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Wie sieht das Opfer eines Sturzes aus grosser Höhe aus?

24. Juni 2014

hochhaus-pixabayIch habe eine etwas seltsame Frage. Eine sehr gute Freundin ist letzten Februar verstorben. Sie hat sich umgebracht – Sprung aus dem 11. Stock eines Hauses, Aufprall auf Beton. Ich tue mir sehr schwer mich mit allem „abzufinden“ bzw. zu begreifen und bin permanent am Suchen nach „Info-Material“, was passiert, wenn man springt. Können Sie mir hier „helfen“, sagen, was passiert, wenn man von so einer Höhe springt? Kann man von einer „Sauerei“ ausgehen, oder hält es sich in Grenzen? Wäre sie noch „zum Herzeigen“ gewesen? Der Bestatter hat mir (hab das Begräbnis mit organisiert) diese Frage gestellt… ich hab gesagt, was passiert ist, aber der meinte „Kann ja trotzdem sein..“. Wie verdreht ist ein Körper, nach so einem Sprung? Ist der Kopf noch „ganz“ ?

Ich möchte keineswegs pietätlos erscheinen, ich bin lediglich jemand, der eine Klatsche von der Realtität braucht, keine Beschönigungen, einfach nur die Wahrheit… und die erhoffe ich mir von Ihnen!

Ich habe es in meinem Berufsleben als Bestatter mehrere Male mit Verstorbenen zu tun gehabt, die aus Höhen von 25-50 Metern gefallen oder gesprungen sind.
Zunächst einmal kann man sagen, daß die Wahrscheinlichkeit, einen solchen Fall zu überleben gegen Null tendiert.
Dabei ist es nahezu unerheblich, wie der Untergrund beschaffen ist. Selbst bei einem Sprung ins Wasser muß man bei diesen Höhen (z.B. Klippenspringer etc.) über ungeheure Erfahrung, Können und die erforderliche körperliche Konstitution verfügen, um schwere Verletzungen zu vermeiden.

Sämtliche Action-Szenen aus Filmen, in denen der Held aus dem sechsten oder achten Stock in die Tiefe springt und in denen sein Fall durch einen Sonnenschirm, eine Markise oder ein paar Campingtische gebremst wird, sind Filmtricks; so etwas übersteht niemand in Wirklichkeit unbeschadet.

Ein Sturz aus rund 30 Metern Höhe auf Beton ist in wahrscheinlich 100% aller Fälle tödlich.
Durch den Aufprall werden in erheblichem Maße Knochen gebrochen, die inneren Organe können abreißen, schwere innere Blutungen sind die Folge. Hinzu kommt regelmäßig eine Zerstörung des Schädels mit erheblichen Quetschungen des Gehirns, bis hin zum Aufplatzen des Schädels und Austritt von Gehirnmasse.

Als Bestatter steht man nun leider auch manchmal vor der Aufgabe, auch einen auf diese Weise verstorbenen Menschen wieder herrichten zu müssen.
In den meisten Fällen werden Bestatter von einer Abschiednahme am offenen Sarg abraten. Insbesondere bei schweren Kopfverletzungen ist das Herbeiführen eines Aussehens wie zu Lebzeiten vielfach nicht mehr möglich.
Aber dennoch bestehen manche Angehörige darauf. Hier sind dann zunächst ausführliche Gespräche mit den Betroffenen erforderlich und der Bestatter muß sein Bestes geben, um -bei allen Einschränkungen- dennoch ein ansehbares Ergebnis zu erzielen.

Dabei ist schon das Ankleiden und Einsargen an sich eine recht schwierige Angelegenheit, weil so schwer verletzte Leichname viel beweglicher und somit „zerbrechlicher“ sind als andere Verstorbene. Es gibt eben durch die vielen Knochenbrüche, vor allem an den Extremitäten, viel mehr Biegestellen.

Nun ist der Körper an sich bei der bei uns üblichen Form der Einsargung bis auf Kopf und Hände ja nicht sichtbar und unter der Sargdecke verborgen.
Sogar die Hände und Arme kann man unter der Decke verschwinden lassen, sodaß letztlich nur der Kopf zu sehen ist.

Zunächst einmal ist es natürlich von zentraler Bedeutung, wie schwer und wo sich eventuelle Verletzungen des Kopfes befinden.
Bei einem Verstorbenen, an den ich mich erinnere, war vor allem das Hinterhaupt betroffen und wir entschieden uns, nach ausführliche Betrachtung von Fotos, die den Mann als Lebenden zeigten, ihn aufzubahren.
Nachdem der Kopf des Verstorbenen gewaschen und die Haare von Blut- und sonstigen Anhaftungen befreit waren, füllten wir die Verletzung am Kopf mit Papiertüchern und Mull und kaschierten die Stelle so gut es ging mit den Haaren.
Aus dem Kissen entfernten wir etwa die Hälfte der üblichen Füllung, sodaß der Kopf tief in das Kissen einsinken konnte. Gleichzeitig bauschte sich dadurch das Kissen seitlich neben dem Gesicht etwas auf, was dem Kopf Halt und Stütze verlieh und gleichzeitig einen Blick auf die verletzte Stelle verhinderte.

Ein jungen Mädchen, das von einem Hochhaus gesprungen war, wurde von mir als nicht mehr vorzeigbar eingestuft. Zu schwerwiegend waren die Verletzungen des Kopfes. Jedoch gehörte die junge Frau zur Bevölkerungsgruppe der Roma und die Angehörigen ließen bezüglich der Frage, ob es eine Aufbahrung geben könne, überhaupt gar keine Diskussion zu: Das Mädchen mußte aufgebahrt werden.

Ein befreundeter Bestatter, der in diesem Arbeitsbereich besser Bescheid wußte als ich, kam mir glücklicherweise zur Hilfe. Er hatte schon häufiger so schwere Fälle gehabt und traute sich diese Arbeit zu.
Man muß sich vorstellen, daß der Kopf eines Menschen sich bei einem Aufprall eben nicht so verhält, wie die im Fernsehen zu Vergleichszwecken immer gerne herangezogene Wassermelone.
Diese Melone zerplatzt bei Tests von Fahrradhelmen etc. immer in Zeitlupe.
So ist das beim Kopf eines Menschen nicht unbedingt. Die Knochen des Schädels sind bedeutend härter als die Schale einer Melone und vor allem ist der Schädel komplett mit Gewebe, Muskeln, Fett und Haut überzogen.

Bei dem Mädchen war es so, daß der Kopf ebenfalls am Hinterhaupt offen war und ein Stück des Schädelknochens dort fehlte. Ansonsten war der gesamte Schädelknochen in unglaublich viele Teile zerbrochen und wurde durch die Haut zusammengehalten.
Die Proportionen stimmten nicht mehr, der Kopf fühlte sich eher an, als habe man die oben genannte zerplatzte Wassermelone in einem Überzug aus Latex. Ja, würde man die Melone noch mit Watte umwickeln und in eine große Luftballonhaut stecken und dann zerbersten lassen, käme man der Realität deutlich näher.

Auch hier mußte wieder gründlich gewaschen und gereinigt werden. Wenigstens hatte das Mädchen lange Haare, die später die Verletzungen verdecken konnten.
Das Problem war aber die multiplen Frakturen des Schädels. Hier -und das gebe ich unumwunden zu- stieß ich an die Grenzen meiner Fähigkeiten und meiner damaligen Belastbarkeit.
Dennoch blieb ich jede Sekunde bei meinem Kollegen und ging ihm auch zur Hand.
Er verstand es, unter der Hülle aus Gewebe und Haut, die Knochenfragmente zu ertasten und so gut es ging, an die richtige Stelle zu schieben. So verfuhr er, der sehr genaue anatomische Kenntnisse hatte, auch mit den Gesichtsknochen.
Allmählich bildete sich unter seinen Händen tatsächlich so etwas, das nicht mehr an ein Alien, sondern an eine junge Frau erinnerte.
Die grundsätzliche Problematik lag darin, daß nichts da war, das die so frei modellierte Schädelstruktur und die Gesichtszüge an Ort und Stelle hielt.

Da aber damit zu rechnen war, daß die vielen Besucher der Roma-Familie die Leiche berühren, streicheln oder gar küssen würden, wie es bei anderen Sterbefällen von Roma schon oft der Fall gewesen war, entschieden wir uns zu zwei weiterführenden Maßnahmen. Nach dem ausführlichen Schminken des Mädchens, bei dem Konturen, insbesondere im Bereich der Augenbrauen, der Nase und des Kinns, überdeutlich betont wurden, bedeckten wir das Gesicht mit einem durchsichtigen Schleier.
In einem Fensterbaubetrieb ließen wir über Nacht aus Plexiglas eine gebogene Platte schneiden und biegen, die den oberen Teil des zur Hälfte aufklappbaren amerikanischen Metallsargs einnahm.
Auf diese Weise war ein Betrachten, nicht aber ein Berühren möglich.

Ungeachtet dessen gibt es immer wieder natürlich auch Fälle, in denen Menschen wie durch ein Wunder selbst Stürze aus größeren Höhen mit vergleichsweise geringen Verletzungen überleben. Die Ausnahme bestätigt hier die Regel.
Desweiteren gibt es auch immer mal wieder Leichname die trotzt eines Sturzes weitaus weniger beschädigt sind, als hier wiedergegeben.
Aber in der weitaus häufigsten Zahl der Fälle wird es so oder so ähnlich sein, wie hier beschrieben.

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Peter Wilhelm24. Juni 2014

25 Kommentare von 139974.

  1. Weia, Tom.
    Du kannst auch die schlimmsten Dinge so nüchtern und verständlich erklären, dabei nur mit einem banalen Nebensatz à la „stieß ich an die Grenzen meiner [..] Belastbarkeit“, das eigene Grauen andeutend…
    Danke und meinen Respekt, dir und den Kollegen aus deinem ehemaligen und verwandten Berufen, die sich immer wieder bemühen und anstrengen, den Hinterbliebenen das Abschiednehmen zu ermöglichen.

    • Das nennt man dann wohl „too matsch information“…die Antwort darauf, wie jemand aussieht, der gerade aus dem 10. Stock gesprungen ist…

      Also es hat schon seine Gründe, warum der Beruf Bestatter nicht jedermanns Fall ist. Wenn man von sowas nach einem Einsatz träumt, braucht man keine Gruselfilme mehr…

  2. Nach einem Sprung vom Fernsehturm konnten die Kollegen den Oberschenkelknochen nur mit einer Rohrzange auf einem Vordach basteln.

  3. Nach dieser Schilderung frage ich mich, hat man als Bestatter manchmal Alpträume, oder liegt nachts im bett, und die Gedanken drehen sich um so eine Person die man vielleicht in stundenlangen Bearbeitung zurecht geschustert hat?
    Ich habe auch schon einige tote Menschen gesehen, aber alle lagen da als würden sie schlafen.
    Gibt es viele Bestatter die an sowas seelisch zerbrochen sind?
    Ich kann mir nicht vorstellen das sowas einfach an einem vorbei geht….

  4. ich habe – wie wohl manche Menschen – Träume. manchmal schöne, manchmal andere.

    aber: von Bestattungen oder von Toten habe ich nie geträumt. Manchmal sind noch „Bilder“ da, Die dürfen auch da sein, meint

    Petrus, der

    ca. 1.500 Beerdigungen hinter sich hat

    (die privaten nicht mitgerechnet).

  5. Ich kann diese Frage durchaus verstehen.

    Habe nach dem Unfalltod meines Freundes (Motorrad unter LKW, 1995) auch soviel wie möglich wissen wollen, vor allem, weil er nicht mehr aufgebahrt werden konnte.
    Was ich aber erst, nachdem ich ein paar Details von beteiligten Feuerwehrmenschen erfahren hatte, wirklich nachvollziehen konnte.
    Und auch erst, als ich mir die Unfallstelle noch einmal real und in Farbe angesehen hatte, konnte ich seinen Tod als Wahrheit akzeptieren.

    Auch wenn die Vergleiche sehr platsich sind, wurden Voyeurismus und Sensationsgeilheit sehr souverän vermieden. Das ist eine Kunst!
    Daher vielenvielen Dank für die angemessen ausführliche und nüchterne Antwort!

  6. Also mir hat mal ein Arzt gesagt, das sich eine Leiche die aus großer Höhe, und eine Leiche nach einer Explosion sehr ähnlich sehen…
    Kein schöner Anblick!

    • Warum sperrst Du Dich nicht selbst? Wäre viel einfacher. Aber nein… Du warst ja gezwungen, bis zum Schluss weiter zu lesen, gell?

    • @Werner: warum sperren!!! les es doch nicht. manche brauchen das um dinge zu verarbeiten und nicht immer nur schön zu reden. etwas mehr verständniss von dir wäre da angebrachter für menschen die andere weg brauchen um den tot zu verkraften. du musst dich ja hier keine infos holen.

      • @Nini: Hallo Das können nur Menschen verstehen ,die das leider erleben mußten ! Ich habe meinen Freund verloren .Er ist von einer Hängebrücke 180 Meter gesprungen. Bis heute komm ich nicht klar damit .Ich wollte und will alles wissen . Ich war bei der Brücke und trotzdem will ich alles wissen . Keine Ahnung warum das so ist . Leute die das krank nennen ,brauchen das doch nicht zu lesen .Warum tun sie es eigendlich überhaupt ???ich denke genau diese Menschen sind krank . Ich bin froh das gelesen zu haben . da

  7. Ich meine nicht den Beitrag, sondern nur die Bilder/Videos die ein eifriger Leser zur Verfügung stellt. Ich Finde es widerlich wenn man sowas öffentlich ins Internet stellt, und so schlimme Sachen sich anschaut!!!!

  8. Aus den Dokumentationen zum 11. September 2001 sind diese Dinge auch bekannt.
    Dort sind ja viele Menschen aus dem WTC gesprungen. Man kann es sich vielleicht so erklären, in dem man mal eine überreife Tomate mit voller Wucht gegen eine Wand wirft. Hinterher kann man nicht mehr erkennen, daß es mal eine Tomate war.

  9. Vielen Dank für die Sachliche Darstellung!

    Ich habe einen lieben Menschen durch einen Sprung aus 150 Meter Höhe auf Beton verloren und brauchte diese ausführlich Beschreibung um mit der Trauer besser abschließen zu können.

  10. Ich hatte in 12/1992 einen sehr schweren Verkehrsunfall, bei dem ich angefahren, über die Kreuzung, 25m weit flog; Schädel gebrochen; Lähmungserscheinungen in den Beinen; Leben i. A. ; anschließend noch ’n halbes Jahr Koma + 2,5 Jahre Rehabilitation! Glück im Unglück: Ausbildung bei Mercedes Benz! Somit hatte ich einen einflussreichen Arbeitgeber auf meiner Seite! Jetzt arbeite ich dort, als wäre nie ‚was gewesen!

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  11. Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung.
    Ich habe meine Mutter im Jan. 2017 durch einen Sprung aus dem 10. Stock verloren. Der Bestatter riet uns damals, auch nach Vorlage es Notarztberichtes, den Sarg lieber geschlossen zu halten. Ich fand es vernünftig, vor allem für meinen Vater. Aber keiner von uns, auch nicht meine Kinder, die schon erwachsen sind, konnten richtig Abschied nehmen. Ich denke oft, ob es ein Fehler war, nicht darauf zu bestehen, sie noch einmal anzuschauen. Man denkt, man hat ja vieles schon in Krimis oder CSI Folgen gesehen, aber wenn es sich um die eigene Mutter dreht, war es wohl das Beste.

  12. Wir lernen: Bei Suizid durch Springen einen Helm tragen :-D

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