Die jüdische Kultur ist hochinteressant, folgt sie doch Gesetzen und Traditionen, die im Buch der Bücher vor tausenden Jahren festgeschrieben wurden. Mein Freund Alon lebt nicht nach den strengen jüdischen Regeln.
Sein verstorbener Vater Abraham war da schon penibler. Mit ihm habe ich mich sehr gerne unterhalten, konnte ich da doch Dinge lernen, von denen ich bis dahin nur eine sehr oberflächliche Ahnung hatte. Besonders interessant waren für mich natürlich die jüdischen Bestattungsriten.1
Innerhalb des Judentums ist es nicht viel anders als bei uns Christen. Es gibt Menschen, denen Regeln und Traditionen herzlich egal sind, und die sich nur in Stunden größter Not auf ihren Glauben besinnen. Es gibt welche, die fromm sind und viele Regeln befolgen, und es gibt natürlich auch ganz Strenggläubige, die akribisch auf die Einhaltung biblischer oder meist kirchlicher Regeln achten.
Zu den Besonderheiten des jüdischen Lebens gehört die Heiligung des Sabbat (שַׁבָּת)2. Von Freitagabend bis Samstagabend ist der Sabbat der Ruhetag und nach jüdischer Zählung der siebte Tag der Woche.
An diesem Tag werden mehr Gebete gesprochen, er wird feierlich begangen und die Arbeit ruht. Je nach Glaubensintensität alles mehr oder weniger.
Orthodoxe Juden nehmen das Verbot, am Sabbat Feuer zu machen, so ernst, dass sie nicht einmal elektrische Lichtschalter betätigen. Die Erfindung der Klatschschalter und der Sprachsteuerung ist für manche ein wahrer Segen gewesen.
Blöd nur, wenn man in einem Hochhaus wohnt und zum Erreichen seiner Wohnetage einen Aufzug nehmen muss. Den Schalter für das richtige Stockwerk darf man ja am Sabbat nicht drücken.
Deshalb sind findige israelitische Elektriker schon in den 1950er Jahren auf die Idee mit der Sabbatschaltung gekommen. Am Freitagnachmittag kommt der Hausmeister, dreht einen Schlüssel um, und ab dem Moment muss bis Samstagabend niemand mehr einen Knopf drücken. Der Aufzug wird einfach so geschaltet, dass er brav in jeder Etage von ganz alleine hält.
Als ich letzten Samstag meine Allerliebste im Krankenhaus besucht habe, muss der verrückte jüdische Hausmeister, etwas anderes oder ein anderer kann es gar nicht gewesen sein, den Schlüssel im Sabbatloch des Aufzugs abgebrochen haben.
Ich muss in den sechsten Stock. Folgerichtig drücke ich auf die 6. Die Türen schließen sich, der Aufzug fährt los und hält auf Etage eins. Türen auf: Keiner steigt ein, und ich will nicht raus. Türen zu. Zweiter Stock. Türen auf, keiner rein, keiner raus, Türen zu.
So ging es dann, der geneigte Leser mag es sich schon denken, in jeder Etage weiter.
Bis auf Etage sechs. Denn nachdem ich ganz allein im Aufzug stehend, die fünfte Etage erreicht hatte, fuhr das Ding sang- und klanglos wieder runter ins Erdgeschoss auf Stockwerk Nummer Null.
Entweder stimmte meine Theorie vom durchgeknallten jüdischen Hausmeister oder ein elektronischer Pumuckl trieb in der Steuerung sein Unwesen.
Ich komme mir jedenfalls vor, wie Schlomo Wilhelm, der vom Sabbataufzug genarrt wird.
Was kann ich anderes tun, als wieder beherzt auf die Taste mit der Nummer sechs zu drücken?
Diesmal fährt der Fahrstuhl durch bis zum zweiten Stock. Die Türen öffnen sich und eine elegante Dame, so um die 40, steigt ein. Sie will die 6 drücken, sieht, dass ich schon gedrückt habe und stellt sich in die andere Ecke.
Es wiederholt sich das Spiel von soeben. Der Wackelkasten hält auf jeder der folgenden Etagen und öffnet dumm seine Schiebepforten.
Nun ist das ja in Aufzügen so, wie in Wartezimmern. Die Menschen trauen sich nicht, normal miteinander zu sprechen. Ich finde das doof. Schließlich hört man doch immer wieder davon, dass Aufzüge abstürzen können, und vielleicht sind die Leute, die jetzt gerade mit mir im selben Aufzug sind, die letzten Menschen, die ich noch sehen werde. Schließlich geht man doch gemeinsam auf eine nicht ganz ungefährliche Mission, bei der ein viel zu kleiner, stählerner Kasten von Drähten gezogen 30 Meter oder mehr durch eine Betonröhre saust.
In diesem speziellen Kasten war vielleicht Platz für vier normale Menschen. Also jetzt von Menschen meines Kalibers. Von der Sorte der netten Dame wären vielleicht sogar sechs reingegangen. Auf dem Schild neben der Bedientafel steht aber „16 Personen“. Welcher Honk rechnet so einen Scheiß eigentlich aus? Gibt es Gegenden, wo sich die Leute übereinanderlegen? Oder arbeiten in der Normierungsagentur nur Kleinwüchsige?
Die Elegante und ich kommen nicht im sechsten Stockwerk an, sondern nach fünf kommt wieder null.
Ich richte das Wort an die erstaunte Frau und sage: „Geht mir jetzt schon zum zweiten Mal so, irgendwas stimmt da nicht.“
Sie lächelt ein sehr nettes Lächeln und erwidert: „Hauptsache, wir stürzen nicht ab.“
Im Erdgeschoss steigt eine Mittzwanzigerin ein, nicht so elegant. Aber heutzutage wird auf Eleganz ja im Allgemeinen kein so großer Wert mehr gelegt. Und so ist es wohl auch völlig normal, riesige Brüste ohne BH herumzutragen, eine viel zu enge Jogginghose mit rotweißem Fliegenpilzmuster und ganz hässliche grüne Crocs3 anzuhaben.
Die Fliegenpilzfrau hält ein Smartphone vors Gesicht und sabbelt laut hinein.
Während ich noch darüber nachdenke, ob die Frau sich selbst aufnimmt, um Content für ein soziales Netzwerk zu produzieren, oder ob sie mit irgendwem telefoniert, fällt mein Blick auf das Schuhwerk der eleganten Frau. Die glänzenden Stiefeletten fallen mir vor allem deshalb auf, weil meine Allerliebste auch so welche hat.
Die Frau bemerkt meinen Blick und es ist mir aus irgendeinem Grund peinlich, dass sie mich dabei ertappt hat, wie ich sie mustere.
Um der Situation die völlig unnötige, aber doch existierende Peinlichkeit zu nehmen, nicke ich in Richtung ihrer Schuhe und sage: „Sehr schöne Schuhe.“
Die Dame lächelt, ist ganz erstaunt und antwortet: „Danke! Och Gottchen, Sie haben meinen Tag gerettet. Man fährt ja nie aus angenehmen Gründen ins Krankenhaus, aber ihr nettes Kompliment freut mich jetzt so, dass ich ein schönes Gefühl im Herzen habe. Dankeschön.“
Na also. Ich lebe ja sowieso nach der von meinem Vater erfundenen Philosophie des Kokoni. Kokoni bedeutet Komplimente kosten nichts.
Mein Vater hatte recht. Ein schönes Kompliment zur rechten Zeit, ohne zu schleimen und ohne zu übertreiben, das öffnet Herzen, lächelnde Münder und oft genug auch Türen, die sonst verschlossen geblieben wären.
Ich habe da schon drüber geschrieben4, und kann das Kokoni nur jedem empfehlen. Einfach mal freundlich sein und das Maul aufmachen. Nicht nur, wenn einem was nicht passt.
Die Situation im Aufzug ist fürs Erste gerettet, auch wenn der Sabbatschlemihl-Lift5 immer noch nicht in den sechsten Stock fahren will.
Allerdings habe ich die Rechnung ohne die kleine, dicke Crocs-Frau gemacht. Bei ihr stößt Kokoni auf wenig Gegenliebe. Kaum hat die Elegante sich für mein Schuhkompliment bedankt, fährt Lady Crocs herum und zischt die andere Frau an: „Wie kannst Du Dich so erniedrigen? Der Olle macht Dich hier voll schleimig an. Der pädophile Opa ist doch bestimmt schon über Siebzig! Und Du beugst Dich dem Machogehabe von so einem? Ich hab nur Verachtung für Frauen, die sich in einer patriarchalischen Welt so prostituieren.“
In dem Moment tut der Aufzug, was er eigentlich die ganze Zeit schon hätte tun sollen, er hält im sechsten Stockwerk und öffnet seine gleitenden Türen. Die Elegante und ich steigen aus. Die Tür schließt sich wieder und genau in dem Moment biegen zwei Männer in blauen Hausmeisterklamotten um die Ecke. Einer trägt einen Werkzeugkasten in der Hand, der andere einen unglaublich dicken Schlüsselbund. Der mit dem Werkzeugkasten fragt die Frau mit den schönen Schuhen und mich: „Gell, der spinnt der Aufzug, odda?“
Ich nicke, und die Frau sagt: „Der fährt irgendwie unregelmäßig.“
Dann fragt er uns: „Da ist keiner mehr drin, odda?“
Die Schönschuhfrau und ich schauen uns nur einen ganz winzigen Moment an und sagen absolut gleichzeitig: „Nö“.
Der Mann nickt seinem Kollegen zu und der schaltet den Aufzug mit dem Schlüssel einfach ab. Aus dem Werkzeugkasten zieht er eine Magnettafel mit der Aufschrift „defekt, bitte Aufzug nebenan benutzen“.
Eine Stunde bleibe ich bei meiner Allerliebsten, und als ich, beladen mit einer Tasche voller Dreckwäsche, wieder nach unten fahren will, sehe ich dass der Aufzug inzwischen wieder richtig funktioniert. Ich weiß nicht, wie lange die klebrige Feministin im Aufzug ausharren musste. Hoffentlich nicht zu lange, denn das ist wirklich eine üble Situation. Aber hoffentlich auch nicht zu kurz. Die Elegante und der pädophile Opa haben ja nicht umsonst „Nö“ gesagt.
Bildquellen:
- schlemihl_800x500: Peter Wilhelm KI
- schlomo_800x500: Peter Wilhelm ki

















Wenn es einen Preis gäbe, der für so was vergeben wird, müsstest du den kriegen. Eine echt klasse Geschichte. Ich hab was gelernt, ich hab mich kaputtgleacht, was will man eigentlich mehr.
Am Wochenende lese ich die Geschichte meiner Familie vor. Garantierer Lacherfolg.