Mit zunehmendem Alter scheue ich immer mehr die Spontankommunikation. Ich schreibe lieber eine Mail, als dass ich mit jemandem telefoniere. Ganz übel finde ich, wenn mir Leute einen Videocall aufnötigen.
Mich nervt es schon, wenn mich Leute nicht ganz normal anrufen, egal ob über das Festnetz oder das Handy. Manche rufen über Whatsapp oder irgendeinen anderen Messenger an. Dann klingelt es komisch, ich muss irgendwelche anderen Tasten klicken, und oft ist die Sprachqualität auch unterirdisch. Ganz schlimm finde ich es, wenn Leute ungefragt mit mir videochatten wollen.
Vielleicht esse ich gerade oder ich habe nur Strapse und Stöckelschuhe an.
Die Steigerung von Videotelefonaten sind Videokonferenzen. Meist wollen die Gesprächspartner dann, dass ich mir irgendeine Software runterlade, die es oft nur für Windows gibt, oder die ich eventuell bezahlen müsste. Dann muss ich diese Software einrichten, kenne mich mit der Bedienung nicht aus und ärgere mich die ganze Zeit.
Anders ist das bei Frau Ramirez-Schütterle von der Versicherung. Sie will mit mir über die Gebäudeversicherung sprechen und hat angeblich was Sensationelles für mich. Nein, das sei kein Problem, ich müsse nichts installieren, sondern nur zum vereinbarten Zeitpunkt einen Link in einer Mail anklicken.
Ja, das mache ich. Es blubbert, blinkt und tutet, und dann sehe ich mich selbst in einem kleinen Fenster und Frau Ramirez-Schütterle im großen.
Ich beschreibe einmal, was ich sehe:
Ich sitze in meinem Arbeitszimmer vor einer Bücherwand, habe mir was Anständiges angezogen und meinen Bart gekämmt.
Frau Ramirez-Schütterle sitzt in New York. Genauer gesagt hat sie sich ein von halbschräg oben aufgenommenes Live-Bild von New York als virtuellen Hintergrund eingestellt, vor dem sie freundlich lächelnd mit mir spricht. Wahnsinn, was da heute alles möglich ist, denke ich, während die Fifth Avenue mit dichtem Verkehr zu ihrem linken Ohr hinein- und aus ihrem rechten Ohr herausführt.
Obwohl… Ohren? Ohren hat sie keine. Dieser virtuelle Hintergrund weiß irgendwie nicht so recht, wo die Haare und der Kopf von Frau Ramirez-Schütterle anfangen oder aufhören. Das wabbelt immer so wolkenartig um sie herum und mal hat sie ganz viele Haare, dann wieder gar keine. Oben aus ihrem Kopf wächst das Empire State Building heraus, wie die Mitra eines Bischofs, oder als habe man ihr eine Betonrakete von unten durchs Kinn durch den Kopf geschossen.
Frau Ramirez-Schütterle trägt eine wunderschöne Bluse mit einem floralen Muster. Offensichtlich hält die Software Teile der Blüten für durchsichtig, sodaß immer wieder gelbe New Yorker Taxis auf ihren Brüsten auftauchen und gleich wieder verschwinden. Ihre Brüste blinken quasi immer wieder als Taxis auf.
Wenn sie den Kopf bewegt, wirkt es hin und wieder so, als zermatsche ihr ein unsichtbarer Godzilla den Kopf. Matsch! Wutsch! Schmalkopf, Breitkopf, Haare weg.
Was die freundliche Frau sagt, kann ich nicht verstehen. Es hallt und wubbelt. „Herr Wilhemmmmommomomooo die Sache ist ja dibongonongongon und wir haben da etwas Gagagaggggaaaa für homomdibong!“
Manche Silben bleiben auch irgendwie in einer Endlosschleife hängen, und zwar immer dann, wenn ich wohl etwas antworten soll. „Und was meinen Sie dazu zuuuuuzuuuuuuuuu zuuuuuuuuuuu zuuuuu.“ Matschkof! Tittentaxis!
Ich meine, wenn man öfters mal solche Videogespräche macht, dann hat man so eine Mindestausstattung an Mikrofon, Kamera und eventuell Beleuchtung. Das hat man sich einmal so eingerichtet, dass es gut aussieht und klingt.
Frau Ramirez-Schütterle verlässt sich aber ganz augenscheinlich auf ihren Laptop. Der steht vor ihr auf dem Tisch und sie guckt von schräg oben in die Kamera. Ich gucke also in ihre Nasenlöcher, in denen blaue Fragmente der New Yorker Himmels eingebettet sind. Ein bißchen wirkt das so, als könne ich durch ihre Nase direkt in den Himmel gucken.
zuuuuu zuuuu Matsche, Taxis
Am Ende des Gesprächs sage ich ihr, dass ich mir das alles durch den Kopf gehen lasse und mich dann bei ihr melde.
Um was es gegangen ist? Na, um eine Gebäudeversicherung, was weiß denn ich?
Bildquellen:
- taxii_800x500: Peter Wilhelm ki
















