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Der Gedanke an den Tod macht mich so glücklich

Lieber Herr Wilhelm,

ich lese Ihren Blog schon einige Jahre. Begonnen habe ich mit 16, als ich noch zur Schule ging. Heute bin ich 20.
Ich wohne immer noch zuhause, habe meine Ausbildung als Goldschmiedin geschafft. Finanziell geht es mir gut, denn im Gegensatz zu meiner Schwester kann ich gut mit Geld umgehen.
Wir haben genug zu essen, wohnen in einem schönen Haus und mein Vater hat meiner Mutter und uns beiden Geschwistern Autos vor die Tür gestellt.
Eigentlich haben wir alles, was wir brauchen.
Aber mir wird das Leben zu kompliziert.

Wenn ich sehe, was mein Vater täglich an Briefen bekommt, um was er sich alles kümmern muß und welche Verantwortung er trägt, das wäre mir zu viel.
Heute kann ich ihn wegen allem fragen, aber was wird sein, wenn er mal nicht mehr ist oder nicht mehr kann?

Ich finde das Leben, so wie es auf mich eindringt, als anstrengend, kompliziert und stressig. Der Umgang mit Whatsapp, Snapchat, Instagram und Facebook stellt sich mittlerweile für mich nur noch als Stress dar.
Wer da alles was von mir will, wer da alles beleidigt ist, wenn ich nicht so reagieren, wie er es sich wünscht!

Wenn ich abends so in meinem Zimmer sitze und Musik höre, dann denke ich oft daran, wie schön es wäre, tot zu sein. Diese Ruhe, diese Entspanntheit, niemand will was von einem.
Dieser Gedanke macht mich glücklich.

Haben Sie so etwas schon mal gehört? Ist das nicht ein schlimmer Gedanke? Was meinen Sie?

Eva (Name geändert)

Liebe Eva,

viele Menschen sagen ja, wenn sie so etwas hören: Das Leben ist doch so schön!
Ich sage Dir, das Leben ist nicht schön. Zumindest nicht immer.
Trennen wir mal die Begriffe Leben und Alltag auf.

Die Tatsache, daß Du geboren wurdest und die Chance hast, hier auf diesem Planeten eine gewisse Zeit leben zu können, die ist schön. Das hat sehr viel Wertvolles an sich und ist ein Geschenk, über das ich persönlich mich freue.
Ich freue mich, daß ich lebe. Wäre nur ein Spermawurm schneller gewesen, wäre nicht ich, sondern ein anderer hier. Es gäbe mich nicht. Das könnte mich nicht traurig machen, denn wenn es mich nicht gäbe, wüßte ich auch nichts davon und könnte es nicht bedauern.
Aber so gibt es mich und das ist doch schön. Und es gibt Dich, und das ist auch schön.
Wenn ich Schönes sehe und Schönes erlebe, dann freue ich mich über dieses Leben. Ich denke dann oft, wie schön es doch ist, daß ich das erleben darf.
Und jetzt, da ich langsam ein alter Mensch werde, da denke ich natürlich auch, wie schön es ist, daß ich das noch erleben darf.

Du schreibst mir, daß Du in geordeneten und behüteten Verhältnissen lebst. Also hast Du, was Deine Lebensumstände anbetriftt, keinen Grund, Dein Leben nicht zu mögen. Das weißt Du auch.

Was Dich anstrengt, das ist der Alltag. Unser Leben besteht aus vielen Alltagen und einigen Sonnentagen. Die Sonnentage sind es, die unser Herz hüpfen lassen und die uns Lebensfreude empfinden lassen.
Die Alltage sind die graue Suppe, in der die Sonnentage vorkommen.

Der Alltag bringt viele unangenehme und lästige Verpflichtungen mit sich. Das finde ich auch oft zum Kotzen. Mein Leben besteht vor allem aus „Nein, nicht schon wieder“-Momenten. Eben hast Du erst eine unangenehme Sache durchgestanden, da schlägt schon wieder die nächste stressige Geschichte auf.
Irgendwie scheint es kein Ende zu nehmen und es reiht sich Verpflichtung an Verpflichtung, Aufgabe an Aufgabe und schreckliche Post an noch schrecklichere Post.
Oft dreht sich der Alltagsstress um Geld, aber noch viel häufiger um Zwischenmenschliches.

Da kann man schon leicht zum Alltagshasser werden, das verstehe ich gut.

Du schreibst, daß Dein Vater die ganze Verantwortung übernimmt und daß Dir das zu viel sei, käme es einmal auf Dich zu.
Nun, auch Dein Vater und auch ich waren mal jung. Irgendwann waren wir so alt wie Du. Und da kam auch irgendwann der Tag, an dem wir alles alleine und alles zum ersten Mal machen mußten.
Es ist die Aufgabe der Eltern, die Kinder fit für ein Leben außerhalb des Nestes zu machen. Aber so ganz und für alle infrage kommenden Situationen wird das nie gelingen.

Aber Dein Vater hat das geschafft, ich habe das geschafft und jeden Tag schaffen es Millionen junger Leute, die ihren Alltag bewältigen müssen. Irgendwie geht es also.

Jeder denkt hin und wieder über den Tod nach.
Und ja, ich stimme Dir zu. Der Gedanke an ganz viel Ruhe, an eine stressfreie Situation, in der endlich mal keiner was von einem will und fordert, der Gedanke hat was.

Aber Ruhe und Entspannung zu haben, bedeutet, daß man sich in der Alltagssuppe auf das Fettauge eines Sonnentages setzt und das Graue, Stressige hinter sich läßt und für einen Moment vergißt.
Dann kann man aus der Ruhe und Entspannung Kraft schöpfen.

Wenn Du tot bist, nimmst Du Dir keine Auszeit, aus der Du nach einer gewissen Zeit ausgeruht und entspannt wieder zurückkehrst. Das ist endgültig. Dein Bewußtsein schaltet sich -nach allem was wir wissen- endgültig ab, es gibt Dich nicht mehr.
Du wirst keinerlei bewußten Vorteil aus diesem Zustand ziehen können.

Du kannst auch den Alltag nicht abschalten, indem Du stirbst. Sterben bedeutet, daß Dein Leben zu Ende ist.
Aber Du betrachtest diese Welt aus Deinem Bewußtsein heraus. So kannst Du überhaupt erst Schönes und Stressiges wahrnehmen und für Dich selbst festlegen, was Stress und was schön ist.
Ohne Bewußtsein, ohne Leben, ja da gibt es alles das nicht, Du bist einfach nur weg.

Es mag vielleicht auf dieser Welt Plätze geben, an denen die Menschen stressfreier und von weniger Verpflichtungen geplagt leben. Aber Nachbarn hat man überall. Existenzsorgen wird man auch überall haben.
So gesehen, ist es also fast egal, wo man lebt.
Wenn es also nicht der Ort ist, der es ausmacht, so sind es die Umstände.

Und Umstände kannst Du ändern.
Ich würde Dir raten, daß Du mit Deinem Vater sprichst. Erzähle ihm von Deinen Sorgen um die Verantwortung. Laß Dir von ihm erklären, wie Steuer und Versicherungen funktionieren.
Er soll Dir eine Einweisung in diesen Teil des Alltags geben. Bitte ihn darum, Dir schrittweise etwas von der Verantwortung abzugeben, die er für Dich übernommen hat.
Je mehr Du jetzt schon selbst erledigen kannst, umso weniger hart wird der Schritt, wenn Du mal auf Dich alleine gestellt sein wirst.

Was den Umgang mit sozialen Medien anbetrifft, so ist hier jeder seines Glückes Schmied.
Facebook beispielsweise sendet mir immer wieder solche Meldungen:

Facebook teilt mir also mit, meine Reaktionsquote läge bei 41% und ich müsse schneller auf Benachrichtigungen reagieren, um mindestens eine Reaktionsquote von 90% zu erzielen. Nur dann wird das merkmal „reaktionsfreudig“ auf meiner Facebook-Seite angezeigt.

Abgesehen davon, daß die Zahlen 41% und 90% gar nichts über meine Reaktionsfreudigkeit besagen, soll mich das nur dazu verleiten, noch häufiger bei Facebook reinzuschauen und noch mehr auf irgendwas zu reagieren. Facebook macht mir so künstlichen und absolut unnötigen Stress.
Das heißt, sie versuchen es. Ich handele nämlich nicht wie erhofft. Mich interessiert dieses Geschwurbel nicht und ich mache dann Facebook an, wenn ich Bock darauf habe.

Ähnlich ist es bei Instagram. Irgendwann taucht neben dem Instagram-App-Symbol auf meinen Handy eine rote 1 auf. Da liegt also was für mich vor. Das ist aber gar nicht so. Instagram will nur, daß ich mal wieder was auf Instagram mache.

Und so funktionieren viele Netzwerke. Schon die Betreiber wollen mich stressen und zu mehr Aktionen verleiten.

Schlimmer aber als die Betreiber sind die anderen Nutzer. Der eine ist beleidigt weil er mir ein „Like“ gegeben hat und ich nun nicht im Gegenzug jeden Scheiß von ihm „like“.
Ein anderer ärgert sich, weil er bei Whatsapp täglich einen tollen Status einstellt und ich die Frechheit besitze, mir diese Katzenscheiße nie anzugucken.
Und wieder ein anderer sendet mir täglich irgendwelche animierten GIFS auf denen Katzen Angst vor Gurken haben oder 10 erstaunliche Fakten über Plastik verkündet werden.
Mich interessiert dieser ganze Mist nicht.

Ich denke mir: Sollen die sich doch ärgern, ich lasse mich doch nicht zum dauerklickenden Sklaven meines Handys machen.

Und genau das empfehle ich Dir auch.
Schalte zu allererst die Benachrichtigungsfunktion dieser sozialen Netzwerke ab.
Damit meine ich die Funktion, daß jede Aktion und jede neue Nachricht gleich auf dem Bildschirm Deines Handys aufpoppen und es vielleicht noch vibriert oder einen Ton macht.
Weise alle Leute darauf hin, daß sie Dir jederzeit eine Mail oder eine SMS schicken können. Auf diese oberflächlichen Dauerbenachrichtigungen gehe einfach nie mehr ein!

Und die Apps rufst Du nur auf, wenn DU Lust dazu hast. Lasse nicht andere darüber bestimmen, wann und wie oft Du da tätig werden mußt.

Der Tod ist keine Ruhephase. Er ist das Ende.
Aber den Alltagsscheiß, den kannst Du in den Griff bekommen.
Ganz bestimmt!

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Peter Wilhelm13. Dezember 2017

19 Kommentare von 139143.

  1. Super, denn auch ich verstehe nicht, wie man sich zum Sklaven eines Handys machen lässt und wer mich nicht mag wie ich bin, der soll sich andere suchen.
    Ich kann mit mir sehr gut klar kommen und dazu gibt es viele Menschen, die mich sehr schätzen. Aber ich bin nicht jedermanns Darling. :-)

    Aber die junge Frau hat das Glück, dass sie wirklich in einem behüteten Umfeld aufgewachsen ist und ihr eben bis jetzt noch sehr viel abgenommen wird, was ich schon mit 17 lernen musste.
    Da habe ich meinen Sohn bekommen und mit 18 war ich 2fache Mama.

    Ich hatte auch ein sehr gutes Zuhause und ich musste nie etwas tun. Ich durfte mal Einkaufen gehen. Aber alles hat meine Mutti gemacht und die einzige Aufgabe bis zu meinem 15 Lebensjahr war: Die Schuhe von meinem Papa durfte ich putzen.
    Papa hatte nur noch einen Arm und das konnte er eben nicht und dann durfte ich das.

    Ja aus diesem wundervollen Leben zu einer Hausfrau und Mutter zu werden wurde mir von allen Personen in meinem Umfeld schlichtweg abgesprochen. Was ich da alles zu hören bekam:
    Das wird sie nie schaffen, …
    Den Haushalt möchte ich sehen, …
    Sie kann ja nicht mal kochen, wie soll das nur enden …

    Tja, von der Handelsschule geflogen wegen Schwangerschaft, nur Abschluss der damaligen Volksschule – 8 Jahre – und ein halbes Jahr fehlt mir zum Abschluss der sog. Mittleren Reife, was auch immer das sein mag.

    Inzwischen gereift und mich durchs Leben gekämpft, wobei die meisten Kämpfe erst kamen, seit ich 2002 mit dem Tod konfrontiert wurde. Und da kämpfe ich immer noch. :-)

    Habe das Kochen mit dem Kochbuch gelernt und hatte ja auch bei Mutti gesehen, was da so gemacht wurde. Ebenso wie Bügeln, Wäsche waschen, putzen.
    Ich nenne das „Mit den Augen stehlen“.

    Wenn man viele Dinge mit dem Kopf aufnehmen kann und sieht, dann kann man sie auch tun.

    Ergo, mein Haushalt versank nicht im Chaos und ich konnte auch, aus der Not, da uns mit einem Haushalt von 3 Personen gerade mal 500 DM zur Verfügung standen, auch sehr gut mit Geld umgehen. Ja, aus diesen Dingen kann man viel fürs Leben lernen.

    Wichtig ist aber vor allem, dass man wollen muss.

    Ich liebe mein Leben und genieße es jeden Tag und das Wort Stress kenne ich nicht.
    Ruhe ist für mich wirklich schlimm, denn ich bin quirlig, lebhaft, agil und das, solange es mir möglich ist. Wer rastet der rostet und das möchte ich im Moment noch nicht.

    Vielleicht kommt irgendwann die Zeit wo ich es lieben werde. Vielleicht kommt aber auch vorher der Sensenmann und holt mich ab. Inshallah!

    Liebe Eva, wenn Du das lesen solltest, dann hoffe ich, Du verstehst, was ich damit sagen möchte.

  2. Der erste Teil der Antwort ist ein wundervoller Text, der mich berührt hat. Danke dafür, auch wenn ich nicht die Schreiberin bin. Der zweite Teil gibt einen sehr guten Ratschlag. Genauso handhabe ich es auch und nur so hat man Ruhe. Zu überlegen wäre auch, ob man wirklich in jedem sozialen Netzwerk angemeldet sein muß.

    • @Erica: Die Kapazitäten zur Kommunikation sind begrenzt und man kann nicht auf allen Partys tanzen. Deshalb habe ich eben auch mal ein Online-System – und 5 andere aber nicht.

      Und ja, dieses dauernde Gebimse „Du hast schon 3 Tage nichts gepostet und könntest was verpassen“, das einem die wirklich wichtigen Dinge wegschiebt am Handy, nervt und muß unbedingt abgeschaltet werden. Das Handy soll ja mir nützen und nicht Google und Facebook.

  3. Vielleicht solltet du mal zu einem Psychologen gehen, der heraus finden kann ob, ob eine Depression dahinter steckt. Egal woran es liegt, in jedem Fall kann er dir weiter helfen, diese Gedanken die du hast sind furchtbar, bitte schmeiße dein Leben nicht weg.
    Ich hoffe das ich bald hier lesen werde, das es dir wieder viel besser geht!
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft! ;)

  4. Auch wenn der Spruch abgedroschen klingt, es ist etwas wahren dran:
    „Das Leben ist viel zu schön, als daß man es wegwerfen sollte.“

    Liebe EVA (auch wenn dein Name geändert ist), es ist wirklich so.
    Wie ich gelesen habe, lebst du in einem behüteten Umfeld, das vielleicht sogar überbehütet ist. Peter hat es ja richtig beschrieben.
    Aber vielleicht sind deine Eltern auch sog. Helikopter-Eltern, die alles machen, um ihre Kinder vorm richtigen und ach so bösen Leben fernzuhalten. Ich weiß von was ich rede. Meine Mutter war jemand der in diese Richtung ging. Der Junge soll das Leben lernen, eine Frau heiraten usw. Aber spätestens um 20 Uhr sollte ich zu Hause sein. Alles was sich dann noch draußen herumtreibt ist nur nichtsnutziges Gesindel….
    Zum Glück hat meine Vater ihr immer noch Einhalt bieten können.
    Ich bin dann sehr spät aus dem Hotel Mama ausgezogen (ca. 34 oder 35 ). Meine Eltern wohnten nur etwa 15 km entfernt, ich hatte also immer Hilfe wenn ich sie gebraucht habe. Und was soll ich sagen: Da ich bei meiner Mutter sehr viel abgeschaut habe, Kochen, Wäsche, Saubermachen, bin ich selbser sehr gut zu recht gekommen. Auch weil ich selbstständig werden wollte. Klar haben meine Eltern mich immer wieder am Wochende besucht ; und klar, hat man auch nie so sauber gemacht und Ordnung gehalten, wie es den Qualitätsanspüchen meiner Mutter entsprochen hat.
    Aber es funktionierte.
    Liebe Eva, du solltest vielleicht wirklich mal zu einem Psychologen gehen, weil das ganze scheint wirklich ne gewaltige Depression zu sein. Aber Kopf hoch, DU BIST NICHT ALLEINE. Und wenn es jetzt auch brutal und unsensibel klingt: Manchmal hilt es einfach A….backen zusammenkneifen, Augen zu und durch. Damit bis ich immer gut gefahren, selbst in den dunkelsten Stunden, als 1996 erst meine Mutter durch Alzheimer und dann 2011 in der weihnachtswoche mein Vater an Asbest gestorben ist.
    Als Kopf hoch. es kommen auch wieder bessere Zeiten. Peter hat es einfach toll beschrieben. Ich glaube an ihm ist ein guter Psychologe verloren gegangen.

    • @Red Baron: Jepp, klingt brutal und unsensibel. Genau DAS hilft bei einer Depression – so es denn eine ist, nämlich mal gar nicht weiter. Halt am besten den Mund, wenn du mit Leuten zusammentriffst denen es nicht so gut geht.

      • @Misa: Wenn du meinst, ich sei unsensibel, dann bitte gerne.
        Ich weiß was das alles bedeutet. Ich hatte lange eine Freundin, die mit soclhen Sachen gekämpft hat. Depressionen, Medikamentenabhängigkeit (Schlaftabletten), usw….
        Weißt du eigentlich, was das manches Mal für Mühe gekostet hat, sie in die Gänge zu bringen, irgendwohin hinzugehen (meistens Baden in Thermalbädern hier in der Gegend).
        Irgendwann ging es dann nicht mehr. Am Schluß hat sie dann mit mir Schluß gemacht und obwohl ich sie eigentlich geliebt habe, war ich dann am Schluß erleichtert.
        Heute bin ich verheiratet, habe zwei Kinder im beginnenden Pubertätsalter: Tochter 12, Sohn 13. Wer Töchter hat, kann wahrscheinlich mit mir mitfühlen. – Ich weiß, es wird noch schlimmer. Das sagt mir jeder.
        Auch bei mir ist in alles Sonnenschein und ich habe mehr als einmal gedacht, am liebsten würde ich alles hinwerfen und gehen. Nicht gleich komplett Schluß machen, wobei ich ehrlich zugeben muß, daß auch einmal der Gedanke dabei war, einfach hier in die Donau zu springen.
        Klar unterscheide ich mit wem ich rede. Aber ich bin auch bekannt, daß ich bei Freunden auch mal Klartext rede. Es nützt nämlich überhaupts nichts, daß man demjenigen noch Honig ums Maul schmiert und ihn auch noch richtig kräftig bemitleidet.

        • @Red Baron: Das Problem ist meiner Meinung nach, dass du hier von DIR auf andere schließt und zuviel von deiner Geschichte und deinen Erfahrungen in das Post von Eva hinein projizierst
          Ein guter Psychologe (oder von mir aus auch „nur“ Berater…),hört erstmal zu, stellt Fragen, formuliert dann vorsichtig die ein oder andere Hypothese auf und bildet sich dann allmählich ein Urteil
          Was ein verantwortungsvoller Psychologe ganz bestimmt NICHT tut ist pauschal mal irgendwelche Diagnosen ( „gewaltige Depression“)rauszuhauen. Aus dem Post vom Eva ergeben sich mögliche Anzeichen für eine Depression – mehr nicht. Würde Sie bei MIR vorstellig werden würde ich das weiter abklären und natürlich würde ich mich auch mal vorsichtig nach Suizidgedanken erkunden.Ganz bestimmt würde ich ihre Gedanken nicht voreilig pathologisieren und ihr gleich einen Stempel aufdrücken – damit das kann man Menschen nämlich mehr schaden als nützen. Vielleicht ist sie einfach nur eine junge Frau, die sich ein paar grundlegende Gedanken über den Sinn des Lebens macht – wir wissen es nicht. Gelegentliche passive Todeswünsche und „Was-wäre-wenn“-Gedanken sind bei jungen Menschen nicht unbeding sooo selten…
          Was ich an dem Post von Peter gerade gut und einfühlsam fand ist, dass er zwar seine Gedanken zu dem Thema mitteilt und die ein oder andere Aussage spiegelt, aber niemandem seine Meinung aufzwingt. Er nimmt Evas Fragen ernst und beantwortet sie relativ neutral ohne dieses pseudopsychologische „Ich-weiß-was-dir-wirklich-fehlt“-Getue. Eva hat offensichtlich ein funktionierendes soziales Netzwerk und Peter empielt ihr – völlig richtig – diese Resourchen zu nützen. Er appeliert an ihre Selbstwirksamkeit, macht Ihr Mut und gibt sogar noch ein paar alltagspraktische Tips. SO hilft man Menschen und nicht indem man erst mal wüste Theorienen von Helikoptereltern, Tablettenmissbrauch etc. aufstellt!

          • @MK: Ich will mich hier nicht aufregen!
            Aber irgendjemand will mir jetzt was unterstellen.
            Ich habe Eva keinen Tablettenmissbrauch unterstellt !!!
            Ich habe nur meine eigenen Erfahrungen dargestellt, wie es mir ergangen ist,
            um zu zeigen, daß es auch bei anderen im Leben nicht nur eitel Sonneschein gibt. Und daß man mit professioneller Hilfe es auch wieder nach oben schafft. Aber auch nur wenn man es selber auch will.
            Und zum Thema Helikoptereltern: Klingt das nicht etwa danach, wenn Papa sozusagen alles macht und alle Verantwortungen und Verpflichtungen abnimmt?
            So unselbstständig scheint sie ja nicht zu sein, wenn sie sogar – positiv gemeint – eine in meinen Augen ziemlich schwierige Ausbildung abgeschlossen hat.
            Sie braucht in meinen Augen jemanden, der sie die Hand nimmt und ihr die schönen Seiten des Lebens zeigt, ohne daß man auch die weniger schönen Seiten dabei vergißt.

            • @Red Baron: Hallo, ich wollte Dich nicht beleidigen, oder dir zu nahe treten. Ich respektiere Deine Geschichte und weiß, dass Du es gut mit Eva meinst. Aber ich bleibe dabei: Ich finde es verantwortungslos hier irgendwelche klinischen Diagnosen in den Raum zu stellen, ohne die genauen Hintergründe zu kennen. Für MICH hört sich der Post nicht nach einer „gewaltigen Depression“ an, sondern zunächst mal „nur“ nach einem nachdenklichem jungen Menschen, der sich 1-2 düstere Gedanken macht und sich jemanden wünscht mit dem sie diese ernsthaft diskutieren kann. Aber letzlich wissen wir es beide nicht und müssten Eva fragen…

              Und NEIN für MICH klingt das nicht nach typischen „Helikoptereltern“ und du tust Eva bestimmt keinen gefallen indem Du ihr sowas einredest bzw. unterstellt.
              Abgesehen davon, dass ich den Außdruck „Helikoptereltern“ nicht mag, weil er IMO inflationär benutz wird und dazu geeignet ist alle Eltern die sich irgendwie Gedanken um ihr Kind machen zu verunglimpfen…
              Für mich klingt es so, als sei Eva wohl- aber nicht überbehütet und das ist ein gewaltiger Unterschied!
              Vieleicht bewundert sie einfach nur Ihren Vater, weil er ein „gestandener Mann“ ist, im Leben steht und sich kompetent um alle finanziellen und organisatorischen Belange der Familie kümmert. Und vielleicht schätzt sie es einfach nur, dass Sie ihn wegen allem fragen kann. Das wären meine ersten Gadanken gewesen, aber um es wirklich zu beurteilen müssten wir Eva SELBER fragen.
              In diesem Sinne: Zu den ersten Dingen die ein guter Berater (damit meine ich nicht nur „profesionelle“) IMO lernen muss ist ersteinmal ZUHÖREN, mit dem zu arbeiten, was der Klient so liefert, sich mit Interpretationen zurrückzuhalten und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Und v.a wird er sich erkunden was der Klient eigentlich von ihm will und sich erstmal mit Ratschlägen zurrückzuhalten – das kann nämlich sehr schnell übergriffig werden!

  5. Liebe Eva,
    wer alles hat, hat manchmal zu viel, denn er hat auch die Sorge, dieses wieder zu verlieren. Dieses gilt sowohl für deine Eltern als auch für deinen Lebensstil. Wenn du aber ständig in Sorge bist, bleibt dir keine Zeit, dein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Du bist jung und die ganze Welt steht dir offen. Nutze die Chance, deinen Weg zu gehen. Mach ein Auslandsjahr, FSJ oder Work and Travel, vielleicht in einem Land, in dem das Leben weniger kompliziert erscheint, weil die Menschen dort einfachere, grundlegendere Bedürfnisse haben und erfahre, was wirklich wichtig ist im Leben, was dir wirklich wichtig ist. Wenn du das weißt, lebe danach. Die Antwort hierzu wirst du nicht auf Facebook finden und auch nicht, wenn du versuchst, den Lebensentwurf deiner Eltern fortzuführen. Im Gegenteil beginnt die Suche nach der eigenen Identität immer mit einer Loslösung vom Elternhaus. Nicht leicht, wenn das Glück es Zuhause bisher so gut mit dir gemeint hat, aber es könnte für dich Entlastung und Freiheit bedeuten und die Chance, deinen eigenen Weg zu finden. Ich wünsche dir viel Glück und viel Kraft hierfür.

  6. Liebe Eva, mit 20 hatte ich auch eine Phase, wo mir das alles, wirklich, wirklich zu viel wurde. Mein alter Freundeskreis hatte sich abgewandt, einen neuen hatte ich noch nicht, ich habe mich mit einem Studium abgekämpft, das mir zu diesem Zeitpunkt die Mühe kaum noch wert schien (heute sehe ich das naturgemäß etwas anders (guter JOB, YAY)), aber es gab wirklich Zeiten, da schien es mir die Mühe nicht mehr wert.
    Was du beschreibst, erinnert mich an mich. Und an die Diagnose, die ich damals bekam: schilddrüsenbedingte Depression. Bitte geh zu einem Fachmann. Daran ist nichts anrüchiges. Bitte rede mit ihm, bitte sag ihm, wie du dich fühlst. Das bedeutet nicht, dass du verrückt bist, das bedeutet nicht, dass man dich mit Medikamenten vollpumpt, es bedeutet, dass jeman dir die Hand reicht, und dich aus dem Dreck zieht, den du selbst nicht mehr losstrampeln kannst.
    Und, dass dir eine Schaufel gegeben wird, die dir im weiteren Leben hilft, den Haufen nie wieder so groß werden zu lassen, dass du nicht mehr drüberschauen kannst. In meinem Leben ist heute, 15 Jahre später auch nicht alles eitel Sonnenschein. Ich sehne mich nach Weihnachten, weil ich so, so müde bin, derzeit. Ich gehe nicht jeden Tag gern zur Arbeit und kämpfe mich nur mühsam aus dem Bett.
    Aber dann lächelt meine kleine Tochter mich an und ich weiß, wofür ich es mache. Ich schenke mir jeden Tag ein bisschen Sonnenschein. Ein Kinderlachen, Kuscheln, einen gemütlichen Moment, einen wunderbaren Scherz.
    Du kannst das auch, und du schaffst das auch. Wenn du anfängst, wenn du dich traust, wenn du dir Hilfe suchst. Tot zu sein ist keine Alternative. Und wenn es nur wäre, weil irgendeine arme Sau einen findet. Im Zweifelsfall auch noch jemand, der einem nahe steht und dem man das nun wirklich nicht antun will.
    Am Anfang hilft es vielleicht, dir zu denken, was es für deine Umgebung, deinen Vater, deine Schwester bedeutet, wenn du tot bist, einfach weg. Aber irgendwann schaffst du bestimmt den Absprung und tust es für dich selbst.

      • Troll-Allarm, bitte den vorhergehenden und diesen Post entfernen, danke.

  7. Ich kann gut mitreden,was Depressionen betrifft, ab 13.Lebensjahr obwohl auch mein Elternhaus alles immer top i.O.war: Mutti Hausfrau, zu Hause, es war immer gut gekocht,Wäsche fertig gemacht, Hotel Mama eben! Und irgendwann überforderte ich mich in der Schule, setzte mich Streß aus durch den Spruch:“Guck,was deine Schwester kann…“ Heute lebe ich in einer guten Partnerschaft, nehme das Leben so,wie es ist,berate andere Menschen,die mir wichtig sind.Ja, es hilft absolut nichts, wenn man zu einem depressiven Menschen sagt:“Sieh zu,das du in die Gänge kommst..“ Da mußte ich allein durch,das Schlimme später war: vertrauensselig,wie ich zum späteren Vater meines Kindes war, erzählte ich ihm auch von eben der depressiven Phase, das nutzte er dann,um mich in Angst und Schrecken zu versetzen,oder: er versuchte es! Ich scheute mich nicht, Rat und Hilfe bei Psychiatern und Psychologen einzuholen, war mir egal,was andere Menschen über mich sagten,aber soweit mußte ich erst mal kommen! Und in Depressionen kann man schnell verfallen, sogar mein Sohn hat die,wo ich mich frage:“Wieso?“ Jeden Tag leben,als ob es der letzte Tag wäre.Und das mit dem DANACH,was ab körperlichem Tod so kommt oder nicht kommt:ist Glaubenssache,oder? Angst vor dem Tode wäre unsinnig, man war ja noch nicht tot,oder kann sich nicht mehr daran erinnern, wenn es so etwas wie Reinkarnation geben sollte.Und: es ist gut so, sonst würde man sich am Leben nicht mehr erfreuen können…

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