Geschichten

Christliche Schamanen

schwitzhütte

Die örtliche Industrie- und Handelskammer leidet am Gleichen wie die meisten IHKs: Die Zwangsmitglieder wissen nicht, wofür diese Institution da ist, und man ärgert sich nur über die hohen Beiträge. In meinen Augen ein System, das dringend mal überdacht werden müsste.

Doch einmal im Jahr gibt es einen bunten Abend im großen Saal des Mozartbaus. Kein Ball, sondern eher so ein Beisammensein mit kleinem Programm, Essen und Trinken. Traditionell sind auch die Bestatter mit dabei, obwohl die eigentlich eher zur Handwerkskammer gehören. Und wie das so ist, sitzen die Vertreter der einzelnen Branchen meist gemeinsam an einem großen Tisch.

Die Bestatter haben drei kleinere Tische in der Ecke.
Die Allerliebste entdeckt sofort ein Ehepaar, mit dem sie eng befreundet ist. „Ui, das sind Kurt und Annika! Los, wir setzen uns zu denen!“
Wir haben diese beiden jungen Bestatter genau ein einziges Mal gesehen, die Begegnung dauerte keine fünf Minuten, und ich würde noch nicht einmal sagen, dass das Bekannte sind; einfach nur Leute, die man kennt.

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Doch in diesem Saal mit überwiegend völlig unbekannten Menschen, ist dann offensichtlich auch eine so oberflächliche Bekanntschaft eine Art Insel des Wiedererkennens.
Die Allerliebste umarmt die beiden, und zwei Minuten später sitzen wir bei denen am Tisch. Kurt hat Theologie studiert und sagt schon in den ersten drei Minuten unseres etwas zähen Gesprächs viermal, dass er zum Bestatterberuf gekommen sei, wie die Jungfrau zum Kind.

Die Allerliebste weiß nach anderthalb Minuten, wie die beiden Kinder des Ehepaares heißen, wo die zur Schule gehen, was für Allergien die haben und welche Hobbys die ganze Familie hat. Unglaublich: Die Allerliebste und Annika kennen beide einige Filme, in denen George Clooney mitgespielt hat, unfassbar! Wie klein doch die Welt ist! Welche Zufälle es doch gibt! Nein, das kann kein Zufall sein, hier haben sich zwei Seelenverwandte gefunden! Und weder Kurt und Annika, noch die Allerliebste und ich waren je in Salzburg, was für Zufälle und Gemeinsamkeiten, unfassbar!

Der Theologe nippt an einem Gläschen Fachinger Wasser. Mir hat die freundliche junge Bedienung ein Glas Kockezehro gebracht. Kockezehro, so nenne ich aus Spaß Coke Zero. Das findet Kurt dekadent.
„Wenn man schon ein Getränk bestellt, das für seine bewusstseinsverändernde Wirkung berühmt ist, ist es ein Feigenblatt der Schande, wenn man dann mit dem Zuckergehalt ein Spiel der Maskerade treibt.“
Ich will dem frommen Pinsel gerade was Passendes sagen, da flankt mich die Allerliebste strahlend von der Seite an: „Ist das nicht toll? Ein ganzes Wochenende!“
Ich: „Was?“
Sie: „Siehst Du, Annika, der hat wieder nicht zugehört. Hör zu, Du Mann, Annika und Kurt haben uns zu einem Wochenende in einer indianischen Schwitzhütte eingeladen, ist das nicht toll, da fahren wir doch mit, das ist ja klasse, so etwas wollte ich immer schon mal machen, das finde ich ja so lieb, meine Güte, wie schön ist es, dass wir Euch getroffen haben.“

Ich: „Ich nicht.“

Sie: „Was jetzt, ich nicht?“

Ich: „Alles.“

Sie: „Ach, babbel net, Du findest das auch schön.“

Kurt zitiert zwei Verse aus dem Brief an die Epheser und fügt dann hinzu: „Ja, Annika ist da ganz anders als ich. Während ich dem Wort folge, findet sie ihren Frieden in Yoga, rotem Tee und der indianischen Kultur der Schamanen.“

„Tolle Mischung“, sage ich und proste ihm mit meinem Kockezehro zu.

Der Fromme runzelt die Stirn. „Phosphorsäure, Farbstoff und Säuerungsmittel, mit viel Süßstoff und Wasser.“

Ich versuche, das Thema zu wechseln, und frage: „Und, wie war Eure letzte Woche so? Habt Ihr viele Sterbefälle gehabt? Irgendwas Besonderes?“

Wir hatten sechs Sterbefälle. Das ist nicht besonders viel, aber genug. Darunter zwei Unfalltote, eine schwierige Familie und eine Leiche, die beschlagnahmt war.

Der junge Bestatter schüttelt nur den Kopf. „Dieses Streben nach Geld und Luxus ist uns fremd. Wir führen unser Haus so, dass wir eine gesunde Balance zwischen Geldverdienen und unserer geistigen Erbauung haben.“

„Ihr habt also keine Aufträge?“

„Doch, aber uns genügt es, wenn wir ausreichend verdienen; es muss nicht immer noch mehr und noch mehr sein.“

„Okay, aber was macht Ihr, wenn in einer Nacht vier Sterbefälle reinkommen. Lehnt Ihr dann die letzten beiden ab, weil Ihr schon genug verdient habt und Euch lieber der Erbauung hingebt?“

„Ich sitze lieber mit Annika auf einer Bank im Odenwald und genieße die schöne Natur.“

„Also lehnt Ihr die Aufträge ab, schickt die Leute wieder weg?“

„Wir hatten das bisher noch nicht so.“

„Was? Mehrere Aufträge auf einmal?“

„Genau.“

„Darf ich mal indiskret sein und direkt fragen? Wie viele Sterbefälle macht Ihr denn so?“

„Wir sind ja noch ganz neu am Markt, das muss sich erst entwickeln.“

„Wenn ich das richtig sehe, seid Ihr so zwei, drei Jahre dabei, richtig?“

„Im August werden es schon vier Jahre.“

„Dann müsstet Ihr nach branchenüblichen Zahlen ungefähr 300 Sterbefälle mindestens abgewickelt haben.“1

„Was? Nein! Wir haben so einen im Monat. Die Arbeit reißt nicht ab, wir wissen kaum, wo uns der Kopf steht.“

Okay. In der Branche gibt es ganz unterschiedliche Unternehmen. Die großen Hechte im Teich, die vierstellige Sterbefallzahlen abwickeln und bei denen das Bestatten schon fast industriellen Charakter hat. Meist sehr reiche und auch sehr gute und seriöse Unternehmen. Oft entstanden aus alten Traditionsbetrieben und heute im Besitz irgendeines Konsortiums. Und dann gibt es kleine Beerdigungsinstitute mit oft nur drei, vier Leuten, die mit weitaus weniger auskommen müssen und können. Manchmal liegt das einfach daran, wo sie angesiedelt sind. Auf dem Land, auf dem Dorf, wo sollen da die Sterbefallzahlen herkommen? Oft sind es aber auch Spezialbetriebe, die sich einem Motto gewidmet haben. Christliche Bestattungen, Esoterikbestattungen und Bestatter für die queere Community. In Großstädten finden auch solche Nischenbetriebe meist genug Zuspruch, aber anderswo?

Aber ein Sterbefall pro Monat, das ist definitiv zu wenig. Da fragt doch das Finanzamt früher oder später, ob das wirklich ein Gewerbe mit Gewinnerzielungsabsicht oder ein Hobby ist.
Es gibt halt einfach Brancheneckzahlen, die überall gelten und anhand derer man recht schnell festmachen kann, ob ein Unternehmen profitabel ist oder nicht.

Gut, so ein kleines Beerdigungsinstitut kann sich natürlich ganz individuell um die Hinterbliebenen kümmern und viel mehr Zeit und Energie in jeden einzelnen Sterbefall investieren. Und ich finde auch den Ansatz gut, zu sagen, dass man für sich noch andere Dinge im Leben wichtig findet. Das ist bei einem lieben Freund und seiner Frau auch so. Die beiden wollen gar nicht mehr Sterbefälle haben, als die, die sie gerade haben und gut bewältigen können. Alles andere würde sie davon abhalten, ihre Freizeit so gemütlich zu gestalten, wie sie es gerne haben.

Aber als Bestatter kannst Du es Dir ja nicht aussuchen. Manchmal kommt gar nichts und manchmal rappelt es im Karton. Als Bestatter kannst Du es nicht so machen, wie mein Klempner, dessen Frau mir am Telefon sagt, wir sollen die Klospülung noch drei Monate lang weiter tropfen lassen, vorher hat ihr Mann keine Zeit. Und Du kannst es auch nicht so machen, wie der Facharzt, dessen Arzthelferin lapidar sagte: „Rufen Sie am besten woanders an, wir sind voll.“

Doch eins ist sicher: Mit nur einem Sterbefall im Monat können die nicht überleben. Das sind grob gerechnet keine 20.000 Euro Bruttogewinn. Das ergibt beim besten Willen kaum 900 Euro im Monat zum Leben.

Die Allerliebste und Annika haben weiterhin Pläne für eine enge Freundschaft geschmiedet. Ich lasse sie gewähren, ich besitze die Macht, das zu einem späteren Zeitpunkt rasch in die von mir gewünschte Richtung zu drehen.

An Kurt gewandt sage ich: „Jetzt mal Butter bei die Fische! Wie viel rechnet Ihr denn so pro Sterbefall ab? Ich sag’ Dir gleich, dass es bei uns durchschnittlich 3.500 Euro sind, wir machen ja viel Polizei- und Sozialbestattungen.“

Kurt ist das sichtlich unangenehm, er mag nicht über Geld sprechen. Das ist eben bei uns in Deutschland so. Vor ein paar Jahren war ich mal in Amerika und auf einer Geburtstagsparty wurden mir die Nachbarn vorgestellt, mit Namen, Beruf und Jahreseinkommen. Dort ist es überhaupt keine Schande, über seinen Verdienst zu sprechen, bei uns gilt das als verpönt.

Kurt rutscht auf seinem Stuhl herum, nippt am Fachinger Wasser und erklärt dann: „Wir machen ja auch viel. Das fängt mit der kleinen Bibel an, die wir in jeden Sarg legen, und wir beten ja auch mit den Leuten.“

„Ihr macht also christliche Bestattungen?“

„Würde ich gerne machen. Aber manchmal sind die Leute unwillig, heute glaubt ja keiner mehr, und wenn ich dann Zeugnis ablege, gucken die mich ganz komisch an. Aber der Herr sagt ja, dass man standhaft sein muss in dieser kalten Welt.“

„Und wenn die das gar nicht wollen?“

„Um die Heiden kümmert sich dann Annika. Die hat das gut drauf. Das mit den Schamanen wollen dann doch auch recht viele Leute.“

Ich muss unwillkürlich schmunzeln. „Ihr habt also ein Bestattungsinstitut, das christliche Bestattungen anbietet, und wenn das nicht zutrifft, gibt’s halt einen Schlag mit der schamanistischen Kelle obendrauf, sehe ich das richtig?“

„Also, im Schnitt schreiben wir Rechnungen so um die 10.000 bis 12.000 Euro. Mit Euren 3.500 Euro kämen wir nicht hin, bei all dem Aufwand.“

Ich muss kurz husten. Über 10.000 Euro ist schon ein sportlicher Preis. Da kann man natürlich auch mit zwölf Bestattungen im Jahr hinkommen.

Annika und die Allerliebste freuen sich schon ganz doll, dass wir alle zusammen auch eine Ausräucherung und Verklappung vom Medizinmann bekommen werden. Zeit, dem Spuk ein Ende zu machen.

„Du Kurt, ich finde das klasse, was Ihr so macht. Aber für mich wäre das nichts. Wir sind ja Satansanbeter und feiern jede Woche eine schwarze Messe. Wird ja heute auch immer schwieriger, Du verstehst?“ Ich senke meine Stimme, schaue mich vorsichtig nach allen Seiten um und füge hinzu: „Kaum noch Jungfrauen zum Opfern und das mit den Säuglingen…“

Kurts Mund steht offen, ich proste ihm mit Kockezehro zu, und die Allerliebste wird nie verstehen, weshalb das Wochenende in der Schwitzhütte nie zustandegekommen ist.

Bildquellen:

  • schwitzhuette_800x500: Peter Wilhelm ki

Fußnoten:

  1. Bei einem Erlös von etwa 1.000–1.300 € brutto pro Sterbefall und der realistischen Annahme, dass nur rund 50 % davon als privates Einkommen verbleiben, benötigt ein selbstständiger Bestatter für ein Monatseinkommen von ca. 3.500 € einen Jahresumsatz von rund 84.000 €. Das sind ca. 65–85 Sterbefällen pro Jahr. Bei höheren Fixkosten oder Personalbedarf steigt der notwendige Umfang schnell auf über 100 Fälle jährlich. (zurück)
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(©si)