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Das Urnenproblem bei Flussbestattungen

Urnen aus verschiedenen Materialien vor der Kulisse des Rheins

Endlich sind auch in Rheinland-Pfalz Flussbestattungen möglich. Doch die Bestatter haben ein Problem: Das neue Gesetz schreibt Urnen vor, die es so gar nicht zu geben scheint.

Man nehme etwas Quark, ein paar Sägespäne und ein bisschen Tapetenkleister – schon hat man eine formbare Masse, aus der sich zum Beispiel eine Urne herstellen lässt.

Solche Bio-Urnen lösen sich im Erdreich ebenso zuverlässig auf wie im Wasser. Gleiches gilt für Modelle aus Pappmaché, Eierkartonpappe (Schöpfpappe), Salz-Sand-Gemischen oder gepresstem Laub.

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Das Problem bei Flussbestattungen in Rheinland-Pfalz

Seit Kurzem sind in Rheinland-Pfalz auch Flussbestattungen zulässig. Das entsprechend angepasste Landesbestattungsgesetz schreibt jedoch vor, dass die Urnen aus „sich sofort auflösendem Zellulose-Material“ bestehen müssen.

Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: Die Urne soll sich rasch auflösen und die Asche zügig freigeben. So wird verhindert, dass sie wieder auftreibt und wie eine kleine Boje am Ufer herumdümpelt.

Warum Seeurnen nicht einfach auf Flüsse übertragbar sind

Wir Bestatter kennen auflösbare Urnen seit Jahrzehnten, denn bei Seebestattungen1 werden sie schon lange eingesetzt. Allerdings läuft eine Seebestattung ganz anders ab als eine Flussbestattung.

Das Beisetzungsschiff fährt hinaus aufs offene Meer und steuert eine Stelle über rauem Grund an – dort, wo in der Regel nicht gefischt wird. Anschließend wird die Urne bei Wassertiefen zwischen 20 und 80 Metern über Bord gegeben. Sie sinkt auf den Meeresgrund und löst sich dort innerhalb von zwei Stunden bis zwei Tagen auf. Zurück bleibt ein kleines Häufchen Totenasche, das mit der Zeit vom Sediment überdeckt wird.

Was mit der Asche bei Seebestattungen wirklich geschieht

Schon vor Jahren habe ich im Bestatterweblog darüber berichtet, dass Untersuchungen des Deutschen Hydrographischen Instituts2 zeigen: Die Asche bleibt tatsächlich am Ort der Beisetzung am Meeresboden und verteilt sich nicht – wie oft romantisch angenommen – in alle sieben Weltmeere3.

In Flüssen gelten völlig andere Bedingungen

In Flüssen herrschen jedoch ganz andere Bedingungen.

Hier gibt es stärkere Strömungen, die Gewässer sind deutlich schmaler und zudem meist stark frequentierte Wasserstraßen. Fischer, Boote, Schiffe, Angler, Schwimmer – alles trifft hier auf engem Raum zusammen.

Hinzu kommt: Entlang der Flüsse leben Menschen, es gibt Industriebetriebe, Freizeitanlagen und Campingplätze.

All das macht die im Landesbestattungsgesetz geforderten schnellauflösenden Urnen notwendig. Der Gesetzgeber hat sich dabei durchaus etwas gedacht – und aus meiner Sicht auch richtig entschieden.

Wenn selbst Seeurnen Probleme machen

Selbst bei Seebestattungen kommt es in seltenen Fällen vor, dass Urnen irgendwo an der niederländischen Küste angespült werden4. Dann wurde entweder nicht korrekt beigesetzt oder – was häufiger vorkommt – eine ungeeignete Urne verwendet.

Warum die bisherigen Seeurnen meist ungeeignet sind

Die bislang üblichen Seeurnen sind für Flussbestattungen daher nur eingeschränkt geeignet. Die Anforderungen des rheinland-pfälzischen Landesbestattungsgesetzes erfüllen sie in den meisten Fällen nicht.

Typische Gründe dafür sind:

  • Sie lösen sich zu langsam auf
  • Sie bestehen teilweise nicht aus der geforderten Zellulose

Erfahrungen aus der Praxis

Mein Freund Oliver, ein erfahrener Bestatter aus NRW, der schon seit Längerem Flussbestattungen durchführt, hat das selbst getestet. Die von der Zulieferindustrie angebotenen Zellulose-Urnen aus Pappe lösen sich keineswegs sofort auf. Unter Wasser werden sie zwar weich und matschig, bleiben aber oft bis zu 14 Tage stabil – und neigen zudem dazu, aufzuschwimmen.

Mal lösen sie sich nach zwei Tagen auf, mal dauert es doch zwei Wochen.

Infokasten: Papier ist nicht gleich Papier

Wir kennen das sogar aus dem eigenen Haushalt: Toilettenpapier und Küchenrollen sehen auf den ersten Blick nahezu identisch aus. Doch ihre Eigenschaften könnten unterschiedlicher kaum sein.

Toilettenpapier ist so konzipiert, dass es sich im Abwasserstrom in kürzester Zeit vollständig auflöst. Küchenpapier hingegen wird häufig als besonders nassfest beworben. Es soll Flüssigkeiten aufnehmen und auch bei Feuchtigkeit stabil bleiben – also gerade nicht sofort zerfallen.

Nur nebenbei bemerkt: Küchenpapier und insbesondere Papierhandtücher gehören keinesfalls in die Toilette. Gleiches gilt für moderne feuchte Toilettentücher. Rohrreinigungsdienste haben regelmäßig gut zu tun, wenn Verbraucher das ignorieren.

Fazit: Papier ist nicht gleich Papier. Für Urnen wäre ein Zelluloseprodukt erforderlich, das sich eher wie Toilettenpapier verhält – also schnell und vollständig im Wasser auflöst.

Behelfsmaßnahmen: Löcher, Papier und Kiesel

Um wenigstens zu verhindern, dass die Urnen wieder auftauchen, werden an geeigneten Stellen Löcher eingebracht und mit dünnem Papier, etwa Teebeutelpapier, verschlossen. Zusätzlich beschwert man sie mit Flusskieseln. Das verhindert zwar das Auftreiben, löst aber nicht das Grundproblem der zu langsamen Zersetzung.

Wer trägt die Verantwortung?

Für die Bestatter, die diese Bestattungsform anbieten, ist das eine echte Herausforderung. Einige geben der Landesregierung die Schuld und meinen, hier hätten Menschen entschieden, die die Praxis nicht kennen. Andere sehen die Verantwortung eher bei den Herstellern, die bislang keine wirklich geeigneten Urnen liefern können.

Meine Einschätzung zur Übergangszeit

Ich persönlich meine: Für eine Übergangszeit kann man durchaus auf einfache Pappmaché-Urnen zurückgreifen – mit entsprechenden Anpassungen wie Löchern und Beschwerung. Aber eben nur vorübergehend, bis die Industrie passende Lösungen anbietet.

Denn das Problem ist nicht die technische Machbarkeit, sondern schlicht der bislang fehlende Bedarf. Und der wird sich erfahrungsgemäß sehr schnell bemerkbar machen.

Die Lösung von Bestatterin Margit

Kollegin Margit B. hat sich vom Schreiner eine schöne achteckige Holzurne bauen lassen. Diese hat einen aufklappbaren Boden. In die Urne gibt sie einen Beutel, oder genauer gesagt eine Tüte, aus schnell auflösbarem Zellulosematerial. Das kauft sie auf größeren Rollen im Sanitätsbedarf. In diesen Beutel kommt die Totenasche. Und der Beutel kommt dann, wie bereits gesagt, in die wiederverwendbare Beisetzungsurne aus Holz.

Im Moment der Beisetzung lässt Margit die Holzurne an zwei Schnüren bis an die Wasseroberfläche und zieht dann an einer dritten Schnur, die den aufklappbaren Boden der Urne freigibt. Der Zellulosebeutel mit der Asche gleitet ins Wasser und geht sofort unter.

Ob man den Zellulosebeutel nun tatsächlich als Urne im Sinne des neuen Bestattungsrechts bezeichnen kann, ist sicherlich eine Interpretationsfrage. Jedenfalls erfüllt dieses Verfahren den Wunsch der Landesregierung, dass keine Urnen im Fluss herumschwimmen können.

Fazit

Bis dahin bleibt die praktische Erprobung an den Bestattern hängen. Sie müssen verschiedene Modelle testen, um herauszufinden, welche Urnen den neuen gesetzlichen Anforderungen am ehesten gerecht werden.

Eine andere Lösung wäre eine gelockerte Ausführungsverordnung, bei der auch das direkte Verstreuen der Asche in den Fluss möglich wäre.

https://bestatterweblog.de/merkmale-und-unterschiede-der-verschiedenen-bestattungsarten/

Bildquellen:

  • flussbestattung_800x500: Peter Wilhelm ki

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(©si)