DIREKTKONTAKT

Der Patentmann -7-

Von

Ich hatte es noch nie mit einem Milliardär zu tun, auch nicht mit dessen Familie. Ich habe schon Kunden gehabt, bei denen wußte man, daß sie zu den Millionären gehören, aber der Schwiegervater eines Freundes, jahrzehntelang Busfahrer gewesen, sagt mir mal: „Millionär? Was ist das schon? Bin ich auch, mein Wohnhaus, die Eigentumswohnung für die Jutta und das Stückchen Acker von meinem Großvater, das jetzt Bauland ist… Ich bin auch Millionär.“

Bei Herrn Schade, der angab, der leibliche Sohn des verstorbenen Milliardärs Herrn Vockenroth zu sein, ging es aber um ein ganz beträchtliches Vermögen.

Am Abend nach der Beisetzung kam Herr Schade zu mir und erkundigte sich, ob etwas dagegen sprechen würde, wenn er sich ein paar Fotos von der Trauerfeier erbitten würde.
Da die Bilder auch in der Zeitung veröffentlicht würden, sprach in meinen Augen nichts dagegen und ich sagte ihm zu, ihm einige Exemplare bereitzulegen.

Die holte er sich dann einige Tage später bei uns ab und Herr Schade hatte eine Mappe dabei und zeigte mir die alten Briefe und Dokumente, mit denen er die Vaterschaft des Herrn Vockenroth beweisen wollte. Er tat das so, als müsse er mich davon überzeugen. Aber ehrlich gesagt, ich glaubte ihm inzwischen. Der Mann war so seriös und trat so vornehm und durchaus auch zurückhaltend auf, daß man ihm glauben konnte, daß er kein Schwindler war.

Noch einmal habe er versucht Frau Bauer und Frau Maternas zu erreichen, die hätten sich aber verleugnen lassen und am Telefon der Villa Vockenroth habe es geheißen, er solle die Familie bitte nicht weiter belästigen.
Es stehe nun zu befürchten, so seufzte Herr Schade, daß der alte Vockenroth sein gesamtes Vermögen den Damen Bauer und Maternas vermacht habe. Dagegen könne er sowieso nichts machen, man kann ja sein Testament machen wie man will, aber seinen Pflichtteil, der ja nicht ganz unbeträchtlich sein würde, den hätte er nun doch schon gerne gehabt. „Allein schon, weil der mich weggestoßen hat.“

Jetzt laufe alles über seine Anwälte und vermutlich komme es zu einem Prozeß.
Ob er mich denn auf dem Laufenden halten dürfe, wollte er wissen.

Mich? ja sicher. Natürlich interessierte mich die Sache brennend und ich hatte den Eindruck, Herr Schade sah in mir so etwas wie einen Verbündeten oder zumindest einen der wenigen, die er überhaupt in Deutschland kannte.

Doch zunächst einmal traten die Damen Maternas und Bauer noch einmal auf.

Es ging um Kleinigkeiten, wie die Danksagungsanzeige, das Abräumen des Grabes und belanglose Fragen. Bei der Gelegenheit überreichte ich aus das sehr schön gewordene und gebundene Kondolenzbuch, worüber die beiden Damen sich offensichtlich sehr freuten. Sehr gut angekommen war übrigens, daß ich exakt abgerechnet und den Rest der Pauschale zurückgezahlt hatte.
Während sie gemeinsam das Kondolenzbuch durchblätterten, stießen sie auch auf die Fotos der Kondolierenden und da sahen sie zum ersten Mal mit wachen Augen, daß Herr Schade auch da gewesen ist.

Frau Bauer zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb und Frau Maternas mußte sich mit einem Taschentuch das Gesicht abtupfen.
„Der war auch da? Was für eine Frechheit! Dieser Erbschleicher, dieser Schwindler!“ entfuhr es Frau Bauer.

„Mutter, der bringt uns noch um alles!“ rief Frau Maternas, sprühte Parfüm auf ihr Taschentuch und tupfte sich wieder das Gesicht ab.

„Das werde ich zu verhindern wissen“, sagte Frau Bauer und sie hatte da so ein Lächeln um die Lippen, das mir zeigte, daß sie noch einen Trumpf im Ärmel hatte, von dem Herr Schade offenbar nichts wußte.


Veröffentlicht von

Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



Wenn Sie meine Arbeit unterstützen möchten, können Sie dies mit einer Spende tun. Klicken Sie dafür links auf den Button oder hier.

Peter Wilhelm 16. Oktober 2012

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Tom,
    Du weißt schon, dass auch homöopathische Dosen tödlich sein können?
    Die hier in diesen Dosen verabreichte Therapielesung bringt mich vor Neugierde fast um.
    Also hiermit die Aufforderung zur Dosiserhöhung……

    PS Danke wieder einmal für die schöne Geschichte
    PPS und nicht drängeln lassen
    PPPS obwohl, mach….; ach ich weiß nicht ist alles so aufregend, kann mich nicht entscheiden.

  2. Unfassbar, da denkt man: Schlimmer und spannender kanns jetzt auch nicht mehr kommen…und dann sowas…. 😀

  3. *grummel*

    Wenn ich bei jeder Fortsetzung nen Kaffee spendiere, gibt´s dann eine Emailbenarichtigung?
    Ich glaube die Taktungen zwischen den jeweiligen Blogaufrufen hier werden immer kürzer 😀

Schreibe einen Kommentar

.


Nutzungsbedingungen | Trollhilfe | Kommentar fehlt? | So gehen Abstände!


Datenschutzerklärung