Home Kontakt Impressum/Datenschutz Service-Portal Shop

Frau van Ende

Von

Frau van Ende war eine sehr beeindruckende Person. Die gebürtige Belgierin, die stolz darauf war, daß ihr Urgroßvater noch geboren worden war, als es Belgien noch gar nicht gab, war nach dem Krieg bei Familie Sondern einquartiert worden.
Ihr Haus war in einer Bombennacht dem wütenden Feuersturm zum Opfer gefallen, ihr Verlobter nicht aus dem Krieg heimgekehrt.
Deshalb ist auch schon das erste Wort dieser Geschichte im Grunde genommen falsch, denn die alte Dame legte bis zu ihrem Tode allergrößten Wert auf die Anrede ‚Fräulein‘.

Das Zimmer, das Familie Sondern dem ausgebombten Fräulein zur Verfügung stellen mußte, war vielleicht knappe 20 Quadratmeter groß, aber vom ersten Winkel bis zur letzten Zimmerecke angefüllt mit kuriosen Mitbringseln aus aller Welt.
Fräulein van Ende war Handelskorrespondentin von Beruf gewesen und hatte von ihren ausgedehnten Auslandsaufenthalten Souvenirs mitgebracht, die man nicht nur als abstrus, sondern sogar als apokryph bezeichnen könnte.
Ein Aschenbecher aus einem Gürteltierrücken, ein Hocker aus einem Elefantenfuß und ein kleines ausgestopftes Krokodil mit seltsam schräg stehenden Glasaugen standen neben bunten Flaschen mit eingelegten Reptilien und einem fast meterlangen Segelschiffmodell mit spinnengespinstüberzogener Takelage.
Von der Decke baumelten die merkwürdigsten Musikinstrumente, bei deren Anblick man sich schon vorstellen konnte, daß kaum jemand hierzulande sie jemals hätte spielen können.
Nur ein schmaler Weg von der Tür bis zum großen dunkeleichenen Himmelbett war wirklich frei, der ganze Rest des Zimmers war, bis auf eine Ecke mit einem Schaukelstuhl hoffnungslos vollgestellt.

Familie Sondern hatte sich irgendwann an die alte Dame gewöhnt und ob ihres inzwischen hohen Alters mochte man sie auch nicht mehr drängen, sich etwas anderes zu suchen und wartete lieber ab, daß Bruder Hein eines Tages das dringend benötigte Zimmer ‚entmieten‘ würde.

Doch es kam anders.
Eines Tages erwachte Fräulein van Ende, die sonst so schön von fernen Ländern fabulieren konnte, und war von einem nächtlichen Schlaganfall halbseitig gelähmt, ihrer Sprache beraubt und im Kopf verwirrt.
Das Agneshaus sollte zu ihrer letzten Heimstatt werden, ein Altenheim mit Pflegestation.

Schon vor vielen Jahren hatte die weitgereiste Belgierin bei mir eine Bestattungsvorsorge abgeschlossen. Die Dame wollte eingeäschert werden und ihre Asche sollte in den Ort ihrer Geburt gebracht und dort auf einem kleinen Friedhof beigesetzt werden.

Als ich erfuhr, daß es Fräulein van Ende so schwer erwischt hatte, hatte mich das sehr betrübt gemacht, denn gerne hatte ich ihren wirklich spannenden Erzählungen gelauscht.
‚Na ja‘, dachte ich, ‚die kommt nicht mehr richtig auf die Beine, nicht in dem Alter.‘

Doch auch hier kam es anders. Mit unermüdlicher Beharrlichkeit und einer Kraft, die man einer so alten Person gar nicht zugetraut hätte, schaffte sie es, sich so weit wieder aufzurappeln, daß von dem Schlaganfall ein halb gelähmtes Gesicht und ein unbeweglicher, kraftloser Arm zurückblieben, sie aber wenigstens wieder bei altersgemäß klarem Verstand halbwegs verständlich sprechen und mit Hilfe zweier Stöcke kurze Strecken gehen konnte.
Das durfte ich mit großem Erstaunen bewundern, als ich eines Tages von der Heimleitung angerufen und zu der alten Frau gebeten worden war.

Was war das für eine Freude, als ich sie besuchte; noch nie war nämlich irgendjemand zu ihr gekommen, alleinstehend und etwas sonderlich wie sie war.
Das Zimmer mußte sich Frau van Ende mit einer anderen Dame teilen, die allerdings verkalkt war und nicht mehr wußte, wo und wann sie lebte; heute würde man von Demenz sprechen, damals sagte man einfach, die alten Leute seien verkalkt.

„Ach Gott, die fragt mich jeden Tag dreimal, ob ich ihre Mutter oder die Mutter Gottes bin, aber ansonsten ist datt ne ganz Liebe“, sagte Frau van Ende und bedeutete mir, Platz zu nehmen.
Sie habe sich umentschieden, jetzt wolle sie nicht mehr verbrannt werden, sondern lieber in einem kleinen Reihengrab auf dem Friedhof ganz in der Nähe des Agneshauses beigesetzt werden. Ich schrieb das auf, rechnete nach und kam auf einen nicht besonders üppigen Betrag, den Fräulein van Ende noch zu zahlen hatte, denn diese Variante war etwas teurer.

„Nee, dann nehme ich doch noch einen etwas teureren Sarg. Wissen Sie, das ist nämlich so, daß ich im Moment das Heim noch von meinem Vermögen bezahle und so teuer wie das hier ist, ist mein Geld in ein paar Monaten alle. Ein Leben lang gespart, genug für eine Reise um die ganze Welt und dann geht das hier für ein halbes Zimmer und dreimal täglich schlechtes Essen in wenigen Monaten drauf. Da nehm‘ ich lieber noch ’nen schönen Sarg, watt weg ist, datt is weg.“

Ich nickte, wir unterhielten uns noch eine Weile und dann bat mich Frau van Ende noch, ihr doch ein Dutzend Nachthemden zu besorgen. „Ich muß fast den ganzen Tag liegen, manchmal geht es mir auch nicht so gut wie heute und da brauche ich viele Nachthemden. Die Schwestern schneiden die hinten auf, damit sie mich besser damit ankleiden können, aber dann kann ich nicht auf den Gang, weil man von hinten meinen Poppes sieht und wer will schon den Hintern von’ner alten Frau sehen?“ Sie lachte, als sie mir das sagte und schüttelte den Kopf. „Verrückte Welt“, fügte sie noch hinzu und drückte mir einen Geldschein für die Hemden in die Hand.

Meine Frau kaufte die Nachthemden, denn ich bin im Kauf von Nachtwäsche für alte Frauen eher weniger geübt. Ich kenne mich mit Nachtwäsche für jüngere Frauen aus und mit Wäsche für die Reise ins Jenseits. Männer brauchen ja sowieso nicht so viel Wäsche, eine Unterhose hat man an, eine ist in der Wäsche und eine hat man im Schrank, falls man mal ins Krankenhaus muß…
(Nein, ich habe mehr, mindestens zwei Dutzend.)

Als ich die Hemden ins Heim brachte, erschrak ich. Frau van Ende lag in ihrem Bett wie tot. Eingefallene Wangen, der Mund stand offen und hätte sie nicht leise röchelnd geatmet, hätte ich nach den Sterbepapieren gefragt, sie gleich auf die Trage gepackt und mit ins Bestattungshaus genommen.
Ja, sie habe wieder einen leichten Schlaganfall gehabt, von dem sie sich auch keinesfalls mehr so erholen würde, wie beim ersten Mal, sagte etwas unwillig die Pflegerin an der Rezeption.
Traurig ging ich ins Zimmer zurück und kam gerade dazu, als man Frau van Ende fütterte.
Es war das Abendessen, irgendein weißer Brei, der glasig war, wie Tapetenkleister.
Im Sekundentakt schaufelte die Pflegerin der alten Dame Brei in den Mund, Frau van Ende schien gar nicht zu schlucken, jedenfalls lief das meiste von dem Brei an ihrem Kinn herunter; und trotzdem – wieder einen Löffel voll ins Maul, das Übergelaufene abwischen und wieder einen Löffel voll.
Dann den Mund einmal rundherum abwischen, eine Plastiktrinkflasche angesetzt und ein paar ordentliche Schlucke in dem Mund gedrückt. Die Brühe lief der armen Frau einfach nur aus den Mundwinkeln.

Das konnte ich nicht mit ansehen und sagte: „Meine Güte, was machen Sie denn da? Kann man Fräulein van Ende nicht etwas aufsetzen und sie richtig füttern? Sie schaufeln das ja in die arme Frau rein, wie ein Heizer die Kohlen in eine Lok!“

„Was? Ich habe keine Zeit, ich muß noch sechs andere abfüttern“, lautete die Antwort.

Weg war die Schwester.

Fürchterlich! Das Erlebte beschäftigte mich einige Tage und ich sprach oft mit meiner Frau darüber. Wir beschlossen, gemeinsam Fräulein van Ende regelmäßig zu besuchen und wenigstens einmal täglich, entweder mittags oder abends zu den Mahlzeiten da zu sein, um sie menschenwürdig mit Nahrung zu versorgen.
Als wir an einem der nächsten Tage in das Zimmer kamen, stank es nach Urin und Kot. Grauenvoll!
Ich schaue auf das Schreibbrett am Fußende des Bettes und sehe, daß angeblich eine Viertelstunde vorher die alte Dame gewaschen worden sei.
Wütend holte meine Frau eine der Pflegerinnen, die darauf beharrte, Fräulein van Ende eben erst gewaschen und ihr die Windeln gewechselt zu haben.
Dabei klappte ich die Bettdecke zurück und wir sahen, daß der Kot schon dick seitlich aus der Windel quoll; ich möchte gar nicht wissen, wie lange die Frau schon in ihrem eigenen Dreck gelegen hatte.

„Nee, nee“, rief jemand von der Tür; die Oberschwester, oder wie man das nennt: „Da waren wir gerade mit am Anfangen mit der Hygiene und hatten das schon eingetragen, da war ein Notfall auf Zimmer 26 und wir mußten schnell weg. Das haben wir noch nicht gemacht, machen wir aber jetzt. Gehen’se mal ruhig nach Hause, wir kümmern uns um ihr‘ Oma.“

Nein, wir haben vor der Tür gewartet und meine Frau hat sich dann davon überzeugt, daß wirklich alles in Ordnung war.
War es. Man hatte die alte Belgierin gewaschen und neu gewickelt, nur hatte sie jetzt ein Nachthemd aus Papier an.

„Warum hat die denn so einen Fetzen an und wo sind die neuen Nachthemden, die wir neulich erst gebracht haben?“ fragte meine Frau eine der Pflegerinnen.

„Keine Ahnung, die sind von der Wäscherei nicht zurückgekommen.“

„Wir haben zwölf nagelneue Nachthemden gebracht und extra noch mit dem Namen beschriften lassen…“

„Keine Ahnung, jedenfalls hat die keine Hemden mehr, das eine von vorhin ist ja jetzt schmutzig und muß in die Wäscherei…“

„…von wo es nie wieder zurück kommt?“ fragte meine Frau.

Die Schwester zuckte nur mit den Achseln, glotzte uns verständnislos an und ging.

Wieder zu Hause angelangt meinte meine Frau: „Da muß man doch was machen, das geht doch so nicht. Unternimm irgendwas, egal was, aber unternimm was!“

Ich kam nicht mehr dazu. Vier Tage später war Fräulein van Ende tot.
Gestorben war sie nicht wegen der Umstände in diesem Heim, aber in diesen Umständen.

Ich gehe heute noch manchmal zu der Stelle an der Friedhofsmauer, wo sie unter einem großen Grabstein, der das ganze Grab bedeckt, begraben liegt. Und wenn ich da stehe, dann meine ich manchmal ihre Stimme zu hören, mit dem leichten flämischen Akzent, wie sie von Surinam und Casablanca erzählt. Ich bilde mir das natürlich nur ein, aber ich schließe dann die Augen und verharre in dieser Einbildung, weil ich sonst die Bilder nicht aus meinem Kopf bekomme, in welchen unwürdigen Verhältnissen die Frau ihre letzten Monate zugebracht hatte.

PDF erzeugen
Peter Wilhelm 12. Juni 2013


26 Kommentare von 141343.

  1. Kein Geld, keine Zeit, zuwenig Pflegepersonal…immer diesselbe alte Leier!
    Sowas kotz mich sowas von an. KEINER möcht unter solchen Umständen aus dem Leben gehen. Und in wievielen Pflege/Alterheimen geht es so zu und her? Traurig..

  2. Und ich bin nicht erschüttert. Mit meinem an Demenz erkrankten Vater wurde ebenso umgegangen, obwohl wir ihn in den vier Jahren Siechtum – ein Leben ist das nicht mehr – täglich besucht haben. Immer wieder fanden wir Dinge notiert, die sicher nicht erledigt wurden. Beschwerden bei der Heimleitung? Ohne Erfolg. Beschwerden bei der zuständigen Stelle? Das hat lediglich lange vorher angekündigte Kontrollen nach sich gezogen. In zwei Jahren ist mein Vater „dank“ der Ernährung durch das Heim von 112 auf am Schluss nur noch 58 kg abgemagert. Trotz einer zusätzlichen Ernährung mittels einer Magensonde für die Flüssigkeiten und täglichem Mitbringens von 1 – 2 Stücken Sahnekuchens. Am Ende haben wir die komplette Körperpflege übernommen, weil diese nur noch sporadisch stattfand. Rasiert wurde mit alten Klingen, was ein total zerschnittenes Gesicht und Entzündungen der langwierigen Art nach sich zogen. Ach ja, das Altenheim hatte eine Bewertung von 1,3 erhalten. Und wer denkt, dies ist ein Einzelfall – nein, seine letzten Monate hat er in einem anderen Heim verbracht, welches ebenso verfahren ist. Bis man auch dort gemerkt hat, dass wir uns durchaus auch wehren und die Dinge fordern, die im Leistungskatalog monatlich mit immerhin 3.800 Euro abgerechnet werden. Ich hoffe, dass ich niemals ein Seniorenheim in Anspruch nehmen muss, vorher einfach umkippe – oder die Kraft habe, meinem Leben ein Ende zu setzen. Die derzeitigen Umstände in den Heimen aufgrund des immens gestiegenen Aufkommens von Demenzkranken hat etwas von Massentierhaltung.

    • Das Traurige ist, dass die Zeit, die dann für den Großvater mehr aufgewendet wurde, bei anderen Patienten abgezwackt wurde, die dann noch schlechter versorgt werden. Ich habe das im Krankenhaus erlebt, wo sich meine Oma nach einer Hüft-OP einen Decubitus der übelsten Sorte gelegen hat, weil sie nicht gelagert wurde. Bei einen wochenendlichen Besetzung von einer Schwester und einer Lernschwester auf der sogenannten Geriatriestation auch kein Wunder. Selbst wenn sie wollen, ihnen fehlt schlicht die Zeit. Es endete mit einer saftigen Schmerzensgeldzahlung des Krankenhauses und zum Glück mit meiner fast wieder komplett genesenen Oma, aber viele andere, die z.B. keine Familie haben, die so dahinter her ist wie meine, wären wahrscheinlich gestorben.

  3. Von mir mal noch einen Lesehinweis:
    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/40011/1/1

    Wenn darüber berichtet wird, beklagen es zwar immer einige Leute, aber so richtig intensiv hakt niemand nach, geschweige denn, dass eine größere Aktion, seien es Demonstrationen, Petitionen etc. in Angriff genommen würden.
    Die Betroffenen können nicht und die Angehörigen investieren ihre ganze verbliebene Kraft in die Linderung der Umstände.
    Aber was ist mit den anderen Leuten, denen die jetzt eigentlich noch die Kraft und Zeit hätten etwas zu erkämpfen.

    Nein, es ist wichtiger große Diskussionen über eine Tempolimitäußerung [gern hier anderes Beispiel einsetzen] unseres sogenannten Kanzlerkandidten zu führen, von den anderen Unsäglichkeiten der derzeitigen Regierungstruppe ganz zu schweigen.

    Die Zustände in den Heimen scheinen mehr oder weniger stillschweigend gesellschaftlich akzeptiert zu sein, genauso wie z.B. täglich 10 Verkehrstote eben ein Tribut an unsere heutige Lebensart sind.

    • Vielleicht wäre auch schon geholfen, wenn nicht jeder Handgriff dokumentiert werden müsste. Lt. der Heimleitung fallen 2 von 5 Pflegern je Schicht aus, weil diese (rein rechnerisch) mit der Aufzeichnung zu tun haben. Ein weiteres Problem ist auch, dass den Angehörigen die Hände in der Regel eng gebunden sind. Selbst wenn eine Beschwerde eingereicht wird – wie in unserem Fall bei meiner Oma getan – muss die betroffene Person, solange nicht unter Betreuung, auch einer Beschwerde zustimmen. O-Ton meine Oma: „Ich will das nicht, ich muss ja hier leben, nicht ihr. Ich will keinen Ärger…“

      Und solange die kontrollierenden Stellen nach Anmeldung kommen (wie schön sauber war das Heim zu dieser Zeit, und so viel Personal, welches man vorher kaum zu Gesicht bekam….), entsteht auch kein Druck.

  4. Ich habe vor kurzem das Buch „Satt und sauber?: Eine Altenpflegerin kämpft gegen den Pflegenotstand“ von Brigitte Heinisch gelesen,war schon starker Tobak was die Frau als Altenpflegerin so erlebte aber auch bemerkenswert mit welcher Courage sie gegen diese Zustände an ihrem Arbeitplatz gekämpft hat.Näheres kann man dort erlesen:

    http://www.whistleblower-net.de/whistleblowing/fall-beispiele-fur-whistleblowing/ausstellung/ausstellung-brigitte-heinisch/

    Ich für meinen Teil hoffe das ich noch genügend Kraft,Mumm und Grips besitze meinem Leben ein Ende zu setzen wenn man mich in solch eine Einrichtung abschieben will.

  5. Sollte mein Schwiegervater irgendwann ein Pflegefall werden, kommt er nicht in ein Heim. Ich kann ihn absolut nicht leiden, er ist ein Ekel. Aber sowas hat selbst er nicht verdient. Dann mache ich es lieber selbst. Jeder soll in Würde sterben dürfen.

  6. in die (kranken und alten)pflege muss einfach viel mehr investiert werden. ich war einen monat auf ner allg. chirurgie als praktikant und selbst ich war nur am rennen, und ich durfte ja nicht so viel wie die schwestern. was man da teilweise erlebt ist auch nicht schoen.. ich hab zwar versucht, immer mal nach den leuten zu gucken, die sich nicht mehr melden koennen, aber wie soll man das machen, wenns gleichzeitig noch in 3 anderen zimmern klingelt und man der einizge ist, der ueberhaupt gelegenheit hat, da hin zu gehen? da fehlt es einfach an personal. und da muss die politik greifen und einschreiten.

  7. Da kann ich ja froh sein, dass mein Vater seine letzten 3 Jahre in einem wirklich guten Pflegeheim an der Mosel zugebracht hat. Das Personal war sehr fürsorglich und auch das Essen schmeckte meinem Vater jeden Tag. Einige sind sogar zu seinem Begräbnis gekommen.

  8. Genau das ist das Problem. Wenn es die eigenen Eltern oder Großeltern betrifft, dann ist der Jammer groß. Das böse Pflegepersonal, die noch bösere Heimleitung etc. Wenn man aber dann nicht mehr hin muss, weil der Verwandte das zeitliche gesegnet hat. Dann wird nur noch erzählt, wie schlimm es war und das man da keinen mehr hinschicken darf.
    Aber das Personal, welches oftmals nichts dafür kann muss bleiben und darf so weiter schuften. Denn es setzt sich keiner ernsthaft dafür ein. Immer nur so lange wie es einen betrifft.
    Das Personal muss eine Leistung erbringen für ein Entgeld, wo manche nicht mal den kl. Finger für rühren würden. Dazu müssen Sie zur Zeit noch ihre Ausbildung selber bezahlen. Aber auch, dass keiner diesen Job machen möchte, wegen harter Arbeit, Wochenenddienste und Feiertagsarbeit plus schlechtes Gehalt müssen sie eine erheblich Menge Mehrarbeit leisten, die meistens dann mit Freizeit und nicht mit Geld abgedeckt wird. Nur weiß mancheiner nicht wann er das nehmen soll, da ja keiner zum Arbeiten da ist.
    Das soll weißgott keine Entschuldigung sein für den geschilderten Fall, aber vielleicht die Augen dafür öffnen, dass nicht immer alles gleich geht, was man gerne hätte.

    • Ich sage es ganz ehrlich: Für die Bedingungen die im Heim meiner Freundin auf dem Personal lasten und dem lächerlichen Gehalt, dass sie bekommt, würde ich mich weigern zu arbeiten!

      Da muß ein Ruck durch die Gesellschaft gehen und die Parteien deutlich mehr soziales Profil beweisen. Dass die Pflegekräfte in kirchlichen Einrichtungen jetzt das Streikrecht haben bringt nicht viel wenn niemand die Zeit hat um für ihre Interessen ein zu stehen. Weil: Einfach mal streiken und den Betrieb ruhen lassen geht ja wirklich nicht, da geht’s um Menschenleben.
      Also muß der Anstoß dazu aus der übrigen Gesellschaft kommen, von Parteien und Privatleuten die mit der Hand auf den Tisch hauen.

  9. Ja,
    Altenpflege ist – und bleibt wohl auch noch – ein schwieriges Thema. Wenn man sieht, was die Mitarbeiter körperlich leisten und finanziell verdienen, steht das in keiner Relation. Zumal das Ganze sicherlich auch psychisch noch anstrengend ist.

    Und ja, es gibt zu wenig Personal. Oben stehen einige Gründe, warum das so ist. Ändern wird sich nur etwas, wenn dafür *wesentlich* mehr Geld durch die Regierung bzw. den Krankenkassen zur Verfügung gestellt wird. Wenn sich die Einstellung der Mitarbeiter ändert. Wenn es mehr, eine ausreichende Anzahl, Mitarbeiter gibt. Und gut qualifizierte dazu.

    Es muß sich ne Menge ändern. Ich bezweifle, dass es das wird. Leider.

  10. Was hab ich davor für ne Angst.
    Ich hoffe auch nur inständig, daß ich noch die Zeit, Kraft und den Mut habe meinem Leben zeitig ein Ende zu setzen.
    Es wird allerhöchste Zeit in Deutschland die Debatte um Sterbehilfe wieder loszutreten.

  11. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

    Warum nur klingt das jetzt wie ein Schlag in die Magengrube oder eine eiskalte Dusche?

    Danke Tom für die Geschichte.

  12. Ich frage mich manchmal wirklich, wo das viele Geld hinfliest?

    Mein Vater ist Pflegestufe 3. Das Heim kostet keine 3.800 Euro im MOnat.
    Klar, es ist keine Seniorenresidenz, aber es geht im gut!

    Es sind auch am WE ausreichend Betreuer/Pfleger/… da.

    Warum geht da sfür da sGeld nicht überall so?

    • Wo das Geld hinfließt? Zu dem/den Manager bis runter zur Pflegedienstleitung immer ein bisschen weniger und dann wars das. Die die wirklich die Arbeit leisten und alles Menschenmögliche tun wollen, sehen davon, wenn überhaupt, den Mindestlohn. Und wir sind diejenigen die später im Rollstuhl im Pflegeheim landen weil wir unseren Rücken und die Gelenke Kaputt gearbeitet haben. Nicht die die das Geld bekommen haben, die können sich was besseres leisten. Aber fairer weise muss ich sagen, das die Pflegeartikel wirklich verdammt teuer sind. Und da haben wir die Krankenkassen die Banditen. Jetzt hör ich auf sonst steigt mein Blutdruck wieder.

  13. Trotz allem gibt es Heime in denen es nicht so ist, und damit meine ich keine Privaten Residenzen sondern Heime in denen die Mitarbeiter engagiert sind, im Rahmen des erlaubten. Doch ist es auch so, das der der die hartnäckigsten Angehörige/Betreuer/Freunde hat die bessere Pflege bekommt und die Mehrzeit die dafür benötigt ist von dort genommen wird wo es die Angehörigen nicht sind. Pflege ist eine Mischung aus Fließbandarbeit und dem Versuch Menschlich zu bleiben. Und trotzdem habe ich es gern gemacht. Davon mal abgesehen ließt es sich so das die Geschichte schon länger zurück liegt. Es gibt immer noch sehr viele – zu viele – Missstände, aber es wurde auch ein bisschen besser. Den Notstand in der Pflege wird es immer geben. Aber von 10 Heimen die ich Dienstlich sehe, finde ich im Schnitt max. eins als Unzumutbar, eins als Verbesserungswürdig, 7 ganz ok und eins wo ich selbst gern versorgt werden würde. In den Medien kommen nämlich immer nur die Schwarzen Schafe, von den durchschnittlich guten wird nie Berichtet, dann erst wieder von den Hotelheimen (nenne ich sie mal)die kein normaler Mensch bei der AOK sich leisten kann.

  14. Und dann gibt es ja auch noch die finanzielle Diskrepanz zwischen den einzelnen Bundesländern. Meine Mutter ist an Demenz erkrankt und inzwischen seit rund 5 Jahren pflegebedürftig (Pflegestufe 2, erstritten über das Sozialgericht, aber das ist ein anderes Thema).

    In NRW wäre der Eigenanteil rund 1.000,00 € bis sogar 1.500 € höher ausgefallen als in Niedersachsen. Da nehme ich gerne 30 Minuten Fahrtzeit mehr in Kauf…

    Das ist übrigens das zweite Pflegeheim, in dem meine Mutter untergebracht ist. Die Probleme in der ersten Einrichtung sind mir allerdings erst richtig bewusst geworden, seitdem meine Mutter in der zweiten Einrichtung lebt (1. Einrichtung privater Träger, 2. Einrichtung Kirchenträger). Hier ist alles ganz anders, besonders positiv fällt auf, wie liebevoll mit den Bewohnern umgegangen wird. Das Personal wurde auch erst kürzlich um 3 weitere Vollzeitkräfte aufgestockt. Wir haben also Glück gehabt.

  15. Und trotzdem wagt es dieses widerliche frömmelnde Pack, von der Würde des Sterbens zu sprechen und sich mit aller Macht dagegen zu stemmen, aktive Sterbehilfe zuzulassen.

  16. ich lieg momentan im krankenhaus mit gebrochenem oberarm, d. h. am tag der op und am 1. tag danach konnte ich absolut nichts selbst machen. man merkt zwar an kleinigkeiten, dass auch hier ujterbesetzung herrscht, aber sie machen ihren job trotz aller widrigkeiten sehr gewissenhaft, mit sehr viel geduld, haben immer ein lächeln auf den lippen und noch die nerven für einen kleinen plausch während sie das bett machen, den verband wechseln etc. hut ab und mein größter respekt für diese leistung…

  17. Ich kann nur sagen Rotfuchsfelis hat absolut Recht!

    Meine Freundin ist Altenpflegerin in Baden-Würtemberg und mir reicht es schon zu sehen wie viele Überstunden in diesem Heim JEDE EINZELNE Pflegerin hat! Da hat keine weniger als 100 Überstunden, die sie weder ausbezahlt bekommen noch abfeiern können weil: „Wenn ich nicht zur Arbeit gehe ist keine examinierte Kraft da um sich um die alten Leute zu kümmern.“

    Wir haben schon ein ums andere Mal einen kleinen Krach bekommen weil sie den Arbeitsplan am Monatsanfang bekommen hat und wir danach geplant haben und dann mußte sie doch an unserem einzigen Wochenende wo wir gemeinsam frei hätten ins Heim weil sie immer bereit ist ein zu springen wenn wo jemand fehlt. Die Pflege mag nicht immer perfekt sein, aber es liegt wirklich nicht am Willen der Pflegekräfte sondern daran dass nicht genug Geld/Personal da ist.

    Und der Heimleitung kann ich auch nicht wirklich böse sein. Die hat lang und breit erklärt, dass sie gerne mehr Personal einstellen würden, aber die Kassen halt ein festes Verhältnis Personal zu Patienten vorgeben. Wenn dann zwei Pflegekräfte ausfallen weil eine ein Bein gebrochen hat und die andere eine fiese Infektion hat… dann muß der Rest Überstunden en Masse schieben und sich oft total überarbeitet und vom Stress zerrüttet um die Leute kümmern, da passieren dann eben Fehler.

    Was die Kirche angeht: Die Caritas zahlt dem Heim exakt die Kosten für die kleine Kapelle im Heim. Mehr nicht. Dafür darf man aber über die Arbeitsrechte der Pflegekräfte verfügen und Leute kündigen weil die geschieden waren und wieder geheiratet haben oder rausgekommen ist, dass eine der Pflegerinnen mit ihrer Partnerin zusammenlebt. Machen sie aber meistens nicht, weil es eh schon zu wenig Pflegekräfte gibt.

    Für mich stellt sich das ganze als klarer Systemfehler dar, es ist einfach nicht genug Geld vorhanden (oder wird von den Kassen bereitgestellt) um im ausreichenden Maße Pflegekräfte ein zu stellen. Ob das an der demografischen Entwicklung oder an der mangelnden Bereitschaft der arbeitenden Bevölkerung auch größere Summen in die allgemeinen Pflegekassen ein zu bezahlen anstatt in eine private Vorsorge oder an beidem müßten klügere Leute als ich beantworten. Aber meine Meinung dazu ist dass es ein UNDING ist dass bestimmte Berufsgruppen nicht in die allgemeinen Kassen mit einzahlen und dass Schwarzgelb der privaten Vorsorge den Vorzug vor einer gesamtstaatlichen Vorsorge gegeben haben. Aber ich schweife ab.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Nutzungsbedingungen | Trollhilfe | Kommentar fehlt? | So gehen Abstände! | Smileys