Mein Leben war noch nie einfach. In meinem Kopf passieren immer Dinge, die andere schon längst ins Irrenhaus gebracht hätten. Mein Verdienst ist es, dass ich den inneren Irren unter Kontrolle halten kann – noch!
Manchmal sind es aber auch einfach andere Leute, die auch noch ihr Quäntchen dazu beitragen, mein Leben noch uneinfacher zu machen, und den Irren in mir zu nähren.
Da ist dieser Mann, der einen Tag nach Weihnachten am späten Nachmittag an unserer Haustür klingelt. Ich bin nicht gut zu Fuß und frage ihn deshalb vom Fenster im ersten Stock aus, was er denn möchte.
„Ach, Herr Wilhelm, Sie werden mich nicht kennen. Aber ich kenne Sie! Ich muss mit Ihnen sprechen, und ich hab Ihnen auch was mitgebracht.“
Also mühe ich mich ab und gehe runter. An der Tür will mich der Mann umarmen, er riecht nach Katzenpipi. In seiner Hand hält er eine kleine Zellophantüte mit 4 Weihnachtsplätzchen.
Ich frage ihn nochmal nach seinem Begehr.
„Ich hab gedacht, ich komm jetzt einfach mal vorbei. Ich habe alle Ihre Bücher gelesen. Die kauf ich mir immer gebraucht bei Ebay.“
Ich schiele offenbar ein wenig zu offensichtlich auf die Tüte mit den Plätzchen.
„Ja, hier! Hier! Leckere Plätzchen von meiner Frau. Die hat dieses Jahr nicht so viele gebacken, wie sonst immer. Aber ich hab gedacht, ne, Sie wissen schon, ne, dass ich jetzt mal vorbeikomme und Ihnen die schenke.“
Ich will nach der hingehaltenen Tüte greifen, doch er zieht sie weg.
„So ohne lecker Kaffee schmecken die doch nicht. Haben’se nich ne leckere Tasse Kaffee? Dann können wir uns schön hinsetzen und mal erzählen. Sie glauben ja nicht, was ich alles so erlebt habe. Ich war Steuerfachangestellter bei Klübner & Rotz in Emmendingen. Jetzt wohne ich in Heidelberg. Wir sind also fast Nachbarn. Ha! Sie glauben nicht, was ich erzählen kann. Da ist bestimmt was für Ihre nächsten Bücher dabei.“
Früher konnte ich meine Gefühle besser verbergen, aber mit zunehmendem Alter kommt mir die Fähigkeit, gute Miene zu bösem Spiel zu machen, immer mehr abhanden.
„Na, kommen Sie! Geben Sie Ihrem Herz einen Ruck. Ihre Frau kocht uns einen leckeren Kaffee und dann sitzen wir schön zusammen, ja?“
„Nee, das passt mir jetzt grad gar nicht. Ich mag es eigentlich auch überhaupt nicht, wenn mich Leute einfach so besuchen. Ich freue mich, wenn Ihnen meine Bücher gefallen, und es ist schön, dass Sie mir Plätzchen schenken möchten. Aber ich möchte jetzt spontan keinen Besuch empfangen.“
„Das finde ich ja ziemlich arrogant. Aber so ist das, wenn jemand Erfolg hat, der steigt den meisten Leuten dann zu Kopf und sie wollen mit uns Normalen nichts mehr zu tun haben.“
„Sie können mir gerne eine Mail schreiben oder mal anrufen. Dann sehen wir weiter, okay?“
„Nichts ist okay! Ich bin von Heidelberg jetzt hergefahren. Wer zahlt mir denn das Benzin?“
Eine Dame ruft mich an. Sie hat eine Bestatterrechnung erhalten und kommt damit nicht klar. Wir gehen das Schritt für Schritt durch. Tatsächlich gibt es einige Punkte, bei der die Bestatterin sich vertan haben muss. Sie hat nicht nur die Überführungskosten, immerhin fast 1.000 Euro, zweimal berechnet, sondern auch etliche andere Positionen mit ganz komischen, hohen Preisen abgerechnet. Kann passieren, ein paar falsche Mausklicks reichen. Kann auch Absicht gewesen sein, man weiß es doch aber nicht. Und bevor man jemanden böse beschuldigt, ist es doch besser, man spricht miteinander. Ich gebe der Frau am Telefon noch den Rat, nicht zu harsch mit der Bestatterin umzugehen und höflich um eine Korrektur zu bitten.
Einen Tag später ruft die Dame wieder an. Die Bestatterin habe sich tausendmal entschuldigt und will ihr natürlich sofort eine berichtigte Rechnung zuschicken. Insgesamt muss die Anruferin jetzt statt 7.881 Euro nur 5.650 Euro bezahlen. Sie hat also dank meiner Hilfe und Fachkenntnis 2.231 Euro gespart. Außerdem erhält sie von der Bestatterin noch 5 % Rabatt auf die Rechnung, als kleine Entschädigung für die Unannehmlichkeiten.
Die Frau sagt: „Ich bin Ihnen so dankbar, Herr Wilhelm, dass Sie mir geholfen haben. Ohne Sie hätte ich ja beinahe 2.300 Euro zu viel bezahlt. Ich finde es toll, dass es so jemanden gibt, der das so schön erklären kann. Dass Sie sich so viel Zeit nehmen, und das auch noch kostenlos machen, das ist echt klasse. Wie rechnet sich das denn für Sie?“
Ich sage, was ich immer sage: „Wenn Sie möchten, können Sie sich gerne für meine Arbeit erkenntlich zeigen. Auf meiner Webseite gibt es die Möglichkeit, etwas zu spenden.“
„Hab ich es mir doch gedacht, dass da ein Haken an der Sache ist. Erst großartig rumtönen, den guten Menschen spielen und dann eine trauernde Witwe abziehen wollen.“
Manche Leute schreiben mir auch:
Ich habe der Frau nicht geantwortet, ich bin bis heute nicht dahintergestiegen, was die Mailschreiberin eigentlich will.
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- besucher_800x500: Peter Wilhelm ki
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Erm, ja. Gesundheit!
Und dir ein frohes neues Jahr mit einem hungernden inneren Irren (ist das dann quasi ein Homunculi?), hoffen darf man ja. 🙂
Ich wollte schon bestreiten, dass das am eigenen fortschreitenden Alter liegt. Aber mal ehrlich – irgendwann hat man so viel bullshit gehabt, da hat man keine Zeit für noch mehr davon. Dementsprechend gibt’s dann umgehende Rückmeldung…
Frohes und Gesundes Neues Jahr!