Was? Unfug!

Es ist ja leider heute gar nichts Außergewöhnliches mehr, daß Menschen völlig unbemerkt von ihrer Umwelt in ihren Wohnungen versterben und oft erst nach Wochen oder gar Monaten gefunden werden.

Bei Herrn Matthaus war das kein ganz so langer Zeitraum, aber drei Tage sind es doch gewesen.

Ganz friedlich lag er in seinem Bett, lange krank gewesen, einfach eingeschlafen.
Einer Nachbarin war es merkwürdig vorgekommen, daß man aus der Wohnung nichts mehr hörte.

Die Polizei kommt dann und sie kommt viel weniger aufgeregt als sich das der durchschnittliche TV-Zuschauer so vorstellt. Ein Streifenwagen, zwei Männer, man klingelt, man klopft, man ruft, dann wird gefunkt, überlegt, ob man die Tür selbst aufbekommt oder ob die Feuerwehr kommen muß. Man fummelt am Schloß, es ist altersschwach, wackelt am Türgriff, klingelt nochmal, dann entschließt sich einer der Beamten und drückt mehr als er tritt, mit dem Fuß vor das Schloß und mit weniger Schaden als erwartet, löst sich das altersschwache Schließblech aus der Zarge und die Tür ist auf.

Kein SEK, kein mobiles Einsatzkommando, kein theatralischer Auftritt. Einer der Beamten hält die Nachbarn fern, die auch mal gucken wollen, der andere geht nachsehen. Statt der Pistole hat er seine kleine Taschenlampe gezückt, natürlich eine selbst gekaufte, die von der Wache sind alt, kaputt und neue gibt es nicht.

Zunächst nichts Auffälliges, dann ruft der Beamte seinen Kollegen: „Horst, komm mal.“

Die beiden finden im Schlafzimmer Herrn Matthaus und bei weiterer Nachschau in der Küche seine Frau Hertha.
Und die ist keineswegs tot, sondern sitzt in einem Küchenkittel auf dem Küchenstuhl, hat eine Tasse kalten Kaffees in der Hand und wackelt mit dem Kopf vor und zurück.

Die Beamten sprechen die Frau an, sie reagiert nur zögerlich. Ja, es sei alles in Ordnung mit ihr, es gehe ihr gut, was die Herren denn wollen…
„Nebenan liegt ihr Mann, der ist tot, das wissen sie doch?“

„Was? Unfug! Mein Mann ist krank, der liegt immer so, schon lange.“

Die Kripo muß her, ein Arzt muß her und der Staatsanwalt. Letzterer ist nicht aufzutreiben oder mag nicht kommen. Die zwei Beamten warten bis Kripo und Notarzt da sind, dann können sie gehen, unaufgeregt, es gibt jetzt Schreibkram.

Auch die Kripo macht nicht viel. Ein paar Fotos, Notizen, man befragt die Neugierigen im Treppenhaus. Ja, der Mann war ganz lange krank. Die Beamten entscheiden, daß ein normaler Bestatter den Toten holen kann, am Telefon liegt eine Broschüre von uns, sie rufen uns an.

Frau Matthaus bekommt eine Spritze, ist nicht wirklich ansprechbar. Am Besten sie kommt mit ins Krankenhaus, gibt’s keine Angehörigen? Die Kripo sucht nach einem Adressbuch, man wird mal durchtelefonieren.

Wir können den Toten mitnehmen, der Staatsanwalt wird morgen entscheiden, also nichts dran machen bitte. Aber wahrscheinlich können wir schon am späten Vormittag die Freigabe holen. Wenn die Polizei mal mit drin ist, gibt’s immer mehr Aufwand.
Nee, der Notarzt macht keine Leichenschau, er kann nur den Tod bescheinigen, aber er kann einen Kollegen vom Bereitschaftsdienst rufen. Jau, das machen wir. Nee, meint die Kripo, was wenn der noch obuziert wird? Dann schadet die Leichenschau jetzt auch nichts, aber falls morgen gleich eine Freigabe kommt, haben wir schon alles und außerdem tut sich der Herr Staatsanwalt Dr. K. leichter mit ’ner Freigabe, wenn schon geleichenschaut worden ist.
Auch wieder wahr.
Wir stehen da mit der Trage, warten bis der Arzt kommt, dann geht alles seinen Weg.

Frau Matthaus ist im Krankenhaus, ihr Mann bei uns in der Kühlung, es gibt da eine Tochter, sagt die Kripo durch, die meldet sich.

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  • Veröffentlicht am: 22. Mai 2008
  • 12 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

12 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Zitat: Statt der Pistole hat er seine kleine Taschenlampe gezückt, natürlich eine Selbstgekaufte, die von der Wache sind alt, kaputt und Neue gibt es nicht. Zitat Ende

    Gut beobachtet und noch besser gepostet.

  2. verdammt.. wie verschroben ist diese welt?
    ..danke für diesen bericht. ich hilft noch mehr menschen in der realität zu bleiben!

  3. Das Menschen tagelang tot in Ihrer Wohnung liegen, kam im letzten Jahr in „meiner“ Nachbarschaft dreimal vor.
    Die Menschen vereinsamen, keiner vermisst Sie…

  4. Klingt wie die Geschichte, die man sich über eine Frau erzählt, die bei uns immer durchs Städtchen schlurft:

    Herr T. rutschte wohl im Bad aus und brach sich’s Genick. Lag aber noch eine gute Woche im Bad herum, während Frau T. immer über ihren toten Mann hinwegsteigen musste, um aufs Klo zu gehen. Die Putzfrau alarmierte dann Polizei usw. Frau T. kam dann erstmal in stationäre psychiatrische Behandlung.

  5. Hm… warum kommen mir jetzt die Aussagen hinterbliebener Witwen in den Kopf (auch hier auf dem Blog zu finden): „Zuletzt war der mir nur noch im Weg.“?

    Salat

  6. also geringster schaden *hust* da haben die sich bei meiner Tante keine mühe gegeben….und die haben mich dann auch erst angerufen (die Nachbarin hat ihnen meine nummer gegeben) nachdem die Tür aufgebrochen war, schade! Ich hätte einen schlüssel gehabt wäre dann nicht so arsch teuer geworden. Und ich habe mich um meine Tante gekümmert.

  7. Frau Matthaus bekommt eine Spritze….

    War sie denn nicht ohnehin schon geistesabwesend? Oder ging das nach dem Motto:“Tun sie doch was!“
    OK, wir beruhigen erst mal alle Leute, die hier sind indem wir ihr eine Spritze geben.

    So etwas ähnliches hatte ich mal an einem Samstag. Acht Stunden lang. In diesem Fall war der pflegende Ehemann verstorben, die Frau hatte Alzheimer. Alle weiteren Verwandten, die es gab lebten im Radius von 150 Km. Keiner wollte kommen, das reicht ja am Montag noch. Heute hat keiner Zeit und morgen auch nicht!(Sie war die eingeheiratete Witwe.) Allein lassen ging keinesfalls. Nach sechs Stunden hat ein netter Bereitschaftsarzt eine Begründung und danach eine Klinik gefunden, die die Frau erst mal übers Wochenende aufnimmt. Eine Spritze war nicht nötig. Auf dem Weg dorthin noch ein Umweg mit Hund und Piepmatz übers Tierheim. Nach acht Stunden Geduld fand dieser Einsatz vorläufig ein nachdenkliches, unbefriedigendes Ende.

  8. Und wenn der Arzt, der die Leichenschau gemacht hat „natürlicher Tod“ ankreuzt, dann interessiert es keine Kripo und keinen Staatsanwalt. Dann wird der Verstorbene auch nicht beschlagnamt.
    Sind also die Papiere durch den Bereitschafts- oder Hausarzt komplett, dann ziehen die Beamten der Schutzpolizei zufrieden ab, und Kripo und Staatsanwalt erfahren nicht mal davon.
    Erst ab „Anhaltspunkte für nicht natürlichen Tod oder Fremdverschulden beginnt sich der Staatsanwalt zu interessieren. Sonst würde er ja in unnützer Arbeit ersticken.

  9. ja, genau in dieser art lief es am mittwoch abend auch bei mir ab.
    ich bekam einen anruf von meiner tante, meine mutter hatte sich 3 tage nicht gemeldet, meine oma macht sich sorgen..ob ich denn nicht morgen mal nachsehen koennte.
    ich hatte erst am wochenende mit meiner ma telefoniert, aber sofort ein beschissenes gefuhl. bei ihrer langen vorgeschichte, zucker, alkohol usw. ich wusste einfach, es stimmt irgend etwas nicht, auch wenn es diese anrufe schon oft gab. also habe ich mir gleich meinen bruder geschnappt, nur um ihn dann vor der wohnung meiner mutter warten zu lassen.
    die post war nicht geleert, von da an war ich mir sicher. und ich behielt recht. 3 tage war sie bereits tot, einfach friedlich und entspannt eingeschlafen.
    und ab da lief es wie oben beschrieben. ein anruf bei der polizei, die haben dann die kripo und den notarzt verstaendigt. die kripo dauerte natuerlich etwas laenger, also saßen sanitaeter und polzeibeamte in der stube und haben den papierkram erledigt. dann kam die kripo, einige bilder und ein gespraech mit mir, dann wurde der bestatter gerufen. insgesamt ca. 3 stunden.
    das einzige, was mir ehrlich sauer aufstoesst ist, dass der staatsanwalt sich mit der freigabe ewig zeit laesst.
    eigentlich sollte dieses bereits freitag erledigt sein, aber wie die staatsmuehlen eben sind. zumindest laut aussage der kripo, die mich donnerstag informierte, dass es auf einen natuerlichen tot hinauslaeuft.

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