„Moment mal, darf ich das machen?“
Das fragte mich Herr Lorenz. Der 89-jährige ehemalige Klempner hatte uns zwei Stunden zuvor angerufen und den Tod seiner Frau Elisabeth gemeldet.
Elisabeth Lorenz war, so der lapidare Eintrag auf der Todesbescheinigung des Arztes, an Herzversagen gestorben. Sterben wir nicht letztenendes alle immer an Herzversagen?
Etwas mehr konnte uns der Witwer erzählen. Seine Frau habe vor drei Wochen einen hartnäckigen Dauerhusten bekommen, der sich dann aber gelegt habe. Eigentlich waren beide froh gewesen, dass es ihr besser ging, als sich die 92-Jährige gestern Abend, über allgemeine Mattigkeit klagend, vorzeitig hingelegt hatte. Aus dem Schlaf war sie nicht mehr erwacht.
„Ach, wissen Sie, in unserem Alter, da weiß man doch, dass der Zappendustermann jederzeit vorbeikommen kann. Wir sind ja nicht blöd“, hatte Herr Lorenz gesagt, als er mir die Todesbescheinigung vom Arzt herüberreichte.
Ich saß zu diesem Zeitpunkt an seinem Küchentisch, auf der Anrichte broppelte sich Kaffee durch einen Melitta-Filter und nebenan kümmerte sich meine Mitarbeiterin Sandy um die Verstorbene. Ich war froh, die junge Deutsch-Amerikanerin mitgenommen zu haben, denn der alte Herr hatte Kleidung für seine Frau rausgelegt und wollte unbedingt, dass sie vor der Überführung noch einmal schön gemacht werde.
Geschäftig wackelte der kleine, alte Mann auf seinen krummen Beinen zwischen den Zimmern der geräumigen Wohnung hin und her. Ich wusste, dass die Aktivität ihm half, mit der Situation fertigzuwerden.
Er holte Sachen aus dem Badezimmer, kochte mir in der Küche Kaffee, schaute immer wieder bei seiner Elisabeth vorbei, und die ganze Zeit über plapperte er, so als ob Elisabeth ihn noch hören konnte.
„Ach Lisbeth, jetzt wirste nochmal schön gemacht. Weisste noch, wie wir vor fünf Jahren im Theater waren? Ich hab’ Dir das Kleid von damals rausgelegt.“
„Betty, Betty, jetzt isses bald soweit, dass Du von mir weggehst. Muss aber sein, brauchst keine Angst zu haben, das sind ganz, ganz nette Leute.“
„Lissi, die junge Frau macht das sehr schön, ich geh‘ jetzt mal in die Küche zu dem Mann, ich komm‘ aber wieder.“
Ich wusste gar nicht, wie viele Varianten des Vornamens Elisabeth man bilden kann. Oder genauer gesagt: Ich wusste es schon, denn in meiner Verwandtschaft gab es gleich zwei Tanten namens Elisabeth, aber mir war neu, dass sich ein Ehemann nach so vielen Jahren nicht auf eine Lieblingsvariante festgelegt hatte.
„Übernächstes Jahr wären wir 70 Jahre verheiratet gewesen. Da wollten wir noch einmal nach Garmisch-Partenkirchen fahren, wo wir uns kennengelernt haben, damals nach dem Krieg.“
Die Familien von Elisabeth und Horst Lorenz stammten beide aus einer Großstadt im Norden Baden-Württembergs. Während der schweren Bombardierungen waren die Mütter mit den Kindern ins etwas sichere südliche Bayern zu Verwandten gezogen. Dort hatten sich Elisabeth und Horst später kennengelernt und geheiratet. Als Elisabeth schwanger wurde, beschlossen sie, nach Baden-Württemberg zurückzukehren, weil es da mehr Arbeit gab.
Als Klempnergeselle und später als angestellter Meister in der Industrie hatte Herr Lorenz immer ganz gut verdient. Einen düsteren Schatten auf das Leben der jungen Familie warf der frühe Tod des Sohnes, der mit 8 Jahren von einem Auto überfahren worden war.
Weitere Kinder hatte das Ehepaar Lorenz nicht bekommen, was die beiden aber nur noch mehr zusammengeschweißt hatte.
„Sehen Sie, wir haben begriffen, dass es so viele Kinder ohne Eltern gibt, da haben wir uns gesagt, dass wir denen helfen. Meine Frau wollte kein Kind mehr. Ich glaube, die hat Angst davor gehabt, dass wieder was passiert, verstehen Sie?“
Ich nickte, und schon wieder war Herr Lorenz in ein anderes Zimmer gelaufen, diesmal, um ein Fotoalbum zu holen. Während er das Fotoalbum eng umklammert vor der Brust hielt, erzählte der alte Herr weiter.
„Wir haben uns vom Herrn Pastor Schäferhirth sagen lassen, wo Not am Mann ist, und dann haben wir diesen Familien geholfen. Mal war die Mutter jung verstorben, mal der Vater im Gefängnis. Ich bin jede Woche in den Großmarkt und hab den Kofferraum vollgemacht. Dann haben wir den Leuten die Sachen gebracht. Leider durfte der neue Pastor, der nach dem Pastor Schäferhirth gekommen ist, uns keine Namen mehr sagen. Das war wegen dem Datenschutz. Das Jugendamt hat uns auch nicht gesagt, wem wir noch helfen konnten.
Also haben wir selbst nach Menschen gesucht, die Hilfe brauchen. Man muss nur zum Bahnhof fahren.“
„Und dann? Dann haben Sie Leuten am Bahnhof Essen gebracht?“
„Ja, anfangs schon. Dann haben wir aber Rosi kennengelernt, die war erst 14 und lebte schon über ein Jahr auf der Straße. Warum kümmert sich keiner um solche Kinder? Wir haben sie bei uns aufgenommen.“
„Einfach so?“
„Ja, einfach so. Was ist denn besser? Jetzt mal ehrlich? Wenn die auf der Straße lebt und für ein bißchen Alkohol oder Drogen von Männern angegrapscht wird, oder wenn sie bei uns wohnt und essen, trinken und baden kann?“
„Aber irgendwer wird sie doch vermissen? Diese Rosi hatte doch Familie?“
„Ja, einen Vater, den sie nicht kannte, und eine alkoholkranke Mutter, die jeden Tag drei Kerle zu sich in die Wohnung mitbrachte.“
„Hammergeschichte!“
„Zwei Jahre war sie bei uns, dann ist sie mit unserem Sparschwein abgehauen.“
„Die hat sie bestohlen?“
Herr Lorenz grinste. „Ja, aber das Sparschwein haben wir extra dafür hingestellt. Wir hatten inzwischen herausgefunden, dass Rosis ältere Schwester in Dormagen wohnt, und davon hatten wir ihr erzählt. Dann kam eines Tages das Jugendamt. Die wollten Rosi gleich mitnehmen und uns bestrafen. Wir hätten Kindesentziehung begangen. Meine Frau hat dann gesagt: ‚Wie kann man ein Kind entziehen, das freiwillig bei einem wohnt und einen Haustürschlüssel hat?‘. Am nächsten Abend ist die Frau vom Jugendamt dann mit der Polizei hier aufgetaucht.“
„Und dann?“
„Da war Rosis Zimmer leer, ihre Tasche war weg und das Sparschwein auch. Wir sind dann befragt worden und haben der Polizei gesagt, Rosi sei bestimmt zu ihren Verwandten nach Rostock gefahren.“
„Dormagen!?“
„Ja, richtig, aber wir haben trotzdem Rostock gesagt. Sollen die sich doch an der Ostsee einen Wolf suchen.“
„Und haben Sie sich keine Sorgen um das Mädchen gemacht?“
„Schon, irgendwie schon, aber wir wussten, dass sie zu was Gutem gereist ist, sie hat nämlich die Schulbücher mitgenommen, aus denen wir sie unterrichtet hatten.“
„Und sind Sie bestraft worden?“
„Nein. Die Frau vom Jugendamt hat uns zwar gedroht und gemeint, wir müssten beide ins Gefängnis, aber da ist nie was gekommen. Wir haben das dann noch bestimmt fünfzig mal gemacht.“
„Was?“
„Leute von der Straße geholt und sie bemuttert. Für meine Frau war das wichtig, sie konnte da ihre Muttergefühle unterbringen, und mir war es wichtig, dass wir unser Geld nicht für so’n Scheiß wie Urlaub oder ’nen Schrebergarten ausgeben, sondern für Menschen, die das echt brauchen.
So waren der 40-jährige Pavel, der Robert, die Lena und die kleine Yana bei uns. So viele Menschen, so viele arme Seelen. Manchmal ein paar Wochen, manchmal nur ein paar Tage. Yana kam immer mal wieder für eine oder zwei Wochen vorbei. Wissen Sie, wir haben viele Sparschweinchen kaufen müssen. Aber wir haben sie gerne gekauft und gerne gefüllt.“
Sandy kam in die Küche, blieb aber an der Tür stehen und schaute mich an. Sie brauchte meine Hilfe. Ich sagte: „Ich komme, ich helfe Dir.“ Sie lächelte entschuldigend und meinte: „Nur beim Anziehen eben.“
Und da sagte Herr Lorenz: „Moment mal, darf ich das machen?“
Gemeinsam mit dem alten Mann zogen wir Elisabeth Lorenz an, falteten ihr die Hände, und dann traten Sandy und ich beiseite, während Horst Lorenz seiner Elisabeth ganz vorsichtig die Haare kämmte. „Siehste, Betty, jetzt bist Du wieder schön. So können wir Dich unter die Leute lassen.“
Dann trat er einen Schritt zurück, schaute auf seine Frau, dann blickte er uns an und fragte: „Ist sie nicht wunderschön? Ich hab‘ mich vor vielen Jahren mit einem Schlag in sie verliebt und habe das keine Sekunde bereut.“
Eine Weile später hatten wir die alte Dame in den Bestattungswagen geladen, und Herr Lorenz stand am Straßenrand und schaute zu, wie die Klappe des Leichenwagens langsam zuging.
„Sagen Sie mal“, fragte er mich, „krieg ich einen Schlüssel?“
„Was für einen Schlüssel?“
„Na ja, Sie bringen die ja jetzt irgendwohin, in ihre Leichenkammer, nehme ich an. Und da will ich meine Lisa besuchen können, dafür brauch‘ ich doch aber einen Schlüssel.“
„Kommen Sie morgen zu uns ins Bestattungshaus, dann zeige ich Ihnen alles, und wo Ihre Frau bis zur Beerdigung ist. Sie bekommen dann einen Schlüssel, ist doch klar.“
Er nahm meine Hand und meinte: „Sie müssen auch kein Sparschwein aufstellen, nur dass Sie das wissen.“
Über zwanzigmal war der kleine, alte Mann auf seinen wackeligen Beinen zu uns gekommen und hatte seine Lia, Betty, Lissie, Lisa oder Elisabeth besucht. Sie hatte immer frische Blümchen in den Händen.
Sechs Tage später ist die Trauerfeier von Elisabeth Lorenz. In der Trauerkapelle des Friedhofs ist es kalt und ungemütlich. Das altersschwache Harmonium mag die Kälte ebenfalls nicht. Es jault bei den hohen Tönen jämmerlich.
Der Pastor findet keine persönlichen Worte, leiert Vorgedrucktes herunter, und dabei zittert seine Unterlippe, ihm ist auch kalt.
In der ersten Reihe sitzen Herr Lorenz, Sandy und ich.
Sonst ist niemand gekommen.
„Tschüß, Lisbeth“, schluchzt Herr Lorenz in ein Taschentuch, als der Sarg hinausgefahren wird.
Bildquellen:
- kamm_800x500: Peter Wilhelm ki
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