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Bruno -5-

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Neues von Bruno!
Zunächst wollte ich schreiben:

Bei Bruno ist nichts Neues herausgekommen, zumindest in polizeilicher Hinsicht. Der Mann ist bei den Ermittlungsbehörden auch nicht bekannt. Es heißt, da kämen noch Antworten auf Anfragen bei anderen Dienststellen, aber „wenn wir bis hier nichts herausgefunden haben, sind schon 98% der Möglichkeiten abgedeckt, da kommt sicher nichts mehr nach.“

Wenn es so weiterläuft, wird Bruno am Montag ganz normal beerdigt.
Es bleibt dann Elisabeth überlassen, was sie auf den Grabstein schreibt, es wird wohl der Name sein, unter dem sie Bruno kannte.

Doch es hat sich Neues ergeben:

Elisabeth kam gestern gegen Abend noch zu uns und brachte die wenigen Unterlagen, die sie von Bruno hat. Im Wesentlichen sind das Kalender, Notizbücher und ein Sammelsurium von Zetteln. Ein Polizeibeamter sei bei ihr gewesen, dem habe sie das auch alles gezeigt, aber nachdem er einen kurzen Blick darauf geworfen hatte, hieß es, das sei uninteressant.

Als wir uns die Sachen angeschaut haben, konnten wir verstehen, warum der Beamte so reagiert hat. Das meiste ist unleserlich, sehr viele Zahlen-Buchstaben-Kombinationen, offensichtlich Passwörter für Internetforen und -dienstleister, aber ohne Bezug. Nur Bruno scheint gewusst zu haben, zu welchem Dienst diese Zettel gehörten. In den Notizbüchern sind hauptsächlich Befehlszeilen und Bedienungshinweise notiert, so nach dem Muster: 1. einloggen 2. auf INPUT klicken… usw.
Der Kalender gibt zunächst auch nicht viel her, Bruno hat sich die Geburtstage der gemeinsamen Freunde eingetragen und die Tage an denen Schul- und Kindergartenferien sind.

Elisabeth ist mutlos und kann das alles gar nicht verstehen. Für sie ist Bruno in keinster Weise geheimnisvoll gewesen und es ist ihr auch nicht spanisch vorgekommen, daß er keine Papiere hatte. Das war eben so und wurde auch nicht ständig thematisiert.
Im Grunde kann sie das ganze Aufhebens, das jetzt gemacht wird, nicht verstehen, ist aber auch nicht böse deswegen, „es muss ja alles seine Ordnung haben“.

Merkwürdig finde ich, daß sie so etwas sagt, denn auf der anderen Seite hat es ihr nichts ausgemacht jahrelang jemanden zu haben, der eben papieremäßig nicht alles in Ordnung hatte.

Während ich noch diese Überlegungen anstelle und eher gleichgültig den Kalender durchblättere, sagt Elisabeth auf einmal: „Halt! Was war das denn?“

Ich frage: „Was war was?“

„Da, neben dem Geburtstag!“

Ich blättere ein paar Seiten zurück und tatsächlich, neben dem 23. August hat Bruno den Namen Martin notiert und ein * Sternchen eingezeichnet, das sind die Geburtstage. Solche Einträge gibt es etliche.
Doch an diesem Eintrag ist etwas Besonderes, zum einen sagt Elisabeth, sie kenne diesen Martin nicht, zum anderen steht eine Handy-Nummer daneben.

Das könnte ein entscheidender Hinweis sein und ich muß gestehen, daß ich schon ein bißchen aufgeregt bin, als ich wenig später die Nummer wähle. Elisabeth knetet ihre Hände und wir lauschen dem einmaligen Rufton, dann kommt der Hinweis, daß der Teilnehmer vorübergehen nicht erreichbar ist. Es gibt keine Möglichkeit eine Nachricht zu hinterlassen.

„Wir könnten eine SMS schreiben“, schlägt Elisabeth vor, aber ich halte das für keine gute Idee. Wir wissen nicht in welchem Verhältnis dieser Martin zu Bruno steht und ich will ihn nicht verschrecken.

Später probiere ich es noch zwei, drei Mal, aber es bleibt dabei, Martin ist nicht zu erreichen.


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Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 28. Mai 2012

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