Leute, bisher habe ich nur nebulös über die Erkrankung der Allerliebsten geschrieben. Es wird Zeit, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.
Meiner Frau ging es seit etwa Weihnachten schon schlecht. Schmerzen in der Brust, Atemnot, Gewichtsverlust.
Als nur rudimentär medizinisch informierter Geisteswissenschaftler tippte ich auf Herz.
Der Hausarzt sah aber die Ursache in einer Verspannung der Brustwirbel. Röntgenaufnahmen bestätigten das nicht, aber die Radiologin sah am Rand des Bildes möglicherweise Wasser in der Lunge.
Es folgte eine Antibiotikum-Behandlung, nach der es meiner Frau nicht besser ging.
Mittlerweile waren Wochen vergangen und ich drängte auf weitere Untersuchungen. In einer Klinik in einem benachbarten Bundesland wurde dann ein CT gemacht. Das ergab dann, dass Herz und Lunge angegriffen sind und vor allem, dass sich am Herzen ein Thrombus, also ein Blutgerinnsel, gebildet hatte.
Noch am selben Tag musste die Allerliebste bei einem Arzt vorstellig werden, um eine Notfallspritze zu bekommen. Am nächsten Morgen in aller Frühe kam sie dann ins Krankenhaus.
Ihr Zustand wurde als lebensbedrohlich eingestuft.
Dringend müsse sie am Herzen operiert werden.
Doch das geschah nicht. Warum nicht?
Bei einem MRT, das bessere Bilder liefert als ein CT, wurde noch etwas festgestellt, das als großer Tumor eingestuft wurde.
Das war auch der Zeitpunkt, als ich hier im Blog das erste Mal darüber schrieb.
Die Allerliebste gewann den Eindruck, man mache jetzt sowieso nichts mehr mit ihr, weil das mit dem Krebs schon so schlimm sei.
Ich musste nach einem Gespräch mit den Ärzten den Eindruck haben, dass ich froh sein könnte, meine Frau überhaupt noch einmal nach Hause holen zu können.
Ihr könnt Euch vorstellen, wie es uns mit diesen Aussagen gegangen ist.
Es folgten zwei Wochen, die von einem Hin und Her geprägt waren. Einerseits konnte die dringend erforderliche Behandlung des Herzens mit blutverdünnenden Medikamenten nicht eingeleitet werden, da eine mögliche Tumoroperation im Raum stand. Andererseits waren sich die Krebsspezialisten einer anderen Klinik nicht sicher, ob es sich überhaupt um einen Tumor handelte.
Tage des Bangens, Betens, Hoffens und der Angst folgten.
Dann die Entwarnung. Kein Tumorgeschehen. Ab ans Herz!
Der Allerliebsten wurde eine LifeVest angepasst, eine Lebensrettungsweste, die sie auch jetzt noch und für weitere Monate ständig tragen muss. Ähnlich wie ein Defibrillator soll diese Weste im Falle eines plötzlichen Herzstillstands das Leben meiner Frau mit gezielten Stromstößen retten.
In einer Operation wurden ihr nun Stents eingesetzt, kleine Röhrchen, so könnte man vereinfacht sagen, die zu eng gewordene Gefäße am Herzen offen halten.
Die blutverdünnende Therapie wurde eingeleitet. Dazu muss die Allerliebste eine Kombination verschiedenster Medikamente einnehmen.
Eine Herzklappe funktioniert nicht richtig. Darum will man sich ggfs. später kümmern. Emphyseme in der Lunge, COPD, allgemeine Herzschwäche, Pleuraergüsse, und und und…
Aber erst muss der Thrombus sich mal auflösen, der Körper entwässert werden, und dann sieht man im April weiter.
In absolut geschwächtem Zustand wurde die Allerliebste dann recht schnell und zügig aus dem Krankenhaus entlassen.
Mitgegeben wurden ihr ein Brief, der an den Hausarzt adressiert ist. Ein Medikamentenplan und einige Rezepte für die dringend benötigten Medikamente.
So, Scheiße ist immer mit noch mehr Scheiße verbunden: Natürlich ist unser Hausarzt ausgerechnet in dieser Woche in Urlaub.
Also fahren wir zu einer Ärztin im Nachbarort, die die Vertretung übernommen hat.
Diese Ärztin nahm sich richtig viel Zeit. Sie studierte den Arztbrief, der ja in Ärztedeutsch verfasst ist und zur Kommunikation zwischen Medizinern dient. Deshalb ist er auch an den jeweiligen Arzt adressiert, und nicht an den Patienten. Aufgrund der vielen Abkürzungen und Fachbegriffe könnte ein Patient, der sich anhand dieses Briefes orientiert, zu falschen Schlüssen und einer Fehlmedikation kommen.
Stück für Stück ging die Vertretungsärztin jedes einzelne Medikament durch, zählte auch nochmal für sich die Anzahl der verordneten Medikamente ab, und stellte am Ende nochmals Rezepte aus.
Ich bin dann in die Apotheke gefahren und habe alle Medikamente geholt. Die, die das Krankenhaus verordnet hatte (nur Kleinstpackungen im Rahmen des Entlassmanagements), und die, die die Ärztin verschrieben hatte (die gleichen, und auch wieder Kleinpackungen, weil Vertretungsärzte keine größeren verordnen dürfen).
Damit war dann das kommende Wochenende abgedeckt, bis unser Hausarzt montags wieder aus dem Urlaub zurück wäre. Vielleicht sogar noch einen Tag länger, da der Mann am ersten Tag nach dem Urlaub immer von Patienten überrannt wird, und dementsprechend genervt und unleidig ist.
Die Allerliebste hat alle Medikamente, die auf dem Medikationsplan des Krankenhauses aufgelistet waren, sorgfältig eingenommen. Ich war ihr beim Einsortieren und Dosisbestimmen behilflich.
Alle verordneten Medikamente waren da und wurden vorschriftsmäßig genommen.
Natürlich habe ich den Arztbrief sorgfältig gelesen, ganz ungebildet bin ich ja nicht. Darin wurde beschrieben, was die Allerliebste alles hat, was man im Krankenhaus für sie getan hat, und es werden Empfehlungen für die Weiterbehandlung ausgesprochen.
Freitags waren wir bei der Vertretungsärztin, Medikamente waren alle da, die Allerliebste nahm alles ein. Samstag war alles soweit okay, ich fragte mich nur, wie es weitergehen soll.
Schwach, gebrechlich, durch die LifeVest und das stets umgehängte Rettungsgerät in der Beweglichkeit gehemmt, Hämatome am ganzen Körper…
Am Sonntagmorgen erlitt meine Frau einen Herzinfarkt.
Ich fand sie im Wohnzimmer in gekrümmter Haltung und vor Schmerzen jammernd vor.
Bei Männern äußern sich Herzinfarkte oft typisch mit Brustschmerzen und Schmerzen im linken Arm, bei Frauen verlaufen Infarkte oft mit Symptomen, die man ganz anderen Ursachen zuschreibt.
Die Allerliebste ist sofort ins Krankenhaus gebracht worden und kam auf die Intensivstation.
Ab Freitagnachmittag ist es scheiße, ins Krankenhaus zu kommen. Natürlich sind die Kliniken auch am Wochenende auf Notfälle eingerichtet, aber so richtigen Betrieb gibt es immer erst ab montags wieder.
Montags wurde dann festgestellt, dass die neu gesetzten Stents alle schon wieder zu waren.
Und? Die Schuld gab man meiner Frau! Sie habe nicht alle verordneten Medikamente eingenommen. Mindestens zwei, wenn nicht sogar drei Medikamente habe sie nicht genommen.
Jedoch:
- Diese Medikamente stehen nicht auf dem Medikationsplan, den das Krankenhaus uns mitgegeben hat.
- Diese Medikamente stehen nicht auf den Rezepten, die das Krankenhaus ausgestellt hatte.
- Diese Medikamente sind auch nicht von der sofort aufgesuchten niedergelassenen Ärztin verordnet worden.
Bleibt die Frage: Wie hätten wir wissen sollen, dass da noch wichtige Tabletten fehlen?
Meine Sichtweise:
Da hat man eine Patientin aus dem Krankenhaus entlassen, mit der Maßgabe, eine Fülle von Präparaten einzunehmen. Man hat aber vergessen: a) alle Medikamente auf den Medikamentenplan zu schreiben, und b) diese auch mitzugeben und c) für die nächsten Tage zu verordnen.
Früher war ein Herzinfarkt eine furchtbar schlimme Sache, bei der die Patienten wochenlang im Krankenhaus waren, anschließend in REHA gingen und noch eine Kur machen mussten.
Heute bekommst Du sonntags einen Infarkt, bist zwei Tage auf der Intensivstation, und wirst mittwochs schon wieder nach Hause geschickt.
Seit gestern ist mein Mädchen wieder zu Hause. Jetzt haben wir alle Medikamente.
Aussage des Arztes im Krankenhaus: Für die Vollständigkeit und Aktualität von Medikationsplänen übernehmen wir keine Haftung.
Mit anderen Worten: Wenn Du als Patient sicher sein willst, musst Du sofort nach der Entlassung mit dem, für die meisten Laien unverständlichen, Arztbrief zu einem Arzt, der dann die lückenlose Versorgung mit Medikamenten sicherstellt.
Haben wir gemacht. Hat auch nichts gebracht. Auch die Vertretungsärztin hat sich strikt an den Medikationsplan des Krankenhauses gehalten. Aber da stand halt nicht alles drauf.
Frage: Ist das „Shit happens“ oder ist das einfach Scheiße?















