.
    Da geb ich den Eichenlaubern voll recht. Dann zieht man das so durch.
    Zu Tom: so ist jedem recht getan, der Tote hat seine stille, versteckte Feier wie schriftlich verfügt, und die Angehörigen die größere Feier. Und in einem Jahr bestellt man beim Pfarrer noch eine Messe, dann ist der auch glücklich. Auf die Idee mit der zweiten Feier hätten die Eichenlauber auch kommen können. Oder sind die nicht so geschäftstüchtig?

  6. @3, nun ja – bei allen stimmt nicht so ganz, da es der katholischen Tradition ent-
    springt. Das Münsterland ist zwar schwarz wie die Nacht, aber es gibt doch auch eine
    erkleckliche Anzahl von anderer Religionszugehörigkeit.

Schreibe einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Bitte beachte die Nutzungsbedingungen des Bestatterweblogs!

Du bist ein Troll? Fein! Dir kann geholfen werden. Klicke hier!

Dein Kommentar ist nicht erschienen? Dann klicke bitte hier für weitere Informationen!

Diese Smileys kannst Du nutzen, und das bedeuten die Zeichen oben in der Textbox.