Geschichten

Motörhead und die Scheißnamen

„So’n komischen Pastor wollen wir aber nicht. Das ist ja wohl hoffentlich keine Pflicht, dass wir so’n Pfaffen nehmen, oder? Aber den Brüdern wär’s ja zuzutrauen: Erst geht man sein Leben lang nicht in die Kirche und dann halten die bei der Beerdigung die Hand auf. Wenn’s ums Geld geht, sind die ja immer schnell dabei, die von der Kinderschänderorganisation. Also nee, bitte ohne Pastor!“

Das hört man ja als Bestatter öfters mal. Aber ich finde immer, dass, wenn man schon keine Beziehung zu irgendeiner Institution hat, muss man deren Vertreter und Strukturen doch nicht so abwertend darstellen.

Ich stelle den Leuten die verschiedenen Möglichkeiten vor, wie man eine Trauerfeier gestalten kann, ohne einen Pastor zu bemühen.
Nein, einen Trauerprediger wollen sie auch nicht. „Bloß nicht so’n Heini, der dann auf die Tränendrüse drückt. Die sind ja furchtbar. Die leiern da was runter, wo sie nur den Namen unseres Vaters in einen vorgefertigten Text einbauen, und dann wollen sie 700 Euro dafür. Kommt gar nicht infrage.“

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Ja, was sie sich denn stattdessen vorstellen, frage ich, und nach kurzer Beratung kommen die beiden Geschwister mit ihren Ehegatten zu folgender Überlegung: „Wir machen das so: Der Vater hat gerne Musik gehört und wir stellen einen USB-Stick mit seinen Lieblingsliedern zusammen. Das wird so ’ne halbe Stunde, alles von Motörhead, die hat er am liebsten gehört. Geredet werden soll gar nicht. Nur die Urne vorne, dann die Musik, und wenn die Musik rum ist, gehen alle nach Hause. Die Musik spielt unser Robin ab, sonst kostet das noch was extra.“

Ich bin skeptisch.
Trauergäste sind an bestimmte Abläufe gewöhnt, und wenn dann alles ganz anders gemacht wird, sind sie verwirrt und wissen nicht, was sie machen sollen.

„Dann sage ich aber vor dem Abspielen der Musik, warum das so ist, und wie es dann weitergeht, okay?“, schlage ich vor.

„Ach was! Das macht doch die Musik von Motörhead kaputt. Das soll mit Wumms beginnen, ohne Gelaber. Und wenn die Musik fertig ist, gehen die alle.“

Der Tag der Trauerfeier ist gekommen. Es soll die Urne vorne in der Trauerhalle des Friedhofs auf einer kleinen Säule stehen, daneben ein Foto des Verstorbenen.
Die Asche soll später sehr kostengünstig in der Tschechischen Republik anonym beigesetzt werden.

Sandy hat die Urnensäule schön geschmückt und für die Angehörigen Platzkärtchen auf die Stühle in der ersten Reihe gelegt.
Das kluge Mädchen hat auch an eine Kabeltrommel gedacht, damit der angekündigte Robin seine Musikanlage anstöpseln kann.

Es kommen erschreckend viele Leute, was wohl auch daran liegt, dass der Verstorbene noch nicht so alt und Mitglied in mehreren Vereinen war.
Es rumpelt und hustet überall in der Trauerhalle, nur von Enkel Robin ist nichts zu sehen.

Die anderen Angehörigen sitzen entspannt in der ersten Reihe und schauen auf ihre Handys. Zu Sandy sage ich: „Geh‘ mal fragen, wann der kommt!“ Aber sie muss gar nichts machen, denn in dem Moment kommt ein junger Mann mit einem Bollerwagen zur Tür herein. Aufgeladen hat er ein Riesentrum von Bluetooth-Box. Sandy hilft ihm beim Anschließen an den Strom und wenig später kann die Show beginnen. Motörhead rotzt fetzige Gitarren, Bässe und jede Menge Schlagzeug in die Trauerhalle.
Das ist nicht meine Musik. Nein, das ist nicht meine Musik!

Und diese Meinung teilen ganz offensichtlich auch die Trauergäste. Viele schauen sich irritiert um, einige haben die Finger in den Ohren und manche schauen sehr gequält aus der Wäsche.
Robin hat so richtig aufgedreht. Die Box spielt weitab ihrer technischen Möglichkeiten und es scheppert, bebt und donnert.

Nach zehn Minuten beginnen die Trauergäste, sich umzuschauen. Sie warten auf den Pastor, oder doch zumindest darauf, dass jetzt noch irgendwas passiert. Es passiert aber nichts, außer Motörhead.

Ich schaue Sandy an, doch die zuckt nur mit den Achseln. Das soll heißen: Die haben es so gewollt.

Der Friedhofswärter steckt mal kurz seinen Kopf zur Tür herein, kriegt ob der dröhnenden Motorköpfe einen Schrecken, und verschwindet schnell wieder in seinem grauen Zimmerchen, wo er darauf wartet, dass alles vorbei ist, damit er dann auf den Knopf für das dünne Totenglöckchen drücken kann.

Meine Fresse, wie lang sind denn bitteschön 30 Minuten? Ich schaue zum ipsezifftigsten Mal auf die Armbanduhr, aber irgendwie kommt es mir so vor, als ob der Sekundenzeiger sich in Zeitlupe bewegt.
Unendlich lange Motörhead-Minuten vergehen.

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich bin aus Liebe schon im Ballett gewesen, habe mir die Les Humphries-Singers, mongolischen Kehlkopfgesang und die Oper Lemberg live angehört.
Aber es geht ja nicht um mich, es muss mir ja nicht gefallen. Aber 30 Minuten von dem Scheiß sind einfach zu viel.
Nix gegen Motörhead. Um Himmels willen! Ein, zwei Stücke, aber doch nicht ’ne halbe Stunde in voller Dröhnung. Denkt denn keiner an die Rentner im Publikum? Wie sollen die ihre Medikamente richtig einstellen, um das zu überstehen?

Was würde mir gefallen? Ach, irgendeine Mischung von schönen Liedern. Die Biene Maja von Karel Gott, irgendwas von Rammstein, das Steigerlied und die sieben Brücken von Karat. Keine Ahnung. Auf jeden Fall keine 30 Minuten dasselbe.

Endlich sind die 30 Minuten vorbei. Die Angehörigen weinen, Robin wickelt das Kabel auf. Die Leute bleiben sitzen. Das heißt: Bis auf einen. Ein kleiner Opa mit gelben Fingern hastet nach draußen und schmiedet sich einen Nikotindübel unter den Schnabel.

Die anderen warten darauf, dass noch etwas passiert. Sie schauen sich ratlos um und in ihren Gesichtern lese ich die Frage: „Kommt da noch was?“ oder „War das jetzt schon alles?“

Wir warten noch etwas ab, aber alle bleiben sitzen.

Sandy geht dann einfach nach vorne und baut das Portrait ab. Sie trägt Bild und Staffelei zum Auto. Wir sind mit dem PKW da, für eine Urne brauchen wir ja keinen Leichenwagen.
Ich muss sagen, dass sie recht hat. Irgendwann muss ja mal Schluss sein, und wir können jetzt nicht den ganzen Tag da warten, bis der Hunger die Leute nach Hause treibt.
Also gehe ich mit Sandy nach vorne und nehme die Urne von der Säule. Sandy schnappt sich die Säule. Wir marschieren hintereinander zum Ausgang.
Und wie ich mit der Urne in den Händen an den Sitzreihen vorbeigehe, stehen die Leute auf und folgen uns.

Schließlich ist es eine 50 Meter lange Schlange, die mir folgt. Ich drehe mich zu einem der Angehörigen um, der direkt hinter mir geht, und zische ihm zu: „Wir gehen nur zum Auto.“
Er weint Tränen der Rührung und sagt: „Es ist so schön, wie Sie das machen, soooo schön.“

Im Kofferraum meines Kombis liegt so allerlei Familienkrempel. Außerdem ist da ein Pappkarton, in den ich dann die Urne stelle.
Die Trauergemeinde hat einen doppelreihigen Halbkreis um das Heck meines Autos gebildet.
Die erwarten, dass noch irgendwas passiert.

Also wende ich mich an die Leute, räuspere mich und erhebe die Stimme: „Nun geht Kurt Brömmer auf seine allerletzte Reise. Danke, dass Sie da waren.“
Und während ich das sage, zieht Sandy an der Schnur, die ich angebracht habe, um die Heckklappe besser schließen zu können.
Unter dem Gebimmel des toten Glöckchens schließt sich die Klappe.

Die Heckklappe ist zu und die Trauergäste schauen auf den Aufkleber an meiner Heckscheibe: „Keine Kinder mit Scheißnamen an Bord.“

Sandy und ich verbeugen uns noch einmal und steigen ein. Langsam fahren wir vom Hof.

Ob die Leute noch da stehen?

Bildquellen:

  • motoerhead_800x500: ki

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(©si)