Müssen müssen und nirgendwo können, das ist eine Situation, die wir doch alle kennen. Eines Tages, in einer Zeit als Paketfahrer sich noch in unserer Sprache verständlich machen konnten, stürmte eine Paketbotin plötzlich in unser Bestattungshaus, rief nur: „Ich muss ganz dringend“ und rannte zu der Tür mit der Aufschrift WC.
Eine Weile später kam sie wieder heraus und bedankte sich ganz umfangreich und höflich. Ich hatte das mitbekommen und bot der Frau an, dass sie jederzeit auf ihrer Tour bei uns einen Toilettenstopp einlegen kann. Sie hat das hin und wieder auch in Anspruch genommen und wir hatten eine neue Freundin gefunden. Niemals mehr mussten wir ein Paket auf der Post abholen, sie fuhr mir eines Tages sogar bis auf den Parkplatz eines Supermarktes hinterher, um mir zwei Päckchen zu übergeben.
Die Toiletten in unserem Bestattungshaus waren mir immer besonders wichtig. Wir hatten unten in der Werkstatt Sanitärräume, die vorwiegend von den Männern benutzt wurden, und oben bei den Büros befand sich ein Bad für die Damen. Außerdem gab es das WC mit Waschraum für die Kunden.
Gereinigt wurde das alles von unserer Reinemachefrau, aber unsere Bürodamen haben immer noch dafür gesorgt, dass die Gästehandtücher besonders schön angeordnet waren, schöne Seife dort lag und alles sauber und frisch wirkte.
Das war so, bis eines Tages das Gewerbeaufsichtsamt mal da war. Nein, nein, kleine Frotteehandtücher sind gar nicht erlaubt, selbst wenn sie nach einmaliger Benutzung in einem Eimerchen landen. Und feste Seifenstücke gehen überhaupt nicht, auch dann nicht, wenn es klitzekleine, einzeln verpackte Stückchen sind. Wir sollen doch bitte einen elektrischen Handtrockner oder einen Apparat für Papierhandtücher anschaffen und einen Spender für Flüssigseife. Man komme wieder, um das zu kontrollieren, und falls wir das nicht fristgerecht umsetzen, drohe uns eine Erschießung am Galgen und zwar unter Wasser.
Ich hatte die Anweisungen erstmal ignoriert, doch die Allerliebste hing mir in den Ohren und drängte mich aus Angst vor den möglichen Konsequenzen (Ordnungsgeld bis hin zur Betriebsschließung) zur Anschaffung des besagten Handtuchautomaten und des Seifenspenders.
Eines Tages meckerte mich Bürochefin Frau Büser von der Seite an, ich solle mich doch gefälligst mal um den Nachschub des Handtuchpapiers kümmern, sie bekomme mal wieder die Klappe nicht auf.
Nun hatte die Abdeckung vorne eine große Plastikschraube, die man mit einem passenden Schlüsselding oder aber einem 1-Euro-Stück aufdrehen konnte. Wenn aber nun jemand versucht, so einen breiten Schraubenschlitz mit einem Minischraubenzieher aufzuschrauben, dann macht er den Schlitz kaputt und am Ende passt da gar nichts mehr. So war das auch bei uns. Durch unzählige Versuche, díe Klappe, statt mit dem an der Seite des Apparates hängenden Schlüssels zu öffnen, hatten die Frauen versucht, ob das nicht auch mit einer Nagelfeile oder einem Schraubenzieherchen oder einer Haarklammer gehen könnte. Der Schlitz war so ausgefranst, dass weder der Schlüssel, noch ersatzweise eine Münze richtig passten.
Mir kam die Idee, ich könnte die Münze doch erhitzen und mit der heißen Münze dann den Schlitz thermoplastisch neu formen. Als alter Modellbauer und Bastler hatte ich solche Operationen am offenen Herzen schon oft vorgenommen und war mir sicher, dass das klappen könnte.
Gesagt, getan: Ich hielt ein Euro-Stück mit einer Zange über eine Feuerzeugflamme und tatsächlich konnte ich alle Verbröselungen und Verdrummelichkeiten im Schlitz des plastilinen Schraubenkopfes sauber umformen. Nach dem Erkalten präsentierte sich die Schraube wie neu und die Klappe ließ sich wieder ordentlich sowohl mit dem Kunststoffschlüsselchen, als auch mit einer Münze öffnen.
Beim Nachfüllen des Papiers fiel mir auf, dass jemand die alte, kleine, runde Seifenschale, die wir ja nicht mehr benötigten, oben auf dem Handtuchspender abgestellt hatte. Ich nahm sie herunter und stellte sie neben das Waschbecken. Die etwas angekokelte Münze und das Feuerzeug legte ich auf das Tellerchen, um nachher alles mitzunehmen.
Am Nachmittag hatten wir die Bude voll. Eine Trauerfeier um 14 Uhr und die nächste um 16.15 Uhr. Jedes Mal über 60 Leute. Beim zweiten Sterbefall gab es anschließend bei uns in der Halle noch ein familiäres Beisammensein mit Schnittchen von der Metzgerei Blankemeyer und mitgebrachten Getränken. Das boten wir nicht an und wir haben das auch nur ganz selten gemacht, aber wenn die Leute nur kurz beisammen sein wollten, um sich noch etwas zu unterhalten, dann reichte das doch auch aus, denn dafür benötigt man dann wirklich kein Hinterzimmer einer Wirtschaft.
Als alle wieder weg waren, half ich mit, Ordnung zu machen, und fegte die Halle mit dem großen Stubenbesen aus.
Sandy hatte sich mit langen Gummihandschuhen und einer Sprühflasche bewaffnet und widmete sich dem Kunden-Waschraum. Doch dann kam sie heraus und rief mich zu sich. „Chef, das musst Du Dir ansehen.“
Im Waschraum neben dem Waschbecken stand immer noch das Tellerchen, das ich vergessen hatte. Und auf dem Tellerchen lagen in kleinen Münzen 12 Euro und 80 Cent, sowie acht Zigarettenstummel.
Bildquellen:
- spendepp: Peter Wilhelm KI
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