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Es geht doch auch anders

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Lieber Tom,

ich bin seit vielen Jahren im Rettungsdienst tätig und gestern hatten wir einen ungewöhnlichen Einsatz. Es ging um die kurzfristige Versorgung/Betreuung eines älteren Ehepaares, die nach der Rückkehr aus der Kur ihre Tochter tot in deren Wohnung aufgefunden hatten. Für die Tote konnten wir natürlich nichts mehr tun, betreuten aber die Eltern ein wenig.

Die Verstorbene lag bis zu ihre Auffinden schon ein wenig, Körperflüssigkeiten verschiedener Herkunft, feste Stoffe und der Geruch des Todes waren schon deutlich wahrnehmbar. Für uns nichts Ungewöhnliches, für die Eltern der Verstorbenen hingegen schon.
Ich versprach, bei ihnen zu bleiben, bis der Bestatter alles erledigt hatte, dieses Angebot wurde dankbar angenommen.

Was habe ich nicht schon alles für Bestatter erlebt! Gute, Schlechte, Miserable, so rechnete ich auch dieses Mal eher mit der Methode: Rein in die Kiste und schnell weg. Doch die beiden Bestatterinnen die da kamen, machten einen sehr guten Eindruck.

Der Vater der Verstorbenen äußerte den Wunsch, ob man denn seine Tochter nicht ein wenig sauber machen könne, da es ihm nicht wohl bei dem Gedanken sei, dass sie so aus dem Haus gebracht werde. Für später sei allerdings keine offene Aufbahrung vorgesehen.

Ohne Umschweife erklärte die Bestatterin das für selbstverständlich, holte ihre Ausrüstung aus dem Wagen und so waren sie über eine Stunde mit Wasser, Seife uvam. im Schlafzimmer zugange, während ich die Eltern betreute. Was sich uns nachher bot war eine Überraschung.

Sehr schön, komplett hygienisch versorgt und in ihren besten Sachen eingekleidet „schlief“ nun die Tochter in ihrem Bett.
Alle verunreinigten Textilien waren in Plastiksäcken verpackt. Ein sauberer Geruch lag in der Luft und alles strömte Frieden und Ruhe aus.

So konnten die hochbetagten Eltern ihre Tochter noch einmal würdevoll sehen und Abschied nehmen, wozu ihnen die Zeit gewährt wurde, die sie brauchten.

Nicht nur die Eltern, auch ich war sehr beeindruckt.

Ich wollte Dir das nur mal schreiben. Es gibt auch unter Bestattern solche und solche.

Liebe Grüße

Nachtrag 19:24 Uhr: Der Einsender hatte extra dazugeschrieben, daß er im Rettungsdienst tätig ist, aber für das KIT da war. Das hatte ich nur nicht mehr dazugeschrieben.

Peter Wilhelm 28. Mai 2012


13 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ist doch schön, wenn die Damen das so gut hinbekommen haben. Respekt.

    Wie war das, die Amerikaner richten ihre Toten lieber so her, als ob sie schlafen, und die Deutschen?

  2. Um so mehr ich hier lese, um so mehr mache ich mir Sorgen, wenn es mal für mich ans Eingemachte geht. 😉

  3. das geht ganz schön an die Substanz. Mir kamen die Tränen.

    Schön das es auch noch andere seriöse Bestatter gibt und man davon lesen darf.

    Auch schön das der Rettungsdienst sich die Zeit nehmen konnte bei den Leutchen zu bleiben.

    Super wenn man merkt das Menschen ihre Arbeit Spaß macht und sie mit Herz und Seele dabei sind und das noch in solch schweren Berufsfeldern.

  4. Ich denke sowas sollte selbstverständlich zum Rettungsdiensteinsatz zählen. Manchmal sind es eben keine physischen Verletzungen, die behandelt oder vorgebeugt werden müssen.

  5. Sowas gehört sicherlich teilweise zu den Aufgaben, allerdings muss man immer daran denken, dass RDler keine ausgebildeten Seelsorger oder Psychologen sind. Es gibt also auch Fälle, wo der RD nicht mehr helfen kann, weil er selbst in der Hinsicht Hilfe braucht.

  6. Das ist zwar nett, aber nicht Aufgabe des RD. Vor allem, weil das Team gebunden ist und nicht für weitere (lebensrettende?) Einsätze zur Verfügung steht.

    In den meisten RD Bereichen gibt es genau für solche Zwecke ein KIT, dass für diese Aufgaben ausgebildet ist.

  7. @muerre: Der Klugscheißer bin ich hier. Nich den Rang ablaufen bitte. 😉
    Und – wo wir dabei sind: Ich gehe davon aus, dass die Leute normal wissen, was zu tun ist. Und wenn man mit Händchen halten das Leid von Menschen lindern kann, sollte die Zeit dazu sein.

    Oder was hättest du den Leuten gesagt?

    „Tut mir leid, ich bin RDler. Ich hol aber die Jungs vom KIT, die sind in einer halben Stunde da. Bis dahin haben sie ja nicht ausgetrauert…“

    grrrrr.

    Merke: Menschlichkeit ist keine Hexerei. Manchmal gehört nur dazu, dass man mal aufs Herz hört. Und ich bin überzeugt, wäre ein weiterer Notruf reingekommen, wären die auch gefahren.

  8. Ich kann euch beruhigen, der Kollege IST beim KIT und dementsprechend ausgebildet.
    @md Ein Psychologe kommt zu diesem Zeitpunkt, wenn überhaupt notwendig, viel zu früh.

  9. KIT = Kriseninterventionsteam

    Das sind im Rettungsdienst speziell ausgebildete Helfer die psychische Betreuung machen.

  10. KIT aus Wikipedia:
    Die Krisenintervention im Rettungsdienst betreut unverletzte Beteiligte und Angehörige bei akut psychisch traumatisierenden Unfällen, Notfällen und Katastrophen.

  11. Da kann ich mir schon vorstellen, dass so mancher Mitarbeiter gesagt hätte, das gehe hier nicht richtig und blubb und blah….und in unseren Räumlichkeiten…….und leider… muh und mäh…….mehr Möglichkeiten usw.
    – und danach die Verstorbene eingepackt und im eigenen Saft durch die Stadt gefahren hätten.
    OK, wenn jemand schon eine Woche liegt, muß man auch unterscheiden. Ich gehe mal davon aus, dass es hier vielleicht erst 1-2 Tage waren, so dass sich das noch einigermassen gut machen ließ.

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