Ich bin schon nicht gerne in den Kindergarten gegangen. Es fehlte mir absolut das Verständnis dafür, weshalb ich unter der Aufsicht einiger alter, dicker Nonnen mit wildfremden Kindern spielen sollte. Ich hätte viel lieber zu Hause gespielt. Warum muss man von zu Hause weg?
Orffsche Musikerziehung und Turnen waren zwei Gründe, weshalb ich manche Tage im Kindergarten regelrecht hasste. Ich habe nie verstanden, was es für einen Sinn hat, wenn zwei Dutzend Kinder gleichzeitig auf Triangeln, kleinen Holzklötzchen und Handtrommeln herumklopfen. Es rächt sich zwar heute im Alter, aber ich habe auch noch nie gerne geturnt. Mein Körper war und ist für so etwas nicht gemacht. Und ich hasste es, anderen Menschen vorführen zu müssen, dass ich etwas, das ich nicht mag, auch nicht kann. Außerdem erzeugte es schon immer ein an Brechreiz erinnerndes Gefühl, dass ausgerechnet die Leute, die ich am wenigsten leiden konnte, in sportlichen Belangen geradezu über sich hinauswuchsen.
Als ob das nicht genug wäre, wurde mir währenddessen immer angedroht, dass auf den Kindergarten die Schule folgen würde.
Der Tag der Einschulung wurde von meiner Mutter vorbereitet. Wir fuhren in die Stadt, um einen Tornister zu kaufen. Vater meinte ja, er hätte im Keller noch einen Affen, der würde es auch tun.
Dieser sogenannte Affe war ein Tornister vom Militär, der oben mit irgendeinem glatten Fell überzogen war. Das lederne Ungetüm hing schon ewig im feuchten Keller an der Wand und verströmte einen Geruch, der an eine tote Ziege erinnerte, die in Kacke gebadet worden war und nun in Fäulnis überging.
Der neue Tornister, hier in der Gegend sagt man Ranzen, war steif, stank ebenfalls, war aber neu. Er wurde mit einer Schiefertafel und einem Griffel, sowie einem Schwämmchen bestückt.
Zwei Tage vor der Einschulung ging meine Mutter mit mir den Weg zur Schule ab. Die war nicht weit entfernt, keine zehn Minuten.
Dieses lächerliche Schauspiel, das Mütter und Väter heute tagtäglich aufführen, wenn sie ihre überbehüteten Abkömmlinge in dicken SUVs zur Schule fahren, gab es damals noch nicht. Kinder gingen alleine zur Schule. Sogar, wenn es regnete, meine Güte!
Und nicht alle Kinder hatten einen so kurzen Schulweg wie ich. Manche mussten eine halbe Stunde laufen, über gefährliche Zebrastreifen gehen und an besonders dramatischen Stellen sogar von Schülerlotsen beschützt werden.
Irgendein Verkehrsheini hatte sich ausgedacht, dass Kinder im Straßenverkehr besser zu sehen sind, wenn die Buben orangefarbene Mützen und die Mädchen orange Kopftücher tragen. Man stelle sich den Aufschrei vor, würde heute irgendwer Mädchen zum Tragen von Kopftüchern verpflichten. Einerseits könnte das als religiöse Repressalie empfunden werden, und andererseits muss bei einer in diesem Alter noch nicht gefestigten Geschlechteridentität zumindest täglich die freie Wahl zwischen Mütze und Kopftuch eingeräumt werden.
Als der Tag der Einschulung da war, schenkte meine Mutter mir eine Schultüte. Da war unten erst mal Zeitungspapier drin, jede Menge, damit nicht so viel reinpasste.
Dann folgten ein paar Äpfel, Apfelsinen und Birnen. Damit war die spitze Tüte erstens schon ziemlich voll und zweitens auch recht schwer.
Als Geschenke gab es einen Viererpack Buntstifte und einen Flummi.
Da, wo ich jetzt wohne, ist der Begriff Flummi völlig unbekannt. Die Eingeborenen hier sagen Doppsball. Das ist halt eben ein kleiner Vollgummiball, der supergut hüpft und springt, also doppst.
Nach der Einführungszeremonie in der Schule trug ich die Schultüte stolz nach Hause. An der Haustüre musste ich mich bücken und der Flummi doppste oben aus der Tüte raus. Er hüpfte einmal kurz auf den Boden, gewann erstaunlich Höhe, doppste wieder auf und sprang noch höher, dann hüpfte er die ganze Straße runter, über die Hauptstraße hinweg und verschwand irgendwo im Garten des Küsters. Er wurde nie wieder gesehen.
Das war ein kurzer Spaß.
Die Äpfel, Birnen und Apfelsinen konnten den Verlust nicht ersetzen.
Neulich sagte eine Frau zu mir, sie kaufe jetzt schon alles für die Einschulung ihrer Britta zusammen. So an die 500 Euro wolle sie für die Füllung der Schultüte ausgeben. Die Zeiten haben sich geändert.
Aber mich würde mal interessieren, was in Eurer Schultüte damals drin war?
Bildquellen:
- numilop_800x500: Peter Wilhelm ki

















Ganz langweiliges, nen Flummi gabs nicht, erinner mich noch an Obst, Wachsmaler, Brustbeutel, Malkasten und Pinsel… nur Schulkrams halt… 😀 Evt war da noch ne TKKG Kassette und nen erstleserbuch oder lückkasten, so genau weiß ich das nicht mehr.
Unsere Kinder bekommen aber auch nicht sonderlich mehr…
Wenn du Flummis magst, dann besorg dir mal nen Moon-Ball… die gehen mal richtig krass ab und der Sound ist auch speziell… kam unsere Tochter eines Tages mit an als sie mit Oma und Opa in der spielwarenabteilung waren… für flummis ist man nie zu alt.
Es gibt den Bildbeweis, dass ich mal eine Schultüte hatte. Wenns aber rein nach meiner Erinnerung geht, kann ich nichtmal mit Bestimmtheit sagen, ob ich überhaupt jemals feierlich eingeschult wurde, oder eines Tages einfach zwangsweise dort war. Eingeschränktes autobiographisches Gedächtnis – ein häufiger, aber kaum beachteter Effekt von ADHS.
Ich weiß noch die Räumlichkeit meiner Einschulung und das erste Klassenzimmer.
An die Schultüte kann ich mich nicht erinnern – noch nicht mal daran ob ich eine hatte….
Komplett weg…
An die Schultüte habe ich keine Erinnerung, wohl aber an den Geruch vom Klassenzimmer…
Gänsehaut, Grusel, …
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich eine grüne Schultüte bekam. Mit irgendeinem weißen Rüschen-Rand obenrum. Die Füllung entsprach ziemlich genau dem, was der Bestatter auch in seiner Eisernern Ration für ABC-Schützen fand. Zeitsprung: Als Patenonkel einer kleinen Nichte schwor ich mir selber, dass ich die Tüte NICHT mit Zeitungsknüllmasse shrinkflationieren würde. Der mit allerlei Tüten aus einer Bonner Gummiwarenfabrik gefüllte Schulspritzbeutel war dann auch so schwer, dass das arme Mädchen keine Chance hatte, diese zu heben. Geschweige denn zu tragen. Auf den Fotos ihrer Einschulung macht sie darum auch einen ziemlich gequälten Eindruck. Egal wie mans’s macht…
Auch ich musste als Kind der Siebziger vom ersten Tag an alleine zur Schule gehen. Für den Weg brauchte ich etwas 7 Minuten. Meine Mutter gab mir noch den Rat, an welcher Stelle das Überqueren der Strasse am sichersten sei und das wars. Übrigens hatten wir in den vier Jahren der Grundschule keine Verluste an den Straßenverkehr. Wir verloren nur zwei Mitschüler an die Zeugen Jehovas, aber das ist eine andere Geschichte.
heute sieht man kaum noch Gruppen von Schülern, immer wieder neu zusammengewürfelt, schnatternd auf dem Nachhauseweg. Schade eigentlich. Gehörte zum Größerwerden irgendwie dazu. Und man sah als Passant auf der Straße am Alter der Kinder, welche Stunde gerade zu Ende gegangen war…
Und auf der Post arbeiteten verlässliche Beamte. Am Postschalter war eine Hartgummirolle eingelassen, mit der man die Marken befeuchten konnte. Am Wochenende waren die Bahnhöfe voll mit jungen Männern in Uniform, die sich auf Mama und die Freundin freuten.
Taxifahrer stiegen aus und öffneten dem Fahrgast die Tür und beim Fahrer im Bus konnte man noch Fahrscheine kaufen.
Heute stehe ich hilflos vor jedem Ticketautomaten, weil ich nicht weiß, in welcher Zone ich wohne und wie viel Tarifeinheiten sechs Haltestellen sind.
Taxifahrer sprechen meine Sprache nicht und die Post ist in einem Nagelstudio. Der Paketbote klingelt grundsätzlich nicht und die Pakete landen in einem Schuhgeschäft.
Uniformierte sind keine Helfer des Bürgers und regeln so manches nebenher und mit gesundem Menschenverstand, sondern empfinden sich als Gegner des Bürgers und wundern sich, dass sie keiner lieb hat.
Hier bei uns kann man z. B. einfach die EC Karte an den Eingang zur U-Bahn halten und mit der U-Bahn irgendwohin fahren. Will man unterwegs woanders hin, steigt man aus, wackelt zum Bus, Trolley (Oberleitungsbus), oder Straßenbahn und hält ebenfalls die EC-Karte vor ein Lesegerät. Und das Beste daran ist, es werden nie mehr als ca. 3,20€ pro Tag abgebucht. Man kann auch eine ca. 2€ günstige Tageskarte direkt kaufen und mit sämtlichen Verkehrsmitteln kreuz und quer durch die Gegend gondeln und beide Möglichkeiten sind bis 0.00h am Kauf-/Lösetag gültig. Ach so, ja ist nicht in Deutschland, ist in Sofia, Bulgarien.
Ja, das hatte ich in einer Mail von Dir gelesen. Das finde ich so richtig gut.
Etwas ähnliches gibt es in Bremen, die BOB-Karte.
Die nutzt man dann auch einfach am Automaten, und am TAges ende bucht das System dann die günstigste Karte für die gemachten Fahrten, von Kurzstrecke bis eben zu ner Ganztageskarte, je nachdem, wie man unterwegs war.
An den Inhalt der Schultüte erinnere ich mich nicht und auf einem Foto worauf selbige mit mir zu sehen ist kann man es nicht erkennen. Aber das ich schon damals verarscht wurde das weiß ich noch. An der Klassentür stand, wie man mir sagte, 1. Klasse. Und was war, nichts da erste Klasse, nur Holzbänke und Tische. Pffft, was einem immer so erzählt wird, ne, ne.
Ich bekam keine Schultüte, meine Mutter beschenkte mich lediglich mit mahnenden Worten: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!“
Viel Schokolade und Süßigkeiten, das weiss ich noch. Und einen grünen Leder Ranzen hatte ich. Später dann so ein viel größeres Plastikding mit Indianernamen (vergessen).
Den habe ich Esel dann nie sortiert, weil es ja viel praktischer war immer alles dabei zu haben. Der Arzt sagt, deswegen hat sich mein Rücken verformt. Tja, woher soll ich das auch wissen, wenn jeder sagt: „Du bist groß & stark“, aber keiner sagt das die Knochen noch zu weich sind.
Naja, mir jetzt auch egal. Danke für Deine Schilderungen zum Sport. Ich werde wohl nie verstehen, was die Leute sowohl am aktiven als auch am passiven Sport finden.