Mit dem Tod von Rita Süssmuth verliert Deutschland eine der prägenden politischen Persönlichkeiten der Bundesrepublik – eine Frau, die Politik nicht als Machtausübung verstand, sondern als Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, insbesondere gegenüber jenen, deren Stimmen oft überhört werden.
Rita Süssmuth gehörte zu jener Generation von Politikerinnen, die sich ihren Platz nicht ererbten, sondern erarbeiteten. Als Wissenschaftlerin, Professorin und schließlich als Politikerin verband sie analytische Schärfe mit gesellschaftlicher Empathie. Sie war keine Lautsprecherin, keine politische Selbstdarstellerin, sondern eine beharrliche Gestalterin, die Inhalte über Inszenierung stellte.
Bundesweit bekannt wurde sie zunächst als Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. In dieser Funktion setzte sie Maßstäbe, die bis heute nachwirken. Sie trieb die Auseinandersetzung mit der AIDS-Erkrankung in einer Zeit voran, in der Angst, Ausgrenzung und moralische Überheblichkeit den öffentlichen Diskurs bestimmten. Süßmuth insistierte auf Aufklärung statt Stigmatisierung – ein Ansatz, der damals mutig war und sich später als weitsichtig erwies.
Ihre wohl sichtbarste Rolle übernahm sie als Präsidentin des Deutschen Bundestages. In diesem höchsten parlamentarischen Amt verkörperte sie Würde, Ausgleich und Respekt vor der demokratischen Institution. Sie verstand das Parlament nicht als Bühne parteipolitischer Scharmützel, sondern als Herzstück der Demokratie. Gerade in aufgeheizten Debatten blieb sie souverän, verbindlich und unmissverständlich in der Sache.
Bemerkenswert war ihre Fähigkeit, auch innerhalb der eigenen Partei unbequeme Positionen zu vertreten. Rita Süssmuth war nie eine Politikerin der reinen Parteilinie. Sie mischte sich ein – etwa in der Migrations- und Integrationspolitik – und widersprach, wenn sie überzeugt war, dass Humanität, Vernunft und gesellschaftlicher Zusammenhalt auf dem Spiel standen. Damit machte sie sich nicht immer beliebt, aber sie blieb glaubwürdig.
Rita Süssmuth stand für ein Politikverständnis, das heute selten geworden ist: langfristig denkend, argumentativ, am Gemeinwohl orientiert. Sie glaubte an die Kraft von Bildung, an die Bedeutung von Frauen in Führungspositionen und an die Verantwortung des Staates, soziale Spaltungen nicht zu vertiefen, sondern zu überwinden.
Rita Süssmuth war römisch-katholisch. Von 1964 bis zu dessen Tod 2020 war sie mit dem Universitätsprofessor Hans Süssmuth verheiratet und lebte in Neuss, wo sie 2022 zur Ehrenbürgerin ernannt wurde. Sie hatte eine Tochter und war fünffache Großmutter. Im Juni 2024 machte sie eine Brustkrebserkrankung öffentlich.
Rita Süssmuth starb am 1. Februar 2026 wenige Wochen vor Vollendung ihres 89. Lebensjahres in Neuss.
Mit ihrem Tod endet ein Kapitel bundesrepublikanischer Geschichte, in dem politische Autorität noch aus Sachkenntnis, Haltung und persönlicher Integrität erwuchs. Rita Süssmuth wird fehlen – als Stimme der Vernunft, als Mahnerin, als Vorbild.
Bildquellen:
- Rita_Suessmuth_im_Bundestag_800x500: Rita.suessmuth.ma01 - CC BY-SA 4.0, wikimedia.org
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