Lack und Leder

Gestern Abend gegen 20 Uhr klang es aus dem Telefon: „Der Paul ist tot.“
Die Frauenstimme klang sehr überzeugend, aber die Adresse, die uns genannt wurde, klang weniger vertrauenserweckend.
Es ist nicht gerade das Rotlichtviertel der Stadt aber wir wissen alle, was es dort für Läden und Clubs gibt. Sicherheitshalber haben wir wie immer zurückgerufen und uns vergewissert, aber es schien alles in Ordnung zu sein.

Vor Ort sahen wir dann, dass es sich bei der Adresse tatsächlich um einen Sauna-Club handelte, in dem Frauen ihre Dienstleistungen erbringen. Paul lag oben unterm Dach in seinem Bett und war kein Freier. Paul war das Faktotum des Hauses, ein älterer Mann, der sich seit Jahren um die Damen des Hauses gekümmert hatte. Wie man uns erzählte, hatte er saubergemacht, Brote geschmiert, Besorgungen gemacht usw.
Und gestern ist er dann eben verstorben, natürliche Todesursache, Papiere in Ordnung.

Wir können ja nicht für Gotteslohn arbeiten und deshalb musste auch die Frage berechtigt sein, wer denn für die Beerdigung aufkommt.
„Na wir“, tönte eine ziemlich große Frau in Lack und Leder. Heftiges Nicken reihum und fragende Blicke. Ich habe dann kurz erfragt, um was es sich im Einzelnen handeln solle und vorsichtshalber ein Auftragsformular bereitgehalten. „Es muss kein Pomp sein, aber wir wollen auch nicht sparen.“ Na gut! Ich habe es ausgerechnet, die Summe genannt und wenig später legten mir die Damen reihum Geld in bar auf den Tisch, alles in allem genug, um den Paul anständig unter die Erde zu bringen.

Find ich gut!

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Peter Wilhelm28. Mai 2012

7 Kommentare von 138938.

  1. Sehr klasse. Lots of Respect, Ladies! :)

    Wer nett zu andern ist, zu dem sind andere auch nett. Es bewahrheitet sich in jeder Lebens- (oder Todes-) Lage ;-)

    Cheers,

    Mywill

  2. Nachtrag: Es war eine ganz normale, sehr würdevolle Bestattung. Die Damen waren alle geziemlich, schwarz gekleidet, einige der anwesenden Herren hatten etwas dicke Armbanduhren und die Autos vor der Trauerhalle waren auch etwas größer als üblich. Ansonsten bestes Benehmen, viele Tränen und am Grab wurde Sekt ausgeschenkt.

  3. …da liegt niemand drin….

    [..] jetzt geht es in den Ausstellungsraum. Eingeschüchtert stehen sie vor den Särgen, der Mann schaut nach den Preisen, sie nestelt an ihrer Handtasche. Ich sage: ?Keine Bange, da liegt niemand drin.? Ein blöder Spruch, aber er entspannt die Leut…

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