Herr Medizinalrat bittet zur Kasse

Es war mal wieder so eine Nacht, die es in sich hatte.
Ich hatte schon tief und fest geschlafen, als ich zu einem Sterbefall gerufen wurde. Manni, unser Stammfahrer, stand schon unten in der Tiefgarage und lud eine frisch gereinigte Trage in den Bestattungswagen, als ich herunter kam. Bei mir hatte es etwas länger gedauert, weil ich mit einem hämischen Bartwuchs zu kämpfen habe.

Dieser äußert seine Häme und Heimtücke dadurch, daß mir immer dann, wenn ich mal bärtig sein will, kaum ein männlich zu nennendes Gefusel aus den Poren sprießt. Habe ich mich aber morgens frisch und babypopoglatt rasiert und habe dann am Mittag einen wichtigen Termin, bei dem es gilt meinen äußeren Eindruck mit in die Waagschale zu werfen, dann entport sich struppiges Fliegenbeingedrahte aus jeder Fuge meines Frontalschädels.

Ja, so war das auch in dieser Nacht, die Sprossen meiner Kinnpracht hatten sich quasi wie ein Klettverschluss ins Kissen gedrömelt.

Also erstmal rasieren …

Auf dem Weg zum Trauerhaus schwiegen Manni und ich uns wortreich an, aus dem Radio dudelte irgendeine Jazznummer, die gut zu unserer männlich-beredten Schweigsamkeit passte.

Jau, es wird halt nunmal auch gerne nachts gestorben; Gevatter Tod scheint sich da immer ganz gern ein Späßchen mit uns zu machen. Hast du mal zehn Tassen Kaffee zuviel getrunken und bist in etwa so müde wie ein auf Hochtouren laufender Küchenquirl, dann ruft nie jemand an, dann schwingt Bruder Hein seine Sense ganz bestimmt in Australien. Bist du aber todmüde und fällst direkt nach dem Hinlegen in einen Tiefschlaf, der schon an Mumifizierung grenzt, dann klingelt das Telefon garantiert. Offenbar hat der Sensenmann auch noch einen Geheimvertrag mit der Post1, jedenfalls ist er irgendwie in der Lage, dafür zu sorgen, daß in solchen Momenten das Telefon besonders laut und langanhaltend bimmelt.

Lust hatten wir beide keine, jetzt einen halbsteifen Toten aus seinem Bett zu ziehen und dann etliche Stockwerke hinunter zu schleppen. Aber watt sin muss, datt muss sin. Ist ja auch schließlich unser Job.

So kamen wir nach gut zwanzigminütiger Fahrt an der angegebenen Adresse an und ich machte mal wieder die Vorhut. Klingeln, nochmals den Schlips glattstreichen, warten.
Manni stand zwei Schritt hinter mir und urgste ein ersticktes „Autsch“ zwischen den Lippen hervor. Ich mußte mich nicht umdrehen, ich wußte auch so, was geschehen war. Das passierte ihm immer.
Wenn Manni nämlich sah, daß ich meinen tadellos gebundenen Schlips (doppelter Windsor) glatt strich, pflegte er sich jedes Mal mit der flachen Hand über seine Krawatte zu fahren, um sie zu richten. Da er aber einen Lügner-Schlips trug, also einen fertig gebundenen Langlappen, der nur mit einem Gummiband unterm Kragen befestigt war, schnalzte bei diesem Manöver gerne mal der hart gebundene Kunstknoten gummibandgetrieben gegen seinen Kehlkopf.

Jemand öffnete, eine junge Frau.

„Hallo und guten Abend, wir sind vom Bestattungsinstitut.“

„Keiner da!“

„Äh, wie jetzt?“

„Ich sach doch, keiner da!“

Ich hatte zurückgerufen und mich vergewissert, daß es kein nächtlicher Scherzanruf war, also blieb ich beharrlich:

„Wir sollten doch aber kommen und hier einen Verstorbenen abholen.“

„Schon richtig, aber es ist keiner da.“

„Ja, aber Sie wären dann doch im Prinzip da, oder?“

„Ja, ich schon, aber ich weiß kein Bescheid nicht.“

„Ja, und wie sieht es mit dem Verstorbenen aus? Der ist doch auch noch da?“

„Ja, ja, der Opa liegt hinten in seinem Zimmer, der is‘ tot, müssen Sie wissen.“

„Dacht‘ ich mir.“

„Aber die Oma ist nicht da, die is‘ nochma‘ weg.“

„Das ist die Dame, die uns angerufen hat, nicht wahr?“

„Jau, ich bin bloß die Enkeltochter, also von mein‘ Opa. Eigentlich bin ich ja die Tochter, dann aber mehr vom Vatter.“

„Äh, ja, leuchtet ein. Und was meinen Sie, könnten wir mal rein kommen und nach dem Verstorbenen sehen?“

„Da sieht man nix, der ist tot. Aber kommen’se ruhig rein.“

Die Trauer, ich schob es auf die Trauer, daß die etwa 20-jährige etwas tranig vor sich hin funzelte.

Der Verstorbene lag friedlich in seinem Bett und war unzweifelhaft richtig tot. Das sah man mehr als deutlich.
Ich hatte am Telefon extra gefragt, ob der Arzt schon da gewesen sei, denn wie man weiß, darf der Bestatter eine Leiche nur mitnehmen, wenn auch die richtigen Papiere vom Arzt da sind.

„Wo sind denn die Leichenschaupapiere? Wir könnten ja dann vielleicht schon mal anfangen, den Opa auf die Trage zu legen und so.“

„Das is‘ ja das Problem! Der Doktor wollte erst mal seine Kohle. Der rückt die Papiere, also diesen Totenschein, erst raus, wenn die Oma ihm das Geld gegeben hat.“

„Wie bitte?“

„Ja, der is‘ mit der Oma zum Geldautomaten gefahren, damit sie ihm das Geld gleich geben kann.“

Ich war fassungslos und Manni entfuhr der leise Ausruf: „So ein Arsch!“

Keine fünf Minuten später klimperte ein Schlüssel im Schloss der Haustüre und der Arzt kam mit der Oma zurück. Mürrisch zettelte er den Totenschein auf die Kommode, lupfte seinen Cordhut und wollte gehen.
Das heißt, ich ließ ihn auch gehen, aber nur bis vor das Haus, dann war ich bei ihm.

In kurzen, wohl gesetzten Worten, die auch Derivate zu den Vokabeln Rektalöffnung und Penisselbstberührer enthielten, erklärte ich dem Medizinalrat höflich, was ich von ihm und seinem geldgierigen Verhalten hielt. Erstaunlicherweise fühlte er sich beleidigt!

Eine Anzeige ist bis heute ausgeblieben, gut so!

Wir können nämlich auch anders, jawoll!

Ich habe ja viel Verständnis für die Mediziner. Auch sie müssen nachts raus und eine Leichenschau ist keine schöne Arbeit.
Aber wenn die Herren Mediziner dann nur einen Teil der Papiere da lassen oder diese nicht unterschreiben, damit der Bestatter dann am nächsten Tag in die Praxis fahren muß, um dort die Papiere gegen Bares auszulösen, dann hört der Spaß auf.
Wir parkten dann manchmal ein paar Tage stundenweise den Leichenwagen vor der Praxis, das kommt gar nicht gut, wenn die Leute denken, da würde viel gestorben …

1 so hieß früher auch die Telekom

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 24. Februar 2016
  • 13 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

13 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Hallo Peter
    Gut geschrieben!!

    Ich habe noch nie davon gehört, dass man den Arzt zahlen muss.
    Als meine Mutter hier bei mir starb und der Arzt kam zur Feststellung des Todes, war keine Rede davon, etwas zahlen zu müssen. Und das, obwohl es sonntagmorgens war.

    Liebe Grüsse
    Ilanah

    • @Ilanah: Als meine Mutter starb, verlangte der Arzt auch nichts. „Wenn eine meiner Patientinnen stirbt, nimmt mich das auch mit“, hat er gesagt, „da verlange ich nicht auch noch Gebühren.“
      Anständig!

      • @Peter Wilhelm:
        Hat die Omma hier aus der Geschichte ihr Geld wenigstens wiederbekommen?
        Ist immerhin nach Gebührenordnung gar nicht zulässig.

  2. Pingback: Ein ernstes Thema… | Das Leben - bunt wie ein Regenbogen

  3. Doch, ist zulässig. Die Krankenversicherung endet mit dem Tod. Und Dienstleistungen muss man in der Regel bezahlen. Der Arzt hat aber kein Zurückbehaltungsrecht.

  4. „In kurzen, wohl gesetzten Worten, die auch Derivate zu den Vokabeln Rektalöffnung und Penisselbstberührer enthielten, erklärte ich dem Medizinalrat höflich, was ich von ihm und seinem geldgierigen Verhalten hielt. Erstaunlicherweise fühlte er sich beleidigt!“

    Dabei hats mich leider zerrissen. :D

  5. Das war wieder bestes Kopfkino. Erst der Bart und dann noch die Rede an den Medizinalrat.
    Danke Tom :-)

  6. Ich hatte vor Jahren einen ähnlichen Haussterbefall mitten im Hochsommer. Der Arzt war zwar schon dagewesen, nahm aber aus unerfindlichen Gründen die Todesbescheinigung wieder mit in seine Praxis, um sie, wie er den Angehörigen sagte, dort fertigzumachen (andere Kollegen schaffen das ohne Probleme vor Ort). Nun war der Arzt mir aber nicht bereit diese Todesbescheinigung noch am selben Frühabend herauszugeben, denn er musste ja unbedingt auf eine Geburtstagsparty. Alle meine Argumente halfen nichts beim Arzt und ohne Todesbescheinigung durfte, wie oben ja schon richtiog erwähnt, auch ich den Verstorbenen nicht abholen und die Familie wollte ihren Verstorbenen gerne schnell aus dem Hause haben. Also rief ich einen anderen Arzt an, der sich mit uns zur Abholung traf und den Toten nochmals examinierte und dann endlich die Todesbescheinigung ausstellte (und sogar da ließ). Den ersten Arzt rief ich an und sagte, dass es sich somit erledigt hatte und er aber auf sein Geld verzichten müsse, was ich auch den Angehörigen empfahl ihn nicht zu zahlen. Zusätzlich machte ich eine Meldung an die Ärztekammer. Wutentbrannt rief er mich zwar nochmal am Folgetag an, denn die Angehörigen waren meiner Empfehlung gefolgt, doch das ging mir dann gelinde gesagt am Allerwertesten vorbei. Von diesem Partyarzt habe ich dann nie wieder gehört, was auch gut so ist.

  7. Bei uns in der Gegend ging ohne Backschisch gar nichts! Wie viel Kilometer ich zu Ärzten gerannt bin, in meiner aktiven Zeit vermag ich nicht zu sagen. Besonders beliebt, wie auch Peter es schildert, das mitnehmen der Todes Bescheinigungen! Besonders hinterlistig sind die Ärzte, die den Schein zwar am Sterbeort zurück lassen, damit sie die Vorschrift erfüllen. Dann aber, oh Wunder, haben sie ein Kreuz vergessen! Und wenn man dann in die Praxis kommt, um den Schein korrigieren zu lassen, ist zufällig die üppige Rechnung fertig!! Die Preisspitze lag damals bei fast 400 DM!!!!

  8. Puh, als mein Vater starb, war das Problem nur, daß seine Ärztin sich nicht ins Haus traute. Mag halt nicht jeder Arzt, sowas. Aber so ein Theater gabs da nicht.

  9. Puh, als mein Vater starb, war das Problem nur, daß seine Ärztin sich nicht ins Haus traute

    Ich habe 25 Jahre mit Ärzten zu tun gehabt, aber so etwas hatte ich auch noch nicht!

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