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Larissa

Von

„So ein Großkotz!“ Das war alles was Sandy über Herrn Brasch sagte, dann tippte sie sich an die Stirn und ging in ihr Büro. Ich mag es ja nicht, wenn sie sich so despektierlich über unsere Kunden äußert, aber ich weiß, daß sie nicht leichtfertig in ihrem Urteil ist und deshalb schweige ich dazu, Herr Brasch war längst gegangen und hatte es nicht gehört.

Ich hatte an diesem Tag genug anderes zu tun und Herrn Brasch schon längst vergessen, er war der Auftraggeber in einem Sterbefall, den wir an diesem Tag zu bearbeiten hatten und Sandy kümmerte sich um diesen Fall.

Natürlich hat jeder bei uns Zugriff auf die aktuellen Sterbefallakten und alles steht an jedem Rechner sofort abrufbereit zur Verfügung. So kann auch jeder Auskunft geben und dem Kunden weiterhelfen, selbst wenn der eigentliche Sachbearbeiter nicht da ist. So etwas wie: „Die Frau Blabla ist gerade nicht an ihrem Platz…“ gibt es bei uns nicht. Der Kunde wird immer den Eindruck haben, als wüßten alle Bescheid und jeder bei uns sei nur damit beschäftigt, sich ausschließlich um ihn zu kümmern.

Dennoch aber hat es sich als gut erwiesen, wenn die Kunden durchgehend hauptsächlich von einem Mitarbeiter betreut werden. Zu ihm bauen sie gleich von Anfang an eine Beziehung und ein Vertrauensverhältnis auf und möchten dann auch immer nur diesen Mitarbeiter oder diese Mitarbeiterin sprechen.

Sandy würde also Herrn Brasch, auch wenn sie ihn für einen Grokotz hielt, nicht so schnell los werden, das stand fest.
Wie gesagt: Ich hatte Herrn Brasch längst vergessen, da stand er auf einmal wieder vorne in der Halle und rief irgendwas. Auf dem Monitor sah ich, daß Frau Büser und Sandy zu ihm liefen und mit ihm sprachen, es war aber ganz deutlich erkennbar, daß er sich nicht beruhigen wollte und so beschloss ich, ebenfalls nach vorne zu gehen.

Schon als ich mich näherte, hörte ich um was es ging. Offenbar hatte er uns einen Bestattungsauftrag erteilt und mitgeteilt in welchem Krankenhaus der Verstorbene liegt. Kurz darauf hatte er wohl dort angerufen und erfahren, daß der Verstorbene immer noch nicht abgeholt worden war. Für ihn eine Schlamperei, für uns etwas ganz Normales.

Wir kennen die Abläufe in den Krankenhäusern und wissen, wann es am günstigsten ist, jemanden dort abzuholen. In diesem speziellen Fall ging es um das Sankt-Martins-Krankenhaus und da kommen die Ärzte immer erst kurz nach elf zum Unterschreiben der Totenscheine in die Verwaltung, es hat also gar keinen Zweck, vorher dahin zu fahren. Das wissen die Fahrer um Manni ganz genau und planen ihre Tour entsprechend.

„Ist das hier die Zentrale der Inkompetenz? Das ist eine solche Schlamperei, ich bereue es jetzt schon, daß ich meinen Fuß in ihren Laden gesetzt habe!“

„Grüß Gott, um was geht es bitte?“ mische ich mich zur Entlastung der beiden Frauen ein und Herr Brasch mustert mich kurz von oben bis unten und sagt dann zu mir: „Und Sie? Wer sind Sie jetzt, wenn ich fragen darf?“

„Ich? Ich bin hier der Chef von diesem Laden.“

„Ach gut, daß ich Sie antreffe. Wenn Sie hier der Chef sind, dann wird es Sie interessieren, daß Ihre Leute schlampen und ihre Arbeit nicht richtig machen. Es ist jetzt schon zwei Stunden her, daß ich hier gewesen bin und Sie waren immer noch nicht im Krankenhaus. Was haben Sie mir dazu zu sagen?“

„Gibt es einen besonderen Grund dafür, daß Sie so laut mit mir sprechen?“

„Wie bitte?“

„Ja, ich meine, Sie schreien die ganze Zeit. Mache ich auf Sie einen schwerhörigen Eindruck? Es täte mir leid, wenn es so wäre, denn ich versuche immer sehr schwungvoll und jugendlich zu wirken. Würde es Ihnen irgendetwas ausmachen, wenn Sie mir den Grund Ihres Lautwerdens und Ihrer Verärgerung nochmal in einer etwas milderen Tonlage sagen könnten?“

„Was?“

„Leiser.“

Er wird wirklich leiser, kommt mit der Situation nicht zurecht, hat ein Zurückbrüllen oder irgendwelche Rechtfertigungsversuche erwartet, aber nicht, daß ich den Spieß jetzt umkehre und ihm etwas vorhalte.
So sagt er dann bedeutend leiser als vorher: „Ich war vorhin da gewesen und habe eine Beerdigung vorbestellt. Die Details klären wir später noch und jetzt rufe ich im Krankenhaus an und erfahre, daß Sie noch gar nichts gemacht haben. Wann wollen Sie denn da endlich mal hinfahren, um die Larissa abzuholen?“

„Bald.“

„Ja wie jetzt, bald?“

„Bald eben. Es hat doch keinen Zweck irgendetwas planlos zu tun oder außerhalb der sinnvollen Reihenfolge und es macht überhaupt keinen Unterschied, ob wir in zwei Stunden zu Krankenhaus fahren oder in drei.“

„Ja aber nicht, daß hinterher eine Eilgebühr aufgeschrieben wird und sie sind gar nicht eilig gefahren.“

„Das läuft bei uns so: Sie geben uns den Auftrag, bestimmte Waren für Sie zu liefern und bestimmte Dienstleistungen zu erbringen und für jede Ware und jeder Dienstleistung schreiben wir hinterher den Preis auf. Was Sie nicht bestellt oder nicht bekommen haben, das müssen Sie auch nicht bezahlen.
Hatten Sie denn eine besonders eilige Überführung vom Krankenhaus gewünscht?“

„Nein.“

„Warum sollten wir uns dann außergewöhnlich beeilen?“

„Ich dachte, das wäre immer so.“

„So, Sie dachten, das wäre immer so. Darf ich Sie fragen, was Sie von Beruf sind?“

„Ich? Von Beruf? Ich bin selbständiger Ingenieur, ich konstruiere Maschinen.“

„So, Sie konstruieren Maschinen? Was würden Sie davon halten, wenn ich morgen in Ihrem Konstruktionsbüro stehen würde, Ihre Firma als Laden bezeichnen würde, Ihre Mitarbeiter der schlampigen Arbeit bezeichnen würde, nur weil ich denke, irgendetwas von dem ich nichts verstehe, müsse anders konstruiert werden.“

Herr Brasch steht mir mit offenem Mund gegenüber und ich befürchte in diesem Moment, ich könne mit meinem zugegebenermaßen etwas selbstgefälligen und dick aufgetragenen Gerede zu weit gegangen sein. Doch er nimmt spontan meine rechte Hand, schüttelt sie und meint: „Na, wenigstens einmal einer, der weiß wo es lang geht!“

So, hier könnte die Geschichte enden und wäre nur einmal mehr ein von der Sorte, bei denen Tom als Chef seinen Mitarbeitern im Umgang mit einem etwas schwierigen Kunden beigesprungen ist.

Aber Herr Brasch konnte mir gegenüber zwar zugeben, daß er wohl nun der Meinung war, wir beide könnten auf Augenhöhe miteinander sprechen, aber auf Sandy traf das noch lange nicht zu, denn er sagte direkt danach:
„Und dann sagen Sie jetzt Ihrer Mitarbeiterin da, sie soll mal die Hufe wackeln lassen, damit das alles heute noch was wird.“

Sandy zuckte kaum merklich zusammen und wollte wohl direkt darauf antworten, doch unsere Blicke trafen sich binnen eines Sekundenbruchteils und mein Blick sagte: „Halt die Klappe!“

So blieb Sandy ruhig und ich lies sie und Frau Büser mit einem kurzen Kopfnicken stehen und führte Herrn Brasch in eines unserer Beratungszimmer. „Nehmen Sie doch bitte Platz!“

Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt, daß der Mann von ganz großem Kummer gedrückt wird und sein harsches und vorlautes Auftreten nur eine Art überbordender Selbstschutz sein könnte. Dem wollte ich auf den Grund gehen, vielleicht würde er dann freundlicher werden.
Anlass für meine Vermutung hatte der Name Larissa gegeben, den er genannt hatte und dieser Name deutete für mich auf eine eher junge Person hin, vielleicht seine Frau…

Frau Büser kam herein, nickte abermals kurz und unverbindlich und legte mit die Sterbefallmappe Brasch auf den Tisch, dann ging sie wieder. Ein kurzer Blick auf das obere Sichtfenster in der Mappe genügte mir und ich wußte was da los war. Das Geburtsdatum der verstorbenen Larissa Brasch lag gerade einmal neun Jahre zurück.

Larissa war die Tochter dieses Mannes und vor mir saß kein arroganter Großkotz, sondern ein verzweifelter Vater, der seine Gefühle nicht zeigen konnte und die Hilflosigkeit und Leere, die die Schwestern der Trauer sind, in sich nur mit gespielter Arroganz übertünchen konnte.

Wie es sich herausstellte, war Larissa bei einem Nachbarn auf einem Elektro-Roller mitgefahren; nur mal die Straße rauf und runter, nur mal ausprobieren wie der neue Roller so ist, ohne Helm.
Dann hatte der Nachbar sich zuviel zugemutet und versucht, mit dem neuen Gefährt einen Bordstein hochzufahren. Für einen geübten Rollerfahrer sicher keine Schwierigkeit, für ihn aber unüberwindbar und das Manöver endete damit, daß der Roller hintenüber kippte und Larissa herunterfiel.

„Ihre Augen sollen noch einmal kurz geflackert haben, gesagt hat sie aber nichts mehr, sie ist sofort ins Krankenhaus gekommen. Ich bin sofort von der Arbeit zu meiner Frau, zusammen sind wir dann ins Krankenhaus aber die haben uns nicht zu Larissa gelassen, wir durften sie nicht sehen. Man würde alles für meine Tochter tun, haben die gesagt, und dann haben sie uns warten lassen. Über eine Stunde haben wir da gesessen und gehofft, daß bald ein Arzt kommt und uns sagt, was Larissa alles hat.
Dabei war sie zu diesem Zeitpunkt schon tot.
Die haben uns das aber nicht gesagt, die haben erst den Oberarzt und den Seelsorger gesucht und sich dann erst beraten, dann sind die erst zu uns gekommen.
Wo meine Frau den Pastor gesehen hat, da ist sie schon zusammengebrochen. Schlimm, ganz schlimm war das. Grauenvoll, ich habe meine Frau noch nie so heulen gesehen.“

Da sitzt er der Großkotz und ist auf einmal keiner mehr. Er ist aber um keinen Deut kleiner, sondern in meinen Augen gewachsen und ich verstehe ihn sehr gut.
Ich führe ihn in den Ausstellungsraum, er sucht einen ganz normalen Sarg heraus. Für ein knapp 10jähriges Kind gäbe es auch noch etwas kleinere Särge, aber Herr Brasch will einen in hellgrauer Farbe, da bietet sich eines der günstigen Modelle an. Die sind sowieso eher schmal und nicht so wuchtig.

Ein Totenhemd? Nein, für Kinder ist es am Besten, wenn man ihnen was von zu Hause anzieht, finde ich und Herr Brasch stimmt mir zu; er wird etwas Passendes vorbeibringen.

Dann sitzen wir wieder zusammen und besprechen die meisten weiteren Sachen. Er hat keine Ahnung wieviele Leute kommen werden, er will aber daß alles schnell vorbei geht, bloß kein unnötiges Theater in der Trauerhalle und am Grab, das könne seine Frau nicht durchstehen.

Eine Aufbahrung will er nicht: „Um Himmels Willen, ich will doch nicht, daß irgendwelche Gaffer auf den Friedhof gehen und sich meine Larissa anschauen.“

Ich finde aber, daß das Ehepaar Gelegenheit haben sollte, sich von seiner Tochter zu verabschieden. Im Krankenhaus hat man ihnen das verwehrt und so wäre das letzte Bild der Abschied am Morgen des Unfalltages gewesen und dann wäre das Kind einfach weg, einfach so weg. Das geht nicht, zumindest der Mann muß das Ganze im wahrsten Sinne des Wortes begreifen können, sonst kann er nicht richtig trauern.

Am frühen Nachmittag haben Manni und ein Kollege die Kleine vom Krankenhaus abgeholt und kurz darauf erfahre ich von Sandy, warum man die Eltern nicht zu dem Kind gelassen hat. Die Verletzungen sind sehr schwerwiegend und vor allem im Gesicht ist es zu starken Unterblutungen der Haut gekommen. Kurz gesagt, das Kind sieht aus als sei es auf übelste Weise verprügelt worden.

„Chef, da haben wir viel zu tun“, sagt Sandy nur, zieht ein Paar neue schwarze Latexhandschuhe an und beginnt im hell erleuchteten Behandlungsraum mit der Arbeit. Ich sag es immer wieder: Es ist uns allen tausend mal lieber, wenn da ein ganz alter Mensch liegt; es gibt so viele, die gerne sterben würden und auch Bestatter haben keine Antwort auf die Frage nach dem Warum.

Heute ist Herr Huber da und zimmert Särge. Er macht an die unausgestatteten Rohsärge Griffe dran, bestückt sie mit Folie, Unterfütterung, Stoffbezug und Matratze. Als er von dem Kind hört, legt er den Zeigefinger an die Nase und hat offensichtlich eine Idee.

Manni geht Sandy zur Hand. Gemeinsam waschen und trocknen sie das Kind, waschen das blutverkrustete Haar sauber und fönen es trocken. Dann beginnt der langwierige Teil. Das Gesicht des Mädchens wird mit Salbe massiert und immer weiter massiert. Eine Grundierung wird aufgetragen, gelbes Make-up auf die geröteten Stellen gegeben und dieses dann hell überdeckt. Gelb macht Rot weg.

Über eine Stunde wird da gearbeitet, dann ist Larissa fertig und wird vorsichtig angekleidet. Herr Brasch hat Unterwäsche, ein Paar Strümpfe, ein geblümtes kurzes Kleid und ein Paar Leggins gebracht. Es passt farblich nicht ganz, aber das Kind soll das gerne getragen haben, warum also nicht? Der Unterkörper ist sowieso durch die Decke verhüllt.

Am nächsten Morgen kommt Herr Brasch wieder. Er hat eine Packung Weinbrandbohnen dabei und schenkt sie Frau Büser. Gestern sei er wohl „über sich hinaus gewachsen“. Die Formulierung ist zwar nicht ganz treffend, aber Frau Büser weiß, was er meint und nimmt die Entschuldigung, die weiter nicht ausformuliert wird, mit einem verständnisvollen Nicken an.

So gegen 14 Uhr wolle er dann mit seiner Frau und der Oma kommen, ob das in Ordnung gehe. Das geht.

Eine halbe Stunde vor 14 Uhr geht Sandy zu den Aufbahrungsräumen und fährt in der Kammer, in der Larissa liegt, die Trennwand nach oben. Die Klimaanlage lässt sie auf „Entfeuchten“ noch etwas weiterlaufen und tupft den Leichnam und mit einem anderen Tuch den Sarg vorsichtig ab. Durch die Klimaanlage und die jetzt von vorne eindringende wärmere Luft schlägt sich immer Feuchtigkeit nieder.

Dann zündet sie die Kerzen am Kopfende des Sarges an, zieht den Vorhang, der die hintere kalt-technische Klimatür verdeckt, zu und macht auch weiter vorne die drei Öllampen an der Wand an. Nun noch zwei künstliche Lebensbäumchen und alles sieht ganz ordentlich aus.

Ob ich mal eben kommen und gucken will, fragt sie mich und ich schüttele nur den Kopf. Ich will noch eben ein anderes Jackett anziehen, weil ich mich mal wieder versaut habe. Als ich wieder nach unten komme, steht das Ehepaar Brasch und zwei ältere Herrschaften in der Halle und Auszubildende Nadine bietet den Leuten gerade einen Platz an.

„Sie brauchen sich nicht mehr zu setzen“, sage ich und begrüße die Leute. Es ist, wie ich vermutete Larissas Mutter dabei die Älteren sind Herr Braschs Vater und seine Schwiegermutter.
Ich gehe vor bis zur Tür neben der Trauerhalle, die zum Gang mit den Aufbahrungszellen führt, öffne die Tür und lasse die Leute eintreten. Dann gehe ich an ihnen vorbei, sie haben sowieso den üblichen etwas ängstlichen Bremsschritt drauf, und bleibe vor der dritten Kabine stehen. Die Tür ist nur angelehnt, ich werfe trotzdem nochmals einen Blick auf das Namensschild in dem kleinen Rahmen neben der Tür, denn es wäre zu peinlich, würde man die Leute zu einem falschen Verstorbenen schicken.
Der Name stimmt und ich öffne die Tür und trete beiseite.

Die Vier bleiben stehen, sind unsicher, wissen nicht wer zuerst gehen soll. Ich schaue den alten Herrn Brasch an, unsere Blicke treffen sich und ich nicke ihm aufmunternd zu. Er seufzt, schließt kurz die Augen und nickt. Dann nimmt er die Schwiegermutter seines Sohnes bei den Schultern, schiebt sie einfach vor sich her und betritt mit ihr den Aufbahrungsraum.

Das Ehepaar Brasch bleibt im Gang stehen und ich habe Gelegenheit Frau Brasch näher zu betrachten. Es ist eine außergewöhnlich hübsche Frau, vielleicht Ende Zwanzig, vielleicht auch schon Anfang Dreißig. Sie ist groß, schlank und strahlt trotz tränenroter Augen und rotgeputzter Heulnase eine souveräne Schönheit aus. Larissa ist ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten.
Aus dem Aufbahrungsraum kann man hören, daß die Oma weint und nach ein paar kurzen Minuten kommt der Opa und winkt die Braschs zu sich.

Sie machen einen Schritt, bleiben wieder stehen, machen noch einen Schritt und dann sieht es fast so aus, als wolle Frau Brasch sich umdrehen und weggehen. Ich bin mit einem Schritt bei ihnen und nehme die Frau an die Hand. Ihre Hand ist ganz kalt und ich drücke sie etwas, sie erwidert das Drücken und atmet einmal tief durch, dann machen sie und ihr Mann den entscheidenden Schritt und stehen in der Tür des Aufbahrungsraumes.

Nach etwa 5 Sekunden, die mir aber vorkamen wie eine kleine Ewigkeit, gehen sie endlich etwas nach vorne in Richtung des Sarges und auch ich kann eintreten.
Was ich da sehe, verschlägt selbst mir den Atem. Sandy und Manni haben das Kind wunderschön hergerichtet, man sieht im Gesicht und auch sonst nicht das Geringste von den schweren Verletzungen.
Herr Huber hat den Sarg an den Seiten mit lauter kleinen Strass-Steinchen beklebt, was sehr dezent und sehr hübsch wirkt. Sandy hat den Sarg ringsherum mit einer Girlande aus weißen und roten Nelken geschmückt und die kleine Larissa liegt darin, wie eine kleine Prinzessin. Das Schönste aber hält sie im Arm.
Es ist ein alter Teddy, ein Teddy, dem ein Auge fehlt und der zu den vielen überzähligen Kuscheltieren meiner Tochter gehört hatte. Er war im Keller in einem großen blauen Sack und wartete mit zahlreichen anderen Plüschtieren auf irgendein anderes Kind, das mit ihm spielen will.

Nun, vielleicht spielt Larissa ja irgendwo mit diesem Teddy. Ich weiß nicht ob und wo, aber die Vorstellung ist schön.

Peter Wilhelm 19. Juni 2012


58 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr rührende und traurige Geschichte.
    Da frag ich immer wieder, wo die Gerechtigkeit bleibt.

  2. Oh je…ich muß heulen….ist das traurig ! Ich habe auch ein Kind in diesem Alter…ohje…mein Herz ist ganz schwer!
    Erst mußte ich doch ordentlich schmunzeln, in welcher Art und Weise du mit dem Herrn zu Anfang gesprochen hast, dann aber diese unendliche Traurigkeit in ihm gesehen hast und zum Schluß ist alles so prima gelaufen. Es ist immer soooo schön deine Geschichten zu lesen, wenn sie auch oft traurig sind ….Danke dafür.

  3. Und ich gehe jetzt lieber erstmal kurz aus dem Büro, ehe mich hier jemand vorm Bildschirm heulen sieht…

  4. Ich muss zugeben, dass mir die Geschichte schon etwas nah geht. Ich habe auch Kinder und wenn ich jetzt daran denke, dass… Nein ich denke jetzt lieber nicht weiter. Ich wünsch der Familie ganz viel Kraft.
    Tom dir vielen Dank für die Geschichte. Ich geh jetzt dann mit meiner Kleinsten etwas hinaus auf den Spielplatz und nutze die Zeit. Wäre sowieso mit ihr da hin, glaube heute wird es aber etwas intensiver sein.

  5. Da erwartet man nichts „Böses“, halt wieder ein etwas merkwürdiger Kunde. Und dann dreht sich die Geschichte um 180° und am Ende verdrückt man ein paar Tränchen…

  6. Diese Geschichte hat mich sehr berührt.
    Ich finde den äußerst würdevollen und individuellen Umgang sowohl mit den Hinterbliebenen als auch mit den Verstorbenen immer wieder bewundernswert.

  7. Jetzt sitz ich alter Esel schon wieder vorm PC und heul mir eins. Gut dass ich alleine im Büro bin.

  8. Ich habe selber zwei Kinder in dem Alter – nur gut, daß mich die beiden gerade nicht heulen sehen.

  9. Lieber Tom, ich möchte mir so gerne vorstellen, dass das Bestattungsunternehmen, dass wir beim Tod unserer Tochter beauftragten, genauso liebevoll und mit Herz mit unserer Tochter umgegangen ist. Ich danke Dir sehr herzlich, dass ich einen Einblick bekommen konnte wie es sein KANN. Herzliche Grüße.

  10. Lieber TOM,
    ich lese täglich und seid Jahren Deinen BLOG.
    Ich bin Rettungsassistent und seit Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr.

    Als ich anfing diesen BLOG zu entdecken war ich noch kein Vater und Geschichten wie Melanie sind an mir abgeprallt.

    Meine kleine ist jetzt 18 Monate alt.
    Wenn ich -und solche Gedanken kommen dann und wann- denke sie währ nicht mehr da reicht mir schon der Gedanke.

    Aber so was?

    Ich sitze weinend vorm Rechner.

  11. Ich bin 21, 1998 brachte man meinen älteren Bruder um, 2001 starb mein Vater.
    Am Tag des Todes, im Jahre 1998, da war ich neun und habe meinen Vater zum ersten Mal weinen sehen.
    Diese Tränen und diesen Ausdruck werde ich nie vergessen.
    Nun sind einige Jahre vergangen und ich lese diese Geschichte und ich weine die gleichen Tränen und habe den gleichen Ausdruck in meinem Gesicht.
    Wer so etwas hinter sich hat, wird mich verstehen.

    V.

  12. Nun schniefe ich vorm Bildschirm und krieg mich gar nicht wieder ein.
    Danke für die Geschichte.

  13. Ich habe feuchte Augen und halte meine Kleine ganz fest im Arm.
    Kinder sollten echt nicht sterben dürfen.

    Artemis

  14. Der Bestatterweblog ist seit längerer Zeit für mich Ort der Aufarbeitung und Trauerbewältigung. Ich lese und leide mit, hin und wieder schaffe ich es auch „herzhaft“ zu weinen, so wie heute bei dieser Geschichte.

    Ich habe vor fünf Jahren ein 3 Monate jungen baby-boy beerdigt, der das KH nie verlassen hat. Das Trauern ist eine harte Nuss. Sollte man als Elternteil nach dem Tod eines Kindes Interesse am Weiterleben zeigen (z. B. weil es noch weitere Kinder zu betreuen gibt), ist es eine extrem schwere Arbeit, ich vergleiche es gerne mit einer Art Archäologen-Puzzle. Dummerweise gibt es da Risse, und wir „verwaiste Eltern“ sind und bleiben ein wenig seltsam; ich z. B. habe eine nie gekannte cholerische Ader entwickelt. Bin nicht stolz drauf, aber naja.

    Larissa-Papa hätte seine tote Tochter gerne selbst betreut bzw. bewacht oder zumindest gewusst, wo sie genau, hoffentlich angemessen, betreut wird. Ich verstehe ihn sehr gut! Ich hatte auch immer die Idee, in der Nähe meines toten Sohnes sein zu wollen und bin damit auf administrative Grenzen gestoßen, Und da ich empfand, dass es existenziellere Nöte als die meinen es ja wohl derzeit nicht geben kann, hatte ich wieder einen cholerischen Anfall…

    Und weil es ja leider auch immer wieder um die Trauerarbeit von Babies und Kinder geht: Könnte hier nicht ein Link zu dem Thema eingefügt werden? Meine – und ich bin leider ein wenig erfahren in dem Themenbereich – absolute Favorit ist: http://www.lalelu-homepage.de/
    Vielleicht besteht da auch ernsthaftes Interesse der Zusammenarbeit, weil die verwaltende Dame Hopepagerin, Buchautorin, aber zuallererst langjährige Intensivschwester in der Neonatologie.

  15. Sicher eine ergreifende Geschicht. Aber es ist schön zu sehen, dass es Menschen gibt, die sich solche Mühe in ihrem Job geben, egal wie andere Menschen sich benehmen und immer ihr bestes tun.
    Respekt für Sandy.

  16. ja eh! wollte nur darauf hinweisen, das (wir) trauernde Eltern ganz klar und sowieso ein wenig seltsam sein könnten. Ein Profi wie Weblog-Tom kann damit hoffentlich und offenbar umgehen. Gut so!

  17. und wenn ich es mir gerade so überlege: ich finde „sicher eine ergreifende geschichte“ best of unsensibel! (sorry, bin gerade aufgebracht oder – äh – cholerisch)

  18. Ich heule gerade wie ein Schloßhund über diese traurige Geschichte, aber ich möchte Dir sagen: Das habt Ihr von A bis Z sehr gut gemacht, und Du hast es schön aufgeschrieben.

    Thorsten

  19. Ich war heute auf einer Trauerfeier, der Verstorbene war 93, ein gesegnetes Alter. Und trotzdem der Tod meines Sohnes 18 Jahre her ist, ist alles wieder da. Es ist nie vorbei, nichts ist je wieder so wie es war. Verwaiste Eltern sind und bleiben „geschädigt“, und das ist gut so. Danke für den schönen Bericht.
    ELKE

  20. Ich lese ja schon lange täglich hier, aber kommentiere nur selten. Was soll man auch immer wieder sagen außer: Du hast so ein großartiges Beobachtungs- und Schreibtalent. Schade, dass ich so weit weg wohne (im Ausland), wäre so gern zum Leser-Treff gekommen.

  21. Eltern sollten ihre Kinder nicht zu Grabe tragen müssen … mich hat die Geschichte auch tief getroffen und irgendwie bin ich froh, daß ich nicht alleine hier rumheule … danke Tom und drück Deine beiden Kinder morgen mal ganz dolle – auch wenn denen das wahrscheinlich genauso wenig gefällt wie meiner – aber die bekommen sicher auch mal Kinder und dann verstehen sie es … allen eine Gute Nacht und paßt gut auf Eure Kinder auf, es kann so schnell gehen …

  22. Durch meine nassen Augen sehe ich das Kind direkt vor mit, mit seinem Teddy im Arm.
    Es gibt dafür kein warum und die Vorstellung das alles einen Sinn hat, hilft hier auch nicht weiter.
    Hoffentlich gibt es bald auch wieder lustige Geschichten, wie die von Henning oder Ähnliche. Denn vor Lachen feuchte Augen zu haben ist doch wesentlich angenehmer, schnüff.

  23. Deswegen glaube ich nicht an Gott. Gäbe es ihn, würde er nicht zulassen das Kinder sterben 🙁
    Ich habe (noch) keine Kinder, abe ich glaube das is das Schlimmste was Eltern passieren kann.
    Traurige aber schöne Geschichte Tom, Danke

  24. Ich will nicht weinen müssen 🙁 … Jeder Augenblick, jede Stunde, jeder Tag mit unseren Kindern ist ein Geschenk.

    Ich könnt jetzt anfangen einen Roman zu schreiben, aber ich mag TOM´s Blog nicht kapern.

    PS:
    Tom und Sandy haben die Situation prima gemeistert!

    Euch ein schönes WE! Nehmt eure Kinder in den Arm, lacht gemeinsam, schwelgt in Erinnerungen, schaut gemeinsam alte Fotos an und genießt die gemeinsame Zeit 🙂

  25. Tom, du schaffst es immer wieder, mich zum Weinen zu bringen, und das ist gut so, denn es öffnet die Augen für die Dinge, die wirklich wirklich sind.
    Ich geh dann mal zu meiner Tochter

  26. es ist schön zu sehen, dass zumindest einige menschen noch die fähigkeit zur empathie besitzen. die fassade eines anderen menschen zu durchschauen und seine wahren gefühle zu erahnen kann sehr sehr viel wert sein. wenn diese fähigkeit dann auch noch dazu eingesetzt wird, dem anderen irgendwie zu helfen, dann beruhigt mich das irgendwie.

  27. Ich habe keine Kinder, aber ich denke es muss einfach schrecklich sein wenn man sein eigenes Kind überlebt bzw. zu Grabe tragen muss…

  28. Meine Oma ist 93, Anfang des Jahres ist mein Vater, also ihr Sohn gestorben. Sie kann es immer noch nicht fassen. Sie fragt sich warum sie so alt geworden ist, nur um mitzuerleben wie die eigenen Kinder sterben. Meine Tante ist auch sehr krank. Es wird also nicht leichter, egal wie alt man ist, die Kinder sollen nicht vor einem gehen.

  29. Ich weiß, man kann bei einem solchen Thema keine Vergleiche anstellen, und abzuwägen, was schlimmer oder weniger schlimm ist, geht schon gar nicht.

    Aber auch die Konstellation sehenden Auges sich auf das eigene Sterben einzurichten, sicher zu wissen, dass man nicht gewinnen kann, und dass gehen muss, bevor das eigene Kind groß geworden ist, ist für beide Seiten, den der gehen muss, und den der gehen lassen muss, grausam.

    Ich habe die letzten Monate einer Frau, alleinerziehende Mutter mit einer Tochter im Teenageralter, die wusste, dass dies ihr Schicksal sein würde, quasi mehr oder weniger live miterlebt. Sie hatte den Mut und die Offenheit, andere ihren ganz persönlichen Weg mitverfolgen zu lassen. Sie hat um jeden Monat, um jeden Tag gerungen, um ihre Tochter so lange wie irgend möglich zu begleiten.

    Mutter und Tochter wussten über lange Zeit, dass dies so enden würde, aber alle, die diese Geschichte mit verfolgt haben, haben dieses Schicksal als sehr grausam empfunden.

    Und ich erlebe aktuell die Geschichte eines Familienvaters in mehr oder weniger der gleichen Situation mit, der sich ebenfalls auf den Abschied von seinen noch jüngeren Kindern und von seiner Frau einstellen muss, weil er weiß, dass eine Heilung nicht mehr möglich ist. Keiner weiß, ob es noch wenige Jahre oder Monate sein werden, nur dass es nicht mehr viele Jahre sein werden, ist sicher.

    Ich weiß natürlich, dass viele Kinder ihre Eltern auch früher verlieren als andere. Aber meistens ist das doch ein mehr oder weniger plötzliches Ereignis. Über lange Zeit sicher zu wissen, dass es nicht möglich sein wird begleitet von ihnen erwachsen zu werden, ist eine grausame Situation.

  30. Jetzt lese ich den Artikel schon zum zweiten Mal und mir laufen die Tränen über die Wangen.

    Wie kann etwas so grausam und zugleich auch schön sein ?

  31. Es geht mir gut, bis auf die alltäglichen Dinge, es gibt so viel Schlimmeres, lasst uns daran denken!
    Alles Gute für Alle von Elke.

  32. @ kall (46):
    Ich habe mich oft gefragt, was erträglicher ist, ein plötzlicher, unerwarteter Tod oder ein langsamer, durch Krankheit hervorgerufener.
    Ich habe beides erlebt, und für mich persönlich ist die zweite Möglichkeit erträglicher, weil man sich darauf „vorbereiten“ und der Tod in diesen Fällen auch als Erlösung empfunden werden kann. Der Sterbende, der über vielleicht lange Zeit dahinsiecht, wird das sicherlich anders sehen, aber als Angehöriger ist es etwas leichter, weil man sich darauf einstellen kann, noch Dinge regeln kann, wichtige Sachen noch sagen kann.
    Für mich ist es schlimm, dass man bei einem plötzlichen Tod immer irgendwie das Gefühl hat, dass man etwas nicht getan oder gesagt hat.
    Aber das ist – wie bei jeder Trauerbewältigung – sehr subjektiv und wird wohl von jedem anders gesehen.

  33. Tom, du hast mal wieder dein Talent unter Beweis gestellt, Geschichten so zu erzählen das sie für den Leser plastisch werden. Sandy scheint mir eine tolle Frau zu sein, die auch über ihren Schatten springt wenn es drauf ankommt, so wie viele in deinem Team. Ich danke dir das wir mitlesen dürfen.

  34. Und wieder mal ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man die Leute nicht auf dem ersten Blick/Eindruck vorverurteilen soll! Dass sich der Papa so brüsk verhalten hat, erschliesst sich ja nicht sofort …

  35. es ist schon hart seine eltern zu grabe zu tragen….
    die narben spürt man immer….

    doch wenn ich das hier lesen schmerzen sie noch mehr…. ein junges leben genommen vor seiner zeit… eltern die ihre eigene tochter begraben müssen obwohl sie noch sie viel vor sich hatte

    es schmerzt und wieder spüre ich den schmerz meiner grosseltern als ich die beerdigung meiner mutter organisierte und sie zum grab führte….

    ein junges leben beendet so schnell, so früh…. ich weiss welche kraft es den vater kostete und das er im schmerz um sich schlug…. er tut mir leid….

  36. Tom, das _erstemal_ hast du es jetzt geschafft, mich auch zum heulen zu bringen, dabei ist die Geschichte wunderschön.

    Gerade Kinder… och mönsch… 🙁

  37. War keine gute Idee, die Geschichte im Großraumbüro zu lesen. Hoffentlich sehen meine Kollegen mich nicht mit den Tränen-
    Das Leben kann so hässlich sein 🙁

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