Wachsleichen

Morgens Fango, abends Tango, so haben lockere Mundwerke immer über die Kuren der vorwiegend älteren Bevölkerung gelästert und man wollte damit herausstellen, daß neben den medizinisch eventuell nötigen Fangoschlammpackungen und anderen Anwendungen viele die Kuren nur besuchten, um es sich mal gut gehen zu lassen. Auf Teufel komm raus, bis alle Kassen leer waren, immer schön in Kur, am liebsten jedes Jahr, wenn’s nicht ging, dann eben alle zwei Jahre, aber dann zusammen mit der Frau, und wenn man nix hatte, dann hatte man eben Rücken oder Bauch, nur nicht Bauchspeicheldrüse, denn da gab’s nix zu essen.

Andere böse Zungen sagen, Fangopackungen hätten ja den Vorteil, daß sich die alten Leute da schon mal an das Liegen in feuchter Erde gewöhnen können.

Dabei ist, und jetzt krieg ich endlich die Kurve, feuchte Erde gar nicht so gut, wenn man mal eben so verwesen will.

Am Besten geeignet ist ein luftdurchlässige Erde, die mal feucht, mal trocken ist, dann sollte der Verwesungsprozess recht zügig und ordentlich ablaufen. Ist die Erde hingegen zu nass, wächst es sich schnell zur Wachsleiche aus. Und Wachsleichen sind Wachsleichen, nicht weil sie noch wachsen, sondern weil sie von einer wachsartigen Masse sozusagen überzogen sind, jedenfalls zerfallen sie nicht und machen deshalb den Friedhofsbetreibern Probleme.

Eine Wachsleiche bezeichnet eine Leiche, die nicht oder nicht vollständig verwest ist. Im Unterschied zur Mumie ist der Verwesungsprozess nicht durch Wasserentzug zum Stillstand gekommen, sondern durch Umbildung der Körperfette zu einer wachsähnlichen Schutzschicht (Adipocire), die die weitere Verwesung verhindert.

Normalerweise wird der Sarg etwa 1,6 bis 2 Meter tief ins Grab gestellt und dieses dann mit Erde verfüllt. Durch die Wasser- und Luftdurchlässigkeit des Bodens soll das Sargholz verrotten und verfaulen und dann der Körper verwesen. Es sind mehr mikrobiologische Prozesse, die da eine Rolle spielen und keineswegs, wie oft geglaubt, Würmer und Maden.
Im Durchschnitt dauert es acht Jahre, bis ein Leichnam verwest ist. Die vom jeweiligen Friedhofsträger festgelegte Ruhezeit orientiert sich an einem Bodengutachten, das ungefähr die Zeit des Vergehens prognostizieren soll. Hieraus ergeben sich die teilweise doch recht unterschiedlichen Mindestruhezeiten auf verschiedenen Friedhöfen. Auf einem Friedhof kann diese Zeit 12 Jahre betragen, weil erfahrungsgemäß Sarg und Leichnam in diesem Zeitraum vergehen, auf anderen Friedhöfen legt man von vornherein, aufgrund anderer Bodenbeschaffenheit, 20 oder gar 30 Jahre fest.

Nebenbei bemerkt kann sich so ein scheinbar günstiges Grab auf dem falschen Friedhof in ein ganz schönes Eurograb verwandeln. Bei einem Friedhof wird einem das Grab für 89 Euro pro Jahr angeboten, auf dem anderen kostet es 120 Euro.
Aber lieber 12 x 120,– bezahlen, als 30 x 89,–.

Zurück zur Wachsleiche:

Ist der Boden nicht luftdurchlässig genug und zu feucht, kommt es manchmal dazu, daß der Zersetzungsprozess nicht wie erhofft abläuft. Die Hautfette des Verstorbenen wandeln sich in Leichenlipide um, die sich im Gewebe einlagern. Es entsteht eine weiße, krümelige, an Wachs erinnernde Substanz auf der Haut der Leiche, die die weitere Verwesung u. U. vollständig verhindert. Der Körper ist sozusagen von einer wächsernen Schutzschicht umhüllt, man spricht dann von einer Wachsleiche.

Solche Wachsleichen sind ein echtes Problem, denn oftmals sind sie selbst nach 45 Jahren und länger noch nicht vergangen.
Aufwendige Maßnahmen sind notwendig, um dafür zu sorgen, daß diese Leichen dann doch noch vergehen. Dazu werden sie entweder in besser geeignete Gräber umgebettet oder der Friedhofsträger versucht durch geeignete Belüftungs- und Entwässerungsmaßnahmen dafür Sorge zu tragen, daß die den Verwesungsprozess behindernden Umstände abgestellt werden.

Friedhöfe, auf denen solche Umstände regelmäßig vorliegen, werden zumeist schon von vornherein mit geeigneten Gräbern ausgestattet. Eine Drainage soll überschüssiges Wasser abführen, Rohre bis zur Erdoberfläche sollen die notwendige Luftzufuhr sicherstellen. Manchmal wird zum Verschließen des Grabes auch besser geeignete Fremderde verwendet.

Erstaunlicherweise besteht dieses Problem auf einem Viertel aller deutschen Friedhöfe, manche sprechen sogar davon daß bis zu 40% der Friedhöfe davon betroffen sein sollen. Daß man nur hin und wieder etwas davon hört, liegt einfach daran, daß das Problem der Wachsleichen einfach totgeschwiegen wird. Man will in diesem ohnehin gefühlsbeladenen Bereich nicht auch noch die Hinterbliebenen schocken und mit solchen Botschaften konfrontieren. Manchmal werden die erforderlichen Maßnahmen mehr oder weniger im Verborgenen dann durchgeführt, wenn das Grab wieder mit einem Verstorbenen belegt werden soll.

Auch betroffen ist ein Friedhof in Ostfriesland. In Ostrhauderfehn, so weist Leserin Anna auf einen Artikel der Netzzeitung hin, hat man sich auch etwas einfallen lassen müssen, um dem Problem zu begegnen.
Näheres dazu kann man hier nachlesen.

Neben den Wachsleichen haben die Friedhöfe es aber auch mit Leichen zu tun, die einfach nicht mehr in der erwarteten Zeit vergehen, obwohl die Bodenverhältnisse eigentlich ganz brauchbar sind. Allerlei chemische Substanzen, Antibiotika, Umweltgifte und sonstige Chemikalien im Verstorbenen und die durchweg bessere Beschaffenheit der Särge tragen ebenfalls dazu bei, daß einzelne Verstorbene im Erdreich nicht innerhalb der veranschlagten Zeit verwesen.

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  • Veröffentlicht am: 3. August 2008
  • 7 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

7 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Wie merkt man das, dass man da eine Wachsleiche hat ? Normalerweise läuft doch das Grab irgendwann ab und die oberirdischen Aufbauten werden zu Rasen umgebaut. Merken die das dann vor der nächsten Beerdigung beim Ausheben des Grabes, wenn schon der nächste Mieter vor dem Grab wartet ? Was macht man in solchen Fällen dann ?

    MfG DerAstronaut

  2. @DerAstronaut: Wie stellst du dir denn so einen Betrieb auf dem Friedhof vor? Meinst du die Gräber werden erst geöfnet wenn schon der nächste Sarg davorsteht?

  3. „Dazu werden sie entweder in besser geeignete Gräber umgebettet oder der Friedhofsträger versucht durch geeignete Belüftungs- und Entwässerungsmaßnahmen dafür Sorge zu tragen, daß die den Verwesungsprozess behindernden Umstände abgestellt werden.“

    Das stell ich mir aber auch nicht gerade schön vor, also die Umbettung… Hochachtung vor denen die es machen.

  4. Das Problem laesst sich ganz einfach damit loesen, indem man die Leute kremiert. Wenn man da finanzielle Anreize bietet (z.B. guenstigere Urnengraeber bei gleicher Groesze), Oekosteuer auf Erdbestattungen, … ist es bald kein Problem mehr.

  5. Die Lösung ist im Grunde genommen sehr einfach:
    Man muss sich einmal grundsätzlich damit befassen, wie man einen menschlichen Körper optimal kompostiert und dann die Voraussetzungen dafür schaffen. Was hilft eine Beerdigung, wenn sie auf eine unfreiwillige Konservierung hinausläuft? Das Krematorium ist auch keine Lösung: 120Kg CO2 je Toter – und das bei den hoch-effizienten deutschen Krematorien.
    Wir brauchen Bestattungen mit Verwesungsgarantie

    In den USA ist man da schon weiter – http://www.urbandeathproject.org – dort wird an Kompostierungsanlagen für eine neue urbane Bestattungskultur geforscht.
    .

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