Menschen

Lieber drei Tage Magen-Darm

Meine Mutter war Rheinländerin und mein Vater Westfale. Meine Großeltern hatten belgisch/flämische, tschechische, polnische und russische Wurzeln, waren aber alle Deutsche. Meine Mutter hat ja immer sehr despektierlich gesagt: „Wenn sich die Bedeutungslosen einen Anzug anziehen und sich mit ’ner Fasanenfeder am Hut wichtig machen, dann ist Karneval.“

Dabei hatte sie ein durchaus positives Verhältnis zum Karneval. Das hat sie mir in gewissem Maße in die Wiege gelegt.
An den tollen Tagen waren wir Kinder verkleidet, und ich erinnere mich an einige Jahre, in denen wir auch verkleidet in die Schule kommen durften.

Mein erstes Karnevalskostüm war Clown.
Mein älterer Bruder war damals bei der Bundeswehr und hatte sich zur Kompensation eines gewissen beruflichen Versagens zur harten Truppe der Fallschirmjäger1 gemeldet. Von da stammte ein großes Stück olivgrüner Fallschirmseide. Daraus hatte mir meine Mutter einen Clownsumhang genäht und vorne mit vier weißen Bommeln versehen. Eine rot angemalte Nase und ein spitzer, weißer Filzhut komplettierten die Verkleidung.

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Wir Kinder sind in den 60er Jahren am Rosenmontag verkleidet von Tür zu Tür gezogen und haben gesungen: „Ich bin ein kleiner König, gib uns nicht zu wenig, gib uns nicht zu viel, mit dem Besenstiel.“

Dann haben wir unsere Beutel aufgehalten und uns über Süßigkeiten und Kleingeld gefreut. 
Wer braucht bei sowas eigentlich so etwas Neumodisches wie Halloween? Das gab/gibt es doch schon, auch wenn es sich um die karnevalistische Persiflage auf die Sternsinger handelte.

Hier in Nordbaden, wo ich heute lebe, gibt es noch den Brauch, dass die Kinder mit einer Schnur die Straße absperren und von den Autofahrern Wegegeld oder Zoll verlangen. Das kommt leider immer mehr aus der Mode, schon wegen des viel schlimmer gewordenen Verkehrs und der Rücksichtslosigkeit der Autofahrer. Ich unterstütze aber die Tradition, indem ich die Mittelkonsole meines Autos schon Tage vorher mit einem kleinen Stapel 5-Euro-Scheine und 2-Euro-Münzen bestücke, und diese herzlich gerne an die Kinder verteile.

Ich kenne das mit dem Absperren aus meiner Kindheit von Hochzeiten. Wenn das Brautpaar nach der Trauung die Kirche verließ, standen wir Kinder parat und sperrten mit einer Schnur ab. Der Bräutigam hatte sich meist vorher schon auf der Sparkasse ein paar Rollen Kleingeld geholt und warf die Münzen in die Menge der erwartungsvoll harrenden Kinder. Die „schrappten“, also fingen dann das Geld.

Der Küster wunderte sich immer, dass ich mich samstags, wenn die meisten Hochzeiten stattfanden, gerne freiwillig zum Fegen des Kirchplatzes meldete. Dafür zahlte der dürre Einäugige eine lumpige Mark.
Mir war das aber egal, denn mir kam es auf etwas ganz anderes an. Zu den Reinigungsaufgaben gehörte es nämlich, vom Keller aus das Laub und den Dreck unter einem Gitterrost vor der Kirchentreppe zu entfernen. Und genau dahin hatten sich, unerreichbar für die anderen Kinder, allerlei Münzen vom „Schrappen“ hin verirrt. Manchmal konnte ich bis zu 12 Mark ernten.

Zurück zum Karneval:
Wir besuchten auch die örtlichen Rosenmontagszüge und gingen zum Gänsereiten nach Essen-Freisenbruch. Die Gänsereiter waren keine Reiter, die auf Gänsen ritten, sondern auf großen, prächtigen Pferden. Das Gänsereiten ist eine aus bäuerlichen Zeiten stammende, martialische Veranstaltung, bei der in etwa 5 Meter Höhe eine tote Gans an den Füßen aufgehängt ist. Die Gänsereiter nehmen dann auf ihren Pferden Anlauf und reiten unter diesem Tor her. Der jeweilige Reiter muss versuchen, den mit Schmierseife eingeriebenen Hals zu packen und der Gans den Kopf abzureißen. Wer den Kopf abreißt, wird Gänsereiterkönig.

Gänsereiten

Aber das A und O war immer die Straßenfastnacht. Natürlich gab und gibt es auch große Saalveranstaltungen, aber das karnevalistische Straßentreiben am 11.11., an Altweiberfastnacht und den so genannten „tollen Tagen“ ist doch im Rheinland um ein Vielfaches turbulenter und ausgeprägter als das, was hier in Nordbaden stattfindet.
Hier ist die Saalfastnacht sehr wichtig und die Eingeweihten zelebrieren die Fahnenhissung, die Verkündung der Prinzessin und die diversen anderen Termine mit der natürlich ganz unabdingbaren Ernsthaftigkeit, der auf jeden Fall nur ein mühsam gequältes Lächeln vorangestellt werden darf, auf keinen Fall darf man wirklich lustig sein.
Karneval ist ja schließlich kein Spaß, sondern eine durchaus ernste Sache.

Man merkt recht schnell, auch ich stehe so manchem in der Fastnacht durchaus kritisch und schmunzelnd gegenüber. Und das, obwohl ich eine Zeit lang in Köln gelebt habe, aber das war in der Zeit, bevor die Domstadt zum warmen San Francisco Deutschlands wurde.

Nicht teilen jedoch kann ich die Meinung derjenigen, die jedes Jahr aufs Neue vom Treiben in den „tollen Tagen“ angekotzt sind und sich alljährlich über den albernen Quatsch echauffieren. Meine Güte, lasst den Leuten doch ihren Spaß! Toleranz hat auch etwas damit zu tun, dass man Milde und Güte zeigt und verständnisvoll schmunzeln kann, wenn andere in ihrem Treiben auch mal über die Stränge schlagen.

Ich schaue mir immer auch mal wieder gerne eine der Fernsehsitzungen an, freue mich über die verkleideten Kinder allenthalben und schmunzele einmal mehr, wenn der Spruch meiner Mutter wahr wird und ich die Unbedeutenden in karnevalistischer Wichtigkeit ihren kurzen Höhenflug erleben sehe.

Am Rosenmontag laufen hier im Fernsehen die Züge aus Düsseldorf, Köln und Mainz.
Was ich gar nicht ertragen kann, sind betrunkene Frauen, die in Rotten herumziehen und besoffen herumgrölen.
Am Donnerstag vor Rosenmontag ist ja Weiberfasching. Das ist der Tag, an dem auch Bestatter auf ihren Schlips verzichten.
Einmal habe ich mir den Spaß gemacht und alle unmodern gewordenen Krawatten aus dem Kleiderschrank ausgeräumt und mitgenommen. Für jede mit einer Schere bewaffnete Faschingstante habe ich dann eine andere Krawatte angezogen, um ihr den Spaß des angedeuteten Kastrationsritus nicht zu verderben.

Vor Jahren war ich mal als Vertreter einer Berufsvereinigung als Ehrengast von einem Karnevalsverein zu einer großen Narrensitzung eingeladen.
Ich habe aber an dem Tag „Magen-Darm“ gehabt und konnte nicht hingehen. Stattdessen ging Thomas aus dem Vorstand stellvertretend für mich hin. Das war mein Glück!

Gegen Ende der Veranstaltung zogen unter lautem Getöse die Witzelbuchsler-Hexen ein. Eine wilde Truppe von 20 bis 30 als Hexen verkleideter Männer in eher alemannischen Kostümen. Also Fell, große Holzmasken und mehr so furchterregend.
Angeführt werden sie von einem Teufel.
Die Hexen sind dafür bekannt, sehr derb und hart zu sein. Mit Ruten und Stöcken hauen sie das Publikum, schreien herum und Kinder fangen oft an zu weinen. Die Eingeborenen hier finden das aber lustig.

Als Höhepunkt des „lustigen“ Treibens holten die Hexen meinen Stellvertreter Thomas auf die Bühne. Es gibt keine Möglichkeit, sich zu wehren. Die Hexen sind ja keine zarten Wesen auf fliegenden Besen, sondern verkleidete Männer, also mithin im Zivilleben Polizisten, Maurer, Dachdecker und Schlachtermeister.
Thomas musste gute Miene zum bösen Spiel machen. Ihm wurde die Hose bis an die Knie heruntergezogen. Man zog ihm Schuhe und Socken aus und warf sie in den Saal. Während sechs bis acht Hexen den Wehrlosen festhielten, verabreichten ihm andere Wildgewordene 20 Schläge mit einer Rute auf den nur mit Unterhose bedeckten Hintern.

Und dann: HÖHEPUNKT!!!

Der Saal kocht, die Leute jubeln! Die Menge grölt!

Die Hexen ziehen dem Teufel die Hose runter und der zeigt dem johlenden Publikum seinen nackten Arsch.
Und Thomas musste den Arsch küssen, um nicht noch mehr Schläge zu bekommen. Widerstand ist zwecklos.

Lieber noch drei Tage „Magen-Darm“, als bei sowas vorgeführt und gedemütigt zu werden.

Am Aschermittwoch ist alles vorbei; und das ist auch gut so. 

Bildquellen:

  • hexehwahn1_800x500: Peter Wilhelm KI
  • Bildschirmfoto-2026-02-13-um-13.29.48_800x500: https://www.bochumschau.de/video/gaensereiten-bochum-wattenscheid-sevinghausen-2015.htm

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(©si)