Die beiden Waschanlagenbesitzer Diana und Rustin wissen vor lauter Geld nicht wohin und die Männer im Krematorium sind inzwischen ihrer Einnahmequelle beraubt. Ich habe weder Geld zu viel, noch je die Möglichkeit gehabt, Gold nach Amsterdam zu bringen.
Vielleicht ergibt sich aber nun die Möglichkeit für mich, das große Geld zu machen, wer weiß?
Seit über 20 Jahren schreibe ich das Bestatterweblog und manche bezeichnen mich als Experten auf dem Gebiet Bestattung, Tod und Trauer. Bißchen viel der Ehre, aber ich streite auch nicht ab, dass ich schon ziemlich Bescheid weiß.
Von meiner Expertise und meinen guten Kontakten in der Branche hat auch Herr Schröder erfahren. Der ruft mich eines Tages an und lädt mich zum Essen ein. Er habe da ein interessantes Charity-Projekt, für das er mich als Ambassador gewinnen möchte.
Mit anderen Worten, ich soll so eine Art Botschafter für ein wohltätiges Projekt sein. Das vorgeschlagene italienische Restaurant ist gut, man kann auch draußen sitzen und Zeit habe ich auch, also sage ich zu, um mir wenigstens mal anzuhören, was er zu sagen hat.
Ich bin immer zu früh da. Dabei habe ich überhaupt keine Tendenz dazu, mich zu verspäten. Ich habe noch nie verschlafen und bin, was meine Termine anbetrifft, sehr gut organisiert. Trotzdem richte ich es seit jeher so ein, dass ich lieber etwas zu früh komme und dann vor Ort noch ein bißchen warte.
Einer meiner Vorgesetzten handhabte das anders. Er war absoluter Vertreter der Fraktion „auf den letzten Drücker“.
Ich erinnere mich an einen Tag, an dem er zum Flughafen Frankfurt musste. Ich sollte ihn hinfahren, er musste um 11 Uhr dort sein.
Um 10 Uhr saß er noch in seinem Büro, ließ sich noch eine frische Kanne Tee aufbrühen und ich klapperte schon mit den Autoschlüsseln. Doch er zog nur die Augenbrauen hoch und tippte sich an die Stirn: „Noch jede Menge Zeit. Bloß keine Hektik. Das klappt immer, so wie ich das plane.“
Man benötigt aber im besten Fall 45 Minuten von hier zum Flughafen und langsam aber sicher ging diese Zeit flöten. „Wir nehmen doch meinen Wagen, der ist schnell“, meinte er nur und setzte sich nochmal in aller Ruhe aufs Klo.
Als nur noch eine halbe Stunde Zeit war, saß er endlich im Auto neben mir, telefonierte mit irgendeinem Geschäftspartner und machte mir Druck, indem er mir immer wieder seine Armbanduhr unter die Nase bzw. vor die Augen hielt. Zwischendurch kommentierte er meinen Fahrstil: „Links ist auch eine Spur! Man kann auch mal rechts überholen! Mein Gott, geben Sie doch mal richtig Gas!“
Ich fuhr schon an die 200, da meinte er noch: „Da ist noch mehr drin!“
Ich war schweißgebadet, als wir am Flughafen ankamen. Rechtzeitig. Und er? „Ich weiß gar nicht, was Sie haben, hat doch wieder mal geklappt!“
Zu spät zu sein, das ist mir zu anstrengend, echt.
So war ich auch eine Viertelstunde vor der verabredeten Zeit beim Italiener und suchte einen schönen Platz auf der Gartenterrasse aus. Von dort hatte ich einen guten Blick auf den Parkplatz. Herr Schröder kam mit einem weißen Kleinwagen.
Mir ist ja immer viel zu warm. Drei Kleidungsstücke und ein paar Schlappen würden mir das ganze Jahr reichen. Eine Unterhose, eine Hose, ein Hemd, fertig. Wenn’s mal ganz kalt ist, vielleicht noch ein Paar Socken.
Ich wurde Anfang November geboren und direkt nach dem Ausschlupf aus der 37 Grad warmen Mutter, beschlossen irgendwelche mir bis dato völlig unbekannte Erwachsenen, die sich mir später als meine Eltern vorstellten, ich müsse eingepackt werden, wie Tut Ench Amun.
Angekleidet und eingewickelt wie ein Wintersportidiot im Streckverband wurde mir sogleich beigebracht: Du musst Schwitzen, Junge, schwitzen musst Du!
Die Allerliebste hingegen wurde im Sommer geboren und durfte direkt nach dem Scheidensprung nur mit Hemdchen und Windel bekleidet im offenen Sport-Kinderwagen herumgefahren werden.
Und diese Unterschiede haben Auswirkungen. Die Allerliebste süchtelt nach Sonne. Ohne ihre wärmenden Strahlen kann sie nicht leben und beginnt sofort zu frieren. Fehlender Sonneneinstrahlung begegnet sie durch Kunstwärme, produziert von Öfen, Heizungen, Strahlern und Gebläsen.
Bei uns im Haus herrschen in den von den Frauen bevorzugten Kemenaten Temperaturen, bei denen manche Metalle schon anfangen zu schmelzen. Wir könnten im Wohnzimmer ganzjährig Auberginen züchten.
Ich hingegen könnte in einem Iglu wohnen, und zwar in einem ohne Dach. Mir ist es immer und überall zu warm.
Warum erzähle ich das? Na, weil Ihr es doch lesen wollt. Aber es hat auch tatsächlich etwas mit dem eben angekommenen Herrn Schröder zu tun.
Herr Schröder trägt Tweed. Ein dicker, fast schon etwas grober, aber trotzdem sehr edler, leicht karierter Stoff, aus dem man Anzüge macht. Der Mann ist etwa 1,75 m groß, hat üppiges, schneeweißes Haupthaar und ist glattrasiert. Seine randlose Brille gibt ihm ein intellektuelles Aussehen und er bewegt sich mit einer gewissen Eleganz. Allerdings muss er im Sommer geboren worden sein, denn eindeutig gehört er zur frierenden Fraktion. Wenn ich das richtig einschätze, trägt er sicher ein Unterhemd, darüber ein pastellfarbenes Oberhemd, einen Pullunder, eine Weste aus Tweed und eine Anzugjacke. Das sind fünf Schichten zum Teil sehr dicken Stoffes. Untenrum hat er natürlich aus was an, sonst wäre sein Auftritt ja eher lächerlich gewesen. Eine erkennbar teure Jeans und polierte braune Halbschuhe komplettieren den sehr britisch wirkenden Look.
Ein Halstuch und ein Einstecktuch sowie große Manschettenknöpfe komplettieren das Outfit. Mit anderen Worten, Herr Schröder ist sehr chic gekleidet und legt einen imponierenden Auftritt hin.
Mit einer etwas zu breiten Geste kommt er an meinen Tisch, begrüßt mich und gratuliert mir zu guten Wahl des Tisches. Hat auch schon lange keiner mehr gemacht.
Ich muss sagen, das ist mal ein toller Mann. Der etwa 60-jährige ist der Inbegriff eines feinen Herrn, der sich nicht nur zu kleiden, sondern auch auszudrücken und zu benehmen weiß.
Es geht um’s Wetter, um den Sport und die Tagespolitik. Er erkundigt sich nach meiner Gesundheit und dem Fortgang meiner schriftstellerischen Arbeit und scheint es überhaupt nicht eilig zu haben, auf den Punkt zu kommen.
Kurz darauf sitzen wir bei Gnocchi und Tagliatelle und ich lenke das Gespräch auf sein Ansinnen, mich zum Ambassador einer Charity-Organisation zu machen.
Und was der Mann mit dem fünf Schichten Stoff um den Oberkörper dann erklärt, das hätte ich nicht erwartet.
Episodenliste:
- herr-schroeder: Peter Wilhelm KI
Ich habe noch einmal die wichtigsten Schlagwörter (Hashtags) dieses Artikels für Sie zusammengestellt, damit Sie sich besser orientieren können:
Schlagwörter: Herzschrittmacher, Termine, Tweed, Verspätung
Lass uns mit der Fortsetzung nicht lange warten.