Ich hatte mich ja für die Kirchenorgel entschieden, um der Gefahr zu entgehen, auf Familienfesten etwas vorspielen zu müssen. Cousins und Cousinen mussten immer ihre Flöten, Geigen und Harmonikas auspacken und der versammelten Familie was vormachen. Wer mich spielen hören wollte, musste morgens zur Frühmesse oder anlässlich von Trauerfeiern in die Kirche kommen.
Später kam mir das aber sehr zupass, da ich bei Beerdigungen immer auch mal selbst in die Tasten greifen konnte, wenn Not am Mann war. Wir hatten da auf dem Südfriedhof so einen Organisten, der sich bei Vollmond, Neumond, zunehmendem oder abnehmendem Mond von kosmischen Kräften zum Griff nach der Flasche getrieben fühlte und bei der Trauerfeier am nächsten Morgen nach dem ersten Griff in die Tasten auch schon mal mit der Stirn aufs Manual aufschlug, um schmatzend und sabbernd seinen Rausch auszuschlafen.
Es gab genügend Kirchenmusiker, die sich auf den Friedhöfen der Region etwas hinzuverdienten. Auf den kleineren Friedhöfen kamen sie fallweise. Auf den beiden größeren saß der Organist den halben Tag bereit, und alle Trauerfamilien mussten ihn zwangsweise mitbezahlen. Das änderte sich später, weil immer mehr Bestatter auf einer eigenen Beschallung mit ihren Musikanlagen beharrten.
„So nimm denn meine Hände“ und das „Ave Maria“ zählen auch heute noch zu den Klassikern bei einer Trauerfeier, aber „Time to say goodbye“ und „Zehn nackte Friseusen“ sind mittlerweile auch en vogue.
Immer wieder kommt es aber auch vor, dass es in der Trauerfamilie eben solche Cousinen und Cousins, wie in meiner Familie gibt, die dann am Sarg mit ihren Instrumenten ran müssen.
Frau Klipsch will ihren Hermann beerdigen lassen, und der hat, nach einem außergewöhnlich langen Aufenthalt im rechtsmedizinischen Institut, auch nichts mehr dagegen, endlich unter die Erde zu kommen.
Hermann Klipsch war mit seinem neu angeschafften Lasten-Liegefahrrad nach einem Einkauf im Getränkemarkt sehr wackelig unterwegs gewesen, und hatte sich an der Kreuzung Stahlmannstraße/Berlenstraße unter einen polnischen 40-Tonner gewackelt. Der polnische Fahrer hatte nach eigenem Bekunden gar nichts davon mitbekommen, dass er mit wenigstens drei Achsen seines Lastzugs über den 71-Jährigen drüberhinweggefahren war.
Das hatte dem nur noch teilweise erhaltenen Rentner dann jenen längeren Aufenthalt in der Pathologie beschert, wo man herausfinden wollte, ob Medikamente, Alkohol oder sonstwas mit im Spiel gewesen sein könnten.
Der polnische Fernfahrer hatte, anders als man es polnischen LKW-Fahrern gemeinhin unterstellt, keinen Tropfen getrunken, und Zeugen hatten ihn von jeder Schuld freigesprochen.
Nun sitzt die Witwe mit bebender Unterlippe bei mir im Bestattungshaus und liest aus einem Schnellhefter vor, wie sie und ihr Mann sich die Beerdigung vorstellen. Es ist wirklich eine riesengroße Erleichterung, wenn jemand sich zu Lebzeiten hinsetzt, und alle wichtigen Dokumente und Anweisungen für den Todesfall in eine Mappe packt. Eine Erdbestattung will Hermann haben. „Macht kein großes Theater und spart euch das Geld für was Wichtigeres“, hat er aufgeschrieben, und, dass er die Titelmelodie aus „Die glorreichen Sieben“ gespielt haben möchte.
Es ist nichts Außergewöhnliches, dass heutzutage Titel gespielt werden, die eigentlich mit dem Thema Beerdigung gar nichts zu tun haben. Ich habe da schon alles Mögliche aufgelegt, von „Good bye Johnny“ über das James-Bond-Thema und „Heidewitzka, Herr Kapitän“ bis hin zu „Weißt Du wie viel Sternlein stehen?“. Zweimal habe ich einen Musikwunsch ablehnen müssen: Das Horst-Wessel-Lied ist verboten, und „Je t`aime“ mit seinem erotisch gehauchten Orgasmusgestöhne passt auch besser in eine Bar als in eine Kirche.
Ansonsten ist von Rammstein über Céline Dion bis hin zu Helene Fischer alles dabei. „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, und „Jeder Jeck ist anders“ sind hier die Stichworte.
Neben dem berühmten Western-Intro möchte Frau Klipsch noch das Ave Maria.
Drei Titel spielt der Organist immer. Einen am Anfang, einen in der Mitte der Trauerfeier und den letzten, wenn der Sarg rausgeschoben wird. Er legt auch die CD ein, wenn etwas anderes gespielt werden soll.
Auf den Friedhöfen sind die Trauerfeiern eng getaktet. Brutto hat man eine halbe Stunde, netto sind das knapp 20 Minuten. Denn es müssen ja zwischendurch die einen Leute raus, die nächsten rein, der neue Sarg rein und auch der ganze Blumenschmuck.
Überzieht man fünf Minuten, fängt man sich böse Blicke des Friedhofsverwalters ein, bei zehn Minuten werden die Sargträger rabiat und ab der zwölften Minute musst du mit gewalttätigen Auseinandersetzungen und einem 100 %-igen Aufschlag bei der Hallengebühr rechnen.
In diesem Fall muss ich sowieso aufpassen. Der Diakon von der St.-Glutamatis-Kirche ist etwas abgehoben und fühlt sich wie der Klopömpel des vatikanischen heiligen Stuhlgangs persönlich. Seine Traueransprachen haben nie auch nur das Geringste mit den jeweiligen Verstorbenen zu tun, und er verwendet seit acht Jahren immer die gleiche Traueransprache. Dafür fährt er aber am nächsten Tag immer zu den Angehörigen hin und übergibt eine Kopie seiner Ansprache nebst eines Heiligenbildchens von Sankt Glutamatis und hält brav die Hand für eine Spende auf.
Das Schlimme für uns Bestatter: Er findet kein Ende. Seine Ansprache ist einfach zu lang, schon immer.
Will jetzt noch einer der Angehörigen ein paar Worte sagen, drohen uns die doppelten Hallengebühren, immerhin fast 300 Euro.
Also muss ich als Bestatter mit dem Organisten gemeinsame Sache machen, dem einen Zwanziger zustecken, damit der, unabhängig vom Redefortschritt des langatmigen Diakons, einfach auf mein Zunicken hin das nächste Lied spielt. Auch die Sargträger sind angewiesen und entsprechend bestochen, damit sie nach genau zwanzig Minuten nach vorne gehen und den Sarg rausschieben. Egal, ob da noch einer redet, singt oder auf der Fiedel fidelt1.
Mir schwante Böses, als am nächsten Morgen die Schwiegertochter von Frau Klipsch anrief und mir sehr resolut mitteilte, ich möchte mich bitte darauf einrichten, dass sie ein Stück auf der Geige vortragen werde, begleitet von ihrem Bruder, der hervorragend Flöte spielen könne. Das Stück sei ein weitestgehend unbekanntes Werk eines ebenso weitgehend unbekannten Komponisten aus der Romantik.
Mich interessiert nur eins: „Wie lange dauert das denn so in etwa?“
„Ach, das kommt darauf an, vielleicht so um die elf bis zwölf Minuten.“
„Das ist aber für eine Trauerfeier auf dem Hauptfriedhof ziemlich lang. Wir haben da nur zwanzig Minuten Zeit für die gesamte Trauerfeier.“
„Ja, dann werden Sie ihre Hosen mal etwas wackeln lassen müssen, wir haben nämlich vor, gemeinsam mit den Kindern noch ein Lied zu singen.“
„Und wie lang würde das so ungefähr dauern?“
„Na, das kommt im Wesentlichen auf die Kinder an, das ist nämlich ein Kanon.“
„Wie lang?“
„So ungefähr acht bis zehn Minuten, der Kanon hat zwölf Strophen, der geht um die zwölf Jahreszeiten.“
„Es gibt doch nur vier Jahreszeiten.“
„Ja, für Sie vielleicht, die Kinder sind aber alle auf der Waldorfschule und wir sehen das etwas anders.“
„Hm, wie gesagt, wir dürfen die Trauerhalle nur rund zwanzig Minuten nutzen. Vorher ist eine Trauerfeier und anschließend auch noch eine. Nach der vorherigen wird der Sarg mit Ihrem Schwiegervater in die Halle geschoben und meine Leute stellen die Kränze und die Deko auf. Das geht recht schnell. Dann sollen die „Glorreichen Sieben“ gespielt werden. Es folgt der Diakon mit dem ersten Teil seiner Rede über die Vergänglichkeit. Dann kommt das Ave Maria. Dann redet der Diakon nochmal und betet. Danach ist eigentlich gar keine Zeit mehr. Da wartet schon die nächste Trauergesellschaft vor den Türen der Halle und will rein.“
„Nicht mein Problem. Sie sind der Profi und haben sich darum zu kümmern.“
„Ja gut, ich kann den Termin canceln, und wir machen einen neuen Termin für die Beerdigung aus, diesmal mit extra langer Trauerhallenzeit. Das geht natürlich auch. Das wäre dann aber vermutlich drei Tage später. Das kostet dann auch etwa 300 Euro mehr an städtischen Gebühren.“
„Das geht ja mal gar nicht. Ich bin Lehrerin und habe meine Stunden schon eingetragen. Mein Bruder ist Künstler und kann sich auch nicht nach jedermanns Gusto die Zeit aus den Rippen schneiden.“
„Irgendwie müssen wir jetzt aber zu Potte kommen. Ich kann ja nichts dafür, dass es so ist, wie es ist. Entweder, wir kriegen es hin, mit allem in zwanzig Minuten durch zu sein, oder ich müsste einen neuen Termin ausmachen.“
„Wenn Sie den Termin verschieben, wie lange haben wir denn dann Zeit?“
„Doppelte Zeit, also rund 40 bis 45 Minuten. Das würde dann in jedem Fall reichen.“
„Sind Sie verrückt? Das sind Kinder! Wir können die doch keine halbe Stunde singen lassen. Das ist unverantwortlich. Wie kommen Sie nur auf eine solche komische Idee?“
„Ich komme da auch gar keine komischen Ideen. Ich biete Ihnen ja nur eine Lösung an. Sie müssen ja nicht die ganzen 40 Minuten mit Programm füllen. Aber in 40 Minuten würde ihr Programm reinpassen, und wenn das fertig ist, fahren wir den Sarg raus und gehen zum Grab. Sie müssen nicht die ganze Zeit nutzen.“
„Und dann verfallen vielleicht 15 Minuten? Jede Minute kostet schließlich 15 Euro und dann würden wir 225 Euro in den Wind schreiben.“
„Sie sind bestimmt Mathelehrerin, nicht wahr?“
„Ja, woher wissen Sie das?“
„Sie können ja noch ein paar Minuten länger Geige spielen oder noch ein kürzeres Stück zwischendurch.“
„Sehr professionell handhaben Sie das nicht, das muss ich Ihnen jetzt aber mal sagen.“
„Was halten Sie denn davon, das Musizieren und das Absingen des Kanons am Grab durchzuführen.“
„Wie jetzt am Grab?“
„Na, nach der Trauerfeier mit den glorreichen Sieben und dem Diakon wird der Sarg doch beigesetzt. Draußen am Grab gibt es keine zeitliche Beschränkung. Oder sagen wir es so: Da haben wir dann Zeit, bis am Nachmittag, die Friedhofsleute müssen ja noch Zeit haben, das Grab zuzubaggern. Aber von 10 Uhr vormittags bis 16 Uhr hätten wir schon. Da spielt es keine Rolle, wie lange Sie und Ihr Bruder musizieren und die Waldorf-Lärchen kanonisieren.“
„Das ist viel zu lang, da werden mir ja die Kinder unruhig.“
„Sie müssen ja nicht so lang! Sie spielen und singen, so lange Sie wollen, und dann ist fertig.“
„Und das kostet dann nichts extra?“
„Nee.“
„Da muss ich jetzt aber erstmal auf meinen Stundenplan gucken und meinen Bruder fragen. Ich meld‘ mich nochmal.“
Am übernächsten Tag findet die Trauerfeier statt. Unter den epischen Klängen der „Glorreichen Sieben“ zieht der päpstliche Pümpelverwalter ein und hält den ersten Teil seiner abgewetzten Rede.
Der Organist spielt dann Variationen aus Smetanas Moldau, dann folgt der zeremonielle Teil und der Diakon betet. Nach exakt zwanzig Minuten nicke ich den Sargträgern zu, und während der Diakon nochmals über das Kommen des Reiches spricht, womit er hoffentlich nichts Politisches meint, schieben die Männer den Sarg zur Seitentür hinaus und der Organist leiert das Ave Maria aus den Rohren.
Von einer Mathelehrerin mit Geige und einem Künstler mit Flöte keine Spur, auch keine kanonisierenden Waldorfkinder.
Ich möchte die 18 Minuten Lebenszeit zurück, die ich mit der Tante am Telefon verschwendet habe.
Bildquellen:
- toomuch: Peter Wilhelm KI
Fußnoten:
- erstaunlich, aber wahr: Man kann das tatsächlich so schreiben. Es ist egal, ob man Fiedel nur mit i oder mit ie schreibt (zurück)
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