Immer wieder erreichen mich Zuschriften, in denen Angehörige – oder Menschen, die entsprechende Videos in sozialen Netzwerken gesehen haben – beunruhigende Dinge schildern. Da ist von Leichen die Rede, die plötzlich stöhnen. Von Körpern, die sich bewegen. Von Augen, die sich öffnen. Manche sprechen sogar von „Schreien“.
Nach fast fünf Jahrzehnten im Bestattungswesen darf ich eines vorwegnehmen: Die Wirklichkeit ist deutlich unspektakulärer als viele Internetgeschichten glauben machen wollen.
Woher kommen solche Erzählungen?
Ein großer Teil dieser Vorstellungen speist sich aus Sensationsberichten, sehr schlecht recherchierten Social-Media-Videos und vor allem aus bewusst übertriebenen „Erfahrungsberichten“ von Wichtigtuern.
Außerdem stammen diese Geschichten aus Horrorfilmen und leider auch aus Angstmacherei von selbsternannten „Experten“.
In der Praxis sieht es anders aus.
Können Verstorbene Geräusche machen?
In sehr seltenen Fällen kann es vorkommen, dass beim Umlagern eines Körpers Luft aus Lunge oder Magen-Darm-Trakt entweicht. Das kann dann wie ein Seufzen oder ein leises Stöhnen klingen.
Das ist kein aktiver Vorgang. Es ist keine „Äußerung“. Es ist schlicht Physik.
Wenn Druck auf den Brustkorb ausgeübt wird oder sich Gase im Zuge beginnender natürlicher Veränderungen bilden, kann Luft entweichen. Das ist vergleichbar mit dem Geräusch, das entsteht, wenn man auf einen Blasebalg drückt.
Es können auch mal Geräusche auftreten, die die Stimmbänder des Verstorbenen anregen. So entstehen Töne, die manchmal etwas übertrieben als Seufzen, Röcheln oder Stöhnen beschrieben werden.
In der täglichen Praxis geschieht selbst das äußerst selten.
Bewegen sich Verstorbene?
Nach Eintritt des Todes erschlafft zunächst die Muskulatur. Einige Stunden später setzt die sogenannte Totenstarre1 ein.
Die Totenstarre bzw. Leichenstarre2 ist ein natürlicher biochemischer Prozess. Die Muskulatur verhärtet sich, weil bestimmte Stoffwechselvorgänge zum Erliegen kommen.
Was gelegentlich beobachtet wird, sind minimale Lageveränderungen einzelner Gliedmaßen durch Schwerkraft, vermeintliche Bewegungen durch eine Muskelentspannung vor Eintritt der Starre und sehr selten kleine Restzuckungen in der Frühphase unmittelbar nach dem Tod.
Diese Vorgänge sind rein physiologisch und keineswegs Ausdruck von „Leben“. Sie sind zudem ausgesprochen selten und in der Regel nur im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit dem Tod möglich.
In der überwältigenden Mehrheit der Fälle liegen Verstorbene ruhig und bewegungslos.
Können sich die Augen öffnen?
Nach dem Tod erschlaffen zunächst auch die Muskeln der Augenlider. Deshalb können Augen manchmal nicht vollständig geschlossen bleiben.
Das ist kein „Aufreißen“. Es ist keine bewusste Bewegung. Es ist reine Muskelerschlaffung.3
In der Versorgung werden die Augen selbstverständlich würdevoll geschlossen. In den allermeisten Fällen genügt ein leichtes Schieben über die Augenlider, um diese über den Augen zu schließen.
Angehörige erleben keine unheimlichen Szenen.
„Schreien“ Verstorbene?
Hier bewegen wir uns klar im Bereich der urbanen Legende.4
Ein Schrei setzt aktive Stimmbandbewegung, Atemdruck, Muskelkoordination und neuronale Steuerung voraus. Nach dem Tod existiert all das nicht mehr.
Was theoretisch – in extrem seltenen Fällen – passieren kann, ist ein Geräusch durch entweichende Luft bei starker Druckveränderung. Das ist kein Laut im eigentlichen Sinne, sondern ein passiver Luftstrom.
Die dramatischen Schilderungen in sozialen Netzwerken sind daher in aller Regel stark übertrieben, falsch interpretiert und in den meisten Fällen frei erfunden.
Warum halten sich solche Geschichten?
Der Tod verunsichert.
Unwissen erzeugt Angst.
Angst sucht Bilder.
Und Bilder lassen sich hervorragend vermarkten – besonders in Zeiten von Klickzahlen und algorithmusgesteuerter Aufmerksamkeit.
Ein ruhiger, würdevoller Verstorbener erzeugt keine Sensation.
Eine angeblich „schreiende Leiche“ schon.
Man möchte sich wichtig machen, von etwas Sensationellem berichten und dadurch Follower und Klicks generieren.
Die Realität aus fast 50 Jahren Erfahrung
Ich habe in meinem Berufsleben unzählige Verstorbene gesehen und versorgt.
Die Wirklichkeit ist nüchtern. Die meisten Verstorbenen liegen friedlich da. Es gibt keine dramatischen Bewegungen. Es gibt kein Schreien. Es gibt kein „Zurückkommen“.
Was es gibt, ist ein natürlicher biologischer Prozess des Abschieds.
Warum solche Mythen problematisch sind
Solche Erzählungen verunsichern Angehörige unnötig. Sie erschweren Abschiednahmen. Sie erzeugen Bilder, die mit der Realität nichts zu tun haben.
Als Bestatter sehe ich meine Aufgabe nicht nur in der Organisation einer Beisetzung, sondern auch in der Aufklärung.
Würde, Sachlichkeit und Ruhe sind hier die besseren Begleiter als Sensationslust.
Fazit
Ja, in sehr seltenen Ausnahmefällen können durch physikalische Prozesse minimale Geräusche oder kleine Lageveränderungen auftreten.
Nein, Verstorbene schreien nicht.
Nein, sie führen keine bewussten Bewegungen aus.
Nein, es geschehen keine „Horrorszenen“.
Die überwältigende Mehrheit der Verstorbenen liegt einfach nur ruhig und friedlich da.
Und genau so darf man es auch sagen.

















