Geschichten

Der feine Herr will Koch sein

Eine kysterische Frau sitzt einem jungen Mann gegenüber. Im Hintergrund ein Bestatter hinter seinem Schreibtisch.

Es gibt kaum eine innigere Bindung als zwischen einem Kind und seiner Mutter. Man sagt, dass Jungs sich eher zur Mutter hin orientieren, während Mädchen gerne mal Papas Prinzessin sind. Es ist schön, wenn Kinder auch im Erwachsenenalter noch ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern haben und sie unterstützen.

Eines Tages kam Frau Blömer mit ihrem Sohn Dietmar zu uns ins Bestattungshaus.

Frau: „Dietmar, was haben Deine Hände wieder unter dem Tisch zu suchen?“

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Dietmar: „Aber Mama, ich sitze nur hier.“

Frau: „Also, Sie wissen ja schon vom Telefon, dass mein Mann gestorben ist. Der liegt im St. Bethanien-Krankenhaus. Was wird das alles kosten?“

Bestatter: „Ja,….“

Frau: „Und keine Ausflüchte! Klipp und klar die Fakten. Man kennt Euch Brüder ja!“

Bestatter: „Sie kennen meinen Bruder? Wie nett!“

Frau: „Dietmar, hör auf an den Nägeln zu kauen. Nein, ich kenne Ihren Bruder nicht, ich bin nur wachsam.“

Bestatter: „Lassen Sie uns in Ruhe alles durchsprechen, dann wissen wir bald, was das kosten könnte.“

Frau: „Sie nehmen uns ja hoffentlich alles ab. Ich hab‘ jetzt keinen Kopf, mich auch noch um das ganze Verwaltungszeug zu kümmern. Schlimm genug, dass mein Mann mich jetzt mit dem da alleine lässt. Sie glauben ja nicht, was so ein Junge für Arbeit macht. Der macht schon Arbeit, seit er auf der Welt ist. Wenn ich mich nicht um alles kümmern würde, wäre der in der Gosse gelandet. Völlig lebensuntüchtig, völlig ohne Rückgrat, ein reinster Waschlappen.“

Dietmar: „Mama, jetzt mach‘ mal nen Punkt! Ich bin 43 Jahre alt…“

Frau: „Und Du hast keine Freunde. Kein einziger Mensch will sich mit Dir abgeben. Du kannst nichts, Du bist nichts und wenn Du mich nicht hättest, wärst Du ganz alleine.“

Dietmar: „Also wirklich, was soll denn der Herr von uns denken? Ich bin Verwaltungsfachangestellter und verdiene mein eigenes Geld. Ich wohne nur noch zu Hause, weil Papa so lange krank war.“

Frau: „Du kriegst doch nichts auf die Reihe. Ich habe mich um Papa gekümmert, während Du in Deinem Zimmer gesessen hast und den ganzen Tag vertrödelst. Das bißchen Arbeit auf dem Amt kann’s ja wohl nicht sein. Und Deine Stelle hast Du auch nur, weil ich den Herrn Engelmeier kenne und er sich für Dich eingesetzt hat. Sitz gerade, mein Gott, sitzt doch endlich mal gerade!“

Bestatter: „Vielleicht können wir mal darüber sprechen, ob es eine Erdbestattung oder eine Feuerbestattung…“

Dietmar: „Erd….“

Frau: „Halt den Mund! Feuerbestattung. Jawohl, mein Mann kriegt eine Feuerbestattung. Einfacher Sarg, ab ins Feuer und dann auf die grüne Wiese. Das kostet 310 Euro, da hab ich mich schon erkundigt.“

Bestatter: „Also eine Feuerbestattung…“

Frau: „Sie brauchen gar nicht erst versuchen, jetzt irgendwas zu versuchen, das versucht ihr nämlich immer.“

Bestatter: „Wer versucht was?“

Frau: „Ich hab mich erkundigt. Im Netz liest man ja alles. Erst tut ihr schön, dann kommt das dicke Ende.“

Bestatter: „Soll eine Trauerfeier in der Friedhofskapelle stattfinden?“

Frau: „Ja sicher.“

Bestatter: „Vor der Einäscherung mit dem Sarg oder danach mit der Urne?“

Frau: „Sehen Sie, es geht schon los. Jetzt versuchen Sie mir irgendwas aufzuschwatzen. Ich hab mich doch klar genug ausgedrückt. Ab ins Feuer und dann auf die grüne Wiese. Vor der grünen Wiese machen wir eine Trauerfeier in der Kapelle. Dietmar, sitz doch gerade! Meine Güte, wenn man Dich mal eine Minute aus den Augen lässt, hängst Du auf dem Stuhl wie ein nasser Sack. Was soll der Mann denn von mir denken, wenn Du so ein jämmerliches Bild abgibst.“

Bestatter: „Dann lassen Sie uns über die Urne, den Blumenschmuck und eine Anzeige sprechen.“

Frau: „Die Urne da vorne auf dem Schrank, die ist schön, was kostet die?“

Bestatter: „Die Stahlblechurne in Metallic-Blau? Die liegt bei 79 Euro.“

Frau: „Dietmar, sag doch auch mal was!“

Dietmar: „Ja, die ist…“

Frau: „Stammel doch nicht so herum. Sehen Sie, der kriegt die Zähne nicht auseinander. Kein Wunder, dass sich keiner mit dem abgeben will. So findet der keine Frau, so nicht!“

Dietmar: „Eines Tages werde ich auch eine schöne Wohnung haben und verheiratet sein. Ich…“

Frau: „Kusch! Verheiratet? Mit wem denn? Dich nimmt doch keine. Guck mal, wie Du rumläufst. Wenn ich Dir nicht die Haare schneiden würde, sähest Du aus wie ein Hippie! Und was willst Du denn mit einer Frau? Erstens gibt es für einen Jungen keine bessere Frau als seine Mutter und zweitens bist Du noch grün hinter den Ohren. Und dann, stellen Sie sich vor, hat der den Traum, Koch zu werden. Der will lieber Koch sein. Wo gibt es denn so etwas? Wer hat denn sowas schon mal gehört? Hat eine feste Anstellung und will lieber Koch sein. Hoffentlich haben Sie nicht so einen Ärger mit Ihren Kindern?“

Bestatter: „Also die blaue Urne. Wie sieht es mit Blumenschmuck aus? Möchten Sie einen Kranz oder ein bißchen Blumenschmuck an der Urne?“

Frau: „Da geh‘ ich selbst zum Gärtner. Wenn Sie das machen, schlagen Sie nur noch was drauf und ich muss das Doppelte bezahlen. So dicke hab‘ ich das ja auch nicht. Mir fehlt ja jetzt das Pflegegeld von meinem Mann und der da bringt ja kaum was nach Hause. Elfhundert gibt der ab, das reicht ja kaum für seine Limonade. Der feine Herr muss ja Limonade trinken! Ich trinke seit 43 Jahren nur Fencheltee, seit ich mit ihm schwanger war. Das war sowieso so eine schwere Schwangerschaft. Der da hat seitlich gelegen. Das kann sich keiner vorstellen, wie schwer das für eine werdende Mutter ist, wenn das Kind schlecht liegt. Nur Fencheltee! Und er will Limonade!“

Bestatter: „Vielleicht bleiben wir jetzt mal beim Thema Bestattung.“

Frau: „Gibt’s hier ein halbwegs sauberes Klo, ich müsste nämlich mal.“

Bestatter: „Hier zur Tür raus, dann links und zweite Tür rechts.“

Frau: „Bis gleich.“

Dietmar: „Irgendwann bring ich sie um.“

Bildquellen:
  • dietmar2: Peter Wilhelm
  • dietmar: Peter Wilhelm


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Die teils auch als Bücher erschienenen Geschichten von Peter Wilhelm sind Erzählungen und Kurzgeschichten aus dem Berufsleben eines Bestatters und den Erlebnissen eines Ehemannes und Vaters.

Sie haben meist einen wahren Kern, viele sind erzählerisch aufbereitete Tatsachenerzählungen.

Ähnlichkeiten mit existierenden Personen sind zufällig, da Erlebnisse nur verändert-anonymisiert wiedererzählt werden.


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Lesezeit ca.: 7 Minuten | Tippfehler melden | Peter Wilhelm: © 26. März 2025

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Ferkelwaemser
2 Tage zuvor

> Dietmar: „Irgendwann bring ich sie um.“
Bestatter: Dann kümmern wir uns auch darum. 🙂

Tia
Reply to  Ferkelwaemser
2 Tage zuvor

Ein Umstieg auf Fenchelschnaps oder Likör, kann man bestimmt auch herstellen, könnte Mutter ja in bessere Laune versetzten, sie müsste nur denken, dass dass Likörchen besser hilft als das Teechen.
Und schon steigen Laune u Schlafbedürfnis gleichzeitig.
Bei einer Dame in diesem Alter ist regelmäßig Likörchen u Schwipps ja ok, kenne da genügend ältere Damen mit dem Sekt oder Likörchen am Tag, gerne auch gemeinsam.




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