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In der Frauenbuchhandlung

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Da schreibt neulich einer der Kommentatoren, ich würde zu viele Doppelnamen verwenden. Das stimmt und ich tue das mit Absicht.
Einerseits finde ich Doppelnamen sehr lustig, zum anderen läßt sich damit ganz hervorragend spielen.
Natürlich haben nicht alle Leute, die ich nacherzählenderweise mit Doppelnamen versehe, tatsächlich einen solchen getragen. Aber man möchte es fast nicht glauben, bei wie vielen das doch wirklich der Fall war.

Im Übrigen hat meine Tochter immerhin fünf Lehrerinnen, die solche Doppelnamen tragen und mein Sohn, der jetzt vor einigen Monaten eine Berufsausbildung begonnen hat, hat in seiner Abteilung, die aus sechs Damen und fünf Herren besteht, sechs Damen mit Doppelnamen.

Es ist also nicht nur das Spiel mit dem Klischee, sondern die vorführende Ausschlachtung der Realität.
So kommt es auch, daß in der folgenden Geschichte, die ich schon vor längerer Zeit mal schrieb, die Hauptdarstellerin nicht nur einen Doppel-Doppelnamen von mir bekommt, sondern tatsächlich einen solchen trug und eigentlich auch gar keinen anderen haben darf:

Ich soll einen Leseabend machen. Naja. Wie es sich für einen jugendlich wirkenden Schreiberling gehört, bin ich eher menschenscheu. Mein Literatur-Agent hat viel Verständnis für meine ablehnende Haltung und sagt: „Sie gehen da hin!“ Es ist doch lieb von ihm, dass er mich so nett bittet.

Ich habe schon sehr viele Leseabende gemacht, vielleicht drei, vier oder fünf. Da sitzen dann freundliche Menschen in einer Buchhandlung oder dem Saal eines Literaturvereins und ich sitze vorne an einem kleinen Tischlein. Aus einem meiner Bücher lese ich dann ein paar der komischsten Stellen vor und beantworte dann eine halbe Stunde lang die Fragen der Zuhörer. „Gibt es Sandy und Antonia wirklich?“, „Schreiben sie tagsüber oder nachts?“, „Brauchen sie Ruhe zum Schreiben?“, „Sind sie Links‑ oder Rechtshänder?“

Danach bringen die Leute mir Bücher, in die ich meinen Namen schreibe. Insgesamt dauert das anderthalb Stunden und bislang hat mir noch nie jemand etwas getan. Ich mache es trotzdem nicht gerne.

Deshalb habe ich auch keine Lust diese Lesung zu machen und bin ziemlich missmutig, als ich mich auf den Weg zum Veranstaltungsort mache. Es ist eine große Buchhandlung in einer Großstadt irgendwo in Rheinland-Pfalz. Der einzige Lichtblick ist das kleine Elektronikgeschäft neben dem Buchladen, in dem mich ein singender Taschenrechner und ein Papagei aus Plüsch mit LED-Augen zwingen, sie zu kaufen. Am liebsten hätte ich beides gleich ausprobiert, aber dafür reicht die Zeit nicht mehr.

Ich komme noch gerade so rechtzeitig in die Buchhandlung. Es ist eine Buchhandlung, die auf Frauenthemen spezialisiert ist. Macht ja nix, Frauen sind schließlich auch Menschen und wenn sie lesen können, warum sollen sie dann nicht auch meine Bücher lesen, denke ich.

Vorne steht wieder so ein kleines Tischlein und das obligatorische Glas Wasser. Na toll! Warum glaubt eigentlich jeder, ich wäre wild auf kaltes Wasser? Bin ich eine Kuh? Viel lieber hätte ich eine Tasse Kaffee. Wenn es schon ein Glas sein muss, dann hätten sie wenigstens Wodka rein tun können oder Martini, oder noch besser beides.

Insgesamt sind etwa zwei Dutzend Frauen jeden Alters gekommen und sie klatschen etwas zurückhaltend, als ich mich an das Tischlein setze und mein neuestes Buch vor mich hinlege.

Die Inhaberin der Buchhandlung, die sich mir als Frau Christiane-Roswitha Bernstetter-Pillermann vorgestellt hat, begrüßt langatmig die Anwesenden und das gibt mir die Zeit, wenigstens einen kleinen Blick in die Gebrauchsanweisung meines singenden Taschenrechners zu werfen. Sie ist ganz miserabel aus dem Koreanischen ins Deutsche übersetzt. Während ich über die Bedeutung des Wortes „Knopfeldruckel“ nachdenke, höre ich mit einem Ohr, wie Frau Bernstetter-Pillermann sagt: „…begrüßen wir Sie bei uns in der Buchhandlung ‚Loseblatt’!“

Ich hole tief Luft und begrüße die Frauen freundlich, dann schlage ich mein Buch auf und lese ein besonders witziges Kapitel vor. Beim letzten Mal haben die Leute vor Lachen beinahe unter sich gemacht und an besonders gelungenen Stellen bekam ich Zwischenapplaus. Dieses Mal ist das anders! Als ich über meine Lesebrille hinweg ins spärlich beleuchtete, weibliche Publikum blicke, sehe ich, dass die meisten der Frauen mit geschürzten Lippen und verschränkten Armen ziemlich gereizt in meine Richtung schauen.

Vielleicht war die Geschichte, die ich ausgewählt habe, doch nicht die richtige. Aber ich habe da noch eine, die besonders lustig ist. Sie ist noch gar nicht erschienen und handelt von der Schwerhörigkeit meines Schwiegervaters. Über die hat sogar meine Schwiegermutter Tränen gelacht! (Der Schwiegervater hat sie nicht verstanden.)

Doch auch die Geschichte kommt nicht an. Peinlich berührt bedankt sich Frau Bernstetter-Pillermann für meinen Vortrag und bittet die anwesenden Hyänen, mir nun ein paar Fragen zu stellen.

Eine etwa 30-jährige in Norwegerpulli und nackten Füßen in Jesus-Latschen macht den Anfang: „Wie erklären sie sich die Tatsache, dass sie mit frauenfeindlichen Äußerungen Geld verdienen?“

„Meine Geschichten sind keineswegs frauenfeindlich, im Gegenteil, ich liebe die Frauen.“

„Findet ihre Frau das auch?“, fragt eine Grauhaarige mit Hornbrille.

„Ja, meine Frau und ich führen eine gute Ehe.“

„Finden sie es korrekt, ihre Frau in eine Ehe zu pressen und finanziell auszubeuten?“

„Ich beute meine Frau nicht aus, ich schreibe nur Geschichten über sie.“

„Wie viel zahlen sie ihr denn dafür, dass sie dermaßen ausbeuten?“

„Nichts, wir sind doch verheiratet!“

Die Meute vor mir schnaubt und einige Frauen schütteln den Kopf. Ich lese aus ihren Gesichtern, dass sie mich nicht mögen und schlagartig wird mir klar, dass die nicht gekommen sind, um sich ein Buch signieren zu lassen, sondern um mich stellvertretend für alle Männer, die ihnen jemals Böses angetan haben, zu schlachten.

Eine der Frauen fragt mich: „Haben sie überhaupt schon mal was geschrieben, was nicht gegen uns Frauen geht?“

„Ja sicher!“

„Ach? Was denn?“

„Ich schreibe eigentlich ständig irgendwas, was nichts mit Frauen zu tun hat. Die Geschichte von eben zum Beispiel, die ging um meinen Schwiegervater.“

„Und ihnen ist natürlich nicht bewusst, dass sie ihren Schwiegervater überhaupt nur wegen ihrer Frau haben?“

„Doch schon!“

„Haben sie schon mal Lyrik verfasst?“, will eine andere wissen.

Eben will ich verneinen, denn für einen besonders begnadeten Lyriker halte ich mich weiß Gott nicht, da fällt mein Blick auf die Bedienungsanleitung meines neuen singenden Taschenrechners.

Ich überlege kurz und dann… Was soll’s? Ich stelle den Papagei mit den leuchtenden Augen auf das Tischlein und drücke seinen rechten Flügel. Daraufhin wiegt er sich in den Hüften und macht rhythmisch den Schnabel auf und zu. Dazu beginne ich langsam, mit sonorer Stimme vorzutragen:

„Drucke Knopfedruckel!

Zirbel Kastentaste,

legen Zahl auf Stimme.

Datum eine bringen

Stimme klingen

Nehme Batterie

des Glaubens Strom.

Stecke Zirbeltaste

Rückwärtig ablesen.“

Nach diesen Zeilen lehne ich mich zurück und schaue wieder über die Lesebrille in die Runde. Zunächst herrscht atemloses Schweigen, dann brandet, nicht enden wollender, Applaus auf und die Frauen sind entzückt! Eine wirft mir ihren selbst gehäkelten Slip nach vorne, eine andere ruft: „Ich will ein Kind von dir!“

„Das ist wahre Kunst!“

„Lyrik!“, schreit eine andere.

Frau Bernstetter-Pillermann hat Mühe, die tobende Menge zu beruhigen. Als es endlich leiser wird, sagt sie: „Das waren wohl die schönsten Zeilen, die je in deutscher Sprache geschrieben wurden. Einem Künstler der die Gefühle einer Frau in so wohlklingende Worte fassen kann, verzeihen wir gerne auch einmal, wenn er seine Frau in ausbeuterischer Absicht beschreibt.“

Man sieht, die beste deutsche Lyrik wird heute auch schon in Korea geschrieben. Die haben uns was voraus, die Koreaner, ehrlich!

SATIRE 2006

Peter Wilhelm 8. Juni 2012


22 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ähem…ja, ne, is klar! In deiner Haut hätte ich nicht stecken wollen, als du da vor diesem Alice-Schwarzer-Kongress gesessen hast. Argh >< selbst ich als emanzipierte Frau (mein Mann macht den Haushalt und Ich repariere die Autos fremder Leute, wir machen also Rollentausch!) hätte mich da nicht zwische getraut...ausser, um als Einzige da in dem Pulk Beifall zu klatschen. Und wären sie wie die Hyänen über mich hergefallen, wäre es mir das trotzdem wert gewesen *g* Komm mal nach Wilhelmshaven zum Vorlesen, dann bekommst du erst einen Kaffee... und danach noch direkt nen Wodka-Martini... versprochen!

  2. Ich komme ja fast überall hin, nur muß das eben entsprechend vorbereitet sein.
    Es kommen ja viele Anfragen nach dem Motto: Kommen Sie und zahlen Sie selbst! 😉

  3. Ich bin ja immer noch der Meinung, dass diese Art „Emanzipierung“ nur stattfindet, weil die werten Dame, äh Frauen das Patriarchat und ein Matriarchat ersetzen wollen. Um irgendwelche Gleichberechtigung gehts denen eher nicht.

    *g*
    Tom? Fahr besser nicht nach Solingen, solltest du noch mal so ein Publikum erwischen, sitzen die direkt an der Schlachterquelle 😉

  4. Oh, keine Sorge, wir sind ganz friedlich. In Solingen kenne ich keine „Frauenbuchhandlung“, hier gibt es noch echte Männer und Betriebe in denen es noch nicht einmal ein Frauenklo gibt… 😉

  5. [quote=“Undertaker TOM“]Ich komme ja fast überall hin, nur muß das eben entsprechend vorbereitet sein.
    Es kommen ja viele Anfragen nach dem Motto: Kommen Sie und zahlen Sie selbst![/quote]

    Oh, und wenn Sie schonmal dabei sind, bringen sie doch bitte noch Orangensaft, ein paar Flaschen Sekt und etwa 30 belegte Brötchen mit. *g*

    Frag doch vor der nächsten Lesung in einer Alice-Schwarzer-Gedächtnisbuchhandlung nach einem Schwedischen Kaffee 😉

  6. Den Anfang hab ich erst noch geglaubt. Dass es Frauen gibt, die Deine Beiträge nicht lustig finden. Aber der Schluss ist doch sehr „eigen“. Den glaube ich Dir nicht. Sorry.

  7. Ach du lieber Himmel.

    Ich bin der Letzte, der etwas gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau hat. Aber solche Kampfemanzen, die am liebsten alle Männer ausrotten wollen, sind grausam.

    Das Tolle an denen ist ja, dass manche es nicht schaffen, von 12 bis Mittag zu denken. Wenn es keine Männer gäbe, hätte die weibliche Elite, die dann das Zepter übernimmt, sehr bald ein Problem…

    Immerhin war aber deine Leidenschaft für blinkendes und piepsendes Zeug mal zu etwas nütze. Wobei ich auf den selbst gehäkelten Slip dankend verzichtet hätte 😉

  8. Eigentlich kaufen doch nur seltsame Frauen vor der Ovulation singende Taschenrechner und Papageien aus Plüsch?! :-O

    p.s. die echten Emanzen behalten ihren Namen. 😛

  9. Es ist Montagmorgen, 0800.
    Das Büro schweigt. Nur ich, hinter meinem Monitor versteckt, muss mich zurückhalten nicht loszulachen und mich einzunässen.

    Ein schöner Start in den Tag, danke dafür.

  10. Krawehl, Krawehl!
    Taubtrüber Ginst am Musenhain.
    Trübtauber Hain am Musenginst.
    Krawehl, Krawehl!

  11. lieber Tom, kann es sein, dass Du eine gewisse sarkastische Ader hast? 😉
    Aber in diesem Artikel hast Du wieder mal alle Register gezogen: Chapeau!
    Danke, lieber Tom!
    Eines ist mir aufgefallen:
    sogar das angsprochene Bundesland hat einen Doppelnamen:-D

  12. Oh zerfrettelter Grunzwanzling
    dein Harngedränge ist für mich
    Wie Schnatterfleck auf Bienenstich.
    Grupp, ich beschwöre dich
    mein punzig Turteldrom.

    Und drängel reifig mich mit krinklen Bindelwördeln
    Denn sonst werd ich dich rändern in deine Gobberwarzen
    Mit meinem Börgelkranze, wart’s nur ab!

  13. Tom, würdest Du den Artikel auch als Podcast veröffentlichen?
    Mich würd einfach zu sehr interessieren, wie Du das Gedicht mit sonorer Stimme vorträgst! 😉

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