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Dann war keiner schuldig

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Familie Sommlath hat einen Trauerfall. Die Mutter ist verstorben.
Die Kinder gehen zu einem renommierten Bestatter im selben Ort und besprechen alles.
Der alte Vater ist mit allem einverstanden, äußert aber den Wunsch, man möge doch ein Doppelgrab für ihn und seine Frau bestellen. „Ich möcht‘ so gern später bei meinem Röschen sein.“

So wird auch alles in die Wege geleitet. Die Trauerfeier ist sehr schön. Ein Prediger findet die passenden Worte und bei der anschließenden Urnenbeisetzung läuft alles wie am Schnürchen.

Familie Sommlath ist zufrieden.
14 Tage später kommt die Rechnung des Bestatters.
Die ist hoch, aber das war beim ersten Haus am Platze auch zu erwarten, und außerdem ist der Preis für das Doppelgrab auch gleich mit dabei.

9 Monate später segnet auch Vater Sommlath das Zeitliche. Erwartbar, er war schon länger hinfällig und auch in einem Alter, in dem der Gedanke an das Ableben nicht mehr fremd sein kann.

Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, es ist gutes Beerdigungswetter.
Die Trauergäste sind angemessen traurig, aber da der alte Herr erwartbar verstarb, freut man sich auch über das familiäre Wiedersehen.
Als die Zeit gekommen ist, gehen alle in die Kapelle und der Trauerprediger beginnt wieder die richtigen Worte zu finden.

Nur Tochter Amalia ist noch nicht da. Der Prediger macht trotzdem erstmal weiter.

In der ersten Reihe wird getuschelt: „Amalia hat gesagt, da sei kein Loch im Grab gemacht worden. Wo soll der Papa denn dann rein?“

Tatsächlich. Amalia hatte kurz vorher nach dem Grab ihrer Mutter geschaut und kein ausgehobenes Loch für die Urne ihres Vaters gefunden.
Während die anderen schon trauerfeiern, beginnt für die Mittvierzigerin eine wilde Hatz über den Friedhof.
Vom Grab zum Verwaltungsgebäude, von dort zu Herrn Schubert, der ganz hinten bei den Birken ist, mit Herrn Schubert im Stechschritt wieder zum Grab. Und Herr Schubert sagt: „Sie stehen ja auch am falschen Grab. Hier liegt Frau Bömmelkamp. Ihre Mutter liegt da drüben.“

Amalia ist entsetzt. Auf dem Grab, in dem nach der Aussage des Friedhofsarbeiter eine gewisse Frau Bömmelkamp liegen soll, steckt deutlich das Grabkreuz mit dem Namen ihrer Mutter und auf dem Grab liegen auch die Blumen, die sie selbst erst neulich dort abgelegt hatte.

Die Hatz geht weiter, diesmal mit Herrn Schubert erst ins Büro und dann mit einem Plan zurück zu den Gräbern.
Schubert kratzt sich lange und nachdenklich am Hinterkopf, dann schnäuzt er sich in ein großes Stofftaschentuch und sagt: „So’n Mist!“

Amalias Entsetzen steigt von Minute zu Minute. Der Mann eröffnet ihr: „Da is‘ watt schief gelaufen. Also hier in dem Grab, wo jetzt datt Kreuz von Ihre Mutter steckt, da liecht die Frau Bömmelkamp. Datt ist datt Doppelgrab. Ihre Mutter liecht aus Versehen in dem Grab da dürben, wo datt Kreuz von die Frau Bömmelkamp drauf is. Datt is aber nur ein Einzelgrab. Da kann ihr Vatter nich mit rein. Ja und datt Loch, datt haben wir wieder ganz woanders gemacht, weil wir dachten, Ihr Vatter kricht auch ein Einzelgrab.“

Inzwischen ist die Trauerfeier unterbrochen worden, die Angehörigen waren ob der andauernden Abwesenheit von Amalia ins Tuscheln gekommen.

Verstärkung in Form von Amalias Bruder Björnhelm naht. Björnhelm beginnt schon 10 Meter von den beiden entfernt zu rufen: „Was ist denn hier los?“

Amalia erklärt es ihm in durchaus aufgeregten Worten.

Nun gut, die Trauerfeier ging weder weiter, noch zu Ende.

Die Familie hat das weitere Trauerfeiern abgelehnt und sich aufgeregt diskutierend in die Friedhofsgaststätte zurückgezogen.

Am nächsten Tag, man hat sich nur wenig beruhigt, will man mit dem Leiter des Friedhofs Klarheit in die Sache bringen.

Ja wieso denn, meint der, das sei eben dumm gelaufen. Am nächsten Mittwoch würde man die Frau Bömmelkamp aus dem gekauften Doppelgrab rausholen und dann auch die Mutter aus Frau Bömmelkamps Grab. „Dann haben wir drei Urnen. Die von Ihren Eltern kommen dann in das Doppelgrab und die von der anderen Frau in das Einzelgrab. Ist doch kein großes Geschäft. Dann hat die liebe Seele Ruh‘.“

Sprach’s, drehte sich um, blieb nochmal kurz stehen und fragte: „Sie wollen dann ja sicherlich nicht dabei sein, oder?“

„Doch wollen wir“, beharrte Amalia.

Und tatsächlich, am darauffolgenden Mittwoch wurden zwei Urnen ausgegraben und umgesetzt und eine Urne neu bestattet.
Jetzt hatte alles seine Ordnung.

Indes: Die Familie wartet noch immer auf eine Wiedergutmachung, irgendeine, vielleicht nur ein Satz des Bedauern, vielleicht eine schöne Schale mit Blumen als Entschuldigung.

Nichts!

Weder der Bestatter, noch der Friedhof fühlen sich zuständig.
Es ist auch nicht zu klären, ob der Bestatter, der an einem Tag Frau Sommlath und Frau Bömmelkamp zum Friedhof brachte, die Zettel an den Urnen vertauscht hatte, oder ob die Arbeiter vom Friedhof sich vertan hatten.

Die erste Variante scheint unwahrscheinlich, denn es war der Verwaltung ja bekannt, wer wo bestattet war.
Aber dennoch, Friedhof und Bestatter schieben sich gegenseitig die Schuld zu, zucken nur mit den Achseln und meinen: Sowas kommt selten vor, aber es kommt halt vor.

Meine Meinung: Egal, wer der Verursacher war, eine Entschuldigung, Mitgefühl und eine wie immer geartete Wiedergutmachung wären in jedem Fall fällig gewesen.


Peter Wilhelm 22. Februar 2018

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