Frag den Bestatter

Schädelverletzungen und Aufbahrung

mopedvor kurzem ist ein enger Freund mit mitte 20 gestorben, und seid ich von Ihm am offenen Sarg Abschied genommen habe beschäftigt mich eine Frage.

Mein Freund war als wir am Sarg waren bereits 11 Tage tot, er hatte einen Motorradunfall und starb an Schädel und Organverletzungen.
Als wir am offenen Sarg waren wirkte er keines Falls friedlich schlafend, sondern ziemlich tot.
Er war optisch sichtlich gealtert, was aber nicht so schlimm war, was mich verstörte war dass sein Kiefer nach unten gefallen war und offen stand und auch „kleiner“ wirkte, als hätte er einen überbiss gehabt.
Zudem waren seine Augen nicht vollständig geschlossen. So dass man einen ca 1 cm breiten weisse Streifen sah. Das Bild wirkte auf mich sehr verstörend, und nicht so wie man Abschied nehmen wollte.
Ich möchte Vorweg nehmen, dass der Bestatter wirklich gut war, und uns viel Arbeit abgenommen hat, und uns bei vielem geholfen hat (Er ist ein bekannter der Familie).
Aber hat er da schlampig gearbeitet? Oder war es aufgrund der bereits vergangenen Zeit einfach anders nicht mehr möglich meinen Freund darzustellen?

Bitte lesen Sie zu diesem Thema auch meinen vorherigen Artikel.

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Bei Motorradunfällen hat man es oft mit schwersten Schädelverletzungen zu tun.
Motorradhelmen werden ja wahre Wunderkräfte zugesprochen, aber de facto handelt es sich um eine nur wenige Zentimeter dicke Plastik- oder Glasfaserhaube mit viel Dämmmaterial. Im schlimmsten Fall ist das als Knautschzone einfach viel zu wenig.
Bestatter stehen bei der Aufbahrung so verletzter Menschen vor dem Problem, den Schädel wieder herzustellen. Das ist keine leichte und keine schöne Arbeit, die auch oft nur zu einem unzureichenden Ergebnis führt.
Inwieweit das hier eine Rolle gespielt hat, kann ich nicht beurteilen.

Das geschilderte Bild deutet aber auf eine generelle Problematik hin, die nichts mit den oben geschilderten Motorradverletzungen zu tun hat.
Die von Ihnen wahrgenommene „Alterung“ wird die Folge des einsetzenden Verwesungsprozesses sein. Die Haut ist nicht mehr durchblutet, die Muskeln sind erschlafft. Selbst junge Menschen können da sehr fremd wirken.
Durch das Auftragen von Kosmetik, wie Bestatter es tun, sollen diese Erscheinungen gemildert werden. Mit solchen Mitteln ist das aber so eine Sache. Hier entscheiden Nuancen, ob die Kosmetik „verschönernd“ und kaschierend wirkt, oder ob durch ein Zuviel (und die stetig fortschreitenden Veränderungen des Leichnams) ein gegenteiliger Ausdruck erzielt wird. Selbst bei Lebenden habe ich schon beobachtet, daß sie so falsch geschminkt waren, daß sie genau das Gegenteil des Beabsichtigten erreicht haben.

Daß der Kiefer so weit nach hinten und unten rutscht, ist normal. Hier muß der Bestatter mit einer Kinnstütze gegenwirken. Allein der Einsatz von Lippenkleber ist hier nicht ausreichend. Es entstünde am Mund durch den Zug des Kiefers eine Spannung, die die Mundpartie sehr fremd aussehen ließe. In diesem Fall scheint auf beides verzichtet worden zu sein. Wobei es aber durchaus sein kann, daß ihr Freund eben noch gut aussah und innerhalb kürzester Zeit sich der Kiefer gelockert hat.

Bei den Augen ist das so eine Sache. Oft bleiben die Lider einfach zu, nachdem man sie nach unten gedrückt hat. Tun sie das nicht, dann muß der Bestatter mit entsprechenden Hilfsmitteln gegenwirken.
Das können Augenkappen sein, dünne große „Kontaktlinsen“, die auf das Auge und unter das Lid kommen und wirkungsvoll verhindern, daß die Augen wieder aufgehen. Das tun sie nämlich manchmal durch Austrockung und die sonstigen Veränderungen.
Auch das kann noch sehr kurzfristig eingetreten sein.

Jeder Bestatter sollte unmittelbar vor dem Besuch der Angehörigen selbst noch einmal schauen. Unmittelbar! Nicht abends zuvor, nicht am Tag zuvor, nicht zwei Stunden zuvor! Unmittelbar!

Bildquellen:


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    Ich erteile Auskünfte ausschließlich aufgrund meiner Erfahrung und erbringe keine Rechts-, Steuer- und Medizinberatung.

    Lesezeit ca.: 5 Minuten | Tippfehler melden | Peter Wilhelm: © 25. August 2015

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    6 Kommentare
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    Anja
    8 Jahre zuvor

    Ich bin SO froh, dass bei uns offene Aufbahrungen sowas von unüblich sind. Ich finde das eine ganz furchtbare Vorstellung meine Lieben da nochmal zurecht geschustert sehen zu müssen. Ich habe mir fest vorgenommen meine Großeltern(die hoffentlich nicht von irgendwem anders überholt werden!) mit zu waschen und zu kämmen und so, aber dieses Zurechtgeschustere, damit sie ja schlafend aussehen, wenn die Sippe kommt, nein Danke. Das hat für mich auch irgendwas mit Würde zu tun. Würdevoll in den Sarg, Deckel drauf, die Natur machen lassen. Wer sich persönlich verabschieden will, soll halt helfen. Wer es nicht will/kann, soll denjenigen so in Erinnerung behalten, wie er war, denn dann hilft der Blick in den offenen Sarg auch nicht mehr

    8 Jahre zuvor

    Moin!

    Ich bin so froh, dass bei uns die offene Aufbahrung üblich ist.
    Wir schustern auch nicht, sondern waschen und kämmen, verschließen Mund, Augen und Körperöffnungen und kleiden die Verstorbenen an, als wären es jemand aus unserer Familie. Geschminkt wird nur auf Wunsch mit den Schminksachen der Verstorbenen. Lippenkleber hatten wir früher mal.

    Unfall ist immer doof. Vielleicht hilft die Vorstellung: hätte er es überlebt und man besucht ihn im Krankenhaus, hätte er ja auch nicht aussgesehen, wie vor dem Unfall.

    Anna
    8 Jahre zuvor

    Aus der Schilderung einer Bekannten, die mit ihren Eltern nach Slovenien reisen musste um die Überführung der sterblichen Überreste ihrer jüngeren Schwester zu organisieren, die dort während einer Reise bei einem Verkehrsunfall ihr Leben verloren hatte: „Wir fuhren direkt in die Klinik, in der meine Schwester wenige Stunden nach dem Unfall ihren schweren Verletzungen erlegen war. Ein Arzt klärte uns zunächst über die Todesursache auf, meine Schwester war an inneren Verletzungen und der schweren Kopfverletzung, die sie bei dem Unfall erlitten hatte gestorben. Man hätte den Leichnam bereits für die Überführung nach Deutschland vorbereitet, auch entsprechend hergerichtet, das ein Abschied am offenen Sarg möglich wäre. Nach kurzer Beratung entschieden wir uns dafür, ja ich, meine Eltern, wir wollten meine Schwester gerne noch einmal sehen. Der Arzt führte uns in den Keller, wo die Pathologie untergebracht war. Wir warteten in einem kleinen Raum. 2 Angestellte schoben den schlichten Transportsarg, der auf einem Rollwagen stand. Er war mit Blech ausgekleidet, aber man hatte ihr ein Kissen unter den Kopf gelegt und eine Decke über sie gelegt. Man… Weiterlesen »

    Josef
    8 Jahre zuvor

    In unserer Gegend war es Jahrzehnte üblich, den Leuten von einer offenen Aufbahrung ab zu raten. Bei Tod durch Unfall, Verbrechen oder stark fortgeschrittener Verwesung. In der heutigen Zeit jedoch steigen die Ansprüche der Angehörigen auch in dieser Hinsicht. Ich komme aus einer Firma, wo Sachen wie zum Beispiel rasieren und waschen extra bestellt werden mussten. Wenn damals jemand mehr wollte, mussten wir uns irgendwie behelfen. Mein damaliger Arbeitgeber kannte eine Kosmetikerin, die höchst selten zum Einsatz kam. Musik bei einer Trauerfeier, einmal in zehn Jahren. Damals galt so etwas als „Exotischer“ Wunsch. Die Qualitätsansprüche, die sich die Branche selbst auferlegt hat, mit ISO Norm und all den anderen Sachen, hat die Messlatte sehr hoch gehängt! Viele Kollegen Bundesweit haben so gearbeitet wie wir, da wird sich manch einer noch umgucken. Wer heute als Bestattungsunternehmer mit seinem Personal nicht an Fortbildungen teil nimmt, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Firma zu geschnitten sind, wird bald das nachsehen haben.

    Christina
    8 Jahre zuvor

    Hinsichtlich Aufbahrung nach langer Zeit / Unfall ist mir eine ältere Geschichte hier im Bestatterweblog in Erinnerung geblieben „Tod in Norwegen“.

    Ich hab die damals gelesen, als ich vor vielen Jahren das Bestatterweblog entdeckt habe und mich nächtelang durch das Archiv gelesen habe, und sie hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen …

    D.
    8 Jahre zuvor

    Vorneweg-
    ich kannte den Verstorbenen persönlich, wenn auch nur bis zu einer gewissen Zeitspanne, nämlich, als ich aus der elterlichen Wohnung auszog und vom Besuch der Freunde meiner Geschwister nicht mehr soviel mitbekam. Daher mein ist mein Name auch abgekürzt.

    Ich behalte den jungen Mann lieber so in Erinnerung, dass er als Kind immer aufgeregt anrief und nach meinen Brüdern fragte, ob sie denn da waren. Oder das Gegacker und den Krach aus dem Kinderzimmer, das Fußballspielen auf dem Bolzplatz gegenüber. Diese Erinnerungen sind mir lieber. Dass meine Geschwister ihn so in Erinnerung behalten, wünsche ich ihnen von ganzem Herzen.

    Da lag eine sterbliche Hülle im Sarg, die Person, die ihn ausmachte, ist weiter gegangen. Falls du das hier lesen solltest- behalte ihn als lieben Freund in Erinnerung, nicht seine „Hülle“.




    Rechtliches


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