Wenn man dem den kleinen Finger reicht…

…dann will er gleich die ganze Hand.
So sagt man es doch, wenn jemand mit einem kleinen Angebot nicht zufrieden ist und immer mehr will. So ist es mir mit Karlheinz Bauer gegangen, den ich inzwischen Kalle nenne, weil er das so will. Kalle ist Leiter der Kurse und Seminare bei der Koordinationsstelle für betriebliche Praktika und arbeitet in dieser Funktion für die Berufsförderungs- und Fortbildungsanstalt.

Eines Tages stand er in meinem Büro und klagte sehr gekonnt über die mangelnde Bereitschaft der Betriebe, Praktikanten aufzunehmen. Das sei für ihn überhaupt nicht zu verstehen, weil doch die Praktika für den Betrieb kostenlos seien.
Er schilderte mir, wie wichtig diese Praktika für manche Leute seien und ich wandte ein, daß seien doch überwiegend Leute, die im Beruf bislang gescheitert seien. Ganz ehrlich, ich wollte keine Analphabeten, die schon in einem Dutzend anderer Betriebe erfolglos waren.

Dann schilderte Bauer mir den Fall der damals 19-jährigen Alexa. Sie hatte eine Lehre begonnen, sehr gute Schulnoten und war schon ein halbes Jahr in ihrem Ausbildungsbetrieb, als sie die Ausbildung wegen einer Schwangerschaft abbrechen musste.
Als ihr Sohn Kevin dann dreieinhalb Jahre alt war, nahm ihn vormittags die Großmutter und Alexa wollte ihre Ausbildung irgendwie wenigstens zu Ende bringen.
Das Ausbildungsinstitut bot ihr eine Lösung an: Die Teilzeitausbildung.
Alexa lernte im Ausbildungsinstitut in einer Lehrfirma und in Unterrichtseinheiten. Was ihr fehlte, war eine Ausbildungsstelle im Büro einer Firma, wo sie ein Jahr lang, allerdings nur vormittags ausgebildet werden konnte und von wo aus sie die normale Berufsschule besuchen konnte.

Wir haben Alexa damals genommen und sie war eine sehr nette, sehr fleißige und absolut zuverlässige Auszubildende, die ihre Prüfung mit einer glatten 2 abgeschlossen hat.

Noch während Alexa bei uns war, brachte Kalle Bauer uns einen Praktikanten, „nur für 3 Wochen, komm schon!“
Vielleicht hätte ich da Nein sagen sollen, aber irgendwie dauerten mich die jungen Leute auch, wie mir Bauer auch in seinem Einsatz für seine Leute imponierte.

Seitdem haben wir sicherlich drei Dutzend Praktikanten von Kalle bekommen und mit den meisten auch nicht den geringsten Ärger gehabt. Manche laufen einfach so mit, manche sind zu gar nichts zu gebrauchen, andere sorgen eher für Erheiterung, aber ich muß deutlich sagen: Die allermeisten bemühen sich sehr und sind zumindest nach einer gewissen Zeit eine echte Hilfe.

Bei Antonia war das etwas anders, sie kam nicht über die Fortbildungsanstalt, sondern über ihren Vater zu uns, der händeringend eine solche Stelle für seine Tochter suchte. Ich stand dem Mann noch mit einem Gefallen im Wort und tat ihm deshalb eben diesen Gefallen.
Antonia war dann einige Zeit länger bei uns als ursprünglich geplant. Sie selbst betrachtet heute ihre Zeit als Praktikantin als „voll peinlich“. Sie hat, wie man so sagt, irgendwann die Kurve gekriegt und ist heute eine ganz patente Ehefrau. Allerdings berichtet sie selbst über ihre Erlebnisse bei uns mit einem Kopfschütteln und bezeichnet sich unter anderem als „die Unfähige“.

Antonia steht in manchen Geschichten einfach stellvertretend für eine ganze Reihe von Praktikanten. Ich sagte ja, daß die allermeisten ganz ordentlich gearbeitet haben. Aber jeder macht doch irgendwann mal Blödsinn, schießt einen Bock, wie man so sagt, und dann wäre es einfach zu blöd, diese Person hier im Blog einzuführen. So muß Antonia, als den Lesern bereits bekannte Praktikantin mit „Dauerverbrennung“ eben herhalten und sich die eine oder andere Begebenheit zuschreiben lassen, die ihr gar nicht selbst widerfahren ist.

Ich persönlich finde es so schöner, weil sich die Ereignisse dann um wenige, bekannte Personen ranken und nicht immer nur „ein Praktikant“, „eine Mitarbeiterin“ usw. benannt wird.

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  • Veröffentlicht am: 27. Juni 2008
  • 12 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

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  1. Na, da kommen mir aber gleich drei Absätze dieses Artikels bekannt vor. Hat da etwa jemand bei sich selbst gespickt? ;-)

  2. Ich dachte da an [url=http://www.bestatterweblog.de/archives/Antonia,-die-Unbeschreibliche/1505]Antonia, die Unbeschreibliche[/url].

    Aber es stimmt natürlich: Bei sich selbst darf man ungestraft abschreiben. Und wenn man sich nicht erwischen lässt, auch bei anderen. Ich darf an dieser Stelle anmerken: Es ist – im schulischen Umfeld – sehr sinnvoll, nicht den Namen des Banknachbarn zu übernehmen. Ja, da spricht jemand aus Erfahrung ;-)

  3. Keine Ahnung, wie deine anderen Leser das halten, aber mir ist das eh egal, ob „Antonia“ alle Böcke geschossen hat oder gar keinen, oder nur einen bestimmten Anteil. Mir ist genaugenommen auch egal, ob du wirklich Bestatter bist, oder nur Journalist mit drei Bekannten, die in dem Gewerbe arbeiten.
    Du schreibst gute und mitreißende Geschichten, die einen zum Lachen und Weinen bringen, vermittelst Infos, die ich mir bislang nicht mal woanders hätte besorgen *wollen*, und bist einfach ein Highlight meines Tages.

    Und seien wir ehrlich: wenn die Geschichten nicht irgendwie gestrafft und überspitzt wären, wen würden sie dann noch interessieren?

    Salat

  4. Bei wem, wenn nicht bei sich selbst, darf man ungestraft abschreiben?
    Aber allein die Tatsache, daß hier irgendwem was bekannt vorkommt, bedeutet noch nicht, daß das wirklich so ist.

  5. gibt’s da nicht schon jemanden, der für alles herhalten musste (ich meine nicht den Prügelknaben) ;-)

  6. Sehr gut, nach einer der letzten Beiträge hatte ich schon Angst, dass Antonia sich jetzt aus dem Blog verabschiedet. Wenn ich den Fernseher anschalte, bekomme ich den Eindruck, dass Antonias und Tonis dieser Welt nicht vom Aussterben bedroht sind, sondern sich eher durchsetzen. Jetzt hole ich erstmal ein Baguette, wegen der Verbrennung und so.

  7. @Lars:

    Danke, und ich dachte, ich wäre der einzige Schüler, der auch den Namen des Banknachbars abgeschrieben hat.

  8. ich finde diese Vorgehensweise gut – und auch den Ansatz die Vorgehensweise aufzuklären, da mich die Verbindung Antonia – EM und die Frage nach Meinungen dazu doch etwas irritierte. Jetzt stimmt das Bild wieder…

  9. Keine Ahnung, wie deine anderen Leser das halten, aber mir ist das eh egal, ob “Antonia” alle Böcke geschossen hat oder gar keinen, oder nur einen bestimmten Anteil. Mir ist genaugenommen auch egal, ob du wirklich Bestatter bist, oder nur Journalist mit drei Bekannten, die in dem Gewerbe arbeiten.
    Du schreibst gute und mitreißende Geschichten, die einen zum Lachen und Weinen bringen, vermittelst Infos, die ich mir bislang nicht mal woanders hätte besorgen *wollen*, und bist einfach ein Highlight meines Tages.

    Und seien wir ehrlich: wenn die Geschichten nicht irgendwie gestrafft und überspitzt wären, wen würden sie dann noch interessieren?

    Salat

    ähm – ich meinte Udo, nicht Salat – Tschuldigung…

    Aber mal im Ernst – Die Meinung von Salat kann ich vorbehaltlos übernehmen. Mach weiter so, Tom (oder wie immer Du heißen magst)!

  10. Und was schreibst Du, wenn Du mal eine gescheite und superdünne Antonia hast? Wird die dann übersprungen?

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