Geschichten

Nur die Füße!

Ein älterer Herr nimmt ein Fußbad

Alte Menschen können sich oft die Fußnägel nicht mehr selbst schneiden. Das muss, insbesondere bei Diabetikern, auch sorgfältig und richtig gemacht werden. Deshalb ist es gut, dass es Fußpflegerinnen und Fußpfleger gibt.

Besonders praktisch sind Fußpflegerinnen, die ihre Dienste mobil anbieten, also mit ihrer Ausrüstung ins Haus kommen.

Herr Bottnik war 91 Jahre alt und nahm regelmäßig die Dienste einer solchen Fußpflegerin in Anspruch. Der pensionierte Landesbeamte konnte sich diese und viele andere Dienstleistungen locker leisten, er bezog eine Pension um die 6.000 Euro.
Seine Frau hatte er schon 30 Jahre vorher beerdigen müssen und sein einziger Sohn, der Professor in den Niederlanden ist, hatte gesagt: „Papa, Du musst für nichts sparen, schon gar nicht, um mir was zu vererben. Lebe Dein Leben! Genieße es in vollen Zügen! Kauf‘ Dir, was Du haben willst, und spare bloß nicht. Das letzte Hemd hat keine Taschen.“

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Ich lernte Karl Botnik kennen, als er eines Tages in mein Beerdigungsinstitut kam, um seine Dinge zu regeln.

„Ich will datt alles in Ordnung bringen. Mein Sohn soll keine Arbeit haben. Mir is‘ nur wichtig, dass eines Tages der Name meiner Gisela mit auffen Grabstein kommt. Ausgraben kann man die ja nich‘ mehr, datt Grab läuft bald ab. Ich will datt kleine Grab auch nich‘ verlängern. Mich könnter verbrennen und in sonne Urne tun. Dann ein schönet Grab mit Gisela und Karl drauf. So für 15 Jahre, mehr nich‘.“

Der Mann war trotz seines hohen Alters eine beeindruckende Erscheinung. Über 1,90 groß, aufrechter Gang, etwas krumme O-Beine, sehr elegant gekleidet. Beim Sprechen wippte ein spitzes Leninbärtchen an seinem Kinn auf und ab. Die wasserblauen Augen gingen aufmerksam hin und her, und ich merkte, dass ich hier einen Mann mit wachem Verstand vor mir hatte.

So klar seine Vorstellungen bei diesem Vorsorgegespräch auch waren, so änderte sich das aber im Laufe der Zeit.

Ich hatte die Akte Botnik längst im Tresor bei den Vorsorgen ad acta gelegt, er hatte auch alles im Voraus und in bar bezahlt, da brachte sich der alte Herr ausgerechnet an Heiligabend wieder in Erinnerung.

Tatsächlich rief er genau während unserer Bescherung an. Ich wollte ihn abwimmeln, und habe das im Grunde auch getan. Wer keinen aktuellen Sterbefall zu melden hat, kann doch bitteschön bis nach den Feiertagen warten, oder?

Aber ich hatte am Telefon den Eindruck, dass der pensionierte Beamte gar keine Ahnung hatte, dass er zur Unzeit anrief. Offensichtlich hatte er nicht den blassesten Schimmer, dass Weihnachten war.
Also rüpelte ich ihn nicht weg, sondern hörte mir an, was er zu sagen hatte.

„Ich will, datt das Ave Maria nich‘ am Ende, sondern als Erstes gespielt wird. Können’se datt notieren? Ich muss ja auch nochmal wegen der Bezahlung vorbeikommen. Das muss ja erledigt sein, damit mein Sohn keinen Ärger kriegt.“

‚Au weia, Demenz!‘, schoss es mir durch den Kopf.

Ich machte einen Termin für früh im neuen Jahr aus und wandte mich wieder unseren weihnachtlichen Dingen zu.

Kurz nach Heilige-Drei-Könige besuchte ich den alten Herrn in seinem Haus am Stadtpark. Da wohnen wirklich nur die Reichen. Einige der Häuser gehören studentischen Burschenschaften, zwei Häuser beherbergen ausländische Botschaften und ansonsten gibt es, wenn es überhaupt Namens- und Klingelschilder gibt, kaum ein Schild ohne akademische Grade vor dem Namen.

Auf der Straße parkten nur zwei Autos, ansonsten war alles frei; die Menschen, die dort wohnen, besitzen alle große Garagen direkt am Haus.
Zwei Polizisten vor der gegenüberliegenden Botschaft beäugten mich mißtrauisch, als ich bei Herrn Bottnik klingelte.

Geöffnet wurde mir von einer kleinen, drallen, blonden Frau in einem kurzen weißen Kittel.

„Kommen Sie Härr, derr Härr Bottnik ärwartett ßie schonn!“

Ich fand den alten Mann in seinem Wohnzimmer vor, wo er in einem bequemen Ohrensessel saß, die Füße in einer gelben Plastikschüssel voller Schaumwasser.

„Oh, da sind Sie ja schon, ich bin grad beim Fußbad. Grazenka ist meine Fußpflegerin.“

Grazenka hatte Mitleid mit mir. Ich sah mich schon, wie ich jetzt warten müsste, während die aus Polen stammende Fußtante dem alten Mann die Hufe schabt. Aber die Frau meinte nur kurz und rigoros: „Häär Bottnik, jetzt trocken machen, später Fußpflege.“

Zehn Minuten später saßen Herr Bottnik und ich am Wohnzimmertisch und hatten frisch gebrühten Kaffee vor uns stehen.
Grazenka hatte den für uns gebrüht und ich erkannte, dass die Frau nicht nur als Fußpflegerin tätig war, sondern auch allerlei andere Besorgungen und Arbeiten für den alten Mann übernahm.

Das bestätigte Herr Bottnik dann auch: „Ich wüsst‘ gar nich‘, watt ich ohne Grazenka machen würd‘. Ich würd‘ die ja als Pflegerin in Vollzeit anstellen, aber die hat noch so viele andere Leute wegen der Füße, ja? Sie verstehen?“

Es stellte sich dann heraus, dass er Grazenka über eine Webseite im Internet gefunden hatte, wo Pflegekräfte, Hausmeister und Gärtner vermittelt werden. Erstaunlich, dass so ein alter Mann sich im Internet zurechtfand.
Dann wollte er über die Bezahlung seiner Beerdigung sprechen. Ich erklärte ihm, dass doch schon lange alles bezahlt sei. Doch er wollte mir das einfach nicht glauben.

„Hier, schauen Sie, da ist die Quittung. Es ist wirklich alles bezahlt.“

„Papperlapapp! Sie haben keine Ordnung in Ihren Unterlagen. Datt muss ich noch bezahlen.“

Aus dem Wohnzimmerschrank holte er eine Mappe mit Kontoauszügen und Belegen. Ich traute meinen Augen nicht. Auf einem Tagesgeldkonto dümpelten über 200.000 Euro vor sich hin, und sein normales Konto wies einen Kontostand von fast einer halben Million auf.

„Ich leb‘ ja nur von den Zinsen. Vor 40 Jahren hab‘ ich in Gold und Aktien gemacht und ein dickes Sparbuch und schöne Depots erwirtschaftet. Sollte allet mal für ne Weltreise von Gisela und mir sein. Da kricht mein Sohn mal watt Schönes. Der hat doch datt behinderte Kind, meine Enkelin die Emilia. Die is‘ ja jetzt auch schon groß, muss aber im Heim leben, geht nich‘ anders.“

Ach Mann, ich hätte auch so gerne so viel Geld. Ich bin dann schon ein bißchen neidisch. Aber nicht im bösen Sinne. Um Himmels Willen! Ich kann sehr gut gönnen. Sozialneid war mir immer schon fremd. Aber ich kann mir auch immer gut vorstellen, was ich mit so viel Kohle alles machen würde.

„Nee, gucken se mal selbst. Hier sind die ganzen Belege. Sie werden sehen, datt datt offen is‘.“

Ich blätterte die Kontoauszüge durch bis zu der Zeit, an der er die Vorsorge bei mir abgeschlossen hatte. Herr Bottnik hatte ja in bar bezahlt, aber er hatte mir auch erzählt, dass er das Geld damals am Vortag von der Bank abgeholt hatte. Ich hatte nämlich noch mit ihm geschimpft. Mir ist es immer unangenehm, wenn ältere Menschen mit so viel Geld in bar herumlaufen.

Einmal hatte ich auch fürchterlichen Ärger wegen so etwas. Eine alte Dame hatte 5.000 Euro bei der Sparkasse abgehoben, um mir das Geld für eine Bestattungsvorsorge zu bringen. Sie kam dann aber ohne Geld zu uns. „Macht ja nichts“, hatte ich gesagt, „dann überweisen Sie uns das einfach, ist mir sowieso lieber.“
Zwei Tage später stand ihre Schwiegertochter bei mir im Büro und schrie Zeter und Mordio. Ich hätte ihre Schwiegermutter abgezockt, ausgenommen und betrogen. Die habe mir das Geld in bar auf den Tisch gezählt und ich hätte so getan, als ob sie noch nicht bezahlt hätte.
„Polizei! Staatsanwaltschaft! Ich mach‘ Sie fertig! Sie kriegen hier keinen Fuß mehr auf den Boden! Sie stehen morgen in der Zeitung! Ich ruf beim Fernsehen an!“
Einen Tag später kam dann der Anruf: „Sie, ich hab das Geld unterm Frühstücksbrettchen in der Küche gefunden. Es ist also wieder da. Ihr Glück!“ Keine Entschuldigung, nichts.

Ich bin immer ganz lieb zu den Leuten, von denen ich den Eindruck habe, sie könnten unter Demenz leiden. Es ist ja nicht so, dass die von heute auf morgen einfach nichts mehr wissen.
Das ist ein schleichender Prozess und viele Betroffene bekommen es buchstäblich am eigenen Leib mit, wie ihr Erinnerungsvermögen zerfällt. Hochintelligente Leute, die immer noch zu Höchstleistungen in der Lage sind, sich aber den Pullover verkehrt herum anziehen und nicht mehr wissen, ob sie gerade eben auf dem Klo waren.

Herr Bottnik litt ganz offensichtlich an Demenz. Aus allem, was er sagte, sprach ganz deutlich, dass er nicht voll orientiert war. Als Beispiel dafür mag dienen, dass er mir Grazenka noch einmal umständlich und umfangreich vorstellte, als die hereinkam, um Kaffee nachzuschenken.

Nach einigem Blättern hatte ich einen Kontoauszug gefunden, der zu unserer Vorsorge passte. Herr Bottnik hatte wirklich den entsprechenden Betrag in bar abgehoben. Ich zeigte ihm den Auszug und er prüfte das haargenau, blätterte vor und zurück. Dann sagte er: „Meine Güte, wie konnte ich datt denn vergessen?“

Es wäre ja ein Leichtes gewesen, wenn ich das Geld einfach nochmal kassiert hätte. Ich glaube kaum, dass das irgendwann mal jemandem aufgefallen wäre. Bei der Bargeldauszahlung stand ja nicht dabei, wofür er das Geld geholt hatte.

Ich kenne eine Bestatterin, die solche Situationen ausgenutzt hat. Sie redete den alten Leuten immer ein, man müsse Bestattungsvorsorgen in bar bezahlen, und die Quittung müsse aus Sicherheitsgründen beim Bestatter im Tresor bleiben. Wenn dann die Leute starben, präsentierte sie den Hinterbliebenen eine frische Rechnung, so als ob nie etwas vorausbezahlt worden wäre.
Ich behaupte jetzt einfach mal, dass das so war und sie das öfters so gemacht hat.

Aufgefallen ist mir das Ganze, als eine alte Dame mit ihrer Bestattungsvorsorge zu uns gewechselt war. Da behauptete diese Bestatterin auch hartnäckig, sie habe nie Geld bekommen. Die alte Dame war sich aber ganz sicher. Da steht man nun als unbeteiligter Dritter und weiß nicht, wem man glauben soll. Hat man es mit einer altersvergesslichen oder dementen Person zu tun, wie im Fall der Frau mit den 5.000 Euro unter dem Frühstücksbrettchen? Oder trickst eine Bestatterin regelmäßig alte Kunden aus?

Aber die alte Dame, die zu uns wechseln wollte, hatte ein kleines Kalenderbüchlein dabei und konnte einen Eintrag präsentieren: „Bestatterin K. 3.000 Euro gebracht.“ Dahinter ein Haken. Erledigt.

Die Sache erledigte sich etwa drei Wochen später von ganz alleine, zumindest aus meiner Sicht. Über Nacht hing ein Schild im Fenster der Bestatterin: „Zu Vermieten Ab Sofort„.

Wie es aussah, hatte die Frau es übertrieben und war mit ihrer Masche aufgefallen. Es hieß, die Polizei ermittele in dem Fall. Die Bestatterin soll sich nach Spanien abgesetzt haben.
In der Zeitung war über den Fall nichts zu lesen. Auch über die üblichen Tratschkanäle konnte ich nichts herausfinden. Später erfuhr ich dann, dass die Bestatterin angeblich als Bedienung in einer deutschen Bierkneipe am Ballermann arbeiten soll.

Herr Bottnik holte mich in die Realität zurück und ich musste die Gedanken an diese Betrugsfälle regelrecht von mir abschütteln. Was einem da so alles im Laufe der Jahrzehnte untergekommen ist…

Der Pensionär legte seine Hand auf meine, schaute mich dankbar an und meinte: „Es ist so gut dass Sie gekommen sind. Wann bringen Ihre Leute denn das Pflegebett für meine Frau vorbei?“

Hmmmm, der ist dement.

Beim Durchblättern seiner Unterlagen war mir aufgefallen, dass vor allem in den vergangenen Wochen die Barabhebungen am Automaten stark zugenommen hatten. Zweimal in der Woche wurde seine Bankkarte am Bankautomaten durchgezogen und es wurden immer genau 1.000 Euro abgehoben.
Alles in allem handelte es sich bestimmt um 50.000 Euro.

Grazenka!

Ich hatte es schon ein paarmal12 erlebt, dass vermeintlich hilfsbereite Menschen die ihnen anvertrauten Alten ordentlich ausgenommen haben.

In einem anderen Fall war es ganz genau so gewesen. Eine ebenfalls polnische Pflegekraft hatte einem alten Mann über zwei, drei Jahre hinweg fast 180.000 Euro aus den Rippen geleiert und ihn sogar so weit gebracht, sie noch heiraten zu wollen.

Was, wenn auch Grazenka so ein schäbiges Spiel mit dem dementen Herrn Bottnik trieb?

„Pssst!“

Ich schaute mich um und sah, dass die kleine Polin in der Wohnzimmertür stand und mir zuwinkte. Sie machte wieder „Psssst“. Ich nickte ihr zu.
Ein paar Minuten später ergab sich eine gute Gelegenheit, denn das Telefon klingelte. Herr Bottniks Sohn rief an und der alte Herr führte ein ebenso lautstarkes, wie langes Telefonat.

In der Küche winkte mich Grazenka zu sich heran und flüsterte mir zu: „Sie, der Härr Bottnik ist nicht vorsichtig mit Gäld!“

„Wie meinen Sie das?“

„Ja, jädä Woche schickt er mich bei den Bankomat und ich muss Gäld holen. Er sagt immer, sein Sohn kommt von Holandia und holt Gäld für krankes Enkelkind. Aber der kommt nie.“

„Ja und?“

„Ist sich alles hier!“, sagte sie und öffnete die Brottrommel auf der Anrichte. In der aufklappbaren Blechdose zur Aufbewahrung von frischem Brot lag ein ordentlicher Stapel Euroscheine.

Auf einen Blick konnte ich erkennen, dass das problemlos die geschätzten 50.000 Euro waren, die gemäß Kontoauszügen von Grazenka abgeholt worden waren.

„Bin ich mir ganz unsicher mit viele Gäld in Haus. Wenn Einbrecher komme? Was wenn er wieder vergisst und vielleicht in dumme Kopf in Müll schmeisst?“

„Das ist wirklich ungewöhnlich viel Geld, und so viel Geld sollte man wirklich nicht zu Hause aufbewahren.“

„Und wenn was wegkommt, bin ich Schuld, vielleicht sagen die dann, ich hätte gestohlen. Kennt man doch: kaum gestohlen, schon in Polen. Aber ich krieg gänug Geld von Härr Bottnik. Ich spare für Familie in Polen. Ich mach nur die Füße.“

„Das geht so nicht, das mit dem vielen Bargeld.“

„Hab ihm hundertmal gesagt. Er sagt immer nur ja ja und dann macht er nichts. Wird doch immer mehr. Ich hab gesagt, soll er sich Stahlschrank kaufen oder wieder auf Bank bringen. Aber ein paar Tage später muss ich wieder an Bankomat und neues Geld holen.“

Mir kam eine Idee. „Wissen Sie was, Grazenka? Wir machen das so: Der telefoniert jetzt doch gerade mit seinem Sohn. Was wäre denn, wenn ich ihn in die Küche locke und Sie mal mit dem Sohn sprechen?“

Leider hat unser Plan nicht geklappt. Herr Bottnik hatte das Gespräch dann doch schon beendet.

Im Nachhinein tut es mir leid, dass ich die Polin verdächtigt hatte. Ich weiß auch nicht, wie die Sache ausgegangen und weitergegangen ist.
Herr Bottnik ist drei Jahre später verstorben. Er hat bis zuletzt in seinem Haus am Stadtpark gewohnt und scheint friedlich eingeschlafen zu sein. Das Grab, bei dem seine Gisela mit auf dem Grabstein stand, ist mir noch ein paar Jahre lang aufgefallen. Heute ist es weg.

Bildquellen:

  • fussbad_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)