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Wer „darf“ eigentlich trauern?

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Zu meinem letzten Beitrag gab es einen kurzen Kommentar, der etwas ganz Wichtiges zum Thema Trauer zur Sprache bringt:

„Ich finde es sehr sehr wichtig, dass man die Trauer nicht runterputzt. Ich habe leider sowohl „Du hast die Grosstante nur einmal als Kind getroffen, du kennst sie ja gar nicht“ als auch „Das war ja nur eine Katze“ selbst erlebt und ich hätte dem Sprecher beide Male den Hals umdrehen wollen …“

Ich kann nur zustimmen: Ich finde es auch sehr wichtig, die Trauer von anderen nicht kleinzureden. Egal, um wen es geht und wie eng der Kontakt war. Das Problem kennen zum Beispiel auch viele Frauen, die ein Kind früh in der Schwangerschaft verloren haben. Da heißt es auch oft: „War ja erst in der achten Woche.“ oder „Du kannst ja jederzeit wieder schwanger werden.“ Dieses Beurteilen ist verletztend, wenn man selbst gerade trauert. Und es unterbindet jede weitere konstruktive Kommunikation und führt im blödesten Fall dazu, dass die Trauernden mit ihrem Schmerz alleine sind.

Um wen und was trauern wir?

Trauer ist der Schmerz über einen schwerwiegenden Verlust. Auch nach einer Trennung trauern wir zum Beispiel. Üblicherweise bezieht man den Begriff Trauer aber auf den Umgang mit einem Todesfall. Wie stark und bei wem wir Trauer empfinden, ist sehr individuell. Ein Tier kann einem Menschen sehr nahe sein, sodass der Verlust extrem schmerzhaft ist. Es gibt Menschen, mit denen man sich eng verbunden fühlt, obwohl man sich nur selten (oder sogar nie) getroffen hat. Erinnert ihr euch noch, wie die Welt um Lady Di getrauert hat? Obwohl die meisten Menschen sie nie auch nur aus der Ferne gesehen haben, war das für Tausende ein schwerer Verlust, der mit langer Trauer verbunden war. Warum sollte man dann nicht über eine Großtante trauern dürfen, die man kaum kannte? Trauer hat ja auch immer mit dem sozialen Gefüge zu tun. Als die letzte meiner Großtanten starb, war ich sehr traurig darüber, dass nun die letzte aus dieser Generation meiner Familie gegangen war. Und manchmal trauert man auch sehr um die Sterblichkeit an sich, um die eigene Vergänglichkeit, die einem bei einem Tod bewusst wird.

Nehmt die Trauer anderer Menschen ernst!

Wenn jemand sagt, dass er oder sie gerade trauert, dann ist es deine Aufgabe, das als gegeben hinzunehmen. Jemandem die Trauer abzusprechen, ist respektlos. Auch dann, wenn du denkst (oder sicher bist), dass du in einem ähnlichen Fall nicht so sehr trauern würdest. Probleme und Gefühle sind noch nie weggegangen, weil jemand behauptet hat, sie wären doch gar nicht wichtig oder angemessen. „Das tut mir sehr leid“ oder „Was kann ich für dich tun“ sind adäquate Reaktionen. „Stell dich nicht so an“ (in allen Variationen) ist keine. Selbst dann, wenn du innerlich mit den Augen rollst.

Ist doch gar nicht so schwer 🙂


Birgit Oppermann 19. März 2021


5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich denke, wenn man sich verstellt und Dinge sagt, die man gar nicht meint, dann ist das auch nicht der richtige Weg.

    Wenn jemand beim Verlust eines Kindes in der 8. Schwangerschaftswoche z. B. sagt: „Vielleicht hat Dein Kind etwas gehabt, und ihm sollte so vielleicht ein Leben mit einer Behinderung erspart bleiben, und deshalb hat Dein Körper es vielleicht so geregelt“, der sagt doch evtl. auch damit etwas Positives und hat auch Recht, wenn er sagt: „Freu Dich, dass Du vielleicht in einiger Zeit wieder schwanger wirst.“

    Jeder drückt vielleicht auch sein Mitgefühl anders aus und möchte damit aber auch nur helfen und Trost spenden.

    Niemand weiß so genau, was der richtige Weg ist, da wir alle sehr unterschiedlich reagieren.

    Wir empfinden bei Verlusten unterschiedlich und wir brauchen auch unterschiedlich Trost.

    Nur was wir im Regelfall alle nicht sind: HELLSEHER
    Das ist dann auch der Grund, warum wir eben auch bei der einen oder anderen Person dann evtl. genau das Falsche sagen.

    • In Bezug auf die Schwangerschaft sind diese Worte nicht bei jedem Willkommen. Ich verstehe was Du meinst und kann auch deinen Gedankengang nachvollziehen. Aber man weiss nicht immer was dahinter steckt. Diese Worte können,auch wenn sie nett, positiv oder tröstend wirken sollen anders aufgefasst werden. Ich hatte 4 Fehlgeburten am Stück,später noch eine zwischen Kind 2 und Kind 3…ich wollte irgendwann nichts mehr hören von irgendwelchen Phrasen oder Worten, die derjenige aussprach ohne vielleicht zu wissen wie es sich anfühlt. Auch diese Aussage, du kannst jederzeit wieder schwanger werden, ist für manche ein Schlag ins Gesicht. Ich habe 10 Jahre gebraucht um 5 mal schwanger zu sein. Wovon die ersten 4 Fehlgeburten waren und nummer 5 als Frühchen zur Welt kam und wir die erste Zeit auch zittern mussten ob er es schafft. Es müssen nicht immer viele Worte sein, manchmal sagt eine Umarmung z.b. mehr als 1000 Worte…

    • Hellseher ist keiner, aber man muss ja nicht ungefragt lospoltern/vorpreschen und kann erstmal vorsichtig sich rantasten, Stichwort Empathie.

      Ich sehe es allerdings bei Fehlgeburten ähnlich… klar, es ist traurig, enttäuschend, man hadert mit dem Schicksal, aber letztlich regelt das die Natur, und sie ist unerbittlich, wenn etwas nicht passt, dann wird die Schwangerschaft aufgegeben. Genauso wie der Körper irgendwann beschließt das er genug gearbeitet hat und jegliche Funktion einstellt.

      Aber keine dieser Tatsachen ändert was an der Trauer in dem betreffenden Fall. Man kann sich nur auf rationaler Ebene vor Augen führen das man nichts verkehrt gemacht hat und es um keine Schuldzuweisung geht.

  2. Wer bestimmt denn eigentlich darüber, um welchen Menschen, welches Tier ich trauere? Das ist meine ganz persönliche Sache, und ob jemand anders das nicht nachvollziehen kann, ist für mich irrelevant.
    Ich finde den Appell von Birgit, die Trauer anderer Menschen zu respektieren, auch wenn ich sie selbst nicht nachvollziehen kann, sehr gut und wichtig.
    Sicher, manche Freunde und Bekannte wollen helfen und meinen es gut, aber sie sagen das Falsche. Mit „Was kann ich für dich tun?“ liegt aber niemand falsch.

  3. Trauer ist intim, individuell, aber sie kann auch krankhafte Züge annehmen, Ausmaße, die ungesund sind. Trauer bei Fehlgeburten – verständlich, aber wenn Eltern anfangen die Geburtstage der Frühgeburten zu feiern – im Beisein der Familie, schon mit Kindern, jahrelang, so dass Plätze, Stühle freigehalten werden, ist das nicht mehr normal. Oder wenn verstorbene Haustiere einen Platz einnehmen, so dass kein Platz mehr für die Mitmenschen vorhanden ist – bedenklich.
    Fazit: Trauer ist menschlich, gehört dazu, aber wenn es ein Ausmaß einnimmt, alles bestimmt, kein normales Leben, keinen normalen Umgang ermöglicht – dann sollte man handeln.

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