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Die Burg

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Sandy hat samstags frei, meistens zumindest. Ich weiß das sehr gut, wie sich Angestellte fühlen und wie wichtig für sie ihre Freizeit ist. Hinzu kommt ja noch, daß es in einem Bestattungsinstitut immer auch Zeiten gibt, da sind mitten in der Nacht zwei oder drei Leute noch mit einem Sterbefall beschäftigt und oft genug fallen die freien Tage und Wochenenden ins Wasser.
Dafür gibt es dann auch wieder Zeiten, da ist schlichtweg gar nichts zu tun. Frau Büser deutet das gerne mit einem Satz an, der so geht: „Chef, alle Messgewänder sind gebügelt, alle Kelche sind poliert, jetzt ist’s Zeit für den Messwein.“

Damit will die gute Seele unseres Büros keinesfalls den Verzehr alkoholischer Getränke einleiten, sondern andeuten, daß man nun mal wieder etwas Wiedergutmachung betreiben könnte. Ja und das machen wir dann auch; die Mitarbeiter können dann mal eine ganze Woche lang mittags schon nach Hause gehen oder einige von ihnen bekommen einen oder mehrere Tage extra frei.

Hinter vorgehaltener Hand, nur daß ich es ja nicht höre, wiewohl ich es natürlich ganz genau weiß, sagt Frau Büser zu den anderen: „Besser ist das! Wenn der Chef uns nämlich untätig herumsitzen sieht, fallen dem wieder tausend Sachen ein, die man auch noch machen könnte.“

Ich dulde diese ungeheure Unterstellung, denn wenn ich ehrlich bin, dann hat sie Recht. Ich neige dann dazu, neue Faltblätter oder Formulare zu entwerfen und meine Damen mit Kopier-, Schneide- und Faltarbeiten zu beschäftigen.
Ich meine, irgendwie muß man die Leute ja beschäftigen, ich bezahle ja nicht für das Herumsitzen, auf der anderen Seite ist es aber wirklich so, daß irgendwann alle Löcher der Steckdosen geputzt und alle Briefumschläge sortiert sind…
So ist das eben im Bestattungsgewerbe, mal sterben sie wie die Fliegen, mal passiert tagelang gar nichts.
Na klar, das ist bei den großen Bestattungshäusern in den großen Städten wie München, Berlin und Hamburg anders, aber so ein ganz ordentlich beschäftigter Durchschnittsbestatter der irgendwas zwischen 300 und 600 Bestattungen im Jahr macht, der ist schon sehr gut etabliert und situiert und hat dann ja jeden Tag einen oder zwei Sterbefälle.
Nur kommen die eben nicht kontinuierlich, das wäre schön, ist aber nicht so. Da kommt dann manchmal eine Woche gar niemand und dann hat man sechs Kunden an einem Tag.
Ich sag’s ja immer wieder: Am Liebsten würde ich draußen so einen Nummernautomat aufstellen und jeder müsste sich eine Nummer ziehen und wir rufen, je nach Kapazität, laufend die Nummern auf und dann sterben die und wir holen sie. So ein ganz kleines bißchen Ordnung sollte da doch hinein zu bekommen sein.

Jetzt ist mal wieder so eine Woche, da kamen jeden Tag so viele Leute mit neuen Sterbefällen, daß meine Leute so richtig viel zu tun hatten und auch am Wochenende reißt das nicht ab. Am späten Freitagabend war Sandy noch bei einer Familie und hat diese daheim in der Küche beraten. Das muss so zwei Stunden gedauert haben und trotzdem konnten sich die Leute für keinen Sarg entscheiden und waren sich dann am Ende, obwohl alles zig-mal durchgesprochen worden war, auf einmal wieder uneinig darüber, ob es überhaupt eine Feuerbestattung werden soll.
Also gut, sollen die Leute nochmal drüber schlafen, sich in der Familie noch ein bißchen beraten, der Opa, um den es geht, dem ist es erstens sowieso egal und der ist zweitens am nächsten Tag auch noch tot.
Sandy hat sich also nach dem nächtlichen Einsatz erst wieder ins Büro begeben, in dem Anbau der alten Burg, in der sie seit drei Monaten wohnt, gibt es keinen Internetanschluss und dummerweise ist dort auch der Handyempfang sehr miserabel, mal geht es wunderbar, mal gar nicht.

Sandy hat, vielleicht sollte ich das noch erzählen, auf einer Vernissage einen Architekten kennengelernt, der sie aufgrund ihrer unkonventionellen Art gleich ins Herz geschlossen hatte. Offenbar gibt es sie tatsächlich, diese Männer in mittleren Jahren, die so etwas sind wie ein väterlicher Freund. Jedenfalls beteuert Sandy, und mir erzählt sie immer alles, denn ich bin für sie ja bekanntermaßen Papa, Chef, ungenutztes Lustobjekt und Freund in einem, daß mit „dem Typen nix gelaufen ist und der nix von ihr will.“
Ihren Erzählungen entnehme ich, daß der durchaus begüterte Herr Gefallen daran findet, Sandy zu kulturellen Veranstaltungen mitzunehmen und dort mit dieser kettenrasselnden Punklady zu glänzen.
Sandy hat gerade wieder eine schwarze Phase und es ist mir unmöglich, genau einzuordnen, ob das nun Gothic, Grunge oder Emo ist. Viel wahrscheinlicher ist es, daß das überhaupt kein bekannter Stil ist, sondern daß die Amerikanern eher selbst eine der Trendsetterinnen ist und jeweils einen ganz eigenen und neuen Stil kreiert.

Nur einige Wochen dauerte die Bekanntschaft zwischen Sandy und dem Architekten, dann meldete der sich für immerhin drei Jahre nach China ab, wo er ein Einkaufszentrum und einen Technologiepark bauen wird.
Zuvor jedoch hatte er Sandy die Burg gezeigt.
Diese Burg hatte der Architekt vor etwa fünfzehn Jahren für einen symbolischen Kleinbetrag gekauft und ursprünglich wollte er in dem Gemäuer ein Schulungs- und Kongresszentrum eröffnen. Allerdings standen diesem Vorhaben erhebliche Bedenken der Denkmal- und Umweltschützer im Wege, sodaß der eigentlich geplante Umbau und Wiederaufbau des alten Burggemäuers nicht erfolgen konnte.
Zwei, drei Jahre hat sich das Hin und Her um Bauanträge und -genehmigungen hingezogen, dann hat der Architekt das Vorhaben endgültig aufgegeben. Allerdings war in dieser Zeit hinten an der Burg, direkt als Anbau an das große Wirtschaftsgebäude aus Fachwerk, ein Wohngebäude entstanden, das nun seit dieser Zeit leer stand.

Und weil man weiß, daß leer stehende Gebäude allmählich kaputt gehen und weil er das als Architekt ganz besonders gut weiß, kam ihm so jemand wie Sandy wie gerufen.
Sie muß die Heizkosten selbst tragen und den Strom bezahlen, ansonsten darf sie kostenfrei das etwa 150 Quadratmeter große Haus und die ganze Burg benutzen.

Nun besteht Sandy Hab und Gut aus mehreren Tonnen Klamotten, einem MacBook und einem MP3-Player. Noch zwei Kisten mit Büchern und CDs und schon nach geschätzten 570 Fahrten mit unserem Bestattungswagen war der Umzug vollbracht. Somit haben wir uns auch die Kosten für einen professionellen Umzug gespart. Ob wir letztendlich wirklich gespart haben weiß man nicht.
Sandy hat momentan nicht mal einen Fernseher und auch sonst genügt sie sich selbst, braucht wenig Drumherum um sich zu definieren und darzustellen und so haust sie in zwei schrecklich unaufgeräumten Zimmern mit leerem Kühlschrank und bisher jungfräulicher 30.000 Euro-Küche nun in einem Palast aus Glas und Edelstahl hoch über der Ebene auf dem einzigen Buckel in der Gegend und hat vorne dran noch die alte Burg.
Zweimal waren wir alle oben bei ihr, die Aussicht ist herrlich und ich wünschte, ich könnte so wohnen.
Von der Burg stehen noch der große Turm, die ganze Burgmauer und der Torbogen mit schwerem eichenen Falltor. Ein großes Haus steht ebenfalls noch komplett, dort gibt es viele Wirtschaftsräume und einen großen Saal, aber dort gibt es keinen Strom und keine Heizung. Das Dach ist vor Jahren neu gedeckt worden, um dem weiteren Verfall Einhalt zu gebieten, denn dieses Schicksal haben im Verlauf der Jahrhunderte alle anderen Gebäude des Komplexes erlitten.
Bis zum Kauf durch den Architekten war lediglich der Turm als Aussichtsturm von der Allgemeinheit genutzt worden, weshalb es eine gut ausgebaute Straße und einen riesigen Parkplatz gibt. Inzwischen ist alles durch eine Schranke gesichert und es kommen keine Leute mehr. Geblieben sind aus dieser Zeit der Nutzung eine Anlage mit ehemals öffentlichen Toiletten, Papierkörbe an jeder Ecke des Geländes, eine ausführliche Ausstattung mit Absperrungen, Geländern und Brüstungen aus feuerverzinktem Metall und ein Münzfernrohr sowie ein Fahnenmast auf dem Söller.
Am Fahnenmast hat Sandy eine Piratenflagge hochgezogen und gibt jedem ihrer Gäste, der auf den Söller steigen will, ein 50-Pfennig-Stück, denn das braucht man, um das Fernrohr dort oben in Betrieb nehmen zu können. Mit einer Flex hat sie den Münzkasten aufgeschlitzt, sodaß die Münze immer wieder herauskommt. „Bringt mir bloß den Fünfziger wieder mit! Ich hab‘ nur neues Geld“, sagt sie jedem.
So ist Sandy also Burgherrin geworden, wollte ich nur mal erzählen.
Die Leute, die im Dorf am Fuß des kleinen Berges wohnen, beäugen das langbeinige, schwarzhaarige Weib in den schwarzen Lack- und Lederklamotten mit abwartendem Argwohn. Es geht einerseits das Gerücht, dort oben würde ein Bordell eröffnet, andererseits heißt es, dort würden schwarze Messen gefeiert. Zumindest schalle oft dumpfe, Musik aus fremden Sphären durch die Nacht. „Irgendwann reitet die auf einem Besen durch die Nacht, ihr werdet es schon sehen“, soll der Wirt des „Bunten Krugs“ gesagt haben.
Aber bis jetzt sind weder reihenweise irgendwelche Freier oder Prostituierte auf die Burg gefahren, noch sind Kinder oder Ziegen mit drei Köpfen geboren worden und weil Sandy oft genug mit einem Bestattungswagen da hoch fährt, will man am Liebsten gar nicht so genau wissen, was da passiert.

Angefangen hatte ich diese Geschichte mit den Worten: Sandy hat samstags frei, meistens zumindest.
In den letzten Tagen sehe ich sie aber zu den ungewöhnlichsten Zeiten im Büro und da ich oben sehr viel zu tun habe, habe ich nicht so den Überblick, wann sie kommt und wann sie geht.
Doch jetzt ist mir aufgefallen, daß unten, hinten links hinter den Särgen ein Feldbett steht.

„Sandy, sag mal, schläfst Du da unten?“

„Mach ich doch öfters, daß weißt Du doch, Chef.“

„Ja klar, aber da liegt so ein Haufen Klamotten, das ist doch nicht für eine Nacht.“

„Ich komm nicht rauf, da ist so viel Schnee.“

Und dann erklärt sie mir, daß ab der Bundesstraße nur bis zum Dorf geräumt wird und die fast zwei Kilometer lange Zufahrtsstraße zur Burg, die sich einmal um den ganzen Berg herumzieht, so zugeschneit ist, daß Sandy schon seit vier Tagen gar keine Chance mehr hat, da rauf zu kommen.
Na ja, daß Sandy mal eine Nacht in einem Sarg pennt oder sich auf Mannis Feldbett legt, das ist ja nichts Ungewöhnliches, aber daß das jetzt eine ganze Weile so gehen soll, das geht nicht. Im Keller ist es zwar durch die Heizungsanlage immer leicht überschlagen, aber wirklich warm ist es da nicht, schon allein wegen des großen Rolltores, das ja nicht wirklich dicht und dämmend ist.
Außerdem ist es da unten recht laut, nicht ohrenbetäubend, aber es liegt immer das Brummen der Kühlaggregate in der Luft.
Also ist Sandy zu uns hochgezogen, unsere Tochter ist für einige Zeit bei der Oma und so kann Sandy im Kinderzimmer schlafen.

Das ist jetzt schon eine Weile her und ich bin heilfroh, daß wir mehrere Badezimmer haben…

…und ich bin froh, daß es getaut hat. Am Sonntag fährt sie wieder auf ihre Burg.
Ich könnte jetzt nicht sagen, daß man nicht mit Sandy unter einem Dach leben kann. Wenn ich sehe, was das für ein verrücktes Weibsstück ist und wie abgedreht sie sein kann, dann muß ich eingestehen, daß sie sich im täglichen Zusammenleben sehr gesittet und anpassungsfähig zeigt. Aber so auf Dauer wäre mir das dann doch zu anstrengend.

Wie gesagt, am Sonntag fährt sie wieder auf ihre Burg.

Peter Wilhelm 8. Juni 2012


25 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich hoffe doch, dass es ein Cliffhanger ist 🙂

    Das schlimmste an manchen Einträgen im Blog ist übrigens, dass ich ungelogen stundenlang darüber nachdenke wie nah das Ganze wohl an der Realität ist und wie es in Wirklichkeit passiert ist. Dabei sollte ich eine Hausarbeit schreiben 🙂

  2. Zum Nummernautomat für deine Kunden…

    …der Ig-Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften wurde 2001 verliehen an zwei Ökonomen, die nachweisen konnten, dass Menschen ihren Tod verschieben, wenn sich dadurch Erbschaftssteuern verringern liessen.

    Joel Slemrod und Wojciech Kopczuk: „Dying to Save Taxes. Evidence from Estate Tax Returns on the Death Elasticity.“ Review of Economics and Statistics. Band 85, Nr. 2, 2003, S. 256–265.

  3. Gothic, Grunge, Emo? Ist doch eh alles das Gleiche. [url=http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Szene]NICHT![/url]

  4. Wie cool !

    Das darf ich meinen Freunden (alles Mittelalterfans) garnicht erzählen, die würden dich mit EMails bestürmen.
    So eine Location wär ja ideal für den nächsten MA Treff. 😉

  5. Man musste bei diesen Schneeverhältnissen noch nicht einmal oben auf oder bei einem Schloss wohnen.
    Unsere Sackgasse wurde auch nicht geräumt. Wir haben einmal 50 Minuten gescheppt, um vor Weihnachten mit dem Wagen wegzukommen.
    Und als wir am 2. Feiertag wiederkamen, war hier im Ruhrgebiet nochmal jede Menge Schnee gefallen. Wir durften wieder 45 Minuten langen scheppen, damit der Wagen in die Garage konnte.
    Straßen durch Wälder waren total gesperrt.

  6. Es soll nach dem ganzen Getaue doch wieder Schnee geben…ich bin aber ganz aus dem Häuschen, denn der Himmel geht auch noch in *blau* ich weiß gar nicht, seit wann es so suddelig grau war, aber man bekommt direkt ein Gefühl von Frühling!

  7. Wie viele Cliffhanger laufen jetzt eigentlich gleichzeitig? Ich frag nur, weil ich zum selber zählen viel zu Faul bin. Tom, mach weiter so, ich hab geduld.

  8. nene, ich les hier schon bestimmt 1 Jahr mit. Ich hatte zum beispiel die goldfischgeschichte schon wieder vergessen, bevor jetzt der anfang vom ende kam.

  9. Wow, so wie Sandy will ich auch wohnen 8)

    Ich habe da allerdings dasselbe Problem wie Mortician – ohne Internet könnte ich gar nicht mehr…

  10. @kall: Nee danke, hier hab ich ja Internet 🙂

    (Notiz an mich selbst: Kommentare vor dem Abschicken auf unfreiwillige Doppelbedeutungen prüfen…)

  11. Habt ihr etwa kein Räumschild, was ihr vorne an euren Leichenwagen anbauen könnt, damit Sandy den Weg bis zur Burg räumen kann^^

    Also ich würde da auch sofort einziehen.

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