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Geschichten

Klopfsaugen

Eine alte Dame bedient einen Staubsauger. Im Sessel sitzt ein Herr im schwarzen Anzug.

Frau Böse hieß bloß so. Die alte Dame von gut 80 Jahren war, anders als es ihr Name möglicherweise vermuten ließ, eine ganz liebe Frau.

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Obwohl, ich kann das ja gar nicht wissen. Was wir von einem Menschen zu kennen glauben, ist nur eine Momentaufnahme, aufgenommen meistens auch noch von jemandem, der keine Ahnung hat.

Vielleicht hat Frau Böse eine kriminelle Vergangenheit hinter sich, war Ewigkeiten im Frauengefängnis, ja hat möglicherweise sogar jemanden umgebracht…
Ich musste unwillkürlich lachen, als ich diese Gedanken im Kopf durchspielte und gleichzeitig auf diese kleine, alte Frau blickte, die zwischen ihren Fingern ein Papiertaschentuch zerwalkte, sodass es sich allmählich in jene kleinen Flocken aus Cellulose verwandelte, die schon so manche Waschmaschinenladung ruiniert haben.

Kleine wasserblaue Augen schauten mich an und die kaum einssechzig große Dame fragte: „Meinen Sie nicht auch?“

Tja, wenn ich in den letzten Minuten nicht meine Gedanken auf die kriminellen Machenschaften gelenkt hätte, hätte ich vielleicht mitbekommen, worauf sich diese Frage nun bezog. Ich tat das, was alle Männer tun, wenn Frauen ihnen eine Frage stellen, die sie akustisch oder aufgrund der interkulturellen Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht verstanden haben: Ich grunzte, brummend etwas Unverständliches.

„Das kann doch so nicht sein!“, schimpfte Frau Böse, „Man hat doch schließlich auch Rechte.“

Jetzt war ich wieder im Thema, wie man heute so sagt und dabei eigentlich meint, dass man den Faden wiedergefunden hat, den berühmten roten Faden. Schon wieder schwoffen meine Gedanken ab und gingen nun der Frage nach, ob der berühmte rote Faden, den man immer verliert, etwas mit dem Minotaurus zu tun haben könnte; und wer war doch gleich noch mal derjenige, der mit dem Minotaurus damals zu tun hatte? Werden rote Fäden eigentlich auf einem Knäuel oder auf einer Spule aufgewickelt?

„Hören Sie mir überhaupt zu?“

Diesmal klang Frau Böse etwas ungehaltener und ich schüttelte mich regelrecht, als ich aus der griechischen Sagenwelt zurückkehrte. Ich schob das Glas, das vor mir auf dem Tisch stand, etwas von mir weg. Das half aber nichts, denn die kleine Frau flinkte wieselig vom Stuhl hoch, holte die Flasche mit dem selbstgemachten Eierlikör und schenkte nach.

„Auf einem Bein kann man nicht stehen!“, rief sie fröhlich und der Eierlikör blobberte aus der Flasche. Blobbern, das ist eine Fortbewegungsmethode von Flüssigkeiten, wenn sie zähflüssig sind, vergleichbar mit Lava. Da kommt erst nix, und dann macht es Blopp, wenn sich eine Art halbzementierter Cremepfropfen aus dem Flaschenhals herauswürgt. „Is‘ wahnsinnig lecker, mach ich immer selbst, mit dem Thermomix.“

Die vorwerk’sche Wundermaschine, der moderne Zauberkessel, der Wertloses in Essensgold verwandelt, hatte also auch Einzug in die Küche alter Damen gehalten. Und während ich den süßen, eirigen Schlotz die Kehle runterrinnen ließ, dachte ich darüber nach, dass es Vorwerk ja schon ewig gab, warum sollten also nicht auch alte Menschen, oder vielleicht gerade alte Leute, und sowieso, da kommen doch immer Vertreter ins Haus. Ich erinnerte mich daran, dass meine Mutter die Vertreter im Rahmen von Staubsaugervorführungen immer die ganze Wohnung klopfsaugen ließ, um dann am Ende doch nichts zu kaufen. Klopfsaugen war ja so wichtig in diesen Jahren. Und unser alter Kobold, also der Vorwerk mit Stoffsack am Holzstiel, konnte nur saugen und nicht klopfsaugen. Das tat er aber schon seit 1958, als meine Mutter zum Schrecken meines Vaters die wahnsinnige finanzielle Verpflichtung von 80 Pfennig in der Woche eingegangen war, um diesen Kobold ihr Eigen nennen zu können. Der hat dann aber auch 40 Jahre gehalten, der Kobold.

„Sie hören mir wirklich nicht zu, nicht wahr? Ich glaub‘, Sie wollen noch einen Eierlikör. Sie wissen ja, auf einem Bein…“

„Wie viele zweite Beine hatte ich denn schon?“, erkundigte ich mich bei Frau Böse und die meinte nur: „So, jetzt ist die Flasche leer, aber haben Sie keine Bange, ich hab noch ein paar im Kämmerchen.“

Das konnte nicht sein. Sie selbst trank nämlich nicht mit, wegen der Medikamente, und die Flasche war voll, als sie mir zum ersten Mal eingeschenkt hatte. Und während die Flinkwieselnde in der Küche verschwunden war, hörte ich sie reden, nur so fetzenweise: „…tut ja so gut, mal mit jemandem darüber reden zu können…“, „hat Trudi ja auch gesagt“, „gell, Sie kennen die Frau Glabberdasch, nicht wahr?“

Blobberblubb, lecker!

Stolz erzählte sie mir beim Einschütten: „Das Geheimnis liegt im Rum! Andere nehmen diesen billigen 40-Prozentigen, aber bei mir kommt nur Strohrum rein, der aus Österreich, der Echte.“

Meine Gedanken begannen um die Frage zu kreisen, welche Inhaltsstoffe von Stroh sich in Alkohol verwandeln können, um so lecker zu schmecken.

„Das liegt an der vielen Sahne, den guten Eiern und dem ganzen Puderzucker, den ich da reintue. Trinken Sie nur! So etwas Gutes bekommen Sie bestimmt nicht alle Tage. Ach, wie gut, dass ich mit Ihnen mal über meine Bestattung reden kann. Das ist so ein beruhigendes Gefühl.“

„Sachma“, fragte meine Allerliebste am nächsten Morgen: „Was ist denn das für eine Taxiquittung da? Hast Du Deinen Wagen stehengelassen? Hattest Du eine Panne?“

Geschichten

Die Geschichten von Peter Wilhelm sind Erzählungen und Kurzgeschichten aus dem Berufsleben eines Bestatters und den Erlebnissen eines Ehemannes und Vaters.

Die Geschichten haben meist einen wahren Kern, viele sind erzählerisch aufbereitete Tatsachenerzählungen.

Die Namen, Geschlechter und Berufe der erwähnten Personen sind stets verändert.

Lesezeit ca.: 6 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: 5. Februar 2024 | Peter Wilhelm 5. Februar 2024

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4 Kommentare
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Nobody
19 Tage zuvor

Lass mich raten, früher am Tag: „nur mal eben noch zur Frau Böse die Vorsorge erledigen“ 🙂

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Reply to  Nobody
18 Tage zuvor

Wie lange kann sowas schon dauern…

Nobody
Reply to  Peter Wilhelm
18 Tage zuvor

Und mit Likörchen dann nochmal das doppelte? 😀

Hab aber eher auf dieses typische „mal eben…“ abgezielt. Mal eben beschreibt ja Zeiten >2Std 😉




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