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Schweigepflicht in der Hospizarbeit

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Wenn ich eine neue Begleitung antrete, weiß ich nie so genau, wie es laufen wird. Ich kenne die Person ja noch nicht, habe erst einmal nur ein paar gesundheitliche und biografische Informationen. Ich weiß noch nicht, ob wir uns sympathisch sind und ob ich herausfinde, wie ich der Person etwas Gutes tun kann. Ich weiß noch nicht, in welchem Zustand ich sie im Detail vorfinde. Und ich weiß nicht, wie sie auf mich reagieren wird. Das sorgt immer für ein bisschen Nervosität, obwohl ich weiß, dass sich die Dinge schon fügen. Trotzdem: Der erste Besuch ist einfach immer ein bisschen aufregend.

Dieser erste Besuch war jedoch spektakulärer als andere. Ich sollte Frau Lambrecht begleiten, die stark dement im Pflegeheim lebte. Ihr Sohn hatte den Auftrag gegeben, weil er für zwei Wochen in Urlaub fuhr und in dieser Zeit nicht auf seine Mutter schauen konnte. Naja, und weil er eigentlich auch danach Unterstützung brauchte. Als ich die Demenzstation im Pflegeheim betrat, herrschte dort einiger Trubel. Eine alte Frau lag im Gemeinschaftsraum in ihrem vergitterten Bett und rief, man müsse ihr aufhelfen und sie würde hier gefangengehalten. Und eine jüngere Frau stand daneben und keifte das Pflegepersonal an, sie würde etwas gegen diese Zustände hier unternehmen und den Stadtrat oder am besten gleich die Bildzeitung informieren. Sie kenne die Frau und ihr würde es sonst nie so schlecht gehen und das sei ja ganz eindeutig die Schuld der Pflege hier. Ich schob mich freundlich lächelnd an der unangenehmen Szene vorbei und fragte einen unbeteiligten Pfleger, wo ich denn Frau Lambrecht finden könne. Nun ja, ihr habt es euch vielleicht schon gedacht: Frau Lambrecht war die schreiende Frau im Bett.

Frau Lambrechts frühere Nachbarin – oder so ähnlich

Kaum näherte ich mich dem Bett, wurde ich von der jüngeren Frau in Beschlag genommen. Ob ich denn schon gesehen hätte, wie schlimm die Zustände hier seien? Dass man die arme Frau hier so schlimm behandeln würde, dass sie hier so schreien müsse! Tatsächlich schrie sie selbst viel mehr als die alte Dame. Die hatte sich nämlich unter den sanften Worten einer Pflegekraft schon wieder halbwegs beruhigt. Und, ganz ehrlich: Ich kannte das Pflegeheim schon eine ganze Weile. Es ist nun wirklich nicht dafür bekannt, Menschen schlecht zu behandeln. Trotzdem: Die keifende Frau ließ sich nicht beruhigen. Sie verlangte, vom Pflegepersonal umfassend über die gesundheitlichen Probleme und die geplanten medizinischen Maßnahmen aufs Laufende gebracht zu werden, denn so könne das hier ja nun nicht gehen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich verstanden hatte, wer sie überhaupt war. Es handelte sich um Frau Dahnke, eine frühere Nachbarin der Schwester von Frau Lambrecht, sagte sie mir. Sie kenne sie also sehr gut, schon seit Jahrzehnten, und SO habe sie sich noch nie aufgeführt. Sie selbst sei gar nicht wegen Frau Lambrecht hier, sondern wegen Herrn Rose, den sie auch aus ihrer früheren Nachbarschaft kenne, allerdings aus einer anderen Straße. Es müsse ja schließlich mal jemand nach dem Rechten sehen, hier bei den alten Leuten im Heim. Eine Pflegekraft neben mir seufzte fast unhörbar. Völlig absurd war für Frau Dahnke vor allem die Tatsache, dass sie vom Pflegepersonal hier nicht umfassend informiert wurde. „Da sieht man doch, was das für Zustände sind, die haben doch was zu verbergen!“

Ich konnte sie schließlich beruhigen, indem ich versicherte, dass ich mich ausgiebig informieren und dann um Frau Lambrecht kümmern würde. Immer noch meckernd zog sie ab, zum armen Herrn Rose wahrscheinlich. Und ich konnte mich im Personalzimmer mit der Pflegedienstleistung besprechen, was hier eigentlich los war.

Hospizbegleiter*innen und die Schweigepflicht

Dass ich Infos über Frau Lambrecht bekomme und Frau Dahnke nicht, hat seine Richtigkeit. Denn natürlich muss sich das Pflegepersonal an die Schweigepflicht halten. Da kann nicht einfach die Nachbarin von wem-auch-immer hereinschneien und persönliche Informationen über den Gesundheitszustand verlangen. Bei mir als Hospizbegleiterin ist das anders. Ich muss für die Begleitung einiges über die Patient*innen wissen. Sonst wäre es zum Beispiel gar nicht möglich, mich zu informieren, wenn sich der Zustand verschlechtert. Und auch für die Begleitung selbst braucht es den Austausch mit dem Pflegepersonal. Deshalb ist eine Hospizbegleitung nur möglich, wenn die*der Patient*in (oder die Angehörigen) eine Schweigepflichtsentbindung für die*den Hospizbegleiter*in unterschreibt. Das bedeutet: Ich darf von den Ärzt*innen und dem Pflegepersonal über gesundheitliche Details informiert werden. Es heißt aber natürlich auch: Ich habe umgekehrt wieder die Schweigepflicht anderen gegenüber. Auch von mir wird also die Nachbarin-der-Schwester nicht genauer informiert werden. Aber das wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Was mit Frau Lambrecht los war

Wie schon erwähnt, war Frau Lambrecht schwer dement. Das kann sich ganz unterschiedlich äußern. Manche Patient*innen sitzen den Großteil des Tages freundlich lächelnd herum, andere haben hohe Weglauftendenzen, wieder andere sind einfach nur verwirrt. Das ist abhängig von der Art und Schwere der Erkrankung, von der Persönlichkeit, von der Tagesform und wahrscheinlich auch von Glück und Zufall. Bei Frau Lambrecht hatte sich der Zustand in den letzten Tagen verschlechtert und die Verwirrung zugenommen. Grund war vermutlich der Urlaub ihres Sohnes. Normalerweise kam er nämlich täglich nach der Arbeit, um ihr beim Abendessen zu helfen. Natürlich hatte er ihr von seinem Urlaub erzählt, sehr häufig sogar. Aber Frau Lambrecht mit ihren 96 Jahren und ihrer fortgeschrittenen Demenz hatte das nicht mehr richtig mitbekommen. Dass etwas anders war und ihr „Klausi“ nicht mehr kam, dagegen schon. Und dann war ihr an diesem Tag noch die renitente Frau Dahnke begegnet, die auf ihr Jammern stark reagiert und sie damit noch mehr aufgeregt hatte. So etwas ist blöd und schwierig für alle Beteiligten, hat aber überhaupt nichts zu tun mit Vernachlässigung oder irgendwelchen anderen Verfehlungen im Heim.

Ich konnte mich dann mit etwas Verspätung der inzwischen viel ruhigeren Frau Lambrecht vorstellen und habe sie in den neun Monaten der Begleitung auch nie wieder in einem solchen Zustand erlebt. Frau Dahnke war übrigens schwer beleidigt, als sie feststellte, dass ich jetzt zwar Bescheid wusste, sie aber auch nicht informierte. Ich bin ihr in den Monaten darauf noch ein paarmal begegnet und wurde immer böse angefunkelt.

Und wie passt das Bloggen mit der Schweigepflicht zusammen?

Ich darf anderen nicht erzählen, bei wem ich in der Begleitung bin oder was ich dort erlebe. Das ist auch gut so. Kaum etwas ist intimer als das Sterben und es muss sichergestellt werden, dass die Privatsphäre der Betroffenen gewahrt bleibt. Deshalb sind hier in den Blogbeiträgen die Namen und auch manche Umstände so verändert, dass niemand Rückschlüsse auf die tatsächlichen Personen ziehen kann. Aber das war euch sicher sowieso schon klar 🙂


Birgit Oppermann 10. November 2020


18 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Etwas so zu schreiben, dass man eben nicht Rückschlüsse auf echte Personen ziehen kann, ist nicht einfach, vor allem dann, wenn man mit Beispielen versucht dem Leser bestimmte Problematiken näher zu bringen.

    Die Erzählungen und Beschreibung von Frau Oppermann sind glaub ich aktuell nicht wirklich vergleichbar mit den in einander verschachtelten Langzeitgeschichten und Anekdoten von Peter, der über lange Zeit nun schon ser viel geschrieben hat.

    Es fängt halt jeder mal klein an…

    • Da gebe ich mir so viel Mühe diplomatisch zu antworten und dann is der Ursprüngliche Kommentar weg… eieiei

    • >>>>Die Erzählungen und Beschreibung von Frau Oppermann sind glaub ich aktuell nicht wirklich vergleichbar mit den in einander verschachtelten Langzeitgeschichten und Anekdoten von Peter, der über lange Zeit nun schon ser viel geschrieben hat. Es fängt halt jeder mal klein an…>>>>>

      So so, es fehlt Ihnen also an „Unterhaltungswert“….. Das ist selbstverständlich bedauerlich für Sie persönlich, aber das „Jeder fängt mal klein an“ ist recht herablassend und hat rein gar nichts mit dem Inhalt des Arikels zu tun. Wenn Ihnen die Artikel von Frau Oppermann aus Gründen des persönlichen Geschmacks nicht zusagen, lesen Sie diese in Zukunft einfach nicht mehr.
      Alle Autoren von Artikeln unterscheiden sich stilistisch,das ist normal und gut so. Vielleicht sind Sie in der Lage dies als Vielfalt zu akzeptieren und Ihre Kritkik wennschon einfach auf inhaltliche Aspekte zu beziehen!

  2. Die seltsamen Trolle scheinen einen Narren an dir gefressen zu haben, Birgit. Meine Güte, hoffentlich passiert in deren Leben mal was wichtiges mit dem sie sich beschäftigen können.

    Den Umgang mit Angehörigen (oder eben vermeintlich Angehörigen) finde ich bei Demenzerkrankten mit Neigung zu Aggression auch sehr schwierig. Leider erlebe ich so ein „aufpeitschen“ der Situation öfter, aber ich verstehe auch, dass es schwierig ist, mit Demenzerkrankten im fortgeschrittenen Stadium umzugehen. Besonders wenn es Familie ist.

    Rein interessehalber, da du viel Kontakt zu Demenzerkrankten hast: Ein Kollege erzählte mir, dass es helfen soll, ein Waldbild auf die Toilettentür zu kleben. Dadurch soll die Toilette besser gefunden werden. Woher er das hat weiß ich nicht, aber ist dir das schon einmal begegnet?

    • Ein Waldbild auf die Toilettentür? Keine Ahnung inwiefern das (psychologisch?) hilfreich sein soll…
      In der Einrichtung in welcher ich tätig bin, haben wir schlicht und einfach lustige Bilder von Toiletten an die Türen geklebt. Das ist bisher relativ zielführend. Klar das Bild eines Schimpansen auf dem Lokus ist für viele Leute nichts was sie in ihrer Wohnung haben möchten. Aber bei uns hat sich diese Form von Bildsprache, bisher bewährt.
      Ein Wald nun ja, schwierig den mit dem täglichen „Geschäft“ zu assoziieren…
      Aber ich lasse mich natürlich gerne eines besseren belehren! 😉

    • Nein, tut mir leid, davon habe ich bisher noch nie gehört und ich kann auf Anhieb auch nicht erkennen, was dahinterstehen könnte. Aber ich bin auch wirklich keine Fachfrau für Demenz, über ein gutes Grundwissen hinaus. Vielleicht hatte das Waldbild einen individuellen Hintergrund?
      Viele Grüße,
      Birgit

      • Das Waldbild soll wohl irgendwas kognitiv auslösen, was dem Drang, Urin abzulassen, angeblich fördern soll. Also sowas wie „Bild sehen -> Wald -> Piseln müssen“. Es gibt ja die abgefahrenen Theorien manchmal, drum dacht ich, ich frag einfach. Bilder waren bei der konkreten Person aber sowieso schwierig, deswegen haben wir das auch nicht versucht.

        • Hängt das vieldiskutierte Waldbild denn innen oder außen ander Toilettentür?
          Soll es auf das hinweisen, was hinter der Tür bereitsteht, oder irgendeinen entspannenden Einfluß haben, wenn man schon drinnen sitzt?

          • Außen. Es soll Harn- und Stuhlinkontinenz „vorbeugen“ bzw. denjenigen dazu bewegen, öfter selbstständig die Toilette aufzusuchen. So hat mir das der Kollege erklärt.

  3. Hat denn hier noch niemand in den Wald gemacht???
    Das meine ich ganz ernsthaft.
    Ansonsten wüßte ich auch nicht, was der Zusammenhang sein könnte…
    @Julia: frag doch mal genauer nach bei deinem Kollegen!

    • Ich komme hier mal mit einer wilden Theorie:
      Wenn die Person früher gerne in den Wald ging und Weglauftendenzen hat, dann meint sie, sie geht in den Wald, und landet aufm Klo.
      Funktioniert sicher nicht allgemein, individuell aber vielleicht schon.

      • Ha, das wäre bei manchen Klienten auch mal ein Versuch, Alwin. Quasi einfach die Lieblingsbeschäftigung ranpappen.

  4. Vielen Dank für Deine Beiträge, Birgit. Ich empfinde sie als echten Zugewinn für diesen Blog.

      • Ich bin ja mehr so ein Lurker und schreibe fast nie einen Kommentar, aber ich muss mich hier dringend Claus anschließen.
        Deine Beiträge sind wirklich sehr interessant, ich freue mich immer, wenn hier ein neuer aufploppt.

        • Liebe Birgit, ich kann mich nur anschließen!
          Besonders Dein Beitrag „Warum sterben manche Menschen alleine?“ hat ganz große Relevanz. Meine Mutter ist von diesem Thema (bzgl. des Todes meines Vaters) nach nunmehr 5 Jahren immer noch gezeichnet.
          Herzliche Grüße aus dem Süden von Österreich!

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