Urnenausgrabung

Frau Magda Richterlein hatte vor 14 Tagen die Urne ihres Mannes Gustav beisetzen müssen. Gustav Richterlein laborierte sei vier Jahren an den Folgen eines schweren Schlaganfalls, der ihn halbseitig gelähmt und sein Sprachzentrum zerstört hatte, somit war er rund um die Uhr auf die Pflege durch seine Frau angewiesen.

Als Herr Richterlein starb, war die Trauer groß, aber man merkte allen an, daß es auch ein Quäntchen Erleichterung gab. Zu sehr hatte die intensive Pflege an den Nerven und Kräften der Familie, besonders von Frau Richterlein, gezehrt. „Das war doch kein menschenwürdiges Leben mehr, wir haben gar nicht gewußt, ob der Papa noch was mitbekommt“, hatte die Tochter gesagt, dann die Hand ihrer Mutter genommen und mir erzählt, daß sie nun die Mutter zu sich nehmen will, damit die „Oma“ jetzt auch mal ein paar schöne Jahre habe.

Gustav Richterlein hatte deshalb auch ein ganz kleines Urnenreihengrab bekommen, so eines, auf das man eine passende Platte legen kann, damit man nicht viel Arbeit hat und es immer ordentlich aussieht. Wenn die Witwe zu ihrer Tochter gezogen sein wird, ist man einfach zu weit weg, um jeden Tag mal gießen zu gehen.

Heute früh haben wir Frau Richterlein aus dem Krankenhaus abgeholt. Die Tochter hatte uns gestern Abend schon angerufen und uns mitgeteilt, daß nun auch die Mutter gestorben sei.

Alle gemeinsamen Pläne sind zunichte, die Mutter hat den Verlust des kranken Mannes nicht verkraftet. Jetzt soll auch sie eingeäschert werden und die beiden Urnen sollen dann am Wohnort der Tochter in ein gemeinsames Grab kommen.

Hört sich einfach an, ist aber nicht so ganz einfach. Manche Kommunen stellen sich fürchterlich quer, wenn es um die Ausgrabung einer Urne oder gar eines Sarges geht.

Hier bei uns ist es im Wesentlichen von der Laune des jeweiligen Sachbearbeiters abhängig und, so haben wir festgestellt, bei welchem Amt der Betreffende vorher war. War er in einem Amt, das eher konfliktbehaftete Bürgerkontakte zum Tagesgeschäft zählt, z. B. Sozialamt, Ausländerstelle, Bußgeldstelle usw. dann reagieren die Sachbearbeiter häufig auf jedwedes Ansinnen zunächst heftig ablehnend und halten sich stur an den jeweiligen Bestimmungen fest. War der Sachbearbeiter hingegen vorher z. B. bei der Parkverwaltung oder beim Bürgeramt, dann hat man recht gute Chancen, daß der Jeweilige sich richtig für uns ins Zeug legt. Denen ist nämlich immer eingetrichtert worden, daß sie nahezu alles möglich machen müssen und dem Bürger helfen sollen.

An so einen sind wir heute Morgen geraten. Die Unterlagen des jüngst verstorbenen Mannes seien noch auf seinem Tisch, das sei doch kein Problem, er lasse die Urne heute noch wieder ausgraben, das Grab sei ja noch gar nicht angelegt, nur ein bißchen Erde sei aufgewühlt worden, das machen wir ganz unbürokratisch, ab morgen steht die Urne im Krematorium und dann sollen wir bitte eine Grabbescheinigung des auswärtigen Friedhofs beibringen, dann kann die Urne gemeinsam mit der Urne der Frau dort beigesetzt werden.

Na also, geht doch! Ein Hoch auf freundliche Verwaltungsmitarbeiter!

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  • Veröffentlicht am: 8. August 2008
  • 3 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

3 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Ja, es gibt sie tatsächlich: Freundliche, hilfsbereite Mitarbeiter. Es gibt sie sogar in „konfliktbehafteten“ Behörden wie dem Arbeitsamt, man muß nur Glück haben.

  2. Glückliche Mitarbeiter treffen glückliche Entscheidungen. Freuen sich daran, dass sie helfen konnten und bleiben glücklich.
    Solange, bis ein gefrusteter Vorgesetzter Wind davon bekommt, einige Rüffel erteilt und Konsequenzen androht. Nun ist der glückliche Mitarbeiter auch gefrustet und zieht sich, um keinen Ärger mehr zu bekommen in ein Schneckenhaus zurück.
    Jetzt ist der Vorgesetzte glücklich…….

  3. @ Mac Aber

    Amen!

    (Dazu muss ich sagen, bei uns war das so Team klassem Teamleiterin klasse, Abteiliungsleiter klasse.. eine woche später: Team auseinandergerissen, Teamleiter und Abteilungslkeiter versetzt.. naja da ich seit heute morgen 11 Uhr Arbeitslos bin [wusste um fünf vor noch nix davon] bin ich etwas erregt bei dem Tema ^_^ )

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